Alpsegen. Philipp Probst
solle.
«Nicht nötig, François hat sicher Wichtigeres zu tun, als sich um eine alte Schachtel zu kümmern. Im Übrigen ist nur meine Strumpfhose am Knie etwas lädiert.»
Selma führte ihre Mutter in deren Wohnung im ersten Stock und setzte sie aufs alte und etwas abgewetzte Biedermeier-Sofa. Das Sofa passte so gar nicht in Charlottes Wohnung mit all den weissen Möbeln im schwedischen Landhausstil. Und sonderlich bequem war es auch nicht. Aber es war halt ein Erbstück der Legrands.
Selma begutachtete das linke Knie. Aus dem Badezimmer holte sie einen Wundspray und ein Pflaster und behandelte die kleine Schürfung. «Die Strumpfhose ist futsch, aber das Knie ist so weit in Ordnung», diagnostizierte Selma.
«Die Strumpfhose kann man doch noch flicken», räsonierte Charlotte.
«Sie ist gerissen, Mama. Aber zum Glück ist dir nichts passiert. In einigen Tagen sollte die Wunde verheilt sein.»
«In meinem Alter dauert das Wochen, Liebes. Jetzt kann ich wieder nur schwarze Strumpfhosen anziehen und sehe aus wie eine alte Tante.»
«Du kannst ja auch Hosen anziehen. Aber nicht die engen! Du musst halt mal die weiten aus der Kommode ausgraben, okay?»
Charlotte warf ihrer Tochter nur einen grimmigen Blick zu.
«Und Mama», fuhr Selma fort, «wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst keine schweren Taschen die Treppe hinaufschleppen? Und dann noch in diesen Schuhen! Du bist doch schon einige Male gestolpert.»
«Was ist denn mit meinen Schuhen?», fragte Charlotte empört, stellte ihren rechten Fuss schräg und betrachtete lächelnd ihre schwarzen Pumps.
«Das sind High-Heels!», sagte Selma.
«Aber, aber, Liebes. Ich bitte dich!»
«Für eine ältere Dame sind fünf Zentimeter hohe Absätze High-Heels.»
Charlotte Legrand-Hedlund zog ihren Fuss zurück, erhob sich mit einem leisen Stöhnen und zog ihren enganliegenden, hellblauen Jupe nach unten. Energisch meinte sie zu ihrer Tochter: «Keine Diskussion. Und nein, ich werde niemals ins Altersheim gehen. Nur falls du beabsichtigst, dies in deiner Ansage noch zu erwähnen. Das Altersheim ist zu teuer. Zudem müssten wir dann diese Wohnung neu streichen, um sie überhaupt vermieten zu können.»
«Einfach die Wände anpinseln hilft nicht, Mama. Wir müssten eigentlich das ganze Haus sanieren.»
«Eben.»
Charlotte zog ihre Pumps aus und humpelte in die Küche. Selma holte die Einkäufe und half ihr beim Einräumen.
«Danke», sagte Charlotte schliesslich. «Und vergiss die Pfingstrosen nicht, Selmeli.»
«Ja, Mama. Danke. Und bitte, zum tausendsten Mal, nenn mich nicht Selmeli, vor allem nicht vor anderen Leuten. Es nennt mich niemand mehr Selmeli.»
«Ach was, Liebes.»
Ja, es gab tatsächlich noch jemand, der Selma Legrand-Hedlund Selmeli nannte. Und sie auch durchaus wie ein kleines Mädchen behandelte. Aber von dem hatte sie schon länger nichts mehr gehört.
2
Gedankenverloren stieg Selma die Treppe hinauf. Im zweiten Stock blieb sie kurz stehen, legte ihr Ohr an die Wohnungstüre. Es war nichts zu hören.
Wie viele Jahre waren vergangen, als sie das letzte Mal in dieser Wohnung war? Wie es da drin wohl aussah? Hatte ihre Mutter sie jemals wieder betreten? Selma wusste es nicht. Und getraute sich auch nie, danach zu fragen. Das war ein schwieriges Thema. Ein ganz, ganz schwieriges. Elin, Selmas jüngere Schwester, hatte an einem Heiligen Abend einmal gefragt. Ausgerechnet am Heiligen Abend!
Charlotte Legrand-Hedlund hatte danach kein Wort mehr gesprochen. Dafür hatte sie im Wandtresor nachgeschaut, ob der einzig bekannte Schlüssel zu dieser Wohnung noch dort lag. Zuvor hatte sie einen Hofknicks gemacht, denn der Tresor war hinter einem Gemälde von Gustav IV Adolf versteckt, dem abgesetzten schwedischen König, der anfangs des 19. Jahrhunderts für einige Zeit in Basel im Exil gelebt hatte.
