Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?. Martin H. Geyer

Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat? - Martin H. Geyer


Скачать книгу
Bestrafung des Kriminalinspektors Grüneberg [sic!] führen«, war aus dem Munde des Polizeipräsidenten Richter zu hören; noch 1924 wurde Grünberg aus dem Dienst entlassen. Wenige Monate später stand der Polizeipräsident wegen seiner Beziehungen zu Barmat selbst am Pranger – und wurde gedemütigt verabschiedet.

      Zwei Interpretationen des wirtschaftlichen Grenzgängertums

      Gemessen an den ausufernden Räuberpistolen-Episoden im Umfeld des Falles Kutisker war diejenige Julius Barmats vergleichsweise harmlos, fast schon banal. Fachleute sahen die Ursachen des wirtschaftlichen Scheiterns in strukturellen Momenten, nämlich im Übergang von der Inflation zur Währungsstabilisierung und damit verbundenen Fehlentscheidungen und -einschätzungen durch verschiedene Akteure. Darüber hinaus gab es Indizien für ein als deviant einzustufendes Verhalten, nämlich Bestechung, aber dieses Argument stand bei den Experten aus der Wirtschaft nicht im Vordergrund. Doch zirkulierte auch eine andere Sicht auf die Dinge: Tat sich hier nicht geradezu ein Abgrund von Betrug und Korruption auf, der im Falle Barmat zudem an dessen frühere Geschäftstätigkeit anknüpfte? Es handelt sich um zwei sehr unterschiedliche Erklärungen der Zusammenhänge, mit denen die (Ab-)Wege der wirtschaftlichen Entwicklungen und der Grenzgänger des Kapitalismus der Kriegs- und Nachkriegszeit verhandelt wurden.

      Bereinigung und Rückkehr zum »rationalen Kapitalismus«

      Mit der erfolgreichen Währungsstabilisierung gingen die früheren Inflations- und Deflationsblüten unter. Dahinter vermag man wirtschaftliche Selbstregulierungen, auch im Sinne von Systemlogiken von Marktrationalität, erkennen; anders formuliert: Die Kräfte des »rationalen Kapitalismus« (Weber) setzten sich seit der Währungsstabilisierung sukzessive durch. An die heilsamen Wirkungen der Marktkräfte, die letztlich das wirtschaftliche Handeln bestimmten, glaubte auf jeden Fall auch der Wirtschaftsgutachter und Jurist Berthold Manasse, der als Geschäftsführer einer eingerichteten Treuhandgesellschaft die Abwicklung des Barmat-Konzerns übernahm.

      Manasse diagnostizierte dessen Scheitern in jeder Hinsicht nüchtern. Die Brüder Barmat hätten sich »ohne Vorkenntnisse und ohne Eignung auf Gebieten betätigt, auf welchen sie versagen mussten«: Sie hätten Firmen und Beteiligungen ohne sachgemäße Prüfung der Bilanzen gekauft. Fast alle Unternehmungen erforderten Zuschüsse und Investitionen, erzielten aber keine Rendite. Die eigenen Mittel hätten »im krassen Gegensatz« zu den aufgenommenen Mitteln gestanden. Mehr als alles andere war nach Manasse die »Ursache des Zusammenbruchs in der grundlegend falschen Anhäufung nicht zueinander gehörender Unternehmungen in einem Haus zu suchen, für deren Bewirtschaftung nicht nur keine eigenen Erfahrungen, sondern auch nicht die geeigneten Hilfskräfte zur Verfügung standen«.

      Diese Diagnose war in der wetterwendischen liberalen Berliner Wirtschaftspresse schnell Konsens. Die Stabilisierungskrise hatte »eine Anzahl von Inflationskonzernen aufs Trockene gesetzt«, so ein anderer Autor, »und die Barmats besaßen weder genügend Geld oder Kredit, um sie zunächst wieder flott zu machen. Aber sie besaßen absolut nicht genügend Geld, um sie auf die Dauer zu finanzieren«.116 Was wenige Monate zuvor noch als »Weitblick« gelobt worden war, nämlich dass Julius Barmat »im Gegensatz zu fast allen anderen Konzernschöpfern« seinen Konzern nicht in den Tagen der Hochkonjunktur, sondern in denen der Depression und der Krise aufgebaut und auf diese Weise »eine Reihe der wertvollsten Unternehmungen zu äußerst vorteilhaften Preisen an sich gebracht« hatte, entpuppte sich als krasse Fehleinschätzung.117 Aber wen kümmerte das Geschwätz von gestern?

      Zugleich war es kein Geheimnis, dass die Preußische Staatsbank gravierende Mitschuld an der ganzen Misere trug: »Bankiers und Großbanken« verkauften nur zu gern ihre Aktienpakete, ohne aber selbst Kredite für solche gewagten Geschäfte zur Verfügung zu stellen, so Manasse. Das übernahmen die »öffentlichen Behörden«; bei diesen seien aber »sämtliche Voraussetzungen außer Acht geblieben, welche im Bankgewerbe üblicherweise für Kreditgesuche vorhanden sein müssen«. Man könne diese »›Konzern‹-Bildung nicht als beabsichtigten betrügerischen Aufbau bezeichnen«. Denn vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus, so seine Konklusion, könne man nicht erkennen, »worauf man den Vorwurf des Betrugs stützen wolle, solange Dummheit und Unfähigkeit nicht unter Strafe gestellt sei«.118 Dieses Urteil des Wirtschaftssachverständigen lief – noch in der heißen Phase des Skandals – auf eine Art »Normalisierung« der Geschäftstätigkeiten Barmats hinaus; vor allem ließ sie die vielen Mitbeteiligten weitgehend außer Acht.

      Solche eher pragmatischen Einschätzungen, die auf die Wirren der wirtschaftlichen Zeitumstände und ihre zerstörenden Wirkungen abhoben, waren weit verbreitet. Konsens war, dass mit der Währungsstabilisierung Kriegs- und Inflationsgewinnler und ihre aufgeblähten und unsoliden Firmen aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen wurden. Anders formuliert: Grenzgänger des politischen Kapitalismus machten dem vermeintlich rationalen Kapitalismus Platz. Viel Aufsehen erregte die Zahlungsunfähigkeit des Stinnes-Konzerns im Frühjahr 1925.119 Auch der 1924 verstorbene Hugo Stinnes, der den einen als genialer Konzernorganisator, den anderen als ein »König der Inflation«, unter diesen Königen gar als »Kaiser« galt,120 hatte in der Stabilisierungsperiode seinen Konzern ebenfalls weiter auszubauen versucht. Seiner Familie hinterließ er einen Trümmerhaufen. Für viele seiner Bewunderer war das ein Schock. In populären Debatten, speziell solchen der Linken, war Stinnes zwar ein übler Inflationsgewinnler (der in Karikaturen vielfach mit jüdischen Konturen gezeichnet wurde); anderen galt er dagegen als ein Vorbild eines nicht jüdischen Kapitalismus. Im Gegensatz zum Barmat- wurde der große Stinnes-Konzern für die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands als systemrelevant (um einen modernen Begriff zu benutzen) eingestuft. In einer konzertierten Rettungsaktion restrukturierten Großbanken und die Reichsbank das Unternehmen. Konzernteile wurden stillgelegt oder verkauft, aber der Kern konnte gerettet werden.121

      1923/24 wurden Tausende von Firmen zahlungsunfähig. Die Währungsstabilisierung als »Reinigungskrise« versprach einen Schlussstrich unter die verkehrte Welt der Nachkriegszeit und einen Neuanfang. Mit der Zahlungsunfähigkeit des Barmat-Konzerns war die Liquidations- und Treuhandgesellschaft m.b.H. in Berlin eingerichtet worden, deren Aufgabe die Verwertung der Vermögensbestände des Barmat-Konzerns war. Mitglieder des Aufsichtsrats waren bekannte Staats- und Reichsbeamte, darunter der neue Präsident der Preußischen Staatsbank Franz Schröder, der Reichstagsabgeordnete und Autor des Buches Das Finanzkapital (1910) Rudolf Hilferding sowie der Leiter des Reichskolonialamtes und Reichsminister für Finanzen a. D. Bernhard Dernburg. Diese Treuhandgesellschaft wurde offenbar mehr oder weniger einvernehmlich mit Julius Barmat, seiner Frau Rosa und seinen Brüdern sowie dem Wirtschaftsgutachter und Juristen Berthold Manasse, dem Vorstand dieser Gesellschaft, per Notariatsvertrag gegründet. Mit ihrer Gründung verpflichteten sich die Barmats, auch ihr gesamtes Vermögen, das sie in- und außerhalb Deutschlands besaßen, der Treuhand zu übertragen. Davon ausgenommen waren Wäsche, Kleider und Wohnungseinrichtungen, die aber offenbar vom Finanzamt gepfändet waren. Das in Deutschland nachgewiesene Vermögen der Barmats betrug nach einem Vorbericht der Bücherrevision Ende 1924 höchstens 400000 RM. Die Ermittlungen ergaben, dass das holländische Vermögen Julius Barmats Ende 1923 etwa 2,2 Mio. Gulden, gleich etwa 3,8 GM betrug. Er war aber nicht liquide und zweifellos durch den Kursverfall der Aktien schnell entwertet. Wie viel davon in die Hand der Treuhand gelangte und nicht an den Fiskus fiel, ist nicht bekannt. Von der Übertragung in die Treuhand ausgenommen war das Vermögen der Amexima Hamburg, in deren Händen der Lebensmittelhandel lag und deren Wert sich 1926 auf etwa 200 000 RM belaufen haben soll. Wie im Treuhandgesellschaftsvertrag zu lesen war, sollte damit den Barmats die Gründung einer neuen Existenz ermöglicht werden.122

      Der Barmat-Konzern befand sich nun in der Hand von Sachverständigen. Julius Barmat war nur noch ein Beobachter, der zusehen musste, wie sein Konzern zerlegt wurde. Infolge seiner Inhaftierung war er vom Informationsfluss weitgehend abgeschnitten. 1925 begann der Verkauf von Konzernteilen; Teile davon waren für Käufer durchaus ein »Schnäppchen« und warfen schon wieder Gewinne ab.123 Eine hoch umstrittene Frage war, ob und welche Schulden von Rückversicherern gedeckt waren. Die dem Barmat-Konzern zugehörige Allgemeine Garantiebank Versicherungs-AG. hatte dafür selbstschuldnerische, teils


Скачать книгу