Wie die Schwalben fliegen sie aus. Ursula Lüfter
Arbeit und zu essen. Das war alles. Wir sind dann von uns aus gegangen, damit wir endlich zu einem Gewand kommen. Die Bernadette hat angefangen, sie ist als Erste nach Mailand. Und so haben wir uns abgewechselt. Einmal ist die eine, einmal die andere weg. Unser Bruder Heinrich hat immer gesagt: ‚Warum gehen sie denn immer? Sie haben’s wie die Schwalben, wie sie fliegen sie aus, bleibt doch da, immer in die Walsch hinunter, geht doch einmal in die Schweiz.‘ Wir waren nie in der Schweiz. Die eine hat die andere hinuntergezogen.“
Neben dem Lohn sahen viele auch die Möglichkeit, Italienisch zu lernen. So auch Johanna Pamer: „Ich war immer schon im Gastgewerbe als Kellnerin und hab halt nicht so gut Italienisch sprechen können. Und da hab ich mir gedacht, ich geh zu einer italienischen Herrschaft, damit ich die Sprache besser lerne. Eine andere Gelegenheit gab es damals nicht.“ Anna Tappeiner aus Laas wollte eigentlich nach Genf gehen, um dort Französisch zu lernen. Als man ihr riet, zuerst ein bisschen Italienisch zu lernen, was die Aneignung der französischen Sprache erleichtern würde, suchte sie sich eine Stelle im oberitalienischen Raum.
Nicht nur die Beherrschung der italienischen Sprache war im Südtiroler Gastgewerbe erwünscht. In den 30er Jahren suchte man im Anzeigenteil des Katholischen Sonntagsblattes nach Köchinnen, „welche perfekt die italienische Küche“ beherrschten.9 Auch das mag einige veranlasst haben, sich nach einer Stelle in einer italienischen Stadt umzusehen.
Politische Gegebenheiten in Südtirol waren die Ursache dafür, dass es Berta, die Schwester von Anna Tappeiner, nach Rescaldina bei Mailand verschlug. Sie begleitete ihre Tante, eine Lehrerin, als diese vom faschistischen Regime dorthin zwangsversetzt wurde.10
Bei Rosina Lechner aus dem Pustertal waren es die Folgen einer Kinderlähmung, die sie bewogen, eine Stelle in Florenz anzunehmen: „Gegangen bin ich vor allem wegen meinem Fuß, weil das einfach so schlimm war bei uns im Winter. Ich wollte irgendwohin, wo es keinen Schnee gibt.“
Nicht immer waren die Mädchen in ihrer Entscheidung frei. Anna Frank wurde von ihrem Vater gezwungen, eine Stelle in Rom anzunehmen, nachdem er ohne ihr Wissen bereits Abmachungen getroffen hatte. Bei Paula Nössing aus Kastelruth wurde die Entscheidung, in den Dienst zu gehen, zwar in der Familie abgesprochen, den endgültigen Entschluss fällte der Vater: „Ein kinderloses Ehepaar aus Mortara wollte unbedingt ein deutsches Dienstmädchen, weil sie gemeint haben, die würde besser arbeiten. Mein Vater wollte, dass ich gehe. Er wollte, dass ich was sehe, dass ich von zu Hause wegkomme.“
Auch bei Helena Blaas entschied das Familienoberhaupt für die Tochter: „Mein Vater hat in Meran viele Leute gekannt. Einer Frau hat er geschrieben, dass ich was verdienen muss. Diese Frau hat eine Tochter gehabt, die bei der Familie Frank in Rom gearbeitet hat. So bin ich nach Rom gekommen. Der Vater hat alles für mich gemacht.“
Als ein Offizier, der in Trafoi stationiert war, ein Dienstmädchen für Bekannte in Rom suchte, erfuhr die Mutter von Hedwig Platter davon: „Die Mutter hat dann gesagt, sie will mich nicht überreden, aber wenn, dann könnte nur ich als Älteste gehen. Die anderen Schwestern waren jünger und wären vielleicht auch nicht gegangen. Und ich habe mir gedacht: ja, dann sehe ich halt einmal ein Stück Welt.“ Italienische Urlauber sprachen die Mutter von Maria Erlacher an: „Der Senator, der war komplett blind, er und seine Frau und seine Schwägerin als Begleiterin haben in St. Vigil ihren Urlaub verbracht. Für drei Monate hatten die Herrschaften eine kleine Villa in St. Vigil gemietet. Und der Senator hat meine Mutter gefragt, ob sie nicht ein Mädl wüsste. So hab ich mich vorstellen müssen, und ich hab ihnen gleich gut gefallen. Dann bin ich gegangen, ich war noch nicht ganz 17.“
Auch moralische Brandmarkungen durch die Dorfgemeinschaft veranlassten Mädchen, ihren Heimatort zu verlassen und dorthin zu ziehen, wo niemand sie kannte. Paula Wallnöfer trieb die Erkenntnis „Bei den Herrschaften bin ich immer ein Mensch gewesen!“ immer wieder in die Fremde. Sie hatte mit 15 Jahren ein Kind zur Welt und damit „Schande“ über die Familie gebracht. Von den Leuten im Ort erfuhr sie keine Wertschätzung mehr. Dieselbe bittere Erfahrung machte auch Maria Blaas, ebenfalls Mutter eines „ledigen“ Kindes. Wie Paula Wallnöfer ließ sie ihr Kind in der Obhut ihrer Eltern zurück, die Trennung war eine schmerzvolle Erfahrung mehr.
