Postdigital: Medienkritik im 21. Jahrhundert. Peter Schmitt
Papier, Schrauben und Ähnliches konstituieren die erste Welle der Artifizialität. Nun erscheint eine zweite Welle zweiter Natur, die ihre flüchtige Präsenz durch so unterschiedliche Objektgestelle wie Kabel, Formeln, Funksignale, Bildschirme, Software, Kunstfasern etc. ausweitet.«36
Eine Beobachtung in der Straßenbahn lässt sich im Sinne Nigel Thrifts folgendermaßen deuten: Der beidhändig schnelltippende Teenager erfährt die erste und zweite Welle der zweiten Natur als gegeben und rauscht mit etwa 100 km/h durch die erste Natur. Diese nimmt er – wenn überhaupt – nur als dahingleitenden Hintergrund wahr, vor dem sich die weiteren Hintergründe der zweiten technischen Natur auffächern. Zur ersten Welle der zweiten Natur zählt die Straßenbahn selbst. Sie ist da, weil sie da ist. Sie ist jeden Morgen da, jeden Abend – die Straßenbahn ist, wie ein Baum, einfach da. Auch die zweite Welle der zweiten Natur ist einfach da. Der Apparat, die Musik, die Bilder. Die prinzipiell unhinterfragte Hinnahme des Hintergrundes als Konglomerat aller künstlichen Gegenstände bildet so etwas wie eine technische Bedingung unseres Lebens. »Wie hingezaubert offenbart sich jeden Morgen das Universum der Dinge vor den Menschen, niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, wohin sie gehen«. Konrad Paul Liessmann beschreibt mit diesem Szenario einen Umstand, der als weitere Bedingung des heutigen Lebens gelten kann, und deutet mit ihm eine weitere, diesmal metaphysische Verschiebung an: »Nun sind es die Dinge, die Artefakte, die Gegenstände, die Waren aller Art, von denen wir nicht zu sagen wissen, woher sie eigentlich stammen und welcher Zukunft sie nach ihrem Gebrauch, ihrer Nutzung, ihrer Verwendung entgegengehen. Abstrakt gesehen sind die Dinge Resultat und Produkt menschlicher Arbeit. Aber die Arbeit selbst ist aus dieser Welt anscheinend verschwunden. Die Präsenz der Dinge ist hingegen unübersehbar und überwältigend«37.
Gerade die vielen Laptops und Smartphones sind die archetypischen Gegenstände ohne Herkunft unserer Zeit. Die Rohstoffgewinnung in Afrika, die chinesischen Fabriklandschaften, in denen die Apparate unter zweifelhaften Arbeitsbedingungen gefertigt wurden, sind im Leben der Nutzer ebenso wenig existent wie die Programmierbüros im Silicon Valley. »Ihre Herkunft, ihr Entstehungsprozess […] liegt im Verborgenen. Nichts an ihnen deutet an, aus welchem Rohstoff sie entstanden, durch welche Hände sie gegangen und aus welchen Maschinen sie entsprungen sind, welche Fließbänder sie sortiert und welche Fahrzeuge sie transportiert haben. Eines Morgens sind sie da. Und nur gerüchteweise weiß der moderne Mensch von jenen Friedhöfen, Halden, Verbrennungsanlagen und Endlagern, wo die Dinge ihre letzte Bestimmung finden«38. Die letzte Bestimmung des Menschen scheint immer mehr eine technische zu sein.
Die Einspeisung in algorithmisierte Konnektivität wirft tatsächlich die Frage nach eigentlicher Handlungsmacht in digitalisierten Umwelten auf. Humane Handlungsautonomie in soziotechnischen Umgebungen wird in aktuellen Arbeiten zur »Neurotechnologie« virulent diskutiert. Gerade die Frage danach, »wer handelt und was funktioniert«, ist allerdings oft nicht so leicht zu beantworten.39 Im Kontext blackbox-artiger Verflochtenheit muss die Frage nach wirklicher autonomer Aktivität sogar zwingend neu gestellt werden. Das Handeln bzw. Reagieren der Menschen findet mittlerweile in einem vielschichtig aufeinander verweisenden Produktekanon statt, der in seiner Ausdifferenzierung immer komplexer werdenden Eigengesetzlichkeiten unterliegt. Die zweite Welle der zweiten Natur bringt so gesehen Naturgesetzmäßigkeiten zweiter Ordnung mit sich. »Durch die Einrichtungen intelligenter Umgebungen werden die Oberflächen und Texturen des Alltagslebens durch alle Arten von softwaregesteuerten Geräten verstärkt, gesteuert, angetrieben. Es geht um die Genese einer Prozessrealität, die immer mehr von dem, ›was einmal als menschlich erschien, in Form von kleinen kognitiven Assistenten, auf die nun präkognitiv zurückgegriffen wird, in die Umwelt verlegt‹, nicht ohne dabei gleich auch« – und das ist nun die entscheidende Pointe – »die neue technische Welt direkt ins Unbewusste einzuarbeiten«40. Es kommt mit der immer unscheinbarer werdenden maschinellen Umgebung zu einer radikalen ontologischen Umstellung. Die Internalisierung der »exterioren Maschinenkultur« führt zu einer Aushebelung der psychischen und kollektiven Strukturierungsmacht von Sprache, die – nach Guattari bereits in den 1980er Jahren – in einer Art »computergestützten Subjektivität« endet. Erich Hörl beschreibt die Entwicklung hin zur technischen Subjektivität folgendermaßen: »Auf den überkommenen subjektiven Transzendentalismus des Schriftzeitalters folgt die transzendentale Technizität einer ökotechnologischen Prozesskultur, die bereits unsere heutige Erfahrung grundiert«41. Nicht der Mensch in der Introspektion ist mehr fähig zur sublimen transzendentalen Erkundung seiner selbst, sondern über die Apparate wird diese – im deutschen Idealismus noch als explizites Indiz für das Menschsein schlechthin geltende – Fähigkeit ausgelagert.
