Das Abseits als sicherer Ort. Peter Brückner

Das Abseits als sicherer Ort - Peter Brückner


Скачать книгу
zu hindern. Was soll uns die Theorie – die soziologische, die marxistische, die ›kritische‹ – wenn sie dem, der sie sich erwirbt, keine Angebote macht, mit seiner eigenen Vita sozusagen als Prüfer ihres Wahrheitsanspruchs aufzutreten? Was soll uns umgekehrt die Konzentration auf das Naheliegende, das »Eigene«, wenn doch die überall spürbare Fremdbestimmung nur abzuschütteln ist mittels einer historisch wohlbegründeten Parteilichkeit? Was soll uns am Ende die bloße Versenkung unter den eigenen Seelenspiegel, wenn all die Dämonen, die dort hausen, von viel weiter herkommen, als unsere Erinnerung und die Zeit unserer Existenz zurückreichen? Wenn man etwas verstehen will, von sich selbst und von der Zeit, in der man lebt, muß man das eine im anderen spiegeln lernen und das enigmatische Bild, das so zustande kommt, mit viel Geduld und Feinarbeit, aber auch mit Energie und Intuition, zu entziffern suchen. Alles andere führt in die Täuschung.

      Ich frage mich oft, wie wohl Peter Brückner unsere heutige Zeit, die 90er Jahre, die das Ende der Sowjetunion, der DDR und der Blockkonfrontation gebracht und der Welt ein wiedervereinigtes Deutschland beschert haben, erleben und beurteilen würde. Ob diese veränderte Lage sein Vertrauen in die Geltung von Großtheorien wie etwa des Marxismus erschüttert hätte? Ich stelle dann fest, daß diese Frage nicht richtig sitzt, weil Peter Brückners Vertrauen in die Macht alles erklärender Theorien immer schon von Skepsis getrübt war und seine Aufforderung, Lebensgeschichte im Spiegel von Geschichte zu betrachten, nicht die Großtheorie, sondern die wirkliche Geschichte meinte. Aber was ist wirkliche Geschichte? In einem Seminar für Studienanfänger hat Brückner seinen Hörern einmal empfohlen, keiner Deutung und keiner Theorie Glauben zu schenken, an deren Wirklichkeitsgehalt ihr eigener Augenschein sie zweifeln lassen müsse. Andererseits sprach er oft davon, daß die kleinen Zufälle des Alltags – »das, was einem so zustößt« – nicht schon Lebensgeschichte seien, daß dazu mehr gehöre: ein Horizont von »Bedingungen«, die übermächtig, das heißt nicht oder schwer verfügbar sein können. Wer genau wissen will, was es mit dieser doppelten ›Warnung‹ auf sich hat, lese Das Abseits … sehr aufmerksam: er wird dann das Beispiel dafür finden, daß »die Verhältnisse« ein Leben nicht nur ›beeinflussen‹, sondern es formen und zerstören können und daß umgekehrt ein lebendiger Mensch die Verhältnisse, wenn sie ihn bedrängen und bedrohen, herauszufordern lernt und sie so auch ›macht‹.

      Ich glaube nicht, daß Peter Brückner heute zu jenen gehören würde, die erlöst vom Ende der Utopien, der Ideologien und der Geschichte sprechen und damit meinen, daß es genüge, wenn man den status quo beschreibt. Er würde auch jetzt auf der ›Spannung‹ (zwischen Geschichte und Lebensgeschichte) bestehen als einem heuristischen Instrument, um sich im Leben und in der Zeit zurechtzufinden; er würde ihren Sinn und ihre Voraussetzungen vielleicht anders formulieren – aber der heute zeittypischen Aufforderung zur Abkehr von allen Versuchen, die Welt als ganze zu sehen und stattdessen relativ, partikular und »objektiv« zu denken, würde er mit Sicherheit nicht Folge leisten. Denn täte er das, würde er ja zum Verräter an seiner eigenen Losung: »… der Reflexion vertrauen, solange sie Erfahrung und Objektivität fühlbar vermittelt«. Und wenn sie das nicht mehr kann, die Reflexion, wenn sie versagt oder nachprüfbar trügt? Dann muß man sie selbst reflektieren, sie erneuern und schärfen. Das ist ohnehin unerläßlich. Ohne sie auskommen aber – das ist unmöglich.

      Es gelang Peter Brückner am Schluß seines Lebens nicht, die begehrte Venia legendi für Soziologie zu erhalten – er blieb formell Psychologe, ein Fach, dessen Erkenntnismöglichkeiten ihn immer weniger reizten. Vielleicht, weil das Rätsel, das eine Lebensgeschichte aufgibt, immer irgendwie gelöst wird – und sei es durch Tod oder Vergessen. Die Rätsel der Geschichte aber bleiben da, sie häufen sich auf und wuchern – sie wachsen zu Bergen, und daß die junge Generation von heute manchmal glaubt, sie brauche diesen Berg nicht abzutragen, sondern könne einfach drüberklettern – das hätte Brückner als einen tragikomischen Irrtum aufgefaßt, den er mit seiner typischen mehrdimensionalen, von Ironie und mannigfachen Anspielungen blitzenden Redeweise versucht hätte, aufzuklären. Er hätte vielleicht gesagt:

