Das Abseits als sicherer Ort. Peter Brückner
Märzschnee in einem Villengarten, das Dienstmädchen, das mich auf die Mauer zur Straße setzt und mir die Tabakspfeife meines Vaters überläßt; Freunde, die ein offenes Auto haben, ein Daimler-Cabriolet, ich war gut zwei Jahre alt. Wir wohnen im ersten Stock. 1930, im zweiten Schuljahr, ist die Adresse schlechter, der Wohnraum beschränkt, aber noch Beletage. Aus dem Speisezimmer blicken wir auf eine weiße Privatklinik mit dünnem Park. Ab und an, wenn meine Eltern abwesend sind, sieht die Frau des Hausmeisters nach mir. Ostern 1932 gehe ich zur Höheren Schule, Realgymnasium Seevorstadt; mein (Halb-)Bruder Armin, zwei Jahre älter, besucht noch das vornehmere Vitzthum’sche Gymnasium. Wir wohnen inzwischen im Erdgeschoß; gegenüber: ein großes Bierlager, eine Dienststelle des städtischen Wohlfahrtsamts und ein Polizeirevier.
Das Herrenzimmer, das es als dritten Raum noch gibt, wird bald an einen Handlungsreisenden vermietet.1
Im Mai 1932 war ich für wenige Tage Nationalsozialist. Jedenfalls kam ich eines Mittags nach Hause, mein Vater war viel zu Hause, weil arbeitslos, und berichtete stürmisch, »Wir« (das heißt die Sexta) seien jetzt alle Hitlerjungen. Ich wurde unterbrochen: die ganze Klasse? Das brachte mich kurz: zum Erröten, denn ich wollte antworten: Nein, nur die besten (Schüler), aber da ich einer der schlechtesten war im Herbst 1932 der 44. unter 46 Jungen, hätte ich gestehen müssen, daß die neue Bewegung an mir vorbeiging. (Nur zu Hause war ich Nazi.) So redete ich lieber weiter in meiner Begeisterung: Sobald »wir« die Macht ergriffen haben, gibt es für uns Geld und Essen genug. Ihr habt dann ausgesorgt. Aber nur ihr. Die Lehrer gerade nicht – in der Schule werden sie ganz blaß, wenn wir von Hitler reden.
Die Phantasie des Zehnjährigen, der von Hitler nur auf der Straße und in der Schulpause gehört hat, spiegelt gewisse Momente des Nationalsozialismus getreu: den räuberischen Charakter (Geld für uns, nicht: Klassenmacht), die Gaunergemeinschaft (»wir«), das antiautoritäre, rebellische Element (die Lehrer, das heißt für ein Kind: zentrale Inhaber von institutioneller Gewalt, ängstigen sich), die Attraktivität der »Bewegung« für Heranwachsende, und zwar für die Besten, das hieß für mich damals: die Schüler mit großem Sozialprestige. Und der Marginalisierte, der ich damals ansatzweise war, schluckt die Kränkung, die darin liegt, daß man ihn ausschloß, und identifiziert sich mit der »Macht«.
Meine Eltern, gebildeter Mittelstand am Rande der Verarmung, verhielten sich untypisch. Ich habe das bedrückte Schweigen nicht wieder vergessen, das meiner Eröffnung folgte, nicht den Anblick meines Vaters, der mich an sich zog, ein zärtlicher Mann; und diese Geste fürsorglicher Wärme war eine Antwort. Ich »wußte« von diesem Augenblick an, was Hitler, was der NS-Staat bedeutete.
Freilich: So wie Kinder Unausgesprochenes wissen; nicht als Kenntnis, die jederzeit reproduzierbar ist, und das »nie wieder vergessen …« schloß auch die Möglichkeit ein, über lange Zeiten hinweg gar nicht daran zu denken.
1933–1935
Am 30. Januar 1933, noch nicht elf Jahre alt, verfolge ich mit meinen Eltern im Restaurant die triumphalen Radiostürme der »Machtübernahme». Die Gäste sind vom Rausch der Zeitenwende ergriffen, das Reich der niederen Dämonen bricht auch in ihnen aus. Die Eltern klatschen gezwungen mit, man erhebt sich, setzt sich wieder, ich bin sehr müde – erregt davon, daß ich bis tief in die Nacht aufbleiben darf, aber beklommen von unserer spürbaren Isolierung. Mein Vater sagt in englischer Sprache: Das bedeutet Krieg. Meine Mutter will etwas erwidern, aber sie schweigt. Sie hat das Jahr 1923 nie vergessen.
Meine Erinnerungen an die Jahre 1933 bis 1936 bewahren ein Nacheinander von Ereignissen ohne erfahrenen inneren Zusammenhang auf. Vielleicht erleben manche Kinder so. Vielleicht spiegelt sich in der inneren Lebensgeschichte des Kindes die Wirklichkeit dieser Jahre: der alchimistische Terror des NS-Staats, der den Sinn der Geschichte auflöst und das Widersprüchliche zusammenzwingt.
Die Lage der »Innenwelt«, der Familie, veränderte sich in diesen drei Jahren: sie wird zerstört. Ich hätte damals nicht zu sagen gewußt, daß dies eine Konsequenz des 30. Januar war. Die Familie hatte für ein Kind größere Immanenz als heute. Der Vater, Mathematiker und Ingenieur, schon seit 1929 häufig arbeitslos, fand keine Stelle in seinem Fach.
