Die chinesische Messaging-App WeChat als virtuelle Sprachinsel. Michael Szurawitzki
Kindern aus deutsch-chinesischen Ehen war nicht vorgesehen (Reinbothe 2007b: 29).
Für Chinesen waren gesonderte Schulen mit Ausbildung in deutscher Sprache geplant. Diese wurden nach 1900
ins Leben gerufen, im allgemeinen „deutsch-chinesische Schulen“ oder Sprachschulen genannt, 1907 in Shanghai, in Hankou in der Provinz Hubei und Tianjin in der Provinz Hebei, 1909 in Kanton und in Chengdu in der Provinz Sichuan, 1910 in Jinan in der Provinz Shandong. Eine von einem deutschen Unteroffizier 1905 in Peking eröffnete deutsche Schule für Chinesen musste ihren Schulbetrieb nach wenigen Jahren allerdings wieder einstellen. (Reinbothe 2007b: 30)
Das Curriculum entsprach weitgehend dem deutscher Schulen der Zeit (Reinbothe 2007b: 31); größere Abweichungen zu heutigen Curricula gibt es m.E. nicht. Der Unterschied zu Schulen in Deutschland bestand jedoch darin, dass es auch chinesische Lehrer gab, die den Unterricht in chinesischer Sprache und Kultur forcierten. Dies sollte „gebildeten Kreisen […] erleichtern, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken“ (Reinbothe 2007b: 31, Schmidt 1928). Die deutschen und chinesischen Lehrer agierten jedoch ohne Zusammenarbeit nebeneinander, insgesamt zeigte sich das Problem, dass die Stoffmenge (vielleicht auch aufgrund fehlender Absprachen) kaum zu bewältigen war (Reinbothe 2007b: 31). Eine geeignete Kommunikation und Abstimmung unter den deutsch- und chinesischsprachigen LehrerInnen über Menge und Inhalte des Lernstoffs hätten solche Probleme verhindern können. Ein Austausch war offenbar aber weder von der einen noch von der anderen Seite erwünscht. Die ursprünglich auf vier Jahre angelegte Ausbildung wurde daher um ein Jahr verlängert, ohne dass dies jedoch eine signifikante Verbesserung brachte (Melchers 1928: 239, nach Reinbothe 2007b: 31).
Dennoch erfüllten die deutschen Schulen den Nutzen, SchülerInnen für die höheren Fachschulen in Shanghai (Ingenieurwissenschaften und Medizin, die spätere Tongji-Universität; vgl. auch Reinbothe 2007b: 33-36 zur Deutschen Medizinschule für Chinesen in Shanghai sowie Reinbothe 2007b: 37-39 zur Deutschen Ingenieurschule in Shanghai) und in „Qingdao, wo deutsche Lehrer Medizin, Technik, Staats- und Rechtswissenschaft sowie Land- und Forstwirtschaft in deutscher Sprache lehrten“ (Reinbothe 2007b: 32; vgl. zur Hochschule Qingdao auch ausführlicher Reinbothe 2007a: 47-52), auszubilden. Dabei ging es perspektivisch (natürlich) um die Wahrung „politische[r] und wirtschaftliche[r] Interessen“ (Reinbothe 2007b: 33), aber die Schulen sollten auch „[r]ichtige und klare Vorstellungen von Deutschland“ (Reinbothe 1992: 260; vgl. ebd. 260-273) vermitteln.
Nach dem Ersten Weltkrieg agierten nach einem durch den Versailler Vertrag 1919 bedingten Intermezzo die o.g. deutschen Realschulen für deutsche Kinder ab 1921 weiter, ergänzt um die Standorte Changsha, Shenyang (Mukden), Harbin und Nanking (Reinbothe 2007c: 68). Die Schulen für chinesische Kinder, die auf Deutsch unterrichtet wurden, mussten zumeist geschlossen werden, ebenso wie die Hochschule in Qingdao (Reinbothe 2007c: 69). Die deutschen Missionsschulen blieben weiter in Betrieb, allerdings mit eingeschränktem Deutschunterricht (Reinbothe 2007c: 69). Die Tongji-Universität wurde weitergeführt (Reinbothe 2007c: 70, Li 2007). Reinbothe (2007c) erwähnt noch die Gründung der Deutschabteilung der Universität Peking (Beida) (Reinbothe 2007c: 71-73; vgl. Wang 2007 zur Fremdsprachenuniversität Peking), die Verwendung des Deutschen an der Medizinischen Fakultät der Sun Yatsen-Universität in Kanton (Reinbothe 2007c: 73-75) sowie das 1933 in Peking gegründete Deutschland-Institut (Reinbothe 2007c: 75-79).