Verzifferung
Diese Bedeutungsverschiebung verweist auf eine tieferliegende Dimension. Sie geht an die Grundfunktion des Computers: die Verzifferung. Friedrich Kittler stellte hier zunächst eine prinzipielle Nivellierung von Unterschieden fest: »Ob Digitalrechner Töne oder Bilder nach außen schicken, also ans sogenannte Mensch-Maschine-Interface senden oder aber nicht, intern arbeiten sie nur mit endlosen Bitfolgen, die von elektrischen Spannungen repräsentiert werden.«42 Der Unterschied zwischen Tinte auf Papier und symbolisierten Bitfolgen auf dem Monitor liegt insofern nicht in einem möglichen qualitativen Unterschied bezüglich der überbrachten Nachricht. Entscheidend ist – und hier wird es explizit medientheoretisch –, dass die Tinte auf Papier ein nachvollziehbares physisches Ereignis darstellt, während die symbolisierten Bitfolgen, samt der Programmierung des Computers, dem Lesenden verborgen bleiben. Tinte auf Papier lässt sich direkt anfassen, verwischen, riechen, falten, zerreißen, zerknüllen, abfotografieren. Die unendlichen Rechenfolgen samt ihrer Materialien, also der Siliziumchips zur Verarbeitung und Speicherung, der Golddrähte und Kupferbahnen zur Übertragung, der optischen Systeme aus Glasfaserkabeln bis hin zu den optischen Schaltkreisen, bleiben im Verborgenen. Die wahre Digitalität zeigt im Grunde nur ihr Rechenergebnis in Form von Pixeln auf dem Bildschirm. An sich ist das mediale Ereignis selbst unbeobachtbar. Was der Leser der auf dem Monitor aufblinkenden Zeilen sieht, sind ausschließlich die Effekte der digitalen Rechenleistung. Tatsächliches Material des Mediums ist (ab den frühen 1950er Jahren) die unendliche nackte Zahlenkolonne.
Erst mit der Einführung von Betriebssystemen (bspw. UNIX ab den 1960er Jahren) wurde aus der Zahlenkolonne so etwas wie eine eindimensionale Kommandozentrale. Mit ihr fand die erste Verdeckung, eine erste Entstellung des Materials statt, die es zudem manipulierbar machte. Im nächsten Schritt entwickelte Apple (ab den 1970er Jahren) eine graphische oder zweidimensionale Benutzeroberfläche, und damit kam eine weitere Dimension des Verbergens und der Manipulierbarkeit hinzu. Somit stehen wir mit einem Betriebssystem und der zugehörigen Benutzeroberfläche bereits vor der zweifachen Brechung des ursprünglichen Materials. »Was sich in Siliziumchips, die aus demselben Element wie jeder Kieselstein am Wegrand bestehen, rechnet und abbildet, sind symbolische Strukturen«. Kittler nennt es »Verzifferungen des Reellen«43. Die Verzifferung des Reellen, die hinter ihrer Entschlüsselung stattfindenden mathematischen Gleichungssysteme, die endlosen Bitfolgen, die als elektrische Spannungen repräsentiert werden, die komplexe Genese der Pixel und Symbole also, die auf dem Bildschirm erscheinen, sind allesamt Ereignisse, die dem Nutzer zum einen verborgen bleiben und ihre Wirkung haben. Die Überlagerung des eigentlichen Materials, sprich: der unendlichen Zahlenkolonnen, die Unkenntnis der Programme, die codierten Ideen der Programmierer, ein fehlendes Bewusstsein für deren Macht, die blinde Verwendung von Benutzeroberflächen und Betriebssystemen machen den vermeintlich neutralen Nutzer zum gelenkten Nutzer, zwingen ihn in die reduzierte Rolle des Anwenders.
Es ist ganz gleich, was man mit dem Computermedium macht, es bleibt die Illusion des Anwenders, eigenen Impulsen genuiner Kreativität gefolgt zu sein. Denn gefolgt ist man ausschließlich einem ganzen Konglomerat an Vorbedingungen, die zur Verdeutlichung nochmal aufgezählt werden: dem Programmierer, dem Programm, der Benutzeroberfläche, dem Betriebssystem und schließlich den Zahlenkolonnen der Bits und Bytes. Illusionär ist die Vorstellung von einer wirklich autonomen Nutzung des Computermediums ohne fundiertes Wissen zu Programmiersprachen, Programmierern, Betriebssystemen, zugehörigen Machtzentren. Wer nicht die Programmiersprachen samt mathematisch-physikalischem und technischem Wissen beherrscht, ist – wie Vilém