Charleston, Jazz & Billionen. Walter Rauscher

Charleston, Jazz & Billionen - Walter Rauscher


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Person wurde er bisweilen sogar als Seher und Prophet bezeichnet. Seine große Medienpräsenz und Beliebtheit trugen ihm vonseiten der Wissenschaft den Vorwurf ein, eines seriösen Forschers unwürdig, Reklame in eigener Sache zu machen. Dem Kult um seine Person standen daher auch Neid und Feindschaft gegenüber. Ernst Gehrcke war einer seiner prominentesten Gegner aus dem Bereich der Wissenschaft. Der deutsche Physiker verdammte die Relativitätstheorie als Massensuggestion und führte die große Popularität Einsteins lediglich auf das Betreiben der Presse zurück. Die extreme Rechte in Deutschland hetzte gegen ihn als Juden und Pazifisten. Ein Besuch in Moskau bescherte ihm gar den Ruf, Bolschewist zu sein, obwohl er sich eine Zeit lang auf dem Index der sowjetischen Geheimpolizei befunden hatte.

      Tatsächlich war Einstein kein naiver oder weltfremder Wissenschaftler, sondern ein politischer Mensch, mit Sympathien für den Sozialismus und mit zum Teil subversiven Zügen. Seit jeher hatte er sich gegen Autoritäten aufgelehnt, Militarismus und Krieg verabscheut. Vom allgemein vorherrschenden Nationalismus dieser Zeit ließ er sich nicht anstecken. Im Alter von 16 Jahren hatte er bei seinem Wechsel in die Schweiz seinen deutschen Pass zurückgegeben. Als nichtgläubiger Jude unterstützte er später den Zionismus, war er Mitbegründer der Hebräischen Universität in Jerusalem und beobachtete den wachsenden Antisemitismus in Berlin gegenüber den aus Osteuropa eingewanderten Juden mit wachsendem Unbehagen. Sowohl sein politischer Hintergrund als auch seine Stellung als jüdischer Wissenschaftler von Weltruf trugen ihm den Hass der Völkischen ein. So war er auf der Attentatsliste jener rechtsradikaler Kreise zu finden, die 1922 den liberalen Reichsaußenminister Walther Rathenau, einen Hoffnungsträger der Weimarer Republik, ermordeten.

      Auch unter den bürgerlichen Rechtskonservativen hatte Einstein nicht allzu viele Freunde. Als die Stadt Berlin ihm, der bislang in Schöneberg lebte, 1929 zu seinem 50. Geburtstag ein Haus schenken wollte, löste dies heftige Diskussionen aus. Einstein entschied sich daraufhin, sich aus eigenen Mitteln in Caputh an den Havelseen ein bescheidenes Holzhäuschen direkt am Wasser bauen zu lassen. Die brandenburgische Idylle sollte sodann bis zur Machtergreifung Hitlers nicht nur Domizil, sondern auch Arbeitsplatz jenes Mannes sein, den die zur Verrücktheit neigende gesellschaftliche Stimmung der Zwanzigerjahre zum Jahrhundertwissenschaftler, ja zum Fixstern der Forschung auserkoren hatte.

      Natürlich lebten und arbeiteten zu jener Zeit noch eine stattliche Anzahl anderer Koryphäen der Wissenschaft: im Bereich der Physik die Deutschen Max Planck und Werner Heisenberg sowie der Däne Niels Bohr, die wie beispielsweise die Österreicher Fritz Pregl, Richard Zsigmondy (beide Chemie) und Karl Landsteiner (Medizin) für ihre bahnbrechenden Forschungsergebnisse ebenfalls den Nobelpreis erhielten. 1923 wurde wiederum dem kanadischen Chirurgen und Physiologen Frederick Banting für die Entdeckung des Insulins diese Ehre zuteil. Zu einem Idol der Massen, zur Ikone geistiger Leistungsfähigkeit stilisiert, wurde jedoch bloß jener so oft porträtierte Mann, der für die Verrücktheit der Menschen stets ein spitzbübisches Lächeln übrig hatte.

      Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

       Europa 1918/19

      Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges musste die politische Landkarte Europas neu gezeichnet werden. Die drei großen Kaiserreiche existierten nicht mehr. In Russland wurden die 300 Jahre lang herrschenden Romanows gestürzt und die Zarenfamilie ermordet. Im Zuge von Revolution und Bürgerkrieg gingen in dem Riesenreich massive Umwälzungen vor sich, Nationen spalteten sich ab und gründeten unabhängige Staatswesen. Unter der Gewaltherrschaft von Lenins Bolschewiki galt der größte Staat der Erde mittlerweile als die massivste Bedrohung der zivilisierten Welt. Deutschland wiederum, die bedeutendste Militärmacht Europas, hatte letzten Endes den Krieg doch verloren, die Monarchie unter den seit 1871 als Deutsche Kaiser regierenden Hohenzollern abgeschüttelt und sich in eine demokratische Republik umgewandelt. Doch in einer Zeit, wo kein Stein auf dem anderen blieb, war auch diese durch einen kommunistischen Umsturz ernsthaft bedroht. Das dritte Kaisertum mit der ältesten Dynastie Europas, das Habsburgerreich, war nicht nur besiegt, es hatte nach der Gründung seiner Nachfolgestaaten überhaupt aufgehört zu bestehen. Die zentrifugalen nationalen Kräfte hatten sich für die Stützen der Monarchie als zu stark erwiesen. Neue, unabhängige Staatswesen wurden gegründet, Nachbarn des aufgelösten Österreich-Ungarns erhielten Gebietszuwächse.

