Der Tatzelwurm. Ulrich Magin

Der Tatzelwurm - Ulrich Magin


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auf die Arzneimittel ein, die aus Drachen gewonnen werden, und erklärt, der Drache sei so giftig, dass eine Bisswunde nie mehr heile.44 Im zweiten Buch seiner „Geschichte der Tiere“ erwähnt Gesner, er habe gehört, dass in jener Region der Gallia Cisalpina, die man Piemonte nenne, in den Bergen ungeheure Eidechsen lebten, so groß wie Hundewelpen, deren Exkremente von den Bewohnern gesammelt würden, er habe dafür allerdings noch keinen zuverlässigen Zeugen.45 Diesen Berichten und Beobachtungen zufolge finden sich Alpendrachen nun in der Schweiz, in Österreich und Italien.

      Der Chronologie der Drachenerwähnungen folgend suchte nach Renward Cysat 1566 ein Wasserdrache erneut die Reuss auf. „1566, nach einem Sommer mit nie zuvor erlebten großen Überschwemmungen, wurde wieder eine große Schlange in der Reuss bei Bremgarten gesehen. Nachts verließ sie den Fluss, betrat die Alpenhänge und riss Kälber in Stücke.“46 Bremgarten liegt zwischen dem Vierwaldstätter See und der Mündung der Reuss in die Aare. Jacob Huber, der die Schlange sah, hielt sie zuerst – wie das Monster vom Zuger See – für einen riesigen Lachs und warf seinen Fischspeer nach ihr, ohne sie jedoch zu verletzen. Das verärgerte Ungeheuer stürzte sich auf ihn: Er sprang, nun selbst erschrocken, aus dem Boot und rannte nach Hause – und starb dort sechs Wochen später. Die Ursache wird wohl wieder das schlimme Gift gewesen sein, das der Drache ausdünstet und das auch den Drachentöter dahinrafft.

      Graubünden ist der Schauplatz der letzten drei Drachenbegegnungen, die alle von dem Schweizer Geschichtsschreiber Ulrich Campbell (um 1510–1582) aufgeschrieben wurden. Er berichtet von „einem glaubwürdigen Mann, nun bereits verstorben“, der einem Lindwurm beim Lac du Saint-Moritz begegnete:

      „Nicht weit von Cellerina im Oberengadin stürzt der den st. Moritzer see verlassende Inn über einen felsen in eine tiefe Schlucht und bildet einen wasserfall, der in bezug auf wassermenge zu den grössten und merkwürdigsten der Schweiz gehört. Bei diesem Wasserfalle soll nach alter volkssage einst ein drache oder lintwurm gehaust haben. Ein sonst glaubwürdiger, vor wenigen jahren gestorbener mann, Johann Mallet, soll denselben gesehen und vor schrecken erkrankt und gestorben sein.“47

      Ähnlich erging es Martin Massol, Campbells Großvater mütterlicherseits. Er

      „beobachtete eines Tages in der Steinwüste unterhalb des Berges Alpiglia nahe Süs [Susch] ein so großes schreckliches und schlangenartiges Tier, dass er sofort davon krank wurde, sein Haupthaar gänzlich verlor und sich die Haut an den Stellen seines Körpers ablöste, die dem Anblick des Untiers ausgesetzt und nicht von Kleidern bedeckt waren.“

      Zudem gingen alle seine Pferde ein.48

      Den Drachen von Alpiglia wurden die Anrainer schließlich durch magische Mittel los.

      „Joh. Branca von Guarda soll den kleinen see auf dem genannten berge Alpiglias bei Süs, wo ein drache wohnte, mit hülfe eines beschwörers mit blättern und zweigen überdeckt und dadurch den wurm genöthigt haben, mitten in einem gräulichen unwetter den ort zu verlassen, in folge dessen er den Inn abwärts bis Innsbruck geschwemmt und dort nicht ohne grosse gefahr getödtet wurde.“49

      Der Tatzelwurm nimmt Gestalt an: das 17. und 18. Jahrhundert

      Das 17. und 18. Jahrhundert stehen ganz unter dem Eindruck eines einzigartigen Gelehrten, des Schweizer Biologen und Geologen Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), der als Stadtarzt und Professor in Zürich tätig war, aber auch als Forscher, indem er als Erster und recht präzise die Gesteinsformationen und Bergketten seines Heimatlandes beschrieb. Als Erster erfasste er fossile Pflanzen (1709 im „Herbarium diluvianum“), er führte Buch über Bodenschätze50 und erlangte besondere Bekanntheit für seine Deutung eines versteinerten Riesensalamanders als Skelett eines in der Sintflut ertrunkenen Menschen, die er 1726 veröffentlichte. Man belächelt ihn deshalb in Büchern über die Geschichte der Zoologie und der Paläontologie, wer aber seine Werke zur Hand nimmt, merkt schnell, dass es sich um einen aufmerksamen und kritischen Geist handelte, der aber auch ein Kind seiner Zeit war.

      In seiner „Natur-Geschichte des Schweitzerlandes“ (erstmals 1716 erschienen) widmete er, nach einem kurzen Exkurs über Funde von Riesen, ein ganzes Kapitel den Sichtungen von Drachen in seiner Heimat. Das Material umfasst Sagen, Meldungen aus Chroniken und zeitgenössische Augenzeugenberichte, teilweise stark gestützt auf Werke seiner Vorgänger, Johann Jacob Wagners „Historia naturalis Helvetiae curiosa“ von 1680 und „Mundus Subterraneus“ des jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher, erstmals erschienen 1665. „Allein ich komme nun […] auf die Betrachtung der Ungeheuern unter den Thieren, ich meyne die Drachen, an deren Würcklichkeit noch viele zweifeln.“51

      Scheuchzer hatte solche Zweifel nicht, was aber nicht bedeutet, dass er blindlings alles glaubte. Manchmal fasste er über Mittelmänner am Ort der Sichtung nach. Zu jedem Kanton führt er mindestens einen Augenzeugenbericht an, seine Liste umfasst dabei die Kantone Zürich, Bern, Luzern, Unterwalden, Glarus, Appenzell und Graubünden (Pündtner-Land) sowie die Grafschaft Sargans und die Landschaft Gaster.52

      Der wissenschaftliche Ansatz Scheuchzers zeigt sich in seinem Bestreben einer Kategorienbildung. Auch der Arzt und Naturforscher Johann Jacob Wagner (1641–1695) war 1680 verwirrt, weil kaum ein Drache aussah wie der andere, und machte deshalb einen ersten Versuch, die Vielfalt der gemeldeten Drachen irgendwie zu klassifizieren, und zwar nach solchen mit und ohne Flügel und nach solchen mit und ohne Füße. Diese Einordnung gilt tatsächlich für alle noch folgenden Meldungen.53 Scheuchzer stand – trotz der verglichen mit dem heutigen Material geringen Menge von rund 25 Beobachtungen – vor demselben Problem, dass sich aus den Berichten kein einheitliches Bild des Drachen herausschälte (sieht man von Katzenkopf und Flügeln ab) und dass selbst ein mit viel gutem Willen erstelltes Phantombild keinerlei zoologischen Regeln zu gehorchen schien:

      „Es ist z. E. [z. B.] eine beständige Regel der Natur/ daß kein Thier ist/ welches aus Theilen von verschiednen Classen der Thieren zusammen gesezt ist. Z. E. ein Thier das den Kopf von den vierfüßigen Erd-Thieren/ Flügel oder Füsse von den Vögeln/ einen Schwanz von Fischen hat streitet wider das bemeldte Gesetz. Also muß niemand glauben/ daß ein solches Thier in der Welt ist/ wenn gleich ein Reisender uns überreden wollte/ ein solches gesehen zu haben. Diesemnach dürfen wir kecklich sagen, daß in den folgenden Erzehlungen die Umstände gewiß falsch sind/ wo von Flügeln der Drachen geredt wird/ […] Hat man aber nicht vierfüßige Thiere und Fische die Flügel haben? Ich antworte/ daß freylich bekannt und wahr ist, daß es einige vierfüßige Thiere und Fische gibt/ welche fliegen/ aber sie haben solche Glieder zum Fliegen, die mit den Flügeln der Vögel und der vermeynten Drachen keine Aehnlichkeit haben. Bey den Fleder-Mäusen z. E. sind die Flügel nichts anders/ als eine Haut/ welche von einem Fuß zu dem andern gehet; es sind Füsse, die etwas anders gestaltet sind/ als die Füsse andrer Mäusen. Bey den Fischen sind es Floßfedern/ welche/ wie die Floßfedern andrer Fischen/ aber grösser sind. Also beweist dieses nichts wider den angebrachten Satz. Was die ungeflügelten Schlangen mit vier Füssen betrifft, so sind es entweder eine Art von Crocodillen oder wie ich lieber glaube, ein Gedicht [etwas Erfundenes]. Denn daß eine Schlange würckliche Füsse haben soll/ streitet wider die Einrichtung der Gebeinen/ welche die Natur den Schlangen gegeben hat. […] Wer indessen die Art der abergläubischen und leichtglaubigen Menschen insonderheit in den vorigen Zeiten/ kennt/ der wird sich über einige von den folgenden Erzehlungen nicht wundern.“54

      Einige dieser Berichte schilderten fliegende Drachen, die Scheuchzer schnell als „Luft-Zeichen“ oder Meteore deutete. Andere erschienen ihm eher wie Tiere. Scheuchzer zitiert einen Brief des Landvogts von Luzern Christoph Schorer an den Gelehrten Athanasius Kircher:

      „Als ich in dem Jahr 1649. bey Nacht den hellen Himmel betrachtet, sahe ich einen glänzenden Drachen aus einem Loch einer sehr grossen Fels-Klippe an dem Pilatus-Berg, mit sehr schneller Bewegung der Schwingen vorüber fliegen. Er war sehr groß, mit einem langen Schwanz und Halß, der Kopf endigte sich in einen zackichten Schlund: Im Fliegen warff er Funcken von sich, wie das glüende Eisen, wenn es geschmiedet wird. Ich dachte anfangs, es wäre etwa eine feurige Luft-Erscheinung, allein nachdem ich alles fleißig beobachtet


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