Die chinesische Messaging-App WeChat als virtuelle Sprachinsel. Michael Szurawitzki
ihrer ,Heimat auf Zeit‘ wie selbstverständlich WeChat, das ihnen aufgrund seiner breiten Eigenschaften – auch durch eine vorhandene deutschsprachige Benutzeroberfläche –, eine optimale Plattform bietet, um in China, dem Vorreiterland der Digitalisierung im 21. Jahrhundert, anzukommen und zu agieren.
Bei den in China tätigen deutschsprachigen Journalisten erfährt WeChat bereits signifikante Aufmerksamkeit: Zand (2016) kommt zu folgender Einschätzung: „Die Universal-App WeChat hat den Alltag von 800 Millionen Menschen revolutioniert. […] Tausende Unternehmen bieten über WeChat ihre Dienste an und werden über die App bezahlt. Selbst die Behörden nutzen sie – von der Müllabfuhr bis zur Kommunistischen Partei.“ Wurzel (2017) thematisiert einen Streit zwischen WeChat und Apple. Frank Sieren, langjähriger Zeit- und Handelsblatt-Korrespondent in Peking, schreibt, dass die App „technologisch viel besser ist als Whatsapp und gerade dabei ist, die Welt zu erobern“ (Sieren 2018: 77). Ähnlich sieht dies Hirn: „Der Lehrling hat seinen Lehrmeister überholt. WeChat ist besser als Whatsapp …“ (Hirn 2018: 169); „es hat viel mehr Funktionen“ (Hirn 2018: 184). Er geht in seinen Ausführungen noch weiter und sieht WeChat mittelfristig als so einflussreich an, eine traditionell etablierte chinesische Kulturtechnik wie das Überreichen von Visitenkarten herauszufordern:
Zwei von drei Chinesen, also knapp eine Milliarde, nutzen bereits WeChat. Jeder User von WeChat erhält einen QR-Code. Das ist eine quadratische Matrix, die selbst aus vielen kleinen schwarzen und weißen Quadraten besteht. Dieser Code ist quasi die WeChat-ID, die immer öfter die Visitenkarte ersetzt. Gehörte es in China lange zum Begrüßungsritual, beidhändig die Kärtchen auszutauschen, so scannt man nun – fast eine Kulturrevolution – häufig gegenseitig die QR-Codes mit den Smartphones. (Hirn 2018: 185)
Abgesehen davon, dass Hirns historisch anders besetzter Begriff der „Kulturrevolution“ unpassend gewählt ist, so kann man ihm zumindest folgen, als dass das Sich-Verbinden mittels QR-Code in Zeiten von WeChat immer häufiger wird. Ob als Einheimischer oder als Gast in China – man kann sich der App praktisch nicht entziehen, will man am Alltag der durchdigitalisierten Gesellschaft im Reich der Mitte auf Augenhöhe partizipieren.
Während die westlichen Industrienationen und viele andere Länder der Erde in Facebook die führende Applikation im Bereich der sozialen Medien sehen, so ist dies in China anders, da Facebook über Internetrestriktionen gesperrt ist und bis auf Weiteres nicht offiziell legal benutzt werden darf. Im Umkehrschluss gilt Sierens Annahme: „Dass die chinesischen Wettbewerber wie WeChat die Welt erobern, ist wahrscheinlicher, als dass Facebook in China zugelassen wird.“ (Sieren 2018: 99) Restriktionen und Kontrolle (vgl. auch Kirchner 2018) spielen bei der Beschäftigung mit WeChat im Speziellen wie der Internetnutzung in China im Allgemeinen eine große Rolle, auch bei den deutschen China-Beobachtern wie Kai Strittmatter von der Süddeutschen Zeitung: „Die größten chinesischen Social-Media-Kanäle Weibo, Wechat und Baidu Tieba wurden schon mehrfach für kurze Zeit unter Aufsicht gestellt.“ (Strittmatter 2018: 76-77) Chen/Mao/Qiu kommen zu einer ähnlichen Einschätzung: „We see WeChat […] as ‚semi-private‘ because the platform is still under the watchful eyes of Chinese internet censors, who may intervene any time they want.“ (Chen/Mao/Qiu 2018: 100)
Nun ist darüber hinaus anzunehmen, dass WeChat, ähnlich wie weite Teile des Internets außerhalb von China, unter dauerhafter Aufsicht steht. Diese Problematik soll und kann hier nicht im Zentrum stehen, jedoch möchte ich noch ein Zitat von Strittmatter anführen, das auf Überwachung hinweist:
Die Zensur gibt sich auf Wechat duldsamer, aber das Gefühl relativer Sicherheit, das viele Nutzer dort haben, trügt: Die Pekinger, die im Künstlerviertel Songzhuang verhaftet wurden, weil sie an einer Dichterlesung zur Unterstützung der Hongkonger Demonstranten teilnehmen wollten, hatten sich zuvor über Wechat verabredet. Die Staatssicherheit liest mit. (Strittmatter 2018: 91)
Überwachung gehört heutzutage zum weltweiten Alltag; in China sind die Reaktionen darauf im Vergleich eher gleichgültig. Eigene Publikationen müssten sich ausführlicher diesem Thema widmen. Ich schließe diesen Bereich daher hier ab und wende mich wieder WeChat im engeren Sinne zu.