Selma ging hinauf zu ihrer Wohnung, stellte die Pfingstrosen in eine Vase und schaute zum Fenster hinaus auf den Rhein. Ihre Gedanken rotierten. Irgendwann würde ihre Mutter schon einsichtig werden. Es pressierte zwar nicht, Charlotte war gesund und mobil und würde eigentlich auch nicht stolpern. Wenn sie statt Pumps endlich flache Schuhe tragen würde. Aber die High-Heels konnte man ihr nicht wegnehmen, schliesslich war Charlotte Legrand-Hedlund eine Dame. Ja, sie war wirklich eine.
Und auch wenn sie durchaus noch viele Jahre in ihrem geliebten Haus «Zem Syydebändel» würde leben können – für Selma war es höchste Zeit, sich zumindest um eine Alterswohnung oder ein Altersheim zu kümmern und vielleicht sogar einen Platz zu reservieren. Im Alter konnte immer etwas passieren. Selma oder Lea waren nicht immer im Haus und konnten helfen. Natürlich würde man Betreuung und Hilfe organisieren können, trotzdem: Selma war es einfach nicht wohl. Aber da kämpfte sie nicht nur mit ihrer Mutter, auch ihre Schwester Elin sträubte sich. Eine Legrand-Hedlund geht niemals in ein Altersheim, lautete Elins Devise.
«So ein Blödsinn», murmelte Selma. «Dieser falsche Familienstolz! Nur weil unser Grossvater und unser Vater in diesem Haus gestorben sind.»
Sie drehte sich um und ging langsam auf und ab. Das alte Parkett knarrte. Welche Geheimnisse sind wohl in dieser Wohnung im zweiten Stock versteckt?, fragte sie sich. Und vor allem: Woher kommen die seltsamen Geräusche, die Schritte, die sie nachts manchmal hörte?
Plötzlich hatte Selma das Bedürfnis, an die frische Luft zu gehen.
«Warte!», rief Lea, als Selma bereits draussen war. «Willst du den Malschurz nicht mit einer Jacke tauschen?»
Selma bemerkte ihren Fauxpas erst jetzt und kam zurück.
«Aber Madame», sagte Lea schnippisch und lachte. «Eine Legrand-Hedlund im Malschurz in der Öffentlichkeit!»
«Ein Skandal», gab Selma zurück. «Ein Fasnachtssujet!»
«Und nimm die Haarklammer ab, Süsse.»
«Oh! Ich brauch eh eine neue Frisur. Wann hast du Zeit?»
«Für dich immer. Wenn es sein muss, jeden Tag.»
Die beiden Frauen lachten. Dann spurtete Selma die Treppe hinauf, schlüpfte aus der Malschürze, schnappte sich ihre Jeansjacke, nahm die Haarklammer ab, wuschelte ihre dunkelbraunen Haare und rutschte wieder die Geländer hinunter.
Sie machte von ihrem Haus «Zem Syydebändel» einen Spaziergang über die Mittlere Rheinbrücke ins Kleinbasel. Von dort schlenderte sie flussaufwärts in Richtung Wettsteinbrücke. Ihre Gedanken waren immer noch bei ihrer Mutter und der ganzen Familiengeschichte. Als sie gerade unter der Wettsteinbrücke durchging, erhielt sie ein Whatsapp von Marcel. Er fragte sie, ob sie Zeit und Lust für einen Kaffee hätte.
Sie hatte Zeit. Und mit Marcel käme sie wenigstens auf andere Gedanken. Also drehte sie um und ging zurück.
Selma und Marcel trafen sich in der Confiserie Seeberger an der Schifflände, ganz in der Nähe des Hauses der Legrand-Hedlunds am Totentanz. Marcel biss gerade in einen Buttergipfel, als Selma auftauchte. Schnell schluckte er und wischte sich den Mund sauber, um Selma mit drei Küsschen zu begrüssen.
«Was macht die Kunst?», fragte Marcel.
«Was macht die Linie 16?», fragte Selma zurück. Marcel arbeitete bei den Basler Verkehrs-Betrieben als Wagenführer und Chauffeur. Da Marcel an der Schifflände seine Pause verbrachte, ging Selma davon aus, dass er gerade auf der Linie 16 gewesen war. Schliesslich war hier Endstation dieser Linie, und die Fahrerinnen und Fahrer machten hier oft den Schichtwechsel.
«Bin heute mit dem Bus unterwegs. Komme von der Linie 36. Aber nun erzähle! Ich spüre es: Dich bedrückt etwas.» Marcel verschlang gierig den Rest des Croissants.
«Mein lieber Hobby-Psychologe …»
Marcel hob den Zeigefinger, kaute, schluckte und meinte dann: