Das Abseits als sicherer Ort. Peter Brückner
nichts als Auge, als sinnliche Wahrnehmung, unberührt von den Emotionen um mich herum, erneut das »Abseits« als Bedingung der Erfahrung von Glück. Später besuchte Hitler die Stadt. Am Tage danach saß ich im Omnibus mit Vater und Onkel, die sich in englischer Sprache unterhielten; uns gegenüber zwei SS-Leute der Leibstandarte Adolf Hitlers. Sie hielten uns für Briten, einer beugte sich vor: »Have you seen us? We are Hitlers bodyguard.« Ich hielt zu dieser Zeit gerade sehr wenig von meiner Verwandtschaft, aber die Situation entflammte mich minutenlang für meinen Onkel, der kühl und unnahbar blieb, und ebensowenig wie mein Vater den Irrtum aufzuklären beabsichtigte. Macht ist dumm.
Einige Zeit später wohnte ich für ein paar Wochen bei einem Vetter meines Vaters. Ich mochte diesen Vetter nicht. Das hatte mit meiner Mutter zu tun, die in der Familie des Vetters nicht als deutsche Mutter galt: egoistisch, nicht verantwortungsbewußt, eine Katastrophe für den Ehemann. Und meine Abneigung – eigentlich eine Mischung aus Angst und Haß, gemildert durch Neugier – antwortete auch auf den Umstand, daß der Vetter und seine Frau, wiewohl antifaschistisch, ihre Kinder quasi-faschistisch erzogen; ohne das zu ahnen, besten Gewissens. Sie sahen in der autoritären Psychose, die man in Deutschland »Erziehung« nennt, ein Antidot gegen den NS-Staat. Auch in der Pedanterie ihres täglichen Kleinterrors und ihrer Verdachtspsychologie. Auch sie hatten am normalen Faschismus teil: sie rochen die Abweichung (in der ihnen »fremden« Schwägerin, im aufrührerischen Kind). Ein deutscher Antinazi konnte allemal ein zur Sparsamkeit gezwungener Mittelständler sein, das war schlimm genug.
Der Nationalsozialismus, die zum Staat gewordene Unordnung, hatte, was »gut« an ihm war, der Familie des Vetters sozusagen gestohlen – Turnen, den Mythos der frischen Luft, die tägliche Hygiene und Sauberkeit. Aber Hitler schwächte die Religion des Gehorsams. Den schuldeten Kinder den Erwachsenen. Es wurde über Anweisungen der Erwachsenen nicht diskutiert, das gab es in der HJ. Tischsitten waren heilig, jedenfalls was meine Wirtsfamilie unter Tischsitten verstand: etwas sehr Penibles, verknüpft mit der Idee des einfachen Lebens, vor allem mit Schwarzbrot. Und Kindheit, das war ein Paradies, so gut geht’s einem nie wieder. Als ich meine Mutter an einem Samstag besuchte (der mit ihr verabredete Besuchstag), sie hatte gerade ein Engagement in der Stadt, im sogenannten Schweizer Viertel, fand ich sie von Kopfschmerzen geplagt und ohne einen Pfennig Geld. Ich kehrte um, verlangte von meinen Wirten mein Taschengeld, das es immer sonntags gab, um es meiner Mutter zu bringen – für eine Schachtel Aspirin hätte es vielleicht gelangt – und erhielt es nicht: Sonntags wurde es ausgeteilt. No discussions, jedenfalls sprach der Vetter meines Vaters ein paar Worte Englisch, als Dokumentation nicht von Bildung, sondern von Antifaschismus. (Diese Sitte ist mir später wieder begegnet, aber unter anderen Menschen und unter erfreulichen Umständen.3)
Einige Tage danach lief ich meinen Wirten weg, ging zurück in die elterliche Wohnung, in der niemand mehr war (bis auf den Untermieter4) und blieb dort. Aber wie sollte ich mein Gepäck aus der Wohnung der Verwandten kriegen – darunter die Schuhe? Ich war im »Abseits« durchaus ruchlos geworden, wenn ich mir nicht anders zu helfen wußte. Ein Stück Darwinismus benötigt, wer in den Sozialdarwinismus der mittelständischen Familie verstrickt ist. Der Vetter wohnte weit weg von uns in einem Stadtviertel, in dem mich keiner kannte. So ging ich – noch immer in Hausschuhen zur HJ-Dienststelle dieses Viertels, behauptete, ich sei Mitglied, erzählte eine Schauergeschichte und erreichte es, daß zwei Ältere in Uniform zu meinen Verwandten gingen und dort auf sofortiger Herausgabe meines Koffers bestanden. Ich verschwand mit meinen Sachen und ließ mich in diesem Viertel nie wieder sehen.
