Die Weltportale (Band 3). B. E. Pfeiffer

Die Weltportale (Band 3) - B. E. Pfeiffer


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das hölzerne Tor. Eisiger Wind drang von draußen herein und Eleonora zog ihren Umhang wieder enger vor ihrer Brust zusammen. Sie folgte dem Jäger gemeinsam mit Lucius hinaus in den hohen Schnee und war froh, als sie das Portal schon von Weitem leuchten sah.

      Ohne zu zögern, ging Wyn als Erster hindurch und verschwand in silbernem Licht. Als Eleonora das Portal durchquerte, stellte sie fest, dass wirklich kaum Zeit vergangen zu sein schien. Der Schnee, den das Öffnen verursacht hatte, lag immer noch mitten im Hof und war nicht einmal angetaut. Die Magier, die ihnen Kleidung gebracht hatten, starrten sie verwundert an, immer noch einige Mäntel und Stiefel in den Händen. Fast so, als wären sie erst vor einem Wimpernschlag aufgebrochen.

      »Erstaunlich«, murmelte Seratus, als er den Hof überblickte. »Wie ist es möglich, dass die Zeit hier anders verläuft als in einer anderen Welt?«

      »Für einen Magier wisst Ihr ziemlich wenig«, meinte Wyn, der sich mit seinen Männern vor dem Portal aufbaute, als wollte er jeden daran hindern, noch einmal hindurchzugehen. »Noch dazu, wo ich eine andere Macht in Euch fühle, König.«

      »Wenn die Zeit hier so viel langsamer vergeht als bei euch«, sagte Eleonora und nahm ihren Umhang dabei ab, »wieso sind die anderen Lunara dann noch nicht hier?«

      Wyn hob eine Augenbraue. »Die vier Räte sind in die Himmelsrichtungen verstreut. Es dauert oft Monate, bis sie zum Versammlungspunkt gelangen, und eine so heikle Sache wie diese wird nicht in einer einzigen Sitzung besprochen. Also seid froh, dass die Zeit hier anderen Gesetzen folgt.«

      Eleonora stemmte die Hände in die Hüften, doch Wyn blickte an ihr vorbei zu dem Schloss, das in der Sonne glänzte.

      »Mondstein«, murmelte er und räusperte sich.

      »Das ist lächerlich«, fauchte Daphne nach einiger Zeit und baute sich nun ihrerseits vor dem Lunara auf. »Wir gehen da jetzt rein und holen die Lunara raus, wenn sie zu stur sind, um den Ernst der Lage zu erkennen.«

      Sie machte einen Schritt nach vorn, doch Wyn fing sie mühelos ab. Als Daphne sich wehren wollte, kräuselte sich die silberne Oberfläche des Portals und Eleonora hielt den Atem an.

      Die Farben um sie wichen Grautönen und die Bewegungen im Portal erstarrten, während eine Hand, die wirkte, als wäre sie von schwarzen Spitzenhandschuhen bedeckt, durch die eingefrorene Oberfläche hindurchbrach. Eleonora wandte sich um und bemerkte, dass alle Umstehenden erstarrt waren, als hätte jemand erneut die Zeit angehalten.

      »Aber wie …« Sie drehte sich zurück zum Portal um und keuchte, als sie die Person erkannte, die daraus hervortrat. »Das ist unmöglich.«

      »Hallo, Eleonora«, sagte Nina und ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Hast du mich vermisst?«

      »Nina.« Eleonora griff nach dem Amulett, das auf ihrer Haut brannte, als würde es sich für einen Kampf wappnen. »Wie bist du in die Welt der Lunara gekommen?«

      »Ich kann überall hin, wo es Schatten gibt«, erwiderte ihre ehemalige Freundin gelangweilt. »Also gibt es für mich so gut wie keine Grenzen, noch nicht einmal versiegelte Portale.«

      »Du lügst, sonst wäre der Schatten schon längst in andere Welten eingedrungen«, entgegnete Eleonora mit fester Stimme.

      Nina legte ihren Kopf in den Nacken und lachte gekünstelt. »Hast mich erwischt.« Sie hob den Zeigefinger und schnalzte mit der Zunge. »Das ist nur eine Illusion, Eleonora. Damit solltest du dich doch auskennen, nicht wahr? Schließlich spielst du jedem vor, das brave Mädchen zu sein.« Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht und sie sah Eleonora aus schmalen Augen an. »Dabei bist du so heuchlerisch. Niemand ist dir wirklich wichtig, es geht immer nur um dich.«

      »Du weißt, dass das nicht wahr ist«, meinte Eleonora und fühlte, wie die Magie ihres Amuletts stärker wurde. »Lass mich dir helfen, dich von dem Schatten zu lösen. Er wird dich verraten und ins Unglück stürzen …«

      »Das hast du längst getan!«, zischte Nina und ballte ihre Hand zur Faust.

