Das gefälschte Testament und andere Mordfälle aus Mitteldeutschland. Griseldis Wenner

Das gefälschte Testament und andere Mordfälle aus Mitteldeutschland - Griseldis Wenner


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der Männer, die wie Wilhelm II. gezwirbelte Bärte trugen, und der korsettgeschnürten Frauen unwohl. Mit glühenden Wangen las sie die Schriften Lily Brauns, heiße Tränen vergoss sie über das Schicksal der »Nora« von Ibsen, und fiebernd vertiefte sie sich in die Dramen Strindbergs und Wedekinds. Als sie mit siebzehn Jahren das Lyzeum für höhere Töchter verließ, stand ihr Entschluss fest: Sie wollte Schauspielerin werden! Der Vater gab nach, allerdings nur unter einer Bedingung: Er musste Gewissheit haben, dass die Tochter wirklich begabt war. In Dresden lebte zu dieser Zeit die Hofschauspielerin Clara Salbach, eine bedeutende Künstlerin, die sich der Ausbildung des schauspielerischen Nachwuchses widmete. Von ihr ließ sich Annemarie auf Verlangen des Vaters prüfen. Die fachlich überaus erfahrene Frau erkannte, wie sie später erklärte, dass Annemarie »alle Voraussetzungen für eine Schauspielerin großen Formats« besaß und erklärte sich bereit, Annemarie für die Theaterlaufbahn vorzubereiten. Die Siebzehnjährige begann unter der Leitung der Clara Salbach mit Feuereifer zu studieren.

      Um diese Zeit lernte sie den angehenden Gerichtsassessor Otto Donner kennen, über den es hieß, er sei ein Mann von »sittlicher Überzeugung und gesellschaftlicher Korrektheit«. Donner war das, was man eine »erstklassige Partie« zu nennen pflegte – Akademiker, Reserveoffizier und vermögend – und bemühte sich um die Tochter eines Textilindustriellen. Der Vater aber prüfte den Schwiegersohn in spe und stellte fest, dass auf der Familie »durch Vererbung eine schwere Gemütskrankheit« laste. Donner musste gestehen, dass sich einer seiner Brüder »im Irrenhaus« befand. Als ihm daraufhin die Hand des Mädchens verweigert wurde, war das ein schwerer Schlag für sein Selbstbewusstsein. Nur wenig später warb er um Annemarie. Die Achtzehnjährige fühlte sich zunächst geschmeichelt. Den steifen, pedantischen Mann zu heiraten, zögerte sie jedoch und offenbarte sich Clara Salbach. Die alte, erfahrene Schauspielerin sprach sich für die Heirat aus: »Einen besseren wirst du nicht finden.« Noch vor Annemaries neunzehntem Geburtstag fand die Hochzeit statt. Das junge Paar zog nach Niederlößnitz. Nach einem Jahr wurde ein Sohn, Eitel-Friedrich, geboren. Nach abermals einem Jahr brach der erste Weltkrieg aus. Der Assessor wurde als Reserveoffizier eingezogen. 1916 kam die Tochter Eva zur Welt. Im Dezember 1918 kehrte der Oberleutnant der Reserve zu seiner Familie zurück und starb knapp anderthalb Jahre später bei dem Unglücksfall, den die Bewohner von Niederlößnitz so skeptisch sahen. Schließlich aber verebbte das Gerede.

      Doch plötzlich bekam der Kleinstadtklatsch neue Nahrung. Etwa drei Monate nach dem Tode des Assessors zog in das Einfamilienhaus ein junger Mann, der die groben Wirtschaftsarbeiten besorgte, den Garten in Ordnung hielt und sich auch als Hilfsmonteur sein Geld verdiente. Annemarie pflegte diesen jungen Mann, Otto Krönert, als einen entfernten Vetter vorzustellen. Sein Auftauchen in Niederlößnitz ließ in dem kleinen Ort alle alten Klatschereien über das unheilvolle Ende des Gerichtsassessors wieder lebendig werden. Wiederholt erhielt die Dresdner Kriminalpolizei »wohlgemeinte Hinweise« – teils anonym, teils mit Namensunterschrift –, dass die Beziehungen zwischen diesem entfernten Vetter und der Witwe nicht geheuer seien und zweifellos intime Bindungen zwischen beiden bestehen würden, was den angeblichen Unglücksfall doch in ein seltsames Licht rücke, und ähnliche Andeutungen mehr. Etwas Greifbares enthielten alle diese Hinweise jedoch nicht.

      Inzwischen jährte sich der Todestag des Assessors zum sechsten Mal. Man schrieb April 1926. Da ging bei der Dresdner Kriminalpolizei ein Schreiben ein, das den Beamten zu denken gab.

