Wie die Schwalben fliegen sie aus. Ursula Lüfter
gefeit. (…) Darum, Landvolk bleib treu dem Kleid der Demut und Zucht!“, heißt es in dem schon zitierten Hirtenbrief „Über die unwürdige Frauenkleidung“ von 1926. Mädchen und Frauen waren aufgefordert, den christlichen Frauenorganisationen wie dem katholischen Mädchenverband und der Marianischen Kongregation beizutreten.54 Wiederholte und forcierte Appelle sollten verhindern, dass eine freizügigere Lebensweise den katholischen Sittenkodex und die Institution der Familie, der in der Aufrechterhaltung kirchlicher Macht eine grundlegende Rolle zukam, in Frage stellte. Jede engere Verbindung mit einem Mann, so schrieb Bruder Reinhart im Sonntagsblatt unter der Rubrik „Lebenskunde für unsere Mädchen“, war nur erlaubt, wenn „beiderseitige Absicht und beiderseitige Aussicht auf eine den Umständen entsprechend baldige Verehelichung“ dahinterstand.55
Dass nicht alle die Ermahnungen der Kirche ernst nahmen, bestätigen die Erzählungen von Helena Blaas. Sie arbeitete 14-jährig in einem Wirtshaus in Eyrs: „Es waren noch Knechte und Mägde angestellt, jede Menge. Die Wirtsleute waren geizig und bigott, alle Tage mussten wir in die Kirche, und es durfte keine Liebe geben. Aber die Mägde und Knechte sind doch heimlich auf den Heuboden gegangen.“
Nicht wenige deutschsprachige Mädchen gingen Liebesbeziehungen mit Carabinieri, Finanzieri oder Postangestellten ein.56 Die italienischen Beamten wirkten als Repräsentanten eines städtischen, moderneren Lebens, ihre verfeinerten Umgangsformen konkurrierten mit den in den Dörfern üblichen. Sie galten auf Grund ihres Beamtenstatus als attraktive Heiratskandidaten, verhießen sie doch den Mädchen ein Entkommen aus der engen bäuerlichen Welt. Maria Blaas lernte mit 20 Jahren einen Finanzbeamten kennen: „Er war ein ganz feiner. Ich hätte ihn schon geheiratet.“ Dieser Verheiratung stand nicht nur der Umstand im Wege, dass ein Finanzbeamter erst heiraten durfte, nachdem er für den Austritt aus seinem Amt eine Ablösesumme bezahlte. Auch die Familie war gegen diese Beziehung. Sie endete schließlich, als der Finanziere nach Afrika versetzt wurde. Maria ließ er schwanger zurück. Die Familie und die Leute im Heimatdorf begegneten ihr mit Ablehnung. Beim Kirchbesuch musste sie in den hinteren Reihen bleiben und durfte auch nicht mehr die Kommunion empfangen. Sie hatte gegen die Sittlichkeit verstoßen, sich gleichzeitig mit einem offiziellen Feind eingelassen und damit Verrat an der deutschen Volksgruppe begangen.
Rebekka Rungg begann eine Liebschaft mit einem Carabiniere: „In Prad habe ich einen Carabiniere kennen gelernt, der hat mich eingefädelt, es war meine große Liebe und da habe ich eine Tochter bekommen. Ich war 22 Jahre alt. Aber aus dem Heiraten ist nichts geworden, der hat immer nur viel versprochen und nichts gehalten.“
Maria Obwexer aus Lajen war Mutter von zwei unehelichen Töchtern, einer der Väter war ein Einheimischer: „Der Vater der ersten Tochter war ein Holzhändler aus dem Fleimstal, der hat mit seinen Schwestern in St. Peter gewohnt und mit meinem Vater geschäftlich zu tun gehabt. Und der Vater der anderen Tochter war ein Schuster aus St. Peter. Der hat damit gerechnet, dass ich den Hof bekomme, und als ich den dann doch nicht bekommen habe, wollte er nichts mehr wissen. So geht es im Leben.“
Mit Androhung göttlicher Strafen versuchte die Kirche die Mädchen von solchen „Verfehlungen“ abzuhalten. Im Katholischen Sonntagsblatt vom 2. März 1935 erschien in der Rubrik „Lebenskunde für Mädchen“ ein Artikel mit dem Titel „Entweiht“. Dort heißt es unter anderem.: „Du weißt wohl, dass man kostbare Himmelsgeschenke, wie erste Unschuld, Jungfräulichkeit, nur einmal im Leben verlieren kann, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man sie nicht zurückerhält, wenn sie dahin sind.“ Erfolgt „die aufrichtige Umkehr“ sofort, so werden alle bisher verdienten „Ewigkeitswerte“ wieder zurückgegeben. „Fährst du aber in der Sünde weiter, so schmiedest du dich mit eisernen Gewohnheitsketten an sie, und nur ein Gnadenwunder kann dich zurückbringen auf den rechten Weg. (…) Und sollte dieses Wunder wirklich an dir geschehen, so wird dir das Friedenssakrament zwar die Sünde wegnehmen, aber an vielen üblen Folgen wirst du tragen müssen, vielleicht bis an dein Ende: schwere sittliche Kämpfe, unwiederbringlich verlorene Lebenszeit, schlechte Erbanlagen, geschwächte Lebenssäfte und -kräfte, vielleicht ein frühes Dahinsiechen.“57
