Schauplatzwunden. Ludwig Laher
mit einer Geißel ausgepeitscht und bekam dann vereinbarungsgemäß das Werkzeug ausgehändigt. Zum Gaudium der umstehenden und feixenden Braunhemden riss der Strick. Pech gehabt, eine zweite Chance war nicht vorgesehen. Ferdinand Duböck muss weiterleben.
Doch mit einem Schlag ist kurz vor Silvester alles anders. Ob das gar mit dem kurz zuvor Umgebrachten zu tun hat, einem Mann um die vierzig, der erst am Tag vor Weihnachten angeliefert und seither pausenlos besonders schwer misshandelt wurde? Das Wachpersonal wirkt sichtlich nervös, hält sich jetzt spürbar zurück, der Alkohol fließt nicht mehr in Strömen. Dann erscheinen plötzlich fremde Herren in Anzügen auf der Bildfläche, holen Auskünfte bei der Lagerleitung ein, durchstreifen das ganze Gelände, sichern Spuren.
Am neunten Jänner 1941 wird das Lager Weyer-Sankt Pantaleon totalevakuiert, man treibt die Häftlinge zur Eile an. Ein Teil wird kommentarlos freigelassen und im allgemeinen Chaos einfach weggeschickt, die restlichen einundfünfzig, unter ihnen Alois Auleitner, transportiert man ohne Zielangabe ab. Er hat wie die anderen nicht den Schimmer einer Ahnung, was da gerade abläuft, wohin die Reise gehen soll. Wahrscheinlich denkt er, schlimmer kann es ohnehin nicht kommen. Dass er zu jenen gerechnet wird, die fürs Wegschicken ungeeignet sind, ist andererseits ein Alarmzeichen. Sein letztlich doch recht harmloses Delikt sieht man offenbar als gravierend an, oder man ist Bürgermeister Pospischek im Wort, den Mann auf Dauer wegzusperren, mag kommen, was will.
Es geht Richtung Osten. Den Gefangenen wird ihre Überstellung ins etwa zweihundert Kilometer entfernte Konzentrationslager Mauthausen, das seine endgültigen Dimensionen noch nicht erreicht hat, erst bewusst, als sie nach vielstündiger Fahrt endlich dort eintreffen. Alois Auleitner bekommt die Häftlingsnummer eintausendneunhundertfünfundsiebzig zugewiesen. Jetzt gilt der gerade noch Arbeitsscheue wie alle Schicksalsgenossen aus Weyer auf einmal als politischer Schutzhäftling. Ihn wundert nichts mehr. Es ist jetzt bald ein halbes Jahr her, dass er in die Mühlen des Lagersystems geriet. Er ist vierundzwanzig Jahre alt.
Ausgerechnet ein Organ der Rechtspflege des Dritten Reiches bringt allen einundfünfzig in Mauthausen internierten ehemaligen Weyer-Insassen schon am elften Februar 1941 völlig unerwartet die Freiheit. Bald darauf muss Alois Auleitner als Zeuge im Verfahren gegen das Lagerpersonal Rede und Antwort stehen. Es dürfte ihm ein weiteres Mal schwerfallen, sich einen Reim auf diese Vorgänge zu machen. Kann er bei der Einvernahme auspacken, frei von der Leber weg reden, die Exzesse genau schildern, Namen nennen? Man behandelt ihn korrekt, er wird höflich mit Herr Auleitner angesprochen. Gibt es denn tatsächlich noch so etwas wie eine unabhängige Justiz? Oder ist das alles bloß eine besonders perfide Falle? Wer könnte was damit bezwecken?
Sein Sohn, der den gleichen Namen trägt, wird als schon älterer Herr davon sprechen, der Vater sei in der Folge zur Bewährung einer Strafkompanie zugeteilt worden. Belege dafür habe ich keine. Wohl muss Alois Auleitner umgehend einrücken, wie das schon vor der Intervention des Rieder Bürgermeisters vorgesehen war. Und dass es jemand, der als Politischer direkt aus Mauthausen kommt, in der Wehrmacht nicht unbedingt leicht haben wird, ist gut vorstellbar.
Aber diverse Photographien anlässlich seiner Fronturlaube lassen die vorsichtige Vermutung zu, dass sich sein Schicksal von nun an nur wenig von jenem anderer Wehrmachtsangehöriger unterscheidet. Gealtert ist er sichtlich in diesen Lagermonaten, das schon, hager die Gestalt, das Gesicht eingefallen, die Stirnglatze, von der vor vier oder fünf Jahren nicht einmal ein Ansatz zu sehen war, reicht weit nach hinten.
Resi hat auf ihn gewartet. Im Februar 1943 läuten, sollten sie für Rüstungszwecke nicht bereits abmontiert sein, endlich doch die Hochzeitsglocken, und der Lois dürfte auch Anfang 1944 kurz einmal daheim gewesen sein, denn am zwölften Oktober gebiert seine Frau einen Sohn. Die letzten Bilder zeigen Alois Auleitner, weißes Hemd, ärmelloser dunkler Pullover, mit dem winzigen Säugling im Arm. Das muss unmittelbar nach dessen Geburt sein. Viel ernste, innige Zugewandtheit zum Kind verrät mir der Blick des Vaters, strahlende Freude entnehme ich hingegen dem Gesicht der Mutter. Der Mann auf dieser Photoserie ist für mich bestenfalls ein Enddreißiger. Achtundzwanzig? Ausgeschlossen, lächerlich.
