Wie die Schwalben fliegen sie aus. Ursula Lüfter
in Südtirol gelernt, nun war es für sie an der Zeit, eine gewisse individuelle und finanzielle Selbstständigkeit zu erlangen.5 In der Stadt, so hieß es, seien die Löhne höher und die Chancen größer, eine Stelle bei einer „herrschaftlichen“ Familie zu finden, wo sich die Arbeit auf den Haushalt beschränkte und vielleicht sogar mit anderen Angestellten, einem Zimmermädchen, einer Köchin oder Putzfrau, geteilt werden konnte. Kurzum, man hoffte auf eine leichtere Arbeit, einen höheren Lohn, eine bessere Ernährung und auf neue Erfahrungen durch den Eintritt in eine nicht-bäuerliche Welt. Der Trentiner Historiker Diego Leoni beschreibt diese Motivlage folgendermaßen: „Innanzitutto, la sopravvivenza. Il tema del cibo, del mangiare è sempre presente. (…) Al secondo posto però, viene messa quasi sempre la scelta di libertà rispetto al lavoro di campagna, alla vita chiusa del paese, alla mentalità dei compaesani, alla famiglia.“6
Nach der damals geltenden Auffassung waren Stellen im privaten Haushalt außerdem oft besser angesehen als die Arbeit in Gastwirtschaften oder Hotels.
Zielorte der Südtiroler Dienstmädchen von 1920 bis 1945
Zwischen Wunsch und Zufall – Wege in die Stadt
Die unmittelbaren Beweggründe, warum einige Südtiroler Mädchen die Möglichkeit einer Stelle als Hausmädchen in einer italienischen Stadt wahrnahmen und andere nicht, sind im persönlichen Umfeld der Mädchen und in ihrem Charakter zu suchen. Für die meisten Mädchen bestand zwar die Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit, trotzdem erforderte es Mut, Neugierde und den Wunsch nach Veränderung, zumal einige junge Frauen hier in Südtirol schon in einem Arbeitsverhältnis standen. Trotz der einengenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten offenbarten die Mädchen Lebensfreude, entwickelten eigene Lebensentwürfe und versuchten diese auch in dem vorgegebenen Rahmen zu verwirklichen. „Wir waren voller Hoffnungen“, drückte es Maria Riedl aus. Maria Stolzlechner „wollte einfach die Welt kennen lernen“. Emma Terza träumte sogar davon, auf einem Schiff zu arbeiten. Schließlich entschloss sie sich eines Tages, nach Rom zu gehen und sich die Welt anzuschauen. Sie wollte „mal rauskommen und etwas sehen“, ein Wunsch, der viele bewegte.
Mit der Angliederung Südtirols an Italien eröffnete sich für die Südtiroler Mädchen ein neuer Arbeitsmarkt mit starker Nachfrage nach Hauspersonal. Für die vielen kaum ausgebildeten Mädchen aus Südtirol bot er Arbeitsstellen, die im Gegensatz zur Schweiz, zu Österreich und Deutschland ohne bürokratische Hürden, wie etwa Ausreise- und Aufenthaltsgenehmigungen, angetreten werden konnten.
Der größere Teil der Mädchen der ersten Wanderungswelle verließ Südtirol in Richtung Süden bereits vor der Volljährigkeit. Diese lag damals bei 21 Jahren. Die meisten waren zwischen 17 und 19 Jahre alt und somit in einem Alter, in dem sie einerseits schon einige Arbeitserfahrungen hinter sich hatten, andererseits aber für eine Heirat noch zu jung waren.7 Einzelne von ihnen waren bereits in Südtirol liiert oder hatten ein uneheliches Kind. In den 50er Jahren waren es neben den vielen jungen Mädchen auch ältere Frauen, die bereits vor dem Krieg in italienischen Städten gearbeitet hatten und nun erneut dort eine Dienststelle antraten.8
Beeindruckend ist die Entschlossenheit, mit der die erst dreizehnjährige Anna Unterthiner, die bei einer Tante aufgewachsen war, für sich die Entscheidung traf, eine Stelle in Como anzutreten: „Und damals sind bei uns die Faschisten aufgekommen, und da war es so, dass wenn du in ein Büro oder so gegangen bist und nicht Italienisch konntest, dann hast du nichts erreicht. Die haben nichts verstanden oder nichts verstehen wollen. Und deshalb wollte ich Italienisch lernen. Mit meinen Eltern habe ich gar nicht darüber geredet, aber ich habe mich schon von ihnen verabschiedet, als ich nach Como gefahren bin. Es war ihnen gar nicht recht, aber ich hatte ja schon alles ausgemacht. Meine Tante wollte mich zuerst auch nicht gehen lassen, aber sie hat dann schon verstanden, dass ich Italienisch lernen will. Aber die Nachbarn – böse Zungen –, die haben zu meiner Tante immer gesagt: ‚Das Madl siehst du nie mehr.‘ Eine ganze Woche lang haben sie so geredet, bis die erste Nachricht aus Como gekommen ist, als ich der Tante einen Brief geschrieben habe. Ich hätte noch in die Schule gehen müssen. Ich bin dann nämlich zu meiner Lehrerin, das war eine Klosterfrau, gegangen, um mich zu verabschieden. Dann hat sie zu mir gesagt: ‚Du musst ja noch zur Schule gehen.‘ Ich habe dann gesagt, das tu ich schon unten.“
Für Rosa Moser stand fest: „Ich wollte nicht bei einem Bauern in Dienst gehen.“ Vor allem deshalb nahm sie das Angebot einer Familie aus Bologna an, die in Astfeld auf Urlaub weilte. Dass viele Mädchen der bäuerlichen Arbeit entkommen wollten, bestätigt auch eine Aussage Edith Gentas: „Viele sind von zu Hause weg, weil sie nicht auf den Gütern arbeiten wollten, das war ja auch eine Schinderei.“
Als sich die sechzehnjährige Toni Wallnöfer an ihrem Arbeitsplatz in der Schweiz als Kindermädchen „langweilte“, wie sie es ausdrückt, beschloss sie nach Rom zu gehen. Auch wenn sie es nicht ausdrücklich erwähnt, so knüpfte sie wohl an diesen Entschluss die Vorstellung viel versprechender und abwechslungsreicher Möglichkeiten.
