„Ich habe die Wolken von oben und unten gesehen". Karl Gabl
Auf Fotos leicht zu erkennen – ich war meist der Kleinste. Wie hier mit der Kapelle der Stella Matutina bei der Fronleichnamsprozession in Feldkirch
Jahr um Jahr in der Stella ging vorbei, die schulischen Anforderungen wurden größer. Nicht gerade sprachbegabt, mühte ich mich mit Latein über acht und Altgriechisch über sechs lange Jahre. Erst kürzlich fielen mir wieder die rotbraunen Griechisch-Vokabelhefte der achten Klasse in die Hände. Dass es einen aoristus gnomicus gibt, wurde mir da wieder in Erinnerung gerufen. Und dass wir Platons „Staat“ gelesen haben, zumindest in Teilen – wie zum Beispiel das Höhlengleichnis. Auch Protagoras stand demnach auf unserem Lehrplan. Irgendwie passierte es dann auch, dass ich mich wieder an die ersten Sätze der „Ilias“ erinnern konnte: Mῆνιν ἅειδε, θεά, Πηληϊάδεω Άχιλῆος οὐλομένην, ἣμυρί‘ Άχαιοῖς ἂλγε‘ ἔθηκε … Tief drin ist also doch etwas hängen geblieben.
Im Alltag halfen mir meine Altgriechisch-Kenntnisse damals aber reichlich wenig. Einmal versuchte ich im Zug von London zur Fähre in Dover einer griechischen Studentin mit meinen Kenntnissen in Altgriechisch zu imponieren. Eifrig las ich ihr aus einer griechischen Illustrierten vor. Anstatt mich zu bewundern, lachte sie über meine antiquierte Ausdrucksweise aus vollem Hals. Mein Altgriechisch habe ich dann nicht mehr zum Besten gegeben. Recht schnell unterhielten wir uns wieder auf Englisch.
Beim eifrigen Studium am Nachmittag im Internat (vorne links). Mein Banknachbar ist Alois Melmer, der jetzige Wirt vom Alpengasthof Praxmar im Sellrain.
Ansonsten bereitete uns die Stella auch auf das Leben in einem weiteren Sinne vor. So gab es zumindest Versuche, uns das richtige Verhalten Frauen gegenüber beizubringen. In der siebten Klasse des Gymnasiums besuchten wir einen Tanzkurs. Um aber möglichen „Techtelmechteln“ vorzubeugen, die es hätte geben können, wenn wir mit Schülerinnen aus Feldkirch oder der näheren Umgebung den Kurs absolviert hätten, mussten wir wöchentlich einmal am Nachmittag nach Bregenz reisen, in der Hand einen Nylonsack mit den schwarzen Lederschuhen und den weißen Handschuhen; Handschuhe deshalb, um jeglichen Hautkontakt zu vermeiden. Ziel war die Riedenburg, ein Mädchengymnasium. Im Kloster Sacré Coeur des Frauenordens der Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu gab es einen größeren Saal, in dem die von den Ordensfrauen und den Patres behüteten Schülerinnen und Schüler unter kundiger Führung eines Tanzlehrers aufeinander losgelassen wurden.
Wir mühten uns mit Tanzschritten für Foxtrott, Tango, Cha-Cha-Cha, Walzer und unter anderen auch für den Modetanz Twist. Mit Ausnahme des Twists, bei dem sich die beiden Partner ohnehin nicht berührten, gab es natürlich den üblichen Körperkontakt. Damit sich die Partner nicht zu eng aneinanderschmiegen oder sogar Zärtlichkeiten austauschen konnten, waren in den zwei Fensternischen des Saales Ordensschwestern als Aufpasserinnen postiert. Das System zur Abwehr weiblicher Liebreize bewährte sich bei uns Stellanern. Dennoch hatten wir großen Spaß, und beim Abschlussball in der Riedenburg zeigten wir unser ganzes Können. Ich weiß nicht, ob sie sich noch daran erinnert, mir jedenfalls ist der Abend noch gut im Gedächtnis geblieben: Meine Partnerin beim Abschlussball war Christine Sattler aus St. Anton.
Die Stella prägte. Geblieben ist mir das konstruktiv kritische Hinterfragen der Dinge und die positive Einstellung, der Wille, für etwas und nicht gegen etwas zu kämpfen. Ich bin überzeugt, dass die Stella wesentlich dazu beigetragen hat, dass aus mir ein Mensch mit humanistischen Werten geworden ist. Milde und Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Wohlwollen anderen gegenüber gereichten mir in meinem Leben aber nicht immer nur zum Vorteil. Thomas Hobbes, der mir an der Stella auch unterkam, schrieb ja einmal, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Und bei Ödön von Horváth, der mir, seit ich mich öfter im bayerischen Murnau aufhalte, regelmäßig „begegnet“, heißt es an einer Stelle in „Glaube Liebe Hoffnung“: „Lauter blutige Enttäuschungen.“ Es war nicht jedes Mal blutig, aber tief enttäuscht wurde ich einige Male.
An der Stella scheiterten manche nicht aus schulischen, sondern aus menschlichen Gründen. Die damals allgemein als Norm angesehenen strengen Erziehungsmethoden, das Fehlen der eigenen Familie, die bis zur sechsten Klasse ausgeklammerte Außenwelt, das enge Korsett durch Schule und Internat war nicht jedermanns Sache. Nur die Harten kamen durch. Und die Weichen wurden hart gemacht.
Mein Blick zurück ist dennoch ein dankbarer. Gute Erinnerungen habe ich an die Professoren Roman Jungbluth und Elmar Sturn in Mathematik, Pater Paul Erbrich mit seiner Geosynklinale, den Geografen Helmut Eisterer sowie den Historiker Pater Strobel. An unsere Deutschlehrer kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber aus dem blaugrauen Heft, auf das ich in großen Buchstaben „Literatur“ geschrieben habe, geht hervor, dass wir viel bearbeitet haben. „Don Quixote – gelesen“, „Shakespeare: Romeo und Julia, König Lear gelesen“. Bei Shakespeares Hamlet habe ich sogar vermerkt, dass ich ihn im englischen Original gelesen habe. Lessings „Nathan“, Molières „Die Schule der Frauen“, von Goethe den „Werther“, die „Iphigenie“, natürlich „Faust I“ und viele andere, von Schiller den „Wilhelm Tell“, „Die Räuber“, den „Wallenstein“, Hölderlin, Kleist, Eichendorff, Mörike, Grillparzer – alles gelesen. Nur das Nibelungenlied und Werke von Hartmann von Aue stehen als ungelesen auf meiner Liste.
Mitleid habe ich im Nachhinein mit Pater Josef Nemeth und dem Direktor Justin Leibenguth, die sich mit meinen Übersetzungen aus dem Lateinischen und dem Altgriechischen plagen mussten. Großen Lernspaß bereitete mir dagegen der Englischunterricht von Professor Amann von der fünften bis zur achten Klasse. Zwei mehrwöchige Aufenthalte in Bournemouth und London erweiterten meine Englischkenntnisse beträchtlich. Und in besonders einprägsamer, lehrreicher Erinnerung geblieben ist mir der teils auch selbstkritische Religionsunterricht von Pater Josef Bachmann. Sein kritisches Denken machte gerade vor den Medien nicht halt. Mit Akribie analysierte er einmal einen Artikel aus dem Magazin „Der Spiegel“, der ein religiöses Thema zum Inhalt hatte. Mit wissenschaftlichen Argumenten konnte Pater Bachmann uns jungen Gymnasiasten die tendenziöse Berichterstattung und die oberflