Alpsegen. Philipp Probst

Alpsegen - Philipp Probst


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atmete tief durch. Dann stand sie auf, schulterte ihre Rucksäcke und kraxelte noch höher hinauf. Sie fotografierte den Lauenensee nun von noch weiter oben, war ganz begeistert von dieser wunderschönen Natur und vergass die Zeit. Schliesslich gelangte sie auf einen Schotterweg.

      Jetzt muss ich aber wirklich los!, befahl sich Selma und schaute sich um. Sie hatte die Orientierung verloren. Deshalb zückte sie ihr Handy, öffnete Google-Map und sah, dass sie sich auf der falschen Talseite befand. Sie musste die Schotterstrasse hinunter und auf der anderen Seite den Aufstieg zur Alp der Kohlers in Angriff nehmen. Selma seufzte und ärgerte sich über sich selbst. Aber nur kurz. Schliesslich hatte sie tolle Fotos machen können.

      Sie wollte gerade losmarschieren, als sie ein Motorengeräusch hörte. Es wurde rasch lauter. Der Motor stotterte, dann jaulte er auf. Er klang gefährlich. Selma brachte sich neben dem Feldweg in Sicherheit. Der Wagen war ziemlich schnell unterwegs und zog eine dichte Staubwolke hinter sich her. Er donnerte an Selma vorbei. Die Reporterin wurde von der Wolke regelrecht verschluckt. Sie konnte kaum mehr sehen und musste husten.

      Bremsen quietschten, der Staub legte sich langsam. Eine Frau mit leuchtenden blauen Augen lehnte sich aus dem Fenster eines hellblauen Jeeps. «Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gesehen», rief die Frau auf Hochdeutsch, was Selma etwas irritierte. «Alles in Ordnung?»

      Selma trat auf den Weg zurück und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. Dann nahm sie den Gummi aus ihren Haaren, lehnte sich nach vorne, um den Dreck aus ihren Haaren zu schütteln. Dabei verlor sie wegen des schweren Rucksacks fast das Gleichgewicht.

      «Geht es?», fragte die Frau, die Selma jetzt am Arm festhielt und ihr half, sich aufzurichten.

      «Findet eine Rallye statt?», fragte Selma säuerlich.

      «Ähm, nein, ich bin nur etwas spät dran, wir melken bald die Kühe.»

      «Sind Sie Sennerin?»

      «Ja, also nein. Ich bin auf einer Alp angestellt. Als Käserin. Aber ich bin Deutsche, wie Sie sicher hören. Ich lebe eigentlich in Dresden und bin Lehrerin. Habe mir aber eine Auszeit genommen. Bereits meine zweite. Ich war letzten Sommer schon hier oben.»

      Die Frau mit den blauen Augen war deutlich kleiner als die Reporterin und wirkte sehr zierlich. Sie sprach schnell und trat dabei ständig von einem Bein aufs andere, fuchtelte mit den Armen und liess ihre langen, blonden Haare herumwirbeln. «Wo wollen Sie denn mit Ihrem grossen Rucksack um diese Uhrzeit noch hin? Zur Geltenhütte? Oder zur Wildhornhütte? Da sind Sie aber ganz falsch! Sind Sie Bergsteigerin? Ach, Sie wollen sicher aufs Wildhorn. Das würde ich auch mal gerne. Aber eben, keine Zeit. Also zur Geltenhütte oder zur Wildhornhütte müssen Sie da drüben hochsteigen.» Die Frau zeigte auf die andere Seite des Tals. Dann wandte sie sich wieder Selma zu: «Ihr Rucksack muss ganz schön schwer sein. Ich war heute in Gstaad einkaufen, habe deshalb auch viel Gepäck. Dann musste ich noch auf einer Alp frische Kräuter für unsere Schmiere holen, mit der wir den Käse einreiben, sie ist unser Geheimrezept. Aber dann habe ich mich verquatscht und muss jetzt ein bisschen Gas geben. Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?»

      Selma war sprachlos. Zu surreal erschien ihr diese wirblige Frau mit dem rasanten Mundwerk und dem ebenso rasanten Fahrstil in dieser idyllischen Umgebung. Sie war dauernd in Bewegung, liess ihre schlanke, fast zarte Figur und ihre ebenso zerbrechlich wirkenden Arme und Beine herumzappeln. Sie hatte ein schönes, feines Gesicht mit markanten Wangenknochen. Sie liessen ihre grossen blauen Augen noch grösser erscheinen.

      «Na?», hakte die Frau nach. «Wollen Sie mitfahren?»

      «Nein, ich will nicht zur Geltenhütte, auch nicht aufs Wildhorn. Ich möchte auf die Alp der Familie Kohler.»

      «Oh. Dann kommen Sie mit.»

      6

      Selma fühlte sich wieder ganz als Reporterin.

