Die chinesische Messaging-App WeChat als virtuelle Sprachinsel. Michael Szurawitzki

Die chinesische Messaging-App WeChat als virtuelle Sprachinsel - Michael Szurawitzki


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westlichen Sprachen erlernten, die den Zugang zu diesem Wissen eröffnen konnten.“ (Reinbothe 2007d: 13; vgl. auch Reinbothe 1992, v. a. 19-55) Zu diesen Sprachen gehörte natürlich auch das Deutsche, das nach dem Sieg Deutschlands gegen Frankreich 1871 stärker in den Blick der Chinesen geriet (für eine Geschichte der Germanistik in China vgl. Hernig 2000):

      [D]ie deutsche Sprache gewann in China erst an Gewicht, als nach dem Sieg über Frankreich 1871 Deutschland von Chinesen als starke Militärmacht geschätzt wurde, deren Techniken man sich zunutze machen wollte. […] Für die Waffengeschäfte, militärischen Projekte und Schulen brauchte man ebenfalls chinesische Dolmetscher, die Deutsch konnten. Deshalb wurden an den Militärschulen in begrenztem Umfang Deutschkurse abgehalten. […] Von einem deutschsprachigen Fachunterricht war man […] noch meilenweit entfernt. (Reinbothe 2007d: 15-16)

      Im Rahmen der Reformen, denen China im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterworfen war, kam v. a. eine gewichtige Weichenstellung hinzu, die die Entwicklung einer verbesserten Position des Deutschen wie aller anderen westlichen Fremdsprachen begünstigte:

      Eine entscheidende Wende trat jedoch erst ein, als 1905 die traditionellen staatlichen Beamtenprüfungen abgeschafft wurden, die ganz auf der konfuzianischen Bildung aufgebaut waren und das chinesische Bildungssystem bis dahin beherrscht hatten. […] Erst dadurch, dass man das Studium der europäischen Wissenschaft und Sprachen in das staatliche Prüfungssystem integrierte, wurden diese erheblich aufgewertet und der Weg für die Heranbildung einer chinesischen Elite freigemacht, die ihre Ausbildung an modernen Schulen und Hochschulen in China und im Ausland erworben hatte. […] Jedenfalls wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in China ein Netz moderner Schulen (Elementar- und Mittelschulen) und Hochschulen aufgebaut, an deren Spitze die 1898 gegründete zentrale Universität Peking (Beida) stand. Nachdem ihr 1903 die alte Fremdsprachenschule Tongwen Guan angegliedert worden war, hatte sie bald acht Abteilungen: Chinesische Klassik, Politik und Recht, Literatur und Sprachen (Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch, Japanisch), Naturwissenschaften, Medizin, Landwirtschaft, Technik und Industrie sowie Handel[.] (Reinbothe 2007d: 18; vgl. Reinbothe 1992: 42-45)

      Die oben erwähnten Beamtenprüfungen leben in anderer Form heute noch in den sog. Gaokao-Abschlussprüfungen (chin. 高考, gāo kǎo, vergleichbar dem deutschen Abitur) fort. Für das Deutsche bedeutete die im vorhergehenden Zitat beschriebene Situation eine Chance, nachhaltig im Reich der Mitte Fuß zu fassen:

      Das bedeutsamste Feld deutscher Kulturarbeit in China war das Bildungswesen. Man wollte den hohen Stand deutscher Wissenschaft und Technik den Chinesen vor Augen führen und ihnen zeigen, wie vorteilhaft es für den Erwerb einer modernen Bildung war, die deutsche Sprache zu erlernen. So versuchten deutsche Diplomaten darauf hinzuwirken, dass an den neuen chinesischen Schulen und Hochschulen Deutsch unterrichtet wurde. (Reinbothe 2007d: 22)

      Allerdings mussten sie – damals wie heute – mit der Situation klarkommen, dass das Englische weiter verbreitet war und zumeist als erste Fremdsprache unterrichtet wurde.

      Mit dieser Konstellation wollte man sich jedoch nicht abfinden, und so gab es mehrfach Vorstöße, dass das aus deutscher diplomatischer Sicht bestehende Übergewicht an Lehrkräften für das Englische durch entsprechende Einstellungen deutscher Lehrender ausgeglichen werden solle (Reinbothe 2007d: 22; Reinbothe 1992: 124). Ab 1903 (August Conrady) gab es die ersten deutschen Dozenten an chinesischen Hochschulen (Reinbothe 2007d: 22-23). Dies waren aber letztlich vergleichsweise wenige Personen; zur weiteren Stärkung der deutschen Sprache in China trug bei, dass allmählich deutsche Lehrkräfte an die an verschiedenen Standorten in China im Aufbau befindlichen deutschen Auslandsschulen (vgl. oben) entsendet werden konnten. Außerdem gab es von chinesischer staatlicher Seite Interesse am deutschen Bildungssystem:

