Der Tatzelwurm. Ulrich Magin
Die Vermutung, dass es sich eventuell um ein kosmisches oder meteorologisches Phänomen handeln könnte, stand damit immerhin schon mal im Raum. Letztlich erschien aber für Wagner ein Drache doch die plausiblere Erklärung zu sein. Auf der Suche nach Deutung verwandeln sich die fliegenden Drachen bald auch in Tiere, die dem Tatzelwurm ähneln. Schorer unterrichtete Athanasius Kircher brieflich von der Beobachtung eines Jägers:
„Der Jäger hieß Paul Schumperlin, welcher an einem Berg Flue genannt, welchen er des Jagens wegen besteigen wolte, an dem Eingang einer grossen Höle, in dem Jahr 1654. um den St. Jacobs-Tag [25. Juli] einen Drachen angetragen. Er hatte einen Schlangen-Kopf, der Halß und Schwanz waren gleich lang, er gieng auf vier Füssen, die einen Schuh und drüber hoch waren: an dem ganzen Leib war er schuppicht und mit vielen grauen weissen und braunen Flecken besprengt. Der Kopf war einem Pferde-Kopf nicht unähnlich. Sobald er den Jäger gesehen, erschütterte er seine Schuppen und begab sich in die Höle.“56
1658 traf Hans Egerter auf der Alp Cammor auf einen schrecklichen Drachen mit zwiegespaltener Zunge. Stich nach Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
Ein weiterer Augenzeuge für Scheuchzers Sammlung ist Hans Egerter. Als dieser 1658
„in der Alp Cammor […] sich aufgehalten hatte, hat er […] einen erschrecklichen Drachen angetroffen, welcher sich unter einem Felsen aufhielt. Er hatte einen ungeheuren Kopf, eine in zwey getheilte Zunge, welche er weit vor den Mund hinaus streckte, er war schwarz mit gelben Strichen, der Rücken war von dem Kopfe bis an den Schwanz knotigt, der Bauch aber war goldgelb; an den Vordertheil des Leibes hatte er ein paar Füsse, ungefehr einen Schuh lang; den Hintertheil aber konnte der Mann nicht recht sehen, doch bemerckte er einen sehr langen Schwanz, welcher etliche mal umgewunden war. Als er den Mann gesehen, hat er sich aufgerichtet, und wie eine Gans durch die Nase geblasen, von welchem Hauch der Mann mit Hauptwehe und dem Schwindel überfallen worden, auch wurden ihm die Augen sehr geschwächt, und er glaubt gewiß, daß sich die Bestie an ihn gemachet haben würde, wenn er nicht davon geloffen wäre. Nachdem er aber hernach Arzneyen vor die Augen gebraucht, hat er die vorige Schärffe derselben wieder erlanget.“57
Der Tatzelwurm, der nur Vorderfüße hat, wird später noch oft geschildert, ebenso die Gefährlichkeit seines giftigen Atems.
Im Prinzip ähnlich und doch ganz anders war das Exemplar, auf das Andreas Roduner, Landschreiber der Landvogtei Sargans, 1660 beim Wangserberg traf. Als er den Hang
„mit noch einem andern bestieg, begegnete ihnen ein erstaunlich grosser Berg-Drache. Sobald er sie gesehen, richtete er sich auf die hinteren Füsse in Manns-Länge. Sein Leib war mit sehr rauhen Schuppen belegt; die Länge war ungefehr eines halben Wiesbaums, welchem er auch an Dicke gleich war. Er hatte vier Füsse; das Gesicht und die Ohren waren wie an einer Katze; der Schwanz war ungefehr drey Ellen lang; der Bauch war von den Vorder- gegen den Hinter-Füssen zu, mit braun-rothen Striemen, wie Blut-Adern, bezeichnet; der ganze Rücken bis an den Kopf war mit Burst [Borsten] besetzt, und der Kopf selbst hatte einen Haarbusch.“58
All diese Drachensichtungen versammelt Johann Jakob Scheuchzer in seinem Buch „Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones“ von 1723 und illustriert sie mit anschaulichen Kupferstichen. So auch das Erlebnis des Zeugen Hans Tinner aus dem Jahr 1668 mit einer Riesenschlange. Scheuchzer zitiert den Bericht Johann Jacob Wagners:
Der Landschreiber Andreas Roduner erblickt einen Berg-Drachen mit katzenartigem Kopf. Stich von Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