      Sie sass in einem klapprigen Auto, wurde auf ihrem Sitz hinund hergeworfen, weil die Strasse holprig war. Und weil die Fahrerin viel zu schnell fuhr. Wie früher, als sie als junge Fotografin in der Welt herumgereist war, die abenteuerlichsten Gegenden aufgesucht hatte und ab und zu auch in kritische Situationen geraten war. Stundenlang hatte sie in solchen Rostlauben gesessen und sich von Menschen fahren lassen, die nur Vollgas oder Vollbremsung kannten. Machos, die ihr, der jungen, hübschen Reporterin, beweisen wollten, wie toll sie fahren konnten.

      In Krisengebieten war sie tagelang an irgendwelchen Checkpoints festgehalten worden. Und allzu oft war sie bei ihrer Arbeit von sturen Polizisten, Sicherheitsbeamten und Militärs schikaniert und behindert worden.

      Das war nach ihrer Zeit bei der Zeitung «Aktuell» gewesen. Sie hatte die Nase voll vom Boulevard-Journalismus, von der Jagd nach Schlagzeilen, vom polternden Chef Jonas Haberer. Sie hatte gedacht, sie könnte auf eigene Faust tolle Fotoreportagen machen und sie den Magazinen verkaufen. Sie hatte die Leserinnen und Leser über die Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen aufklären wollen. Und sie hatte vor allem über die Zerstörung des Planeten informieren und die Leute aufrütteln wollen. Sie hatte Umweltskandale aufdecken, über die Ausbeutung von Tieren und die Ausrottung ganzer Tierarten berichten wollen. Doch sie hatte schnell erkennen müssen, dass sie naiv gewesen war und der Medienmarkt wegen der Digitalisierung anders, schneller und viel billiger funktionierte. Oft passierte es ihr, dass sie zu spät kam. Bis sie endlich an ihrem Ziel angekommen war – wenn überhaupt – hatte bestimmt schon ein anderer Reporter Material geliefert. Oder irgendjemand, der diesen Beruf nie erlernt hatte. Fotos konnte mittlerweile jeder mit seinem Handy schiessen, sie ins Netz stellen und für Aufsehen sorgen.

      Selma musste nach einem Jahr zugeben, dass sie viel zu unerfahren war. Dass sie vielleicht auch zu wenig hart war für dieses Geschäft. Sie bekam von den Redaktionen zwar meistens grosses Lob für ihre tollen Bilder, aber kaufen wollten sie sie nicht. Die wenigen Geschichten, die sie an grosse Zeitschriften verkaufen konnte, deckten nicht einmal ihre Reisespesen.

      Schliesslich hatte sich Selma auf schöne Bildreportagen spezialisiert und schnell Erfolg gehabt.

      Eine weitere Vollbremsung katapultierte Selma nach vorne. Doch sie wurde vom Gurt zurückgehalten. Dieser schien in dieser Klapperkiste tatsächlich einwandfrei zu funktionieren. Sie standen vor einem Holzverschlag und einer kleinen Seilbahn. Selma befürchtete das Schlimmste. Die Gondel der Seilbahn bestand nur aus einer Holzkiste. Zudem waren die Aufhängung, die Seile, die Rollen und auch der erste Mast ziemlich rostig. Nie im Leben würde Selma mit dieser Bahn fahren.

      Die Frau kurbelte nun mit sehr viel Kraft am Lenkrad, legte mit einem lauten Knacken im Getriebe den Rückwärtsgang ein und parkte den hellblauen Jeep direkt neben der Holzkiste der Bahn.

      «Das ist aber nicht Ihr Ernst», sagte Selma vorsichtig.

      Die Frau lachte. «Natürlich, damit fahren wir jetzt hoch. Ich muss nämlich auch zum Kohler-Bärg.»

      «Danke, aber ich verzichte.»

      «Keine Angst, war nur Spass», sagte die Frau. Sie stieg aus und öffnete die Ladeklappe des Jeeps. Dann band sie ihre Haare zusammen und hievte Selmas Rucksäcke, zwei weitere Rucksäcke und eine von Lebensmitteln überquellende Ikea-Tragtasche in die Holzkiste der Bahn. Den Beutel mit den frischen Alpkräutern nahm sie allerdings in die Hand. Nun rief sie mit ihrem Handy jemanden an und teilte ihm mit, dass er die Bahn laufenlassen könne. Tatsächlich begann sich kurz darauf die Gondel krächzend in Bewegung zu setzen. Selma dachte gerade daran, dass in ihrem Rucksack Fotomaterial von mehreren tausend Franken verstaut war. Wenn die Gondel abstürzen würde, wäre alles verloren. Bis auf die kleine Kamera, mit denen sie die Bilder des Lauenensees geschossen hatte und die sich Selma nun um den Hals hängte. Offenbar traute Martina der Bahn auch nicht ganz, schliesslich behielt sie die Kräuter lieber bei sich.

      «So, jetzt müssen wir marschieren», sagte die Frau mit den blauen Augen und legte ein zügiges Tempo vor. Noch war der Weg einigermassen flach. Er führte durch einen schönen, romantischen Tannenwald. Die Reporterin machte mit der kleinen Kamera noch einige Aufnahmen und begutachtete die Baumstämme, fand aber keine Einritzungen oder sonstigen mutwilligen Beschädigungen. Schliesslich kamen sie an einem Wasserfall vorbei, den Selma ebenfalls fotografierte. Dann begann


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