      Die Anstrengung, Geschichte und Lebensgeschichte als Einheit zu fassen, scheint heute, wo wir uns von der Vorstellung trennen, daß die Geschichte Gesetzen gehorcht, zu groß. Wo alles chaotisch wird, kann man nichts mehr aufeinander beziehen, man will sich nur noch hindurchretten. Aber damit überläßt man »den Verhältnissen« das Feld und unterwirft sich ihrer wie immer ›wilden‹ Bewegung. Man gibt jeden Anspruch auf Gestaltung von Geschichte auf – und damit auf Gestaltung der eigenen Lebensbahn. Auch wenn wir keine Gesetzmäßigkeit mehr erkennen können, nach der Geschichte sich vollzieht, so kennen wir doch Gesetze, unter deren Schutz Lebensgeschichten sich entwickeln sollten. Was tun wir, um diese Gesetze zu kritisieren, zu verbessern, zu vervollkommnen und zu verteidigen? Oder, anders gefragt, rütteln wir nicht schon an den Verhältnissen, wenn wir alles tun, um unsere menschengemachten Gesetze zu vervollkommnen und zu verteidigen, verschlingen wir nicht auf diese Weise die beiden »Rätsel« aufs Neue zu einem? Für sich ist keines der beiden Rätsel lösbar; es sieht nur manchmal so aus – um so schlimmer, denn dann handelt es sich um Trug. Wenn es denn so sein sollte, daß auch das verschlungene Rätsel unlösbar bleibt, so dürfte man doch die Mühen des Verschlingens – oder des Projizierens, des Ineinander-Spiegelns – nicht scheuen, denn schon die Formulierung dieses komplexen Rätsels verhilft uns zu größerem Erkenntnisgewinn, als es selbst die (immer nur scheinhafte) Lösung der je einzelnen vermöchte. Gerade wenn Geschichte wegen ihrer Unabsehbarkeit Angst macht, muß sie als Folie und Gegenstand von Lebensgeschichte begriffen werden – sonst kommt womöglich wieder etwas dabei heraus, was hinterher niemand gewollt und von dem niemand gewußt hat.

      Barbara Sichtermann

      Ouvertüre

      Im Jahre 1923 entschließen sich einige deutsche Länderregierungen, die NSDAP zu verbieten, weil sie die »verfassungsmäßig festgestellte republikanische Staatsform des Reichs« diffamiere (§8,1 des Gesetzes zum Schutz der Republik). Auch das Land Sachsen spricht einen Schutz aus, aber die »Diffamierung der Staatsform« bleibt. Die Landeshaupt-, Kunst- und Pensionärsstadt Dresden, Elbflorenz, wird, während der Wert des US-Dollars von 21 000 Mark im Januar 1923 auf über 48 Millionen Mark im Oktober steigt, von den Savonarolas rechtsradikaler Kampfbünde und faschistischer Vereine beunruhigt.

      Diese deutschen Savonarolas haben, was in Europa sonst seltener wird, gleich en masse einen Instinkt für die Wahrnehmung von kleinsten Zeichen der Differenz in der menschlichen Physiognomie, was »abweicht«, was fremdartig anmutet, ist schon als Unwert erkannt. Wo sie wahrnehmen, denunzieren sie schon. An irgendeinem Tag verläßt ein Ehepaar, den einjährigen Sohn im hochrädrigen Kinderwagen, das Café Rumpelmayer. Eine Rotte von Faschisten drängt die Frau vom Gehsteig: »Judensau!« Der Kinderwagen wird ihr aus der Hand gerissen, der Ehemann vollständig übersehen und behandelt, als gehöre er nicht dazu. (Er sieht aus wie ein sächsischer Ingenieur, was er auch ist; daß er Kindheit und Jugend in den USA verbracht hat, als ältester Sohn des Großmeisters der Loge zu den drei Weltkugeln, und selbst bis 1917 Freimaurer war, geht erst viel später in die Akten des neuen Reiches ein.)

      Judensau? Nach den Typensuchregeln der völkischen Denunziation sieht die Weggestoßene »jüdisch« nicht aus. Eher polnisch. Jedenfalls ist sie nicht von hier. Ihre Haare sind blauschwarz. Das Gesicht: slawisch geschnitten, mit breiten Backenknochen. Sie ist gebürtige Engländerin. Schon die Großeltern waren ehrenwerte Mitglieder der High Church, voll anglisiert, aber in der Tat: Juden. Das Genie des deutschen Volkstums liegt im Spürsinn für die fremde Rasse. Diese jungen Genies, Garanten der Zukunft, waren 1923 mit germanischen Runen und Symbolen geschmückt, denen gegenüber schon das Latein des Tacitus europäische Moderne war.

      Der Einjährige rutscht mit dem Kinderwagen ins Abseits. Obwohl sich seine rassische Minderwertigkeit später verheimlichen läßt (lange Jahre auch vor ihm selbst), bleibt das Kind als Produkt einer atypischen Familie immer vom normierenden Zugriff der staatlichen Ordnungsmächte bedroht. Als der geborene Dissident ist es zugleich vor der eigentlichen Katastrophe dieses Kulturvolks behütet: vor der Faschisierung. Das Abseits ist, was den Nationalsozialismus angeht, in Deutschland der einzig sichere, ja, der einzige glückliche Ort.

      1922–1932


Скачать книгу