      Der anonyme Briefschreiber berichtete, dass vor einigen Tagen eine Filmgesellschaft gerade vor dem Einfamilienhaus der Donners drehte, wobei sich viele neugierige Zuschauer eingefunden hatten. In der Filmszene musste ein Schauspieler, verfolgt von anderen, die Straße hinunterlaufen. Auf der Höhe des Einfamilienhauses sollte ihm das Aussichtslose der Flucht klarwerden und er kurz entschlossen über das Gitter des Vorgartens hinwegsetzen und in der Villa verschwinden. Natürlich wäre hierzu, wie der Regisseur sagte, die Genehmigung des Villenbesitzers erforderlich, die er gleich einholen wollte. Der Regisseur begab sich, begleitet von dem Schauspieler, zu der Villa. Hinter dem Vorgartenzaun hatte der dreizehnjährige Eitel-Friedrich aufmerksam die Filmleute beobachtet. Als der Regisseur fragte, ob sein Vater oder seine Mutter zu Hause wären, habe der Junge seine Mutter gerufen. Als der Schauspieler, der an dem Zaun neben dem Regisseur stand, Annemarie Donner sah, begrüßte er sie lauthals mit großer Freude. Dabei nannte er sie Amrie Delmar. Diese Begrüßung war der Frau alles andere als angenehm. In diesem Augenblick kam der entfernte Vetter Otto Krönert vom hinteren Garten nach vorn. Auch diesen begrüßte der Schauspieler wie einen alten Bekannten. Bei dieser Begrüßung sprach er die »höchst verdächtigen Worte«, die der Briefschreiber, der sich unter den herumstehenden Neugierigen befand, deutlich mit eigenen Ohren gehört hätte: »Das ist ja klar. Wo Amrie Delmar ist, kann Otto Krönert nicht weit sein!«

      So weit der Inhalt des Schreibens, an den der anonyme Absender noch eine ganze Anzahl von Vermutungen knüpfte, die allesamt in der Feststellung mündeten, dass es eben bei dem »angeblichen Unglücksfall des Assessors nicht mit rechten Dingen zugegangen« sein könne.

      Die Kriminalpolizei entschloss sich, den Schauspieler, dessen Name in dem anonymen Schreiben genannt war, zu befragen.

      Eine Annemarie Donner kannte der Schauspieler nicht. – Die Eigentümerin der Villa in Niederlößnitz, wo die Filmaufnahmen gedreht wurden? – Ja, die kenne er, und zwar sehr gut! Das sei eine gewisse Amrie Delmar. Möglich, dass das nur ihr Künstlername sei. Aber so habe sie sich in der Dresdner Filmschule nennen lassen, an der er, der Schauspieler, sich im Sommer 1919 – »Gott, das ist ja nun schon bald sieben Jahre her!« – eingeschrieben hatte. Von dieser Filmschule her kannte er Amrie Delmar. – Ob sie damals verheiratet gewesen sei? – Kein Gedanke! – Kinder? – Davon war nie die Rede, nein, Amrie Delmar sei damals bestimmt unverheiratet gewesen, zumal sie … »aber das gehört ja wohl nicht hierher, die Sache mit Krönert, jawohl, Otto Krönert, auch er war damals Schüler an der Filmschule«. Dort habe ja Krönert die Amrie kennengelernt. Er erinnere sich, »als ob es gestern gewesen wäre. Eine Liebesszene sollte probiert werden, ausgerechnet Otto und Amrie wählte der Lehrer für dieses Exempel aus der Schar der Filmschüler. Zu Anfang ging’s nicht. Jede Bewegung, wie sie den Arm um seinen Nacken legt, er ihren Kopf zum Kuss in beide Hände nimmt, war unecht, steif. Aber mit einem Male hatten’s beide raus. Mit einem Male saß es, und zwar so gut, dass sie gleich dabei blieben. Aus der Probe wurde Ernst, davon wurde ganz offen in der Schule geredet, zumal die beiden selbst gar kein Geheimnis daraus machten.« Deswegen sei er auch nicht überrascht gewesen, dass neulich im Vorgarten der Villa hinter Amrie auch Otto aufgetaucht sei.

      Der »entfernte Vetter« war also bereits 1919 der Liebhaber der damals doch glücklich verheirateten Annemarie Donner gewesen. Merkwürdig. Ebenso merkwürdig, dass die Frau eines achtbaren Gerichtsassessors sich unter fremdem Namen zur Filmschauspielerin ausbilden ließ und an der Filmschule keinem verriet, dass sie verheiratet und Mutter zweier Kinder war.

      Die Beamten der Dresdner Kriminalpolizei gingen daran, diese Merkwürdigkeiten zu klären. Wer könnte Auskunft darüber geben, was sich zu Lebzeiten des Assessors hinter den Kulissen abspielte? Wer hatte denn damals im Jahre 1919 noch zum Haushalt gehört?

      Die Eintragungen im Melderegister gaben Auskunft: von April 1919 bis Ende des Jahres war eine »Stütze« aus Ostpreußen im Haushalt des Assessors tätig. Und diese Hausgehilfin, deren augenblicklicher Aufenthaltsort rasch ermittelt war, hatte auch etwas erzählen: Die Ehe war überaus schlecht gewesen. Immer häufiger hatte es Auseinandersetzungen gegeben, mitunter sogar Tätlichkeiten. Grund waren die materiellen Verhältnisse. Das Vermögen des Assessors begann in der einsetzenden Inflation zu zerrinnen, das Monatsgehalt war schmal. Immer wieder machte er seiner Frau Vorwürfe, verlangte von ihr in pedantischer Art haargenaue Abrechnungen und brachte sie mit seinen kleinlichen Mahnungen zur Verzweiflung. Das eskalierte, als der Assessor etwa im Mai 1919 seiner Frau jede Verfügungsmöglichkeit über den Haushalt entzog und die Stütze als Verwalterin der Hauswirtschaft einsetzte. Diese Demütigung konnte Annemarie Donner nicht verwinden. Sie wollte beweisen, dass sie aus eigener Kraft in der Lage war, Geld zu verdienen. Sie wollte zum Film! Zunächst wollte der Assessor nichts davon hören. Nach langen und heftigen Kämpfen gab er schließlich nach und willigte ein, dass sich seine Frau bei einer Dresdner Filmschule anmeldete. Auf seinen »guten Ruf« und seine Karriere bedacht, machte er zur Bedingung, dass dies nicht »unter seinem


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