Das gefälschte Testament und andere Mordfälle aus Mitteldeutschland. Griseldis Wenner
Mut und Energie bekommen, vor allem war ich auf Preßler mehr wie ärgerlich. Ich behandelte ihn absichtlich niederträchtig, denn er sollte mich satt bekommen. Es gab schließlich einen lebhaften Auftritt mit Preßler, der zum vollständigen Bruche führte. Ich atmete auf, wie von einer schweren Last befreit. Nun schien die Sonne auch wieder für mich. Kaum war ich zu Hause angekommen, da traf auch schon ein eingeschriebener Brief von der Mutter Preßlers ein, in dem sie mich dringend bat, den zurückgegebenen Verlobungsring wiederzunehmen. Sie schrieb: ›Seien Sie sicher, mein liebes Kind, Karl wird Sie glücklich machen.‹ Meine Mutter redete mir zu, und ich gab nach.«
Vom Vorsitzenden Richter nach den Ereignissen am Tattag befragt, schilderte Grete Beier, was sich am 13. Mai 1907 in Preßlers Chemnitzer Wohnung abgespielt hatte, ganz so, wie es den ermittelten Fakten der Kriminalbehörde entsprach.
Wenige Tage nach der Tat hatte sie an ihren Geliebten Merker einen Brief geschrieben: »Siehst du, du wolltest es nicht glauben, und nun ist es Wahrheit geworden. Er hat sich in seiner Wohnung erschossen … Nun bin ich wirklich frei, mein Schatz, aber nicht durch eine Entlobung, sondern Gott selbst hat gerichtet.« Womöglich glaubte sie selbst an diese Version.
Am 27. Juni 1907 war Grete Beier verhaftet worden. Im September wurde Merker wegen Begünstigung und Hehlerei festgenommen. Er spielte eine klägliche Rolle und belastete seine Geliebte mit vielen Aussagedetails, um sich selbst beim Untersuchungsrichter in ein gutes Licht zu setzen.
Unter allgemeiner Spannung wurde nun der Kaufmann Hans Merker als Zeuge aufgerufen. Bei seinem Eintritt in den Gerichtssaal warf er der Angeklagten einen flüchtigen Blick zu, die Angeklagte schlug die Augen zu Boden.
Merker bekundete: »Ich lernte Grete Beier auf einem Maskenball des Kaufmännischen Vereins in Freiburg im Jahre 1905 kennen. Ich glaubte, sie sei ein gebildetes Mädchen aus guter Familie, das, was wir eine ›Kronleuchterpartie‹ nennen. Ich wusste nicht, dass sie schon vorher mit anderen Männern Verkehr gehabt hatte. Nach einiger Zeit bestellte sie mich des Nachts zu sich, ohne dass ich wusste, weshalb das geschah. Diese nächtlichen Zusammenkünfte wurden immer häufiger, und um sie zu rechtfertigen, sagte mir Grete Beier, ihre Eltern sähen unseren Verkehr nicht gern. In der Folgezeit kam es wieder zu nächtlichen Zusammenkünften. Den Preßler schilderte sie mir als einen ganz ehrlosen Menschen. Umso strenger musste ich natürlich auf der Entlobung bestehen. Da machte mir Grete Beier eines Tages die Mitteilung, dass sie sich ›in anderen Umständen‹ befinde. Am 21. Oktober 1906 wurde ich auf Veranlassung des Bürgermeisters meine Stellung los und musste nach Dresden gehen. Ich war längere Zeit dort, als ich einen Brief bekam, dass Grete geboren habe. Ich fragte telefonisch bei ihrem Vater an, der mir sagte, es ginge Grete recht gut. Ich erwiderte: ›Machen Sie mir doch nichts vor, ich habe einen Brief in Händen, dass Grete geboren hat. Wenn ich etwas von einer Abtreibung erfahren sollte, gehe ich energisch gegen Sie vor.‹ Kurze Zeit darauf schrieb mir Grete, sie sei jetzt dahintergekommen, was man mit ihr vorhabe. Sie habe einen Brief gefunden, aus dem klar hervorgehe, dass Preßler und ihre Mutter unter einer Decke stecken. Preßler habe sich ein außerordentlich gutes Abtreibungsmittel aus Mailand kommen lassen, das ihn viel Geld gekostet habe.«
Der Vorsitzende warf ein: »Das ist doch aber alles nicht wahr.«
Draufhin Merker: »Damals habe ich es aber geglaubt. Grete hat mir gesagt, sie werde an Preßler schon Rache nehmen. Preßler müsse vor Scham vor ihr noch in die Erde sinken. Sie wolle dafür sorgen, dass wir beide zusammenkämen, aber ihr Vater solle nichts davon wissen, dass ihre Mutter und Preßler Hand in Hand arbeiteten. Später bestellte mich der Vater Beier zu sich, und Grete musste mir in seiner Gegenwart sagen, dass die Sache mit dem Preßlerschen Abtreibungsmittel nicht wahr sei. Um dem Vater zu Gefallen zu sein, sagte sie es auch, aber als ich nachher mit ihr allein war, sagte sie mir, es sei doch wahr. Inzwischen drängte ich immer energischer auf die Entlobung, weil ich von meinen Gläubigern auch gedrängt wurde. Der Bürgermeister war bereit, mir Geld zu geben, das offenbar dazu benutzt werden sollte, um mich zum Schweigen zu veranlassen.«
Nach weiteren Zeugenverhören wurden den Geschworenen die Schuldfragen vorgelegt: 1. Ist die Angeklagte Margarete Beier schuldig: a) am 15. Mai 1907 zu Chemnitz vorsätzlich ihren Bräutigam Kurt Preßler getötet und b) diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben? 2. Ist die Angeklagte Margarete Beier schuldig: a) das Testament ihres Bräutigams fälschlich angefertigt und zum Zwecke der Fälschung gebraucht zu haben, b) durch diese Urkundenfälschung sich oder einem andern einen rechtswidrigen Vermögensvorteil hat verschaffen wollen?
