Alpsegen. Philipp Probst
Frau fröhlich. «Das habe ich dir ja schon gesagt. Ich bin übrigens Martina, entschuldige, habe mich gar nicht vorgestellt. Und geduzt habe ich dich auch schon. Sorry. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich. Wir sind ja etwa im gleichen Alter.»
«Klar ist das in Ordnung», keuchte die Reporterin. Allerdings schätzte sie die Frau einige Jahre jünger ein. «Ich heisse Selma.»
«Was für ein schöner Name. Selma wie die grosse Märchenerzählerin Selma Lagerlöf. Ach, ich liebe die Geschichte von Nils Holgersson und den Wildgänsen. Ich lese das Buch immer mit meinen Schülern. Deine Eltern waren sicher auch Fan von Selma Lagerlöf?»
«Ich weiss es nicht. Ich und meine Schwester haben beide Vornamen mit schwedischem Bezug. Unser Opa war Schwede.»
«Toll! Schweden muss auch so schön sein wie die Schweiz.» Martina sprach munter weiter während sie flink den steilen Bergweg hinaufging und dabei den Kräuterbeutel hin- und herschaukeln liess. Selma bekam nichts mehr mit, sondern konzentrierte sich darauf, einen Fuss vor den anderen zu setzen, um einigermassen Martinas Tempo mithalten zu können. Bei besonders steilen Passagen streckte Martina Selma ihre Hand entgegen und zog die Reporterin mit Schwung hinauf.
Nach einer guten halben Stunde blieb Martina endlich einmal stehen, drehte sich um und blickte ins Tal hinunter. Selma machte einige Aufnahmen dieser quirligen Frau. Martina lächelte in die Kamera. Die Reporterin hatte Mühe, ihre Kamera ruhig zu halten, weil ihr Puls zu hoch und ihre Atmung zu schnell war. Durch den Sucher der Kamera bemerkte sie aber, dass auch Martina nun einige Schweissperlen auf ihrer Stirn hatte.
Selma atmete kräftig durch, beruhigte sich und sagte nun zu Martina: «Dreh dich mal um und nimm kurz den Gummi aus den Haaren, damit deine Haare schön über die Schultern nach unten fallen. Und wenn ich ‹Jetzt› sage, wendest du den Kopf zu mir. Okay?»
«Okidoki. Klappe, die erste, Frau Regisseurin.»
Selma musste lachen. Dann rief sie: «Jetzt!» Martina drehte den Kopf, einige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, Selma drückte auf den Auslöser. Ein tolles Bild!, war sich Selma sicher. Sie machte die Aufnahme noch dreimal. Dann forderte Selma Martina auf, einige Kräuter aus dem Beutel zu nehmen und daran zu riechen. Auch dies gab ein grossartiges Foto.
«Riech du mal», sagte Martina zur Reporterin und streckte ihr die Kräuter hin.
Selma nahm einen tiefen Zug: «Herb, würzig… was sind das für Kräuter?»
«Das verrate ich dir nicht. Aber wegen diesen Kräutern ist mein Käse der beste Käse der Welt.»
«Und warum verrätst du es mir nicht? So geheim?»
«Natürlich. Und ich vermute, dass du Reporterin bist und deshalb auf den Kohler-Bärg willst. Habe ich recht?»
«Ja. Bin ich angekündigt?»
«Ich habe davon gehört. Schön, dann bleibst du sicher einige Tage, oder?»
«Habe ich vor», antwortete Selma und betrachtete ihre Aufnahmen auf dem kleinen Bildschirm der Kamera. Sie lächelte. Denn sie fand die Bilder schön. Martina war eine fotogene Frau. Selma hätte kein besseres Model für diese Reportage finden können. Zarte Frau in romantischer Landschaft in einem knüppelharten Job als Sennerin und Käserin. So wäre ihre Reportage schnell im Kasten und sie könnte bald wieder nach Hause fahren und mit dem Schreiben beginnen.
«Uiii», meinte Martina plötzlich und starrte Selma an.
«Was ist?», fragte Selma erstaunt.
Jetzt grinste Martina.
Selma lächelte erneut.
«Da ist es wieder. Wie süss! Du bekommst so ein Grübchen in der Wange, wenn du lächelst. Ich bekomme das nur, wenn ich richtig lache.»
Martina tat so, als müsste sie lachen, und zeigte auf ihr Grübchen. Da musste Selma wirklich lachen, was Martina dazu anstiftete, ebenfalls laut zu lachen.
Ein verrücktes Huhn, dachte Selma, als sie weitergingen.