Kreszenzia Mair, die von einem Hof oberhalb von Schenna stammte, wollte immer schon weit weg, erzählt ihre Nichte: „Kreszenzia hatte eine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Früher hat man gesagt, wer die Zähne weit auseinander hat, der kommt weit herum.“
Anna Wunderer ging bereits in den 20er Jahren gegen den Willen des Vaters nach Mailand. Ihre Schwester Maria erinnert sich: „Die Schwester Anna arbeitete in Bormio in einem Hotel, da waren italienische Gäste. Als sie von dort zurückgekommen ist, es war etwa 1924/25, hat sie gesagt, sie geht nach Mailand. Sie hatte erfahren, dass man dort als Hausmädchen arbeiten konnte. Die Mutter wollte sie nicht gehen lassen. Als der Vater davon erfuhr, da hat er sie verhauen. In der Früh ist sie dann abgehauen, zum ersten Zug, ohne etwas zu sagen.“ Maria selbst ging 1930 nach Mailand: „Weil die anderen alle gegangen sind, wollte ich auch einmal gehen. Ich wollte auch sehen, wie es ist, und ich wollte auch etwas verdienen. Ich hätte nicht müssen. Die Mutter hat mich zwar gehen lassen, aber sie hat gemeint, es würde mir sicher verdrießen. Ich bin aber trotzdem gefahren.“
Freiheit, Stadtluft, raus aus der Enge und Härte des eigenen Landes – diese Motive waren auch für die vielen Mädchen aus Prad wichtig. Bekannte, Freundinnen oder Schwestern berichteten in Briefen oder nach der Rückkehr über ihre positiven Erfahrungen, über die besseren Arbeitsbedingungen und die höheren Löhne.
Sophie Wallnöfer, die in einem Hotel bei San Remo arbeitete, schrieb ihrer Schwester, sie solle doch nachkommen, in Bordighera müsse man nicht ständig Holzböden schrubben wie in Sulden. Hedwig kam der Aufforderung nach. Auch Maria Ortler folgte begeistert dem Angebot ihrer Freundin: „Als ich 16 war, hatte ich eine Freundin, die gleich alt war wie ich, die Rosa Pinggera aus Prad. Und die ist nach Mailand gekommen, wie weiß ich nicht mehr. Die hat mir geschrieben, bei ihr wäre ein Platz frei, wenn ich kommen möchte, sie suchen jemand. Ja nichts wie los, wir waren acht Kinder, wir haben das Geld gebraucht, das war im Jahr ’37. Und dann bin ich dahin gekommen.“
Auf einer Postkarte an Rosa Kobler, datiert auf den 7. Dezember 1924, drückt eine Verwandte ihre Sehnsucht nach dem südlichen Florenz aus: „Wie geht es mit dem Ital. Lernen. Ich möchte auch gerne wieder hinunter, vielleicht könntest mir eine Stelle verschaffen. Firenze muß sehr schön sein, denn sie heißt doch die Stadt der Blumen.“ Maria Brenner hegte, wie sie sagt, schon seit der Schulzeit den Wunsch nach Italien zu gehen, vor allem Rom schien ihr ein erstrebenswerter Aufenthaltsort zu sein. Die Ewige Stadt übte wohl auch auf die Südtiroler Mädchen eine besondere Anziehungskraft aus, war sie doch religiöses Zentrum und Sitz des Papstes. Einmal einen Blick aus unmittelbarer Nähe auf diesen werfen zu können, war der Wunsch vieler.
Irma Kuen und ihre Schwester Erna verlockte ein Plakat in Meran mit der Aufschrift „Suchen Mädchen