Alpsegen. Philipp Probst
fror. Er rollte die Ärmel seines Hemdes hinunter. Er hatte Durst und schob sich etwas Schnee in den Mund. Er stand auf und blickte um sich. Kobi war viel weiter unten, rannte jetzt aber zu ihm herauf.
Res wollte ihm entgegengehen, doch dann entdeckte er Skispuren. Sie stammten wohl von den letzten Tourenfahrern dieses Frühlings. Res folgte ihnen. Sie führten der Felswand entlang zur Krete. Dort verloren sie sich. Die Stürme hatten den Schnee weggetragen. Wahrscheinlich hatte sich auf der Krete eine gefährliche Wächte gebildet, ein gefährlicher Überhang aus Schnee. Trotzdem ging Res weiter.
Nicht nach Hause. Er konnte nicht. Es trieb ihn weiter bergauf.
Auf der anderen Seite des Bergkamms musste dieser Couloir sein – der Eiskanal. Dieser enge Korridor zwischen den Felsen, im Winter ein Adrenalinkick für gute Skifahrer.
Am Himmel funkelten die ersten Sterne. Die Venus strahlte hell. Die schmale Sichel des Mondes erhob sich über dem Horizont. Wind kam auf. Res ging weiter Richtung Krete. Kobi blieb vor dem nächsten Schneefeld stehen, liess Res vorbei und machte keinen Schritt weiter.
«Los, komm, wir gehen da lang!», rief Res.
Doch Kobi bewegte sich nicht mehr. Er bellte. Wedelte. Bellte erneut. Drehte sich um und trabte den Berg hinunter. Blieb wieder stehen und kläffte. Er streckte dabei die Vorderpfoten aus und duckte sich.
Res stapfte durch das Schneefeld. Weiter Richtung Krete und dann diesen Kanal hinunter! Nein, unmöglich! Der Eiskanal war viel zu steil, fast senkrecht. Er würde ihn schon gar nicht erreichen. Denn jetzt erkannte er deutlich die mächtige Wächte. Wenn er sie betreten würde, würde er einbrechen, eine Lawine aus Eis, Nassschnee und Steinbrocken auslösen.
Trotzdem trieb es ihn weiter.
Hier war es also passiert. Hatte seine Mutter wirklich nur den Adrenalinkick gesucht? Sie war eine ausgezeichnete Skifahrerin, sie kannte jede Abfahrt, jede Route, jeden Stein, jeden Baum. Auch den Eiskanal.
«Dieser verdammte Eiskanal», murmelte Res.
Tanze mit dem Schnee, hatte seine Mutter immer gesagt. Und war über den Schnee geschwebt, hatte ihre langen Haare im Wind herumwirbeln lassen und vor Freude laut gejauchzt und gesungen.
Hatte sie geschrien, als sie in den Tod stürzte?
Res zog es weiter. Kobi war ihm jetzt doch gefolgt, bellte ihn aber immer wieder an.
«Du findest den Weg nach Hause auch ohne mich», rief Res dem Labradormischling zu. Dieser kauerte im Schnee und kläffte nun ununterbrochen.
Doch Res ging weiter. Er sank immer tiefer ein. Manchmal bis zu den Oberschenkeln. Hier lag deutlich mehr Schnee. Res spürte Felsen unter seinen Füssen. Noch stand er also nicht auf der Wächte, nicht über dem Abgrund. Er machte vorsichtig einen Schritt. Sank erneut ein. Fand aber wieder Halt.
Er hörte ein leises Grollen. Dann Steine aufschlagen. Sie stürzten auf der anderen Seite des Kamms den Eiskanal hinunter. Die Aufschläge wurden immer leiser, aber sie waren noch lange zu hören. Die Furche war tief.
Noch einen Schritt. Noch immer fester Boden unter dem Schnee.
Weiter! Weiter! Res hörte das Bellen des Hundes nicht mehr.
Plötzlich eine Frauenstimme. Sie rief seinen Namen, seinen Taufnamen. «Andres!» Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er schaute sich um. Aber niemand war zu sehen.
«Andres!»
Res blieb stehen. Keuchte. War es die Stimme seiner Mutter? Er war sich nicht sicher. War es möglich, dass er sich nicht an ihre Stimme erinnern konnte? Egal. Er ging weiter. Er musste weitergehen. Jetzt. Der Wind wurde stärker. Es war ein eiskalter Wind.
«Andres!»
Noch ein Schritt. Wieder spürte er festen Boden. Weiter! Der nächste Schritt …
Kein fester Boden mehr.
«Andres!»