      So besaß Europa nach dem Krieg mehr staatliche Einheiten als bei dessen Ausbruch: Zur Tschechoslowakei und Polen kamen im Nordosten an der Baltischen See Finnland, Estland, Lettland, Litauen hinzu, die sich von Russland losgesagt hatten. Das neu gegründete Jugoslawien vereinigte nicht bloß Teile der zerschlagenen Habsburgermonarchie, sondern mit Serbien und Montenegro auch zwei bereits vor dem Weltkrieg existierende Staatswesen.

      Zu Beginn des Jahres 1919 war der Große Krieg seit knapp zwei Monaten zu Ende. Trotz des Waffenstillstandes war unter den Völkern Europas aber keineswegs überall Friede eingekehrt. Gebietsstreitigkeiten führten in der Mitte und im Osten des Kontinents zu verschiedenen militärischen Kampfhandlungen. Deutsche, Polen, Russen, Ukrainer, Tschechen und Slowaken, Ungarn, Rumänen, Italiener, Südslawen und Österreicher waren daran beteiligt. Nach Russland drohte nun auch in Deutschland die kommunistische Revolution. In Berlin herrschten Mitte Jänner bürgerkriegsähnliche Zustände, die sich in weiterer Folge auf die ganze junge Republik ausdehnten. Nachdem an den Fronten endlich die Waffen schwiegen, wurde Europa von Streiks, Krawallen, Plünderungen, Besetzungen, ja selbst Pogromen und politischen Attentaten heimgesucht.

      Das Elend schien noch immer kein Ende zu nehmen. Doch nicht nur Gewalt bedrohte die Menschen. Weltweit grassierte die Spanische Grippe, eine verheerende Pandemie, die sogar mehr Opfer als der Weltkrieg forderte. Eine Metropole im Herzen Europas wie Wien, die ehemalige Haupt- und Residenzstadt der mittlerweile zertrümmerten Donaumonarchie, litt weitgehend alleingelassen unter Hunger und Kälte, ihre darbenden Menschen waren auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen. Die Schweiz und Großbritannien waren dabei die ersten Staaten, die halfen.

      Es war hoch an der Zeit, das allgemeine Chaos in Europa durch eine internationale Nachkriegsordnung zu beheben. Eine solche sollte im Rahmen einer großen Friedenskonferenz geregelt werden. Als Austragungsort einigte man sich auf Paris. Der britische Premier David Lloyd George wollte die Konferenz eigentlich nicht in der Seine-Metropole abhalten, sein Verbündeter, Ministerpräsident Georges Clemenceau, soll jedoch so lange protestiert, ja sogar geweint haben, bis ihm nachgegeben wurde. Aber selbst die Weltstadt Paris war nach über vier Jahren Krieg auf einen derartig groß angelegten Kongress nicht vorbereitet. Neben Staatsmännern, Diplomaten und Militärs trafen auch Wissenschaftler, Juristen und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft in der französischen Hauptstadt ein. Alle Nationen der Erde – bis auf das Russland der Bolschewiki – suchten, auf der Konferenz ihre Zukunft mitzugestalten, ihre Lage zu verbessern oder wenigstens das Schlimmste zu verhindern. »Die Züge sind überfüllt, Zimmer kaum zu haben«, schilderten Berichterstatter eine regelrechte Massenwanderung an die Seine. »Paris ist voll Siegesfreude«, hieß es euphorisch, und so mancher glaubte bereits an einen zweiten Wiener Kongress. Doch allein die gut 500 Journalisten entwickelten eine völlig andere Atmosphäre als jene, die nach dem Sieg über Napoleon während des Friedenskongresses in der Donaumetropole mehr als 100 Jahre zuvor geherrscht hatte.

       Woodrow Wilson – der neue Messias

      Die Erwartungen an das Pariser Großereignis waren hoch. Woodrow Wilson hatte diese seit Monaten geschürt. Nach den Vorstellungen des pazifistisch orientierten US-Präsidenten sollte der Friedensschluss eine neue Weltordnung, ein besseres Zeitalter für die Völker der Erde einläuten. »Wir sind, kurz gesagt, zu dem Zwecke hier, darauf zu halten, dass auch mit den Grundlagen dieses Krieges aufgeräumt wird«, ließ das demokratische Oberhaupt des nunmehr mächtigsten Staates in den ersten Tagen der Konferenz die Öffentlichkeit wissen. Optimistisch, ja schon beinahe naiv anmutend ging Wilson bei seinem Konzept einer neuen Weltordnung vom Guten im Menschen aus. Völker, die selbstbestimmt lebten, würden den Frieden wünschen und nicht den Krieg suchen. Die europäischen Staatsmänner – gleichsam als gebrannte Kinder der Geschichte – dachten in vollkommen anderen, durchwegs zynischen Kategorien. Für sie lag die Neigung


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