      Im Jahr 1906 entsandte die chinesische Regierung eine Studienkommission, die Staatseinrichtungen westlicher Länder studieren sollte. Als die chinesische Studienkommission im März 1906 nach Deutschland kam, wurde sie auch im preußischen Kultusministerium in Berlin empfangen, um über deutsche Bildungsmaßnahmen in China zu verhandeln. Man vereinbarte, dass in China zunächst in einer oder zwei Städten – als Beispiele wurden Shanghai und Nanking genannt – Schulen errichtet werden sollten, an denen Chinesen die deutsche Sprache erlernen konnten, um sich auf ein Studium in Deutschland vorzubereiten. […] Damit war […] auch von chinesischer Seite der Weg freigegeben für die Gründung deutscher Schulen für Chinesen in China. (Reinbothe 2007d: 23)

      Die deutsche Politik hatte jedoch etwas Anderes im Sinne, als es mit den Chinesen vereinbart worden war: Es sollte kein Sprachunterricht für Chinesen mit Ziel Deutschland gesichert (und damit den Chinesen durch kommunikative Kompetenz mehr Mobilität ermöglicht) werden, sondern vielmehr – so war es in einem Gutachten des Wissenschaftlers Alfred Forke für das Auswärtige Amt 1903 bereits empfohlen worden – „in China eine deutsche Hochschule aufgebaut werden, an der deutsche Lehrer Chinesen deutschsprachigen Fachunterricht erteilten.“ (Reinbothe 2007d: 24) Damit sollte 1907 die Geburtsstunde des Vorläufers der heutigen Tongji-Universität schlagen, der Deutschen Medizin- und Ingenieursschule in Shanghai (vgl. Li 2007). Die Tongji-Universität hat heute eine der wichtigsten Brückenfunktionen überhaupt beim wissenschaftlichen Austausch zwischen China und Deutschland inne; an dieser Stelle kann man gewiss von nachhaltigen Entwicklungen sprechen (vgl. auch 3.6. unten zur heutigen Situation).

      Damit für die deutschsprachige Hochschule entsprechend kompetente SprecherInnen des Deutschen bereitstanden, „wollte man außerdem in China deutsche Sprach- und Vorbereitungsschulen nach Art der chinesischen Mittelschulen einrichten“ (Reinbothe 2007d: 24). Moderne Grund- und Mittelschulen sollten parallel auch von einigen deutschsprachigen Missionaren forciert werden (Reinbothe 2007b: 27). Dabei sollten diese Schulen unter deutscher Regie betrieben werden, unter Anpassung an die chinesischen Bedingungen, aber ohne „Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Sprachen und Bildungstraditionen“ (Reinbothe 2007d: 24). Prinzipiell ist hier eine Kommunikation nur in eine Richtung vorgesehen, von den Deutschsprachigen an die Chinesen, ganz unabhängig von der Rezeption und einer denkbaren Rückkopplung. An dieser Stelle wird eine (post)koloniale Einstellung fassbar, von der auch heute noch unter in China lebenden Deutschsprachigen gerne Gebrauch gemacht wird – ein Leben in einer kulturell völlig fremden, andersartigen Umgebung zu führen, ohne sich für die Möglichkeiten dieser zu öffnen. Ein gemeinsamer Nenner bestand aber darin, dass Deutsche wie Chinesen aus monarchisch gesprägten Kulturen stammten und entsprechend „radikalen und demokratischen Ideen“ (ebd.) skeptisch gegenüberstanden. Mit der Perspektive auf WeChat heute lässt sich potenziell aber eine Art Umkehrung konstatieren, da die Applikation (als digital-kulturelle ,Errungenschaft‘) von den Deutschsprachigen dankend und bisweilen unkritisch (vgl. auch die Kommentare in Kap. 7.12. und die Perspektivierung im Ausblick Kap. 8. unten), aber mindestens aufgrund ihrer hohen Usability angenommen wird.

      Von der Forcierung der deutschen Sprache in China wünschte man sich wirtschaftliche Vorteile:

      So hoffte man, die Sprach- und Fachausbildung junger Chinesen an deutschen Schulen könnte dafür sorgen, den Absatz deutscher Industrieprodukte auf dem chinesischen Markt erheblich zu steigern. Denn man erwartete, dass die deutschsprechenden und deutsch ausgebildeten Chinesen später in hohe Staatsstellungen gelangten, wo sie für die Entwicklung der Geschäftsbeziehungen nützliche Dienste leisten konnten. Deshalb beteiligte sich auch die deutsche Industrie in großzügiger Weise an der Gründung und Ausstattung der deutschen Schulen in China. (Reinbothe 2007d: 24-25)

      Die Einflussnahme durch die deutschen Schulen wurde in einer Schrift des Auswärtigen Amts von 1914 mit dem Schlagwort „Propagandaschulen“ (Reinbothe 2007d: 25) versehen. Die Modernisierung Chinas nach westlicher, deutscher Façon sowie die Sicherung des Absatzes von Industrieprodukten gingen mittels der als ,Medium‘ fungierenden deutschen Sprache Hand in Hand.

      Neben Missionsschulen gab es auch in Fertigungsbetrieben in geringem Umfang u.U. Deutschunterricht. In diesem Zusammenhang erwähnt Reinbothe (2007b: 28-29) die Lehrlingsschule der Werft in Qingdao, in der es nachweislich mehr als 600 Lehrlinge gab, die diese Art Ausbildung durchliefen (Reinbothe 2007b: 29, Schlunk 1914).

      In deutscher Sprache konnten SchülerInnen in China im Wesentlichen dort ausgebildet werden, wo Deutsche mit finanziellen


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