Nach etwas über einer Stunde Aufstieg erreichten die beiden Frauen den Chüetungel und damit die Bergstation der Materialseilbahn. Tatsächlich waren Selmas und Martinas Gepäck angekommen. Selma war erleichtert, vor allem, dass ihre Fotoausrüstung die Fahrt heil überstanden hatte. Sonst hätte sie die ganze Reportage nur mit der kleinen Kamera machen können. Bewegtbilder oder Aufnahmen mit der Drohne hätte sie vergessen müssen. Sie atmete tief durch und blickte auf die Alphütten: «Das also ist der Kohler-Bärg.»
«Nein», sagte Martina. «Jetzt sind wir erst auf rund 1800 Meter über Meer. Der Kohler-Bärg ist da oben», sie zeigte mit der rechten Hand nach links zu einem weiteren, steil ansteigenden Hang. «Er liegt auf knapp über 2000 Meter über Meer. Wir müssen also noch weiter aufsteigen.» Martina zeigte nun auf die rechte Seite: «Dieser Berg ist übrigens das Niesehorn und dahinter ist das Wildhorn.»
Martina packte Selmas schweren Rucksack, half ihr beim Anziehen und gab ihr den kleinen Handtaschenrucksack in die Hand. Danach katapultierte sie sich selbst ihre eigenen Rucksäcke plus die Ikea-Tasche über die Schultern, funkelte Selma mit ihren blauen Augen an und meinte lächelnd: «Auf geht’s!»
Selma konnte kaum glauben, welche Kraft in dieser Frau steckte. Zwar ging sie nun etwas langsamer weiter, doch Martinas Tempo war trotz der schweren Last immer noch hoch. Die Reporterin schoss auch jetzt wieder eine Menge Fotos: Die zierliche Martina, die diese riesige Last schleppte und lächelte.
Die Last wurde noch grösser. Denn Martina blieb immer wieder stehen, griff nach Steinen und packte sie in den Rucksack vor ihrer Brust.
«Sammelst du Kristalle?», fragte Selma keuchend.
«Nein, Figuren. Figuren für meinen Steingarten.»
«Figuren?»
«Da, schau!» Martina holte einen kleinen Stein aus dem Rucksack und zeigte ihn der Reporterin. «Siehst du dieses Gesicht?»
Selma sah es nicht. «Na, ja …»
«So ein freches Bubengesicht», meinte Martina und zeigte auf irgendwelche Linien im Stein. «Das ist Nils Holgersson.» Sie kicherte und marschierte weiter. «Du bist ja Selma», sagte sie fröhlich. «Und dieser Stein ist jetzt Nils!»
«Okay», sagte Selma nur und stapfte bergauf.
«Ich bin wieder da!», schrie Martina, als sie nach einer halben Stunde Fussmarsch endlich den Kohler-Bärg erreichten. «Und ich habe Besuch mitgebracht!» Dann wandte sie sich Selma zu: «Sie haben wohl schon mit Melken angefangen. Soll ich dir jetzt die Leute vorstellen oder später? Ich weiss halt nicht, sie sind im Stall …», sie musterte Selma von oben bis unten, «… wir sollten dir vielleicht erst mal Stiefel und ein Übergewand besorgen, sonst …»
«Lass mal», unterbrach Selma. «Ich schaue mich einfach rund um die Hütte und den Stall um und mache einige Fotos. Das Licht ist gerade so schön.»
Martina rannte in die Hütte und rief noch einige Male, dass sie wieder da sei. Selma befreite sich von ihrem Gepäck, lehnte den schweren Rucksack an die Holzwand neben der Türe, legte den kleinen Handtaschenrucksack oben drauf und setzte sich auf die Bank, die auf der anderen Seite des Hütteneingangs stand. Sie atmete durch. Sie sog die frische Bergluft tief in ihre Lungen. Es roch nach frischen Gräsern, ein wenig nach Kuhmist und nach einem noch etwas strengeren Geruch. Selma stand auf, ging nach links der Hüttenmauer entlang und entdeckte die Ursache für diesen Duft. Acht, neun, zehn Ferkel lagen in einem grossen Holzverschlag mit einem Unterstand und einem Durchgang zu einer kleinen Weide. Als Selma näher trat, schossen die Ferkel auf, quietschten und kamen sofort angerannt. Die Reporterin hielt ihnen ihre Hand hin. Die Ferkel streckten ihr ihre kleinen Rüssel entgegen, beschnupperten und stupsten Selmas Hand. Selma zückte ihre Kamera, ging in die Knie und machte Fotos.
Nachdem die Ferkel sich wieder etwas beruhigt hatten, hörte Selma ein Meckern und bimmelnde Glöcklein. Sie ging weiter der Mauer entlang und kam an einer Treppe vorbei, die in den Keller führte. Sie passierte auch die Toilette, deren Türe halboffen stand und gelangte