Die chinesische Germanistik vor 1949 war lt. Hernig (2010: 1637) eng mit der o.g. Bewegung des 4. Mai von 1919 verbunden, die eine Offenheit hin zu einer mehr westlichen Orientierung und Modernisierung potenziell möglich erscheinen ließ. Konkret zeigt sich dies am Beispiel des 1922 eingerichteten Germanistik-Studiengangs an der Universität Peking:
Nach einem zweijährigen Sprachenpropädeutikum bildeten deutsche Klassiker, zum Beispiel Goethe, Lessing aber auch Theodor Storm [sic] sowie mediävistische Inhalte (Gotisch, Althochdeutsch) die Hauptinhalte des damaligen, vier weitere Studienjahre umfassenden Germanistikstudiums. (Hernig 2010: 1637)
Eine längere Zeit zum Verwurzeln der Germanistik in der chinesischen akademischen Welt blieb dieser jedoch vorerst nicht vergönnt. Unter der Regimeregierung der Guomindang von Tschiang Kai-Shek verschwand sie bereits in den 1930er Jahren wieder (Hernig 2010: 1637). Ganz ohne Nachhaltigkeit war die Germanistik aber nicht geblieben:
Aus dieser Zeit blieb vor allem Schriftliches: Literaturlexika und Literaturgeschichten […], Übersetzungen und interpretatorische Auseinandersetzungen mit Faust, Werther, Wallenstein, Immensee und den Heine-Gedichten. (Hernig 2010: 1637)
Unterricht in Deutsch als Fremdsprache wurde in der Zeit nach dem Verschwinden der institutionellen Germanistik zum Überlebensanker für viele KollegInnen. Insgesamt kann aus heutiger Sicht in China ein Verschmelzen von Germanistik und Deutsch als Fremdsprache konstatiert werden, speziell nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 (Hernig 2010: 1638). Es kam zu einer engeren Zusammenarbeit mit der DDR und somit auch zu einem in dieser Hinsicht gesteigerten Interesse am Ausbau einer Germanistik an den Universitäten:
An der Fremdsprachenhochschule Peking (1949), der heutigen Fremdsprachen-Universität, der Universität Nanjing (1947 bzw. 1952), der Universität Peking (1952) und der Fremdsprachenhochschule und jetzigen Fremdsprachen-Universität Shanghai (1956) wurden die ersten Germanistik-Abteilungen eingerichtet. Konferenzen zur Übersetzungsarbeit (1951) und zur literarischen Übersetzung förderten die Übersetzungstätigkeit als Schwerpunkt der jungen volksrepublikanischen Germanistik. In Zusammenarbeit mit der DDR wurde sozialistische deutsche Literatur wie zum Beispiel Werke von Anna Seghers, Berthold Brecht, dem jungen Stefan Heym oder Friedrich Wolfs Dramen übersetzt […]. (Hernig 2010: 1638)
Diese Fokussierung galt aber nur bis zur Kulturrevolution, während der der Germanistikbetrieb ab 1966 wieder einmal zum Erliegen kam (Hernig 2010: 1638).
Erst ab der Aufnahme der Reform- und Öffnungspolitik Ende der 1970er Jahre und einer Annäherung auch an die Bundesrepublik Deutschland wuchs auch erneut das Interesse an einer universitären Germanistik in China, die auch über Kooperationen mit deutschen Universitätsgermanistiken ab diesem Zeitpunkt begann zu wachsen. Hernig (2010: 1639) nennt die Zahl von 46 Hochschulen und Universitäten, an denen Germanistik zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelehrt wurde. Diese Zahl hat sich in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt; so nennt Szurawitzki (2015: 65) 102 Hochschulen und Universitäten mit germanistischer Lehre und Forschung. Diese Tendenz hat sich noch weiter fortgesetzt; über die weiter sehr guten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China sowie über die Einführung von Deutsch als wählbare Fremdsprache in der Mittelschule, die auch von der deutschen Bundesregierung im Rahmen des Projekts Schulen – Partner der Zukunft mit angeschoben wurde (Hernig 2010: 1641) befindet man sich in China in einem immer noch anhaltenden Boom der Germanistik, der in der Ausrichtung des Germanistik-Weltkongresses (IVG-Kongress) 2015 an der Tongji-Universität seinen vorläufigen Höhepunkt fand (vgl. Szurawitzki 2017b sowie Szurawitzki 2020a) und mittelfristig vermutlich noch anhalten wird (Szurawitzki 2019c).
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