Die 17-jährige Antonia Auer überließ hingegen die Pflege ihres einjährigen Sohnes gern ihrer Mutter: „Es ist mir nicht schwer gefallen, mich dann von meinem Kind zu trennen, wie ich nach Mailand gegangen bin, ich bin gern gegangen. Auf das Kind aufzupassen, das hab ich nicht so gern getan, aber gern hatte ich den Karl immer. Ich wollte einfach arbeiten, für mich und für den Karl.“
Die meisten Frauen sehen in ihrer Abwanderung in eine italienische Stadt nichts Außergewöhnliches. Anna Ortner: „Das war zu der damaligen Zeit etwas durchaus Übliches. Viele Mädchen sind in meinem Alter nach Italien gegangen, das war nichts Besonderes.“ Auch Regina Walcher meint rückblickend: „Denn wer im Stande war zu arbeiten, ging auch gern fort, denn dann konnte man selbst etwas verdienen, konnte sich auch ein Kleid oder Schuhe kaufen, sodass man sich unter die Leute trauen konnte.“ Maria Jesacher, die in den 50er Jahren nach Rom ging, zeigt das Dilemma zwischen den Arbeitsanforderungen zu Hause und dem Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen: „Ja, das war damals halt so. Wenn man nicht das ganze Jahr eine Dienststelle annehmen wollte, dann gab es schon Saisonstellen im Gastgewerbe. Aber da musste man sich Sommer und Winter verpflichten, und das wäre bei uns nicht gegangen. Im Sommer mussten wir ja auf dem Feld helfen, und da durften wir nur im Winter weg vom Hof. Freundinnen haben mich dann dazu überredet, dass ich den Winter über mit nach Rom gehe.“
„… und hab daraus ersehen daß du in Mailand bist. Im Herbst werde ich auch nachkommen …“ Postkarte an Emma Sagmeister von ihrer Schwester Ida.
„… wie geht es mit dem Ital. lernen? Ich möchte auch gerne wieder hinunter, vielleicht könntest mir eine Stelle verschaffen? Firenze muß sehr schön sein …“ Postkarte an Rosa Kobler von einer Kusine.
„Cercasi ragazza tedesca“
„Die wollten nur Südtiroler Mädchen haben“ – ist eine häufige Aussage ehemaliger Dienstmädchen. Die Südtirolerinnen galten als fleißig, sauber, zuverlässig und diskret, Eigenschaften, die bei einem Dienstmädchen erwünscht waren und erwartet wurden. Ein weiterer Vorzug der Südtirolerinnen gegenüber den italienischen Mädchen mag die bessere schulische Bildung gewesen sein. In Südtirol gab es weit weniger Analphabeten als im italienischsprachigen Raum.11 Die Nachfrage war entsprechend groß. Wie trafen nun Arbeit suchende Südtiroler Mädchen und Familien aus italienischen Städten auf der Suche nach Hauspersonal aufeinander – bestand doch zwischen beiden eine beachtliche räumliche Entfernung?
Das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage in der Dienstbotenbeschaffung und -vermittlung vollzog sich sowohl über informelle Kanäle als auch über die öffentliche Arbeitsvermittlung. Im Falle der Südtiroler Mädchen bot der Tourismus eine günstige Plattform der informellen Begegnung. Die Anwerbung der Südtiroler Mädchen durch italienische Gäste, die in Südtiroler Gaststätten, Pensionen und Hotels ihren Urlaub verbrachten, oder durch in Südtirol stationierte Militärs war sehr verbreitet. Marianna Parth, Hedwig Platter, Maria Erlacher und viele andere kamen auf diesem Weg zu ihrer Arbeitsstelle in der Stadt. „Ich habe in Reschen im Gasthof Dilitz gekocht“, erzählt Marianna Parth. „Da ist ein Hauptmann gekommen, der in Reschen Urlaub gemacht hat. Unser Gasthof war voll mit Gästen, und die Arbeit ist sehr streng gewesen, und ich hatte kaum Zeit mich mit ihm zu unterhalten. Der Hauptmann hat mich gefragt, wie viel ich verdiene, ich habe es ihm nicht gesagt. Er fragte: ‚Poco o tanto?‘ Dann habe ich gesagt: ‚Poco mi pare.‘12 Er hat gesagt, ich solle mit ihm kommen, er bezahle mich gut. Er gebe mir 120 Lire. Dann habe ich ihm doch gesagt, wie viel ich verdiene: ‚Ottanta‘. ‚Soltanto ottanta, così poco! C’è