1
Selma wollte gerade den Spachtel mit der roten Farbe auf ihrer Leinwand ansetzen, als sie im Treppenhaus ein Poltern hörte. Sie ignorierte den Lärm und strich mit dem Spachtel schwungvoll von links nach rechts über die aufgespannte Fläche. Dann kniff sie die Augen zusammen und stellte zufrieden fest, dass zumindest der Anfang vielversprechend wirkte.
Es polterte erneut im Treppenhaus. Selma seufzte und wartete. Sie ahnte, was jetzt kommen würde.
«Mon dieu!» Es war die Stimme ihrer Mutter. Solange ihre Mutter noch «Mon dieu» rufen konnte, war alles halb so schlimm. Selma blieb ruhig und wartete auf den nächsten Einsatz ihrer Mama.
«Selmeli!»
«Voilà», murmelte Selma und verdrehte die Augen. Sie konnte es nicht leiden, wenn ihre Mutter sie mit «Selmeli» ansprach. Der Kosenamen erinnerte sie zu sehr an das alte Basler Stadtoriginal Selmeli – jene gute Seele, die immer an der Herbstmesse Popcorn verkauft und Geld für benachteiligte Kinder, Jugendliche und Senioren gesammelt hatte.
«Selmeli!», rief Mutter erneut. Selma legte den Spachtel auf die Farbpalette. Sie kniff noch einmal die Augen zusammen und stellte sich nun den nächsten Strich auf der Leinwand vor. Er müsste dieses Mal von rechts nach links führen. Und nach oben …
«Selmeli!» Und einige Sekunden später ein energisches: «Selma!»
Das war nun das entscheidende Stichwort. Selma wischte sich die Hände am Schurz ab, öffnete die Türe des Malateliers im Dachgeschoss, schaute ins Treppenhaus hinunter und rief: «Mama? Alles in Ordnung?»
Keine Antwort. Was Selma aber nicht erschreckte. Es war schliesslich nicht der erste Treppensturz ihrer Mutter. Selma kletterte die steile Holztreppe bis zu ihrer Wohnung im dritten Stock hinunter. Hier begann das eigentliche Treppenhaus mit Handlauf. Selma setzte sich auf den Handlauf und rutschte gekonnt zum zweiten Stock hinunter.
«Charlotte! Was ist passiert? Bist du verletzt?» Das war Leas Stimme, der Coiffeuse aus dem Erdgeschoss, die dort ihren Salon hatte.
Selma rutschte vom zweiten in den ersten Stock.
«Danke, Lea, sehr nett. Meine Tochter kann oder will mich nicht …»
«Ich bin da, Mama!», rief Selma und rutschte noch eine Länge Richtung Erdgeschoss. Lea half Charlotte gerade beim Aufstehen. Auf der Steintreppe lag eine Tasche mit Einkäufen. Zwei Brötchen und einige Kartoffeln waren herausgepurzelt. Eine Stufe höher lag ein Bund Pfingstrosen.
«Endlich», bemerkte Charlotte trocken und schaute Selma finster an.
«Hast du dir weh getan?»
«Natürlich nicht», sagte Charlotte geistesabwesend, denn sie war ganz darauf konzentriert, ihre langen, bordeauxrot lackierten Fingernägel zu begutachten. «Glück gehabt, meine Nägel sind heil geblieben. Aber meine Frisur sitzt wohl nicht mehr korrekt.»
Lea strich einige der weissen Strähnen von Charlotte Legrand-Hedlunds Haaren zurecht: «Alles bestens, Charlotte. Obwohl, wir müssten deine Bob-Frisur mal wieder ein bisschen in Schuss bringen.»
«Hach, Lea», meinte Charlotte in einem deutlich höheren Tonfall. «Was bist du doch für ein geschäftstüchtiges Fräulein.» Sie warf Selma einen strengen Blick zu: «Da könntest du von deiner Freundin etwas lernen.»
«Mama, ich arbeite! Ich war am Malen.»
«Ja, ja, die brotlose Kunst.»
Selma sammelte die Brötchen und die Kartoffeln ein, legte sie in die Tasche und schnappte sich dann die Pfingstrosen.
«Die sind übrigens für dich», sagte Charlotte lakonisch. «Damit wenigstens ein bisschen Farbe in dein Leben kommt.»
«Meine schwarze Phase ist längst vorbei. Ich male jetzt wieder mit allen möglichen Farben.»
«Aha, schön, gratuliere. Ich habe aber nicht die Farben auf der Leinwand gemeint, sondern die Farben in deinem Leben.»
Selma verkniff sich jeden Kommentar, weil