Dabei war es oft Unwissenheit über die biologischen Vorgänge der Fortpflanzung, die Mädchen in eine ungewollte Schwangerschaft geraten ließ. Antonia Auer, die einer Familie mit sechzehn Kindern entstammt und 16-jährig Mutter wurde, beklagt das bitter: „Mit meiner Mutter konnte man ja nie reden, die war sehr katholisch, und sich mal hinsetzen mit ihr und sie was fragen, das wäre nicht gegangen. Ich wusste damals ja gar nicht, wie ein Mann ausschaut, ich hab ja nicht gewusst, wie das Kinderkriegen geht.“
Trotz der schlechten Arbeitslage im Land versuchte die Kirche, die Mädchen davon abzuhalten, außerhalb des Landes eine Arbeit anzunehmen: „Wer darum in die Fremde reist, möge es nicht ohne einen sichtbaren, wegkundigen Schutzengel tun; wer dort einen Posten annimmt, möge sich zuvor verlässlich darüber erkundigen. Doch der beste Rat ist sprichwörtlich: ‚Bleibe im Lande und nähre dich redlich!‘“58 Mit diesem Aufruf schloss Bruder Reinhart im Sonntagsblatt einen Artikel seiner Rubrik „Lebenskunde für unsere Mädchen“ mit dem Titel „Moderne Verführung“.
Uneheliche Mutterschaft drängte manche Frauen an den Rand der Dorfgemeinschaft. Hier Hedwig Wallnöfer mit ihrer Tochter Erika. Geheiratet hat Hedwig Wallnöfer erst mit über 60 Jahren.
Von klein auf waren Kinder in das religiöse Leben eingebunden
Auf unverheiratete Mädchen warf die Kirche ein besonderes Augenmerk. So hatten etwa die „Jungfrauen“ bei Prozessionen ihren bestimmten Platz und ihre Aufgaben.
„Ihr werdet ja doch heiraten“ – Weibliche Lebensperspektiven
Innerhalb der Familien war die Unterordnung der Mädchen und Frauen unter das männliche Familienoberhaupt unausweichlich. Mit diesem Rollenverständnis verknüpft war die Bestimmung der Mädchen zur Hausfrau und Mutter. Alle Erziehung und Lebensplanung lief darauf hinaus, die Mädchen auf diese Aufgaben vorzubereiten. „Der mütterliche Beruf in der Familie ist im Allgemeinen das Hauptziel der Frau“, heißt es im Katholischen Sonntagsblatt in einer Anzeige des „Mädchenschutzes Bolzano“.59 Die Mutter Emma Sagmeisters, eine sehr tatkräftige Frau, machte ihren Töchtern klar, was ein Mädchen zu lernen hatte: „Lernt kochen, nähen und stricken, damit die Männer, die euch heiraten, nicht angeführt sind.“ Von klein auf wies man den Mädchen die typisch weiblichen Tätigkeiten zu, sodass sie sich früh die grundlegenden hauswirtschaftlichen Kenntnisse aneigneten. Mehr brauchte es nicht, um nach Abschluss der Pflichtschule bis zur Heirat nun ganzjährig als Dienstmagd bei einem Bauern, als Haus- oder Kindermädchen bei einer bürgerlichen Familie in der Stadt oder als Zimmermädchen oder Serviererin in einem Gastbetrieb zu arbeiten. Es galt das Prinzip des „Hineinwachsens“ in neue Tätigkeitsfelder: Lernen durch Tun und das Anlernen durch eine energische und kompetente Vorgesetzte betrachtete man als ausreichende Ausbildung für Mädchen.
Von Seiten der Kirche sah man es allerdings nicht gern, dass die Mädchen ohne Vorbereitung in ein Arbeitsverhältnis eintraten. Katholische Organisationen boten deshalb Kurse an, die den Mädchen „eine gründliche Vorbildung für die Erfüllung der weiblichen Aufgaben in der Familie und Pfarrgemeinde“ versprachen.60 In Der Volksbote vom 21. Juni 1934 warb die Katholische Aktion unter dem Titel „Mädchenbildung für die Familie“ für einen Jahreskurs zur Vorbereitung von ausgeschulten Mädchen von 15 Jahren aufwärts: „Die der Frau eigentümliche Tätigkeit ist jene in der Familie als Mutter, Erzieherin, Kinderfräulein, Hausgehilfin. Es ist ein großes Übel für die Familie und Gesellschaft, dass die Frau heute zu sehr in das Geschäftsleben verwoben ist. Es leidet der Familiensinn, und zum Teil verbindet