Im Laufe von zwei, drei Jahren begann ich zu verstehen, daß er nun einer Anstellung entgehen wollte: sie hätte Folgen gehabt, die hinzunehmen er sich moralisch nicht in der Lage sah – Mitgliedschaft im VDI, »Verein deutscher Ingenieure«, früh gleichgeschaltet; Mitgliedschaft in der Deutschen Arbeitsfront, die das Erbe der Gewerkschaften verschleuderte; Mitgliedschaft schließlich in einer »Betriebsgemeinschaft«: mit dem Eigentümer als Führer. Außerdem suchte er eine Art von innerer Emigration: Gelderwerb außerhalb der Zumutungen der faschistischen Öffentlichkeit. Er wurde Vertreter für eine noch unpolitische Zeitschrift und reiste dafür in Thüringen und Sachsen; alle drei bis vier Wochen kehrte er für zwei Tage nach Dresden zurück. 1934 fand meine Mutter einen Job, denn das Einkommen des Ehemannes war für die Familie zu gering. Sie schlüpfte in eine drittklassige Tanzkapelle; auch sie war danach viel abwesend. Hatte sie ein Engagement in der sächsischen Hauptstadt, dann meist in einem der Cabarets: Sie, die einst Konzertsängerin war, stand nun mit einer Harmonika auf der Bühne. Ich saß oft bis nach Mitternacht unter dem orientalischen Dekor herum und rauchte.
Mein (Halb-)Bruder Frank verdiente sich Geld für das Studium am Konservatorium in der »Mücke« im Großen Garten, einem Tanzcafé von Ruf. Ab und an, wenn meine Mutter mit ihrer Kapelle auf Reisen war, klingelte mich seine Freundin Ellen, eine Norwegerin, spätabends aus dem Bett und nahm mich mit. Ich war damals zwölf. Das waren große Abende: unter Palmenkübeln, an einem reservierten Tisch, der den Musikern und ihren Bräuten vorbehalten war! Sooft ich durfte, besuchte ich Frank nachmittags in seinem möblierten Zimmer, während er Mozart spielte oder Hindemith. Er begleitete damals eine Sopranistin, die die »Marienlieder« sang. Doch Ende des Jahres 1934 reiste er nach Schweden und blieb dort. Er hatte sich nach einem Zusammenstoß mit der Polizei rasch zur Emigration entschlossen.
Da war vieles für mich vorbei; besonders schmerzlich: auch an Vertrauen. Man weiht ein Kind nicht in Pläne zur Auswanderung ein, es stand zu viel auf dem Spiel. Es wird zeitig genug merken … Ja, eines Tages merkte ich, daß Frank, und damit eine Fülle von Erlebnissen, für immer fehlen würden. Ellen kehrte nach Oslo zurück; auch von einer zweiten Freundin meines Bruders, Mercedes, blieb nur eine Schale voll Bisquits.
Vorbei war auch die Oberrealschule Seevorstadt: Ich konnte aus finanziellen Gründen auf der Höheren Schule nicht bleiben. Ostern 1934 kehrte ich in die Volksschule zurück, der bloße Terror. Je häufiger ich allein war, um so gründlicher entzog ich mich ihm. Mein Vater brachte mich schließlich als – beaufsichtigter – Untermieter bei verschiedenen armen Leuten billig unter, aber das hielt immer nur eine Zeit. Ich weinte, war aber unbezähmbar. Nach Zwischenaufenthalten bei Verwandten meines Vaters floh ich im Sommer 1935 in die meist leere elterliche Wohnung zurück: versorgte mich selbst, kaufte ein, ging kaum zur Schule, fraß das Leben der Stadt mit Augen, Ohren und Nase, lief in Kirchenkonzerte (der Eintritt war damals meistens frei). In den Nächten, wenn ich sie nicht auf dem Bahnhof verbrachte, las ich, was immer mir in die Hände fiel: anarchische Lust des »Abseits«. Es war die uns versprochene Freiheit der großen Stadt, die ein Zwölf- und Dreizehnjähriger sehr wohl als Quelle von Identität und Glück zu nutzen versteht, solange man ihn in Ruhe läßt.
Im Winter 1935 war die Ruhe vorbei, Polizei und städtisches Wohlfahrtsamt kamen dazwischen. Ich galt als »verwahrlosungsgefährdet«, Fürsorgeerziehung wurde angedroht. Die Ordnungsmacht kam nicht aus eigenem Entschluß, jemand hatte sie gerufen, ein »Jemand« im Plural. Meine Mutter gehörte dazu, zögernd, aber eben doch, sie fühlte sich auf der Suche nach einer neuen Lebensweise und -organisation von mir bedroht. Sie steckte damals mit einem tschechisch-jüdischen Kapellmeister unter einer Decke, der auch eine Überlebens- und Emigrationschance suchte; das Auswandern kostete Geld. Er stiftete meine Mutter an, eine seltene Sammlung alter südamerikanischer Briefmarken zu verkaufen, ein Erbstück aus den USA, von der ich meinte, sie gehöre mir. Eifersüchtig und tief verletzt brach ich in den Schreibtisch unseres Untermieters ein, in dem, wie ich wußte, eine Schußwaffe lag. Ich verbarg sie unter meinem Kopfkissen; dazu bereit, auf jemanden zu schießen –