So hatte der Faschismus für den Heranwachsenden eine gute Seite: er ließ sich gegen konkurrierende Formen des Terrors nutzen und noch dazu relativ gefahrlos für einen selbst, man mußte nur wissen, wie man sich ihm wieder entzog, also unsichtbar wurde.
Als ich 1936 Dresden verließ, verließ ich eine für mich sozial fast leere Stadt; ich sah in den letzten Monaten lediglich meinen zweiten Halbbruder Armin ab und an. Er war zwei Jahre älter als ich, und das ist manchmal viel. Wir mochten uns, wußten aber seit kurzem wenig mit uns anzufangen. (Er floh 1938 aus Deutschland.)
Heute würde ich sagen: Ich verließ die Stadt als ein einsam wandelndes Nashorn.
Die Eltern
Frühes Porträt
Mit dem Vater
Mit 6 Jahren
Internatsjahre 1936–1939
Widersprüche, nutzbar gemacht
Das Internat hatte in einem Seitenflügel ein Mädchenwohnheim, bestimmt für auswärtige Schülerinnen der städtischen Höheren Mädchenschule. Koedukation galt »als der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht gemäß«, war daher zu vermeiden: die überlieferte Separierung der Geschlechter in diesem Internat erhielt so nach 1934 ein ideologisches Fundament. Die alte Sexualfeindschaft der Pädagogen schlüpfte in die »NS-Gesinnung«. Zugleich galt auch für Gymnasiastinnen Hitlers Forderung nach »Weibern, die […] Männer zur Welt zu bringen vermögen«. Das »Ziel« der weiblichen Erziehung »hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein«. In den Lehrplänen des Gymnasiums nahm dieses Ziel Formen an, die der deutschen Seele wohltun: Schülerinnen der Unterstufe hatten Erstlingswäsche für Mutter und Kind herzustellen, die der Mittelstufe zum Beispiel Wäsche für arme, kinderreiche Familien zu nähen, zu pflegen und auszubessern.
In der objektiven Anarchie meiner familiären Verhältnisse war ich auf einspringende Fürsorge angewiesen: es gab weder eine Mutter noch andere Verwandte, die sich um meine Wäsche hätten kümmern können. Und wir waren zu arm, um etwa Dienstleistungs-Unternehmen in Anspruch zu nehmen. Ich war auch sonst ein »Underdog«: als Einziger unter den gut hundertzwanzig Internatsschülern konnte ich die Wochenenden nur höchst selten zu Haus, das heißt bei meinem Vater verbringen (weil sein Zimmer zu klein, sein Arbeitsort zu entfernt, die Reise zu teuer war), ja sogar die Ferien über blieb ich das eine oder andere Mal als Einziger in den riesigen Gebäudekomplexen von Schule und Internat zurück.5
So geriet ich binnen weniger Monate zum Substitut für die von den Lehrplänen erwünschte kinderreiche Familie oder die Erstlingsausstattung. Das Mädchenheim nahm sich meiner an. Es entstand an dieser Stelle ein zugelassener Kontaktraum zwischen den Geschlechtern, der zur Expansion neigte: manchmal nahm mich eine Primanerin in den Ferien zu ihren Eltern mit. Und es bildete sich über die anfangs ganz sozialhelferische und schulisch geprüfte Kommunikation eine Vertrautheit und Verständlichkeit des Verkehrs zwischen den Mädchen und mir heraus, die damals rar genug war, um erneut ein Abseits zu sein. Es gab keine Präzedenzfälle dafür, aber Kopfschütteln, auch Eifersucht, doch die »normative Kraft des Faktischen« entzog das Verhältnis bald der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Die Hauslehrerin, selbst keine Hitlersche Mutter sondern Germanistin, sah sich außerstande, die Entwicklung zu einem »Verhältnis auf Gegenseitigkeit« zu unterbinden, wollte es wohl auch nicht. Sie nutzte die Emanzipationschancen, die der NS-Staat berufstätigen Frauen praktisch bot, während er Frauenemanzipation ideologisch streng negierte, und räumte dem Rektor wenig Kontrollrechte ein. Ich machte mich im Mädchenheim nützlich: zum Teil durch meine für damalige Verhältnisse fast monopolartigen Kenntnisse in schöner Literatur (das heißt als Hilfe beim Hausaufsatz), zum Teil durch Dienstleistungen wie das Besorgen von Schlüsseln für Klavierübungs-Zimmer oder den Bibliotheksraum. Mein Sinn fürs Verschwinden, für die Entdeckung von Nischen im System – eine für die Überlebenschance des »Stadtwilden« unerläßliche, daher schnell erworbene Qualifikation – machte mich binnen weniger Monate zum Spezialisten für Nebenräume, die sich als Abseits nutzen ließen.
Schon