Der Applikation wird für die Gegenwart, aber auch mit Blick auf zukünftige Ereignisse, ein großes Potenzial zugeschrieben, womöglich eine zentrale Rolle zu spielen: „If future events take place that fundamentally change China, then there is still a fair chance they may occur on the super-sticky platform of WeChat.“ (Chen/Mao/Qiu 2018: 101) Darüber hinaus wächst der Einfluss der App und ihrer verschiedenen funktionalen Möglichkeiten dahingehend, dass Aspekte aus WeChat mittlerweile auch in anderen Apps aus Asien Eingang finden: „WeChat’s model has already gone beyond China. Its all-inclusive design approach already has regional and global imitators“ (Chen/Mao/Qiu 2018: 109; wie etwa Zalo in Vietnam oder YakChat in Indien; vgl. ebd., 110). Dieser Trend geht aber inzwischen noch weiter und erfasst auch die westlichen Messaging-Apps:
Outside Asia, we see other developments that went parallel with or were triggered by what was going on within WeChat. WhatsApp introduced voice message in 2013. Apple opened its App Store to designers who sell animated stickers into iMessage (Apple, 2016). Facebook introduced peer-to-peer money transfer on its Messenger platform (Perez, 2017), a move toward enriching services associated with messaging – until then, a distinctive feature of WeChat. Super-sticky design, in this sense, is no longer a Chinese-only characteristic of one idiosyncratic platform. It has become a trend affecting the Western world, too. (Chen/Mao/Qiu 2018: 110)
Die westliche Welt kommt mindestens über die in China beheimateten Expatriates mit WeChat in Kontakt. An dieser Stelle lässt sich mit Blick auf das nachfolgende Zitat von Chen/Mao/Qiu (2018) fragen, ob nicht speziell diese Gruppen von Expatriates die geeigneten Zielgruppen darstellen, anhand derer sich eine Nutzung von WeChat durch Nicht-ChinesInnen geeignet untersuchen ließe:
[T]he content and uses of WeChat stay decisively Chinese. By now, WeChat’s overseas reach is largely confined to the Chinese diaspora. Although its WeChat Pay, in particular, has expanded to countries like Japan, the platform’s overall attraction and usage to non-Chinese speakers awaits further evidence. (Chen/Mao/Qiu 2018: 112)
Es steht völlig außer Frage, ob WeChat auch durch Nicht-ChinesInnen benutzt wird; wer in China am (digitalen) Leben teilhaben möchte, die/der kommt an dieser Applikation nicht vorbei. Vielmehr stellt sich aus dem Gesagten heraus die Aufgabe, die Kommunikationspraktiken zu untersuchen, mittels derer die Verwendung von WeChat durch Expatriates geschieht. Dies führt für unseren Kontext der über 30.000 Deutschsprachigen, die in China arbeiten, zu den folgenden sich ergebenden Forschungsfragen, die mit der vorliegenden Studie beantwortet werden sollen:
Wie sind die Gewohnheiten der Nutzung von WeChat durch die deutschsprachige Expatriate-Community in China?
Welche Applikationen werden in Konkurrenz zu WeChat genutzt?
Welche kommunikativen Features, die WeChat bietet, werden wie häufig benutzt?
In welchen Sprachen außer Deutsch (v. a. Chinesisch und Englisch, aber auch weitere) wird WeChat zur Kommunikation in Chats, Sprachnachrichten usw. gebraucht?
Gibt es Sprachmischungsphänomene, und wenn ja, wie sind diese beschaffen?
Werden die gebotenen Möglichkeiten zur automatisierten Übersetzung von Texten innerhalb von WeChat genutzt?
Wird auf Sprachrichtigkeit geachtet?
Werden Elemente der Internetsprache, wie typische Abkürzungen, aber auch Emojis und Sticker, gebraucht, und welche Funktionen lassen sich dem Gebrauch von Emojis und Stickern zuschreiben?
Wird mehr an Schriftlichkeit oder Mündlichkeit orientiert geschrieben?
Die vorliegende Studie versteht sich als medienlinguistischer Forschungsbeitrag einerseits und als Beitrag zu einer china-orientierten, auch interkulturell orientierten Germanistik andererseits. Mit der Fokussierung auf den Messenger WeChat bekommt die Studie eine eigene, distinktive Perspektive, da eine Verbindung der deutsch-chinesischen interkulturellen