      Schwarzer Nebel sammelte sich um ihre Fingerknöchel und Eleonora konnte die Dunkelheit förmlich spüren, die von Nina ausging. Als ihre ehemalige Freundin den Arm ausstreckte und sich ein Strahl Magie zischend durch die Luft wand, glühte das Amulett golden, hüllte Eleonora in sein Licht ein und schützte sie vor dem Angriff. Mehr noch, es warf den Strahl zu Nina zurück, die keuchend in die Knie ging und sich den Bauch hielt.

      »Elende Auronenmagie«, fauchte sie und richtete sich wieder auf. »Hör zu, ich habe eine Nachricht für dich von meinem Meister. Er bietet dir einen Handel an.«

      »Ich habe kein Interesse daran, einen Pakt mit dem Schatten einzugehen«, erwiderte Eleonora heftig.

      »So? Nicht einmal, wenn es um das Leben deines Vaters geht?«

      Eleonora schluckte und starrte Nina an, die wieder triumphierend lächelte.

      »Er ist immer noch nicht wach, oder?« Sie ließ Eleonora keine Zeit, zu antworten, sondern fuhr fort. »Es ist ganz einfach. Mein Meister schenkt ihm das Leben, wenn du ihm das Amulett gibst, das für dich geschmiedet wurde.«

      »Das Amulett?« Eleonora strich unbewusst über die Mondphasen, die ihren Anhänger zierten. »Wozu?«

      »Was weiß ich? Vielleicht bist nicht du mächtig, sondern dein Schmuckstück?« Nina lachte wieder und streckte dann die Hand aus. »Na los, gib es mir. Dann wird Lordor aufwachen.«

      Eleonora zögerte. Ihre Mutter Athela wusste sich keinen Rat, wie man Lordor helfen konnte, und er wurde immer schwächer. Dano hatte seine Unsterblichkeit geopfert, um ihn zu retten, aber wie es schien, hielt es seinen Tod nur auf. Aber wenn sie dem Schatten das Amulett gab, würde sie ihn vielleicht nicht bezwingen können. Dann wäre die Welt verloren und Aestus mit ihr.

      Da dämmerte es Eleonora und sie straffte ihre Schultern. »Was ist mit Aestus?«, fragte sie.

      Nina blinzelte und ihre Finger zuckten. »Er ist nicht länger deine Sorge, weil er mir gehören wird. Der Schatten hat ihn mir versprochen.«

      »Aber lebt er noch?«

      »Natürlich! Hast du nicht zugehört? Er wird mir gehören! Und ich will ihn lebend!«

      Ein schwerer Stein fiel bei diesen Worten von ihren Schultern. Aestus lebte und Nina hatte es bestätigt. Noch bestand also Hoffnung.

      Einen Moment ließ sie das Gefühl von Erleichterung zu, dann ballte sie ihre Hände zu Fäusten. »Und du glaubst, dass der Schatten dir diesen Gefallen tut?«, hakte Eleonora nach. »Warum sollte er ihn leben lassen? Er konnte ihn vor vier Monden nicht bezwingen oder ihm seinen Willen aufdrängen. Denkst du, er geht das Risiko ein, dass Aestus sich gegen ihn wendet?«

      »Sei still!«, zischte Nina und zog ihre Hand zurück. »Du hast deine Chance verspielt. Dein Vater mag sich gegen die Dunkelheit wehren, aber er wird ihr erliegen. Es ist nur eine Frage von Tagen. Alle erliegen der Dunkelheit ihres Herzens früher oder später.« Sie hob ihr Kinn an. »Und deswegen wird auch Lumeno fallen.«

      »Lumeno? Wovon sprichst du?« Eleonora konnte das Zittern nicht aus ihrer Stimme verbannen.

      Die Magierhauptstadt war auf einem wichtigen Knotenpunkt errichtet worden. Wollte der Schatten Lumeno angreifen? Konnte er das überhaupt, wo sein Splitter erst vor Kurzem zerstört worden war?

      »Mein Meister wird die mächtige Stadt einnehmen und zerstören. Und weil eure Magie schwach ist, wird dieser Plan gelingen.«

      »Du lügst schon wieder!«, warf Eleonora ihrer ehemaligen Freundin vor.

      »Nein, du wirst es bald selbst erfahren.« Nina zwinkerte verschwörerisch. »Mein Meister dankt dir, dass du das Portal in die Lunara-Welt geöffnet hast. Euch werden sie nicht mehr helfen können, aber für seine Zwecke sind sie bestens geeignet.« Sie schritt rückwärts auf das Portal zu. »Wenn wir uns wiedersehen, Eleonora, wirst du vor mir im Staub kriechen und ich werde es sein, die dich vernichtet.«


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