Nach kurzer Beratung bejahten die Geschworenen beide Schuldfragen. Der Gerichtshof verurteilte darauf die Angeklagte zum Tode.
Grete Beier nahm das Urteil ruhig und gefasst entgegen. Sie sprach noch einige Worte mit ihrem Verteidiger und verabschiedete sich von ihm durch Händedruck. Sie ließ sich darauf widerstandslos zurückführen.
Die Geschworenen unterstützten einstimmig das Begnadigungsgesuch des Verteidigers. Doch der König von Sachsen ließ wissen: Er fühle sich nicht veranlasst, von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch zu machen.
Infolgedessen erfolgte am 23. Juli 1908 im Hofe des Freiberger Gerichtsgefängnisses durch den sächsischen Landesscharfrichter die Hinrichtung der Grete Beier mittels Guillotine.
Zweihundert Eintrittskarten waren für die Hinrichtung ausgegeben worden, 1400 Menschen hatten um Einlass gebeten. Zwanzig Mark bot man für eine Karte, Fensterplätze in den benachbarten Häusern wurden zu fünf Mark gehandelt.
Grete Beier betrat, geführt von ihrem Verteidiger und dem Gefängnisgeistlichen, das Schafott. Sie rief mit lauter Stimme: »Vater, Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!« Kaum hatte sie das letzte Wort gesprochen, da sauste das haarscharfe Messer hernieder, das glatt den Kopf vom Rumpfe trennte.
In dem gefälschten Testament, das Grete Beier ihrem Bräutigam unterschob, hatte sie formuliert, was sie vielleicht als ihren eigenen Lebensanspruch ansah: »Lebt alle wohl und amüsiert euch recht gut auf der Welt, ich hab’s reichlich genossen! Es gibt ja doch nichts mehr nach dem Tode!«
Erich von Liebermann
Otto Trettin
Das Mörderpaar Koppius
Ein Bestseller,
der nie geschrieben wurde
Bücher haben ihre Schicksale, heißt es. Es mag unvorstellbar sein, dass ein Autor einen Verleger durch Morddrohungen erpresst, ein Manuskript zu veröffentlichen. In der Buchstadt Leipzig ereignete sich jedoch im Jahr 1908 genau solch ein Fall.
Am Heiligabend ging bei der Firma J.J. Weber, die die »Illustrirte Zeitung« herausgab, ein Brief ohne Absender ein, der im großen Stapel der Weihnachtspost keine Beachtung mehr fand. Am Vormittag des ersten Weihnachtstages las der Verlagsbuchhändler Siegfried Weber diesen Brief. Ein Mann namens Argus verlangte von ihm, er solle am Heiligabend bis 18 Uhr im Zeitungskiosk am Alten Theater 5000 Mark in Gold hinterlegen. Und das als Vorschuss. Sobald ein bestimmtes Buch fertig sei, müssten dann noch einmal 5000 Mark gezahlt werden.
»Schreiber dieses bietet Ihnen ein Werk an, wie es die Welt bisher noch nicht gesehen«, las Weber, »ein Werk von eminenter aktueller Bedeutung!« Argus bot Weber seine »Memoiren« zum Druck an, einen Bericht über dreißig eigenhändig ausgeführte Morde. Einen davon, gewissermaßen als Eignungstest für den Druck des Buches, schilderte er gratis bis in die Einzelheiten. Es war der Doppelmord an einem Ehepaar im östlichen Stadtgebiet Leipzigs. Nun wäre das bis hierher ein ganz origineller Einfall gewesen, wenn – ja, wenn sich dieser Doppelmord nicht tatsächlich zugetragen hätte …
Am 2. November 1908 suchte der Geldbriefträger das Haus Windmühlenstraße 21 auf, um eine Postanweisung über 8,25 Mark an Paul Schlegel auszuzahlen, der vier Treppen hoch bei dem Ehepaar Friedrich wohnte. Er braucht gar nicht zu klingeln, denn in der Tür steht ein Kollege, der für einen anderen Logisherren der Friedrichs eine Nachnahme zu überbringen hat. Da der Empfänger nicht anwesend ist, wäre das Geschäft des Briefträgers erledigt. Aber er hat es nicht eilig und wartet, bis sein Kollege dem jungen Mann, der sich als Paul Schlegel meldet – offenbar ein neuer Untermieter der Friedrichs –, den kleinen Betrag ausgezahlt hat. Gemeinsam