"In den wilden Bergschluchten widerhallt ihr Pfeifen". Otto Meister


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der Zwischenzeit knüpfte er wichtige Beziehungen, und in den höheren Kreisen der Schweizer Diplomatie zog man ihn als Berater in Chinafragen hinzu. Im gleichen Jahr schrieb er einen Brief an den Schweizer Botschafter in Tokio, der von ihm wissen wollte, wie die Lage für die chinesische Bevölkerung, die Ausländer und insbesondere die Schweizer aussehe und ob es seiner Meinung nach möglich sei, in China ein Schweizer Konsulat zu eröffnen. Meister kam zum Schluss, dass es angesichts der jüngsten Ereignisse und der ständigen Unruhen schwierig sein dürfte für ein so kleines Land, ein Konsulat aufrechtzuerhalten ohne eine Militärmacht im Rücken, die es beschütze.4

      Danach kehrte er für einige Monate in die Schweiz zurück und fand eine Anstellung bei der Firma Sulzer in Winterthur, die Dampf- und Dieselmotoren für Schiffe und die Industrie herstellte und die ihn mit der der Auslandsvertretung für China, Japan und Indochina betraute. Ab 1911 war er in Tokio stationiert und von 1913 bis 1922 in Kobe, bevor er endgültig nach Shanghai übersiedelte.

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      Otto Meister mit Chiyo Ishizuka in Shanghai, undatiert.

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      Chiyo Ishizuka mit Sohn Alfred «Freddy» Jutaro, Kobe 1918.

      Er verbrachte ein ruhiges Jahrzehnt in Japan, das sich allmählich modernisierte. In seinen Berichten erscheint es als ein Land mit zauberhaften Landschaften, mit Gärten, die das perfekte Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur darstellen, und Tempeln, die von Parkanlagen mit zahllosen wunderschönen Pflanzen und Blumen umgeben sind. In den ersten Jahren seines Japanaufenthalts lernte er in Tokio Chiyo Ishizuka kennen, die zu seiner Lebensgefährtin wurde und mit der er einen gemeinsamen Sohn hatte, Freddy Jutaro.

      Chiyo war eine für die damalige Zeit sehr gebildete Frau, die Englisch sprach und für die Botschaften übersetzte. Chiyo war in verschiedenen japanischen Künsten bewandert, so im Schreiben, Zeichnen, in der Musik und in der Kunst, der Teezeremonie. Diese hat in der japanischen Tradition eine tiefe spirituelle Bedeutung. Ihr eigentlicher Zweck ist es, eine Atmosphäre der Harmonie und Gelassenheit für Geist und Körper zu schaffen, wie eine Aufnahme von Chiyo mit einer Schwester und Sohn Freddy Jutaro dokumentiert (nächste Seite). Chiyo spielte das Koto, ein traditionelles japanisches Musikinstrument ähnlich einer grossen Zither, und beherrschte Ikebana (japanisch für «lebende Blumen»), die Kunst des Blumenarrangierens. Chiyos Vater soll einer Samurai-Familie entstammen, würdevoll blickt er auf dem Familienfoto von 1920 in die Kamera (nächste Seite). Wer das Bild aufgenommen hat, kann man am westlichen Hut erraten, der auf der Bank liegt …

      Zur Absicherung seiner Familie hatte er eine Lebensversicherung in kanadischen Dollars abgeschlossen, die allerdings infolge der Inflation der 1920er-Jahre fast ihren ganzen Wert einbüsste. In späteren Jahren gelang es ihm dann, aus der Schweiz heraus ein Haus in Japan zu finanzieren. Chiyo fühlte sich ihrem Land so sehr verbunden, dass sie die Inseln zeitlebens nicht verliess und die Schweiz, anders als ihr Sohn Jutaro, nie kennenlernte.

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      Chiyo Ishizuka (Mitte) mit ihrem Sohn Alfred und ihrer Schwester, etwa 1915.

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      Vater Ishizuka mit seinen vier Töchtern und Enkel Alfred, Tokio 1918.

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      Chiyo mit Alfred in Shanghai, undatiert.

      Ottos berufliche Tätigkeit für die Auslandvertretung erlaubte es ihm, alle drei bis vier Jahre in die Schweiz zurückzukehren. Die Reisen dauerten jeweils zwei Monate. waren beschwerlich und voller Zwischenfälle. Die Route führte entweder von Kobe über den den Suezkanal nach Marseille oder in die entgegengesetzte Richtung: über den Pazifik nach San Francisco und New York oder durch Mexiko und Panama) und von dort nach England.

      Rückkehr zwischen den Fronten

      Am II. April 1914 reiste Otto Meister von Kobe in die Schweiz, diesmal über die Hawaii-Inseln, San Francisco, Mexiko und Panama und von dort mit einem Schiff nach Avonmouth, England, wo er am 5. Juli ankam. Es war eine Geschäftsreise: Seine Mission war es, sich nach möglichen Handelsräumen und Absatzmärkten für die Schweizer Industrie umzusehen, die zu den führenden Maschinenproduzenten gehörte. In Meisters Tagebuch finden sich Einträge zu Gesprächen sowohl mit dem Schweizer Konsul von Mexico City als auch mit einem Schweizer Stoffhändler. Die beiden Landsleute beschrieben ihm die Lage folgendermassen: Im Norden von Mexico City kämpften Regierungstruppen gegen nicht näher benannte «Rebellen»; im Süden wüteten die Zapatistas; von Westen her rückten die Rebellen von Manzanillo und Guadalajara vor, und im Osten hatten die Amerikaner Vera Cruz besetzt – ein Bürgerkrieg schien unvermeidlich. Elemente des Nationalismus und des Sozialismus vermischten sich auf wirre, undurchsichtige Art und Weise. Meisters Tagebuch ist ein einmaliges Dokument, in dem von allerlei kleinen Vorfällen aufgrund der sich ausbreitenden mexikanischen Revolution von Zapata und Pancho Villa berichtet wird, aber auch das Bild von kleinen, farbenfrohen Dörfern und Städtchen Zentralamerikas mit ihren Bewohnern gezeichnet wird und in dem die Gegensätze zwischen den reichen Grossgrundbesitzern und der armen Bevölkerung deutlich werden.

      Auf seiner Eisenbahnreise durch den Süden Mexikos durchquerte er die Region von Juchatan, die Heimat der Chiapas-Indianer: «Die Leute hier, fast alles echte Indianer, sollen noch ganz ursprünglich sein und ihre Gewohnheiten unverändert beibehalten haben. Ein schöner, kräftiger, wohlgebauter Schlag, sympathische Gesichter. Die Leute sollen aber arbeitsscheu und sehr kriegerisch gesinnt sein und sich viel lieber als Soldaten anwerben lassen als arbeiten. Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe & Treue werden ihnen nachgerühmt.»

      Meister kam 1994 zum Schluss, dass sich Mexiko nicht für Schweizer Investitionen eignete. Die Revolution richtete sich gegen die Kolonialherren, und so zogen die Europäer ihr Kapital vermehrt ab. Eine etwas makabre Geschichte, die Meister detailliert aufgeschrieben hat, zeigt deutlich das Gemisch aus Arglosigkeit und Gewalt, Ideologie und Verwirrung, aus Anpassung und Verzweiflung, die vielleicht typisch für alle Revolutionen ist und die Meister aus seiner privilegierten Warte mehr von der anekdotischen Seite her nahm:

      «Ein Chinese, mit seinem Bündel auf dem Rücken, trottet im Schweisse seines Angesichts auf der Landstrasse. Daher kommt ein Trupp Soldaten, Maderitas. Der Chinese wird angehalten, & der Anführer fragt ihn: ‹Quién vive?›

      ‹Diaz› sagt der Himmlische auf’s Geratewohl, & wird natürlich konsequenterweise dafür von den Anhängern Madero’s gehörig verprügelt & beraubt.

      Traurig, seiner Habseligkeiten beraubt & seine Schwielen reibend, zieht der Sohn des Reiches der Mitte weiter. Feldein kommt wiederum eine Bande Bewaffneter. ‹Quién vive?›

      Diesmal denkt der Chinese: Mit Diaz war’s nichts. Wollen’s also mal mit Madero versuchen. ‹Madelo!› brüllt er begeistert. Aber diesmal waren es Regierungstruppen, & der arme Gelbe wird halb tot geschlagen am Wege liegengelassen.

      Endlich rafft er sich wieder auf & schleppt sich weiter. Aber da glänzen schon wieder Bayonette & Machetes. Eine Pistole wird ihm unter die Nase gehalten & wiederum heissťs ‹Quién vive?› Halb tot vor Angst stammelt der zitternde Sohn des Blumenreiches: ‹Dilo tú el pelimelo!› (Sag’s du zuerst!)»

      Die Reise ging zum grössten Teil mit der Eisenbahn weiter, bisweilen auch auf einem Ochsenkarren oder zu Pferd, und von Honduras bis Panama auf einem alten Schiff. Meister beschreibt in seinem Tagebuch auch die prachtvolle, abwechslungsreiche Vegetation, die er auf seiner Fahrt vom Hochplateau von Mexiko City bis hinunter zum Meer beobachten konnte:

      «Abends 4 Uhr erreichten wir das hübsch und schon ziemlich hoch gelegene Colima, wo wir zu übernachten hatten. Es war ein prächtiger Anblick, wie die Sonne unterging, hinter dem Stadtpark mit seinen Palmen und Mangobäumen zwischen denen da und dort die feuerroten Blüten des ‹Arbol de


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