„Hans Tinner, aus dem Dorff Frumsen, […] ein ehrbarer und glaubwürdiger Mann, welcher noch jezo im Leben ist, hat mir heiliglich bezeiget, daß er vor 12. Jahren [1668] gegen dem Ende des Monats April auf den benachbarten Berg, der Frumsen-Berg genannt, gegangen sey, und daselbst an einem Ort, in der Hauweien genannt, eine förchterliche schwarz-grüne Schlange gesehen habe, welche zuerst um sich gewunden war, hernach aber sich aufgerichtet hatte. Ihre Länge war wenigsten 7. Schuhe, die Dicke aber wie die eines Wiesbaums; der Kopf war einem Katzenkopfe nicht unähnlich; sie hatte aber gar keine Füsse. Er sagte mir ferner, daß er sie geschossen, und durch Hülffe seines Bruders völlig getödtet hätte; und daß vor dem Tode dieser Schlange die Einwohner sich beklagt haben, daß die Euter ihrer Kühe ausgeleeret werden, ohne zu wissen, wer es gethan hat; daß aber dieses Übel hernach aufgehöret habe.“59
Dass Tatzelwürmer die Kühe melken, ist schon im Bericht Lorenzettis vorgekommen. Diese Eigenschaft wird uns noch öfters begegnen. Versuchte man, mit solchen Erzählungen zu begreifen, warum manche, wohl kranke Kühe weniger Milch gaben als sonst? Unklar ist, wie viele Füße ein Alpendrache hat, doch die Form einer Schlange mit Katzenkopf kristallisiert sich allmählich zu einem der typischen Merkmale eines Tatzelwurms heraus. Dennoch scheint jeder Tatzelwurm einzigartig zu sein. Das folgende Exemplar, 1665 gemeldet, hat eine Art Hühnerkamm auf dem Kopf:
„Hans Bueler aus der Pfarrey Sennwald, ein Mittglied des Consistorii, gieng vor 15. Jahren im Sommer auf dem Frumser-Berg, und sahe an einem Orte, das Erlawäldlein genannt, an dem Kalenbach ein schwarzes Thier aus den Dornbüschen hervorkriechen, welches vier kurze Beine hatte; die Dicke war wie eines Wiesbaums; auf dem Kopf hatte dasselbe einen Busch (oder Kamm) einen halben Schuh lang. Er hat aber die ganze Länge des Thiers nicht können beobachten, weil der hintere Theil des Leibes noch in dem Gesträuch verborgen war.“60
Der nächste Drache wurde in Graubünden beobachtet. Als einziges Exemplar hat er einen zweigeteilten Schwanz, dafür führt er ein weiteres Element ein, das uns später noch öfter begegnen wird: Er löst sich, wegen seiner großen Giftigkeit, binnen weniger Tage völlig auf.
Hans Tinner, ein „ehrbarer und glaubwürdiger“ Zeuge, sah 1668 eine „förchterliche schwarz-grüne Schlange“ mit einem Katzenkopf. Stich von Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
„Sehr seltsam ist, was mir Herr Peter von Juvat, Pfarrer zu Stul im Bergumer-Gericht, in einem Brief vom 29. October 1702. erzehlt: ‚Es begab sich in dem Jahr 1696. zu Anfang des Augusti, als ein Kühehirt Bartolome Alegro de Ponte, aus dem Plurser-Gebiet, die Kühe auf den Berg Joppatsch zur Weyde trieb, daß er auf dem Gipfel des Berges, welchen er allein bestiegen hat, in einer tieffen Grube (in un garan Fopp) eine zusammen gewundne Bestie gesehen, welche stille lag, und von den einfallenden Sonnen-Strahlen roth aussah. Der Hirt [sah das Tier] aufgewickelt und mit aufgerichtetem Leib, ungefehr zwey Ellen lang, mit einem etwas zusammen gedrückten Katzen-Kopf, welcher roth und härig war, mit funckelnden Augen, und einem weissen Gürtel um den Halß. Anstatt der Füssen hatte er schuppichte Absätze wie ein Fisch, eine Zunge gleich einer Schlange, und einen in zwey getheilten Schwanz. Durch diesen Anblick erschrocken, wolte sich der Hirt durch die Flucht in Sicherheit bringen; allein die Bestie verfolgte ihn mit schneller Bewegung. […] Indessen greifft der Mann zu seiner Büchse, welche die Alp-Hirten oft mit sich zu führen pflegen, und schießt die Bestie mit einer Kugel; sie war aber davon nicht tod, sondern verfolgte darauf ihren Feind, auf welchen sie wie ein Pfeil in einer geraden Linie zugeschossen; er aber hat sie mit Steinen tod geworffen. Drey Tage hernach ward das Aas des Thiers ganz verfault gefunden, auf welchem ein grosser Schwarm Fliegen saß. Die Anwohner dieses Berges bezeugen, daß man oft solche Drachen von dem Berg Joppatsch auf den vorüberstehenden Urgeis wie Pfeile hinfliegen gesehen.‘“61
Der doppelschwänzige Drache, den der Kuhhirt Bartolome Alegro de Ponte am Berg Joppatsch sah. Stich nach Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
Um 1706 datiert eine Meldung, die den Drachen noch einmal mit Unwettern in Verbindung bringt:
„Unter die bösen Drachen muß auch der gezehlt werden, welchen ungefehr vor 10 Jahren ein ehrlicher Mann Namens Meyer