Der totale Krieg neigt sich inzwischen dem Ende entgegen. Alois Auleitner hat wieder einmal Pech, er erlebt es knapp nicht. Nach den vom Deutschen Roten Kreuz erstellten Vermisstenlisten datieren die letzten Nachrichten von Angehörigen der zweiten Kompanie des Grenadier-Regiments einhundertdreißig, in der Auleitner Dienst tut, vom Jänner 1945 aus Radom unweit von Litzmannstadt, bald wieder Łódź. Diese Einheit wird auf dem Rückzug vollständig aufgerieben, wie das im Militärjargon so schön heißt. Am sechzehnten Jänner nimmt die Rote Armee die Stadt ein. Das Außenlager Radom des KZ Majdanek ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr geräumt, die Internierten des Judenghettos am Ort, zehntausende Menschen, sind längst vernichtet.
Alois Auleitners Mutter übernimmt es, die Todeserklärung anzustrengen. Als Datum wird amtlich der sechste Jänner 1945 festgelegt. Sein Name findet sich auf dem Kriegerdenkmal im alten Stadtpark von Ried eingraviert.
Blach, Amalia
Am dreiundzwanzigsten Juli 1940 setzt Aloisia Blach drei unbeholfene Kreuze unter ein handschriftliches Protokoll des Amtsgerichtes Bad Ischl. Es ist binnen eines Monats bereits das zweite Mal, dass Frau Blach sich, gerade fünfzig geworden, dort einfinden muss, um über ihre Enkelin Bescheid zu geben. Acht Jahre zuvor ist das Mädchen im steirischen Gaishorn am Schoberpass geboren worden, und zwar auf der Reise, wie fahrende Sinti ihr sommerliches Unterwegssein bezeichnen, mittels dessen sie sich durch allerlei Dienstleistungen und Waren des täglichen Bedarfs ihren Unterhalt verdienen. Doch schon zwei Tage nach Amalias Geburt sei man, versichert Aloisia Blach, wieder weitergezogen. Jetzt lebe die Familie, den Umständen geschuldet, dauerhaft in Ischl.
Seit dem Festsetzungserlass Heinrich Himmlers im Oktober 1939, der die Sinti und Roma zwang, den Landkreis, in dem sie sich gerade aufhielten, nicht mehr zu verlassen, läuft eine großangelegte sogenannte Zigeunererfassung. Schon Monate davor, am einundzwanzigsten Juni, waren die Behörden von Oberdonau vorgeprescht und ließen alle Gemeinden im Gau unter dem Betreff »Behebung der Zigeunerplage« zur »Darnachachtung« wissen, das Herumziehen von Zigeunerbanden werde, »um den jetzt stark zunehmenden Fremdenverkehr nicht zu gefährden«, grundsätzlich untersagt. Als geeignete Maßnahmen, diesen Vorschriften gebührenden Nachdruck zu verleihen, wurden unter anderem Glatzenscheren bei beiden Geschlechtern sowie die Androhung der Entmannung bei männlichen Bandenmitgliedern angeführt: »Es ist der Wunsch des Gauleiters den Heimatgau des Führers zigeunerfrei zu machen und ist daher alles daran zu setzen, dieses Ziel bald zu erreichen.«
Das ledige Kind Amalia wächst wie seine zwei jüngeren Geschwister bei der Großmutter auf und besucht in Bad Ischl auch die Schule. Was kriegt es mit von der zunehmenden Gefahr, die seinesgleichen droht? Sein ganzes kurzes Leben untersteht es theoretisch einem Amtsvormund. Praktisch dürfte das bisher keine große Rolle gespielt haben, denn immer noch gilt für das Mädchen, wie sich anlässlich der Vorladung von Frau Blach herausstellt, das Amtsgericht Rottenmann als zuständig, in dessen Einzugsbereich Gaishorn liegt. Das wird sich jetzt endlich ändern, Ordnung muss sein. Zumindest auf dem Papier.
Denn die Sinti, die sich oft selbst stolz Zigeuner nennen, scheren sich traditionell, soweit es geht, nur wenig um die Bürokratie der Mehrheitsbevölkerung, die es ihrer Erfahrung nach seit einem halben Jahrtausend vor allem darauf anlegt, sie nach Strich und Faden zu schikanieren. Die abgelöste österreichische Verwaltung ihrerseits hat sich bei dieser Klientel in Fällen standesamtlicher Regelungen und daraus abgeleiteter Zuständigkeiten die längste Zeit damit begnügt, den Formalien so unauffällig wie möglich zu genügen und es tunlichst zu vermeiden, schlafende Hunde zu wecken. Je weniger an sich berechtigte Ansprüche die Zigeuner stellten, desto besser.
Jetzt aber, im Dritten Reich, geht es in erster Linie um etwas ganz anderes, nämlich um die Vorbereitung des klaglosen Zugriffs, wenn der Tag gekommen sein wird. Da müssen alle Daten auf den aktuellen Stand gebracht sein, Versäumnisse nachgeholt werden.
Aloisia Blach legt laut Protokoll Wert auf die Feststellung, wegen der Kinder ihrer Tochter, die sie aufzieht, bisher noch nie mit einem Gericht zu tun gehabt zu haben. Vinzenz, Josef und Amalia würden selbstverständlich auch in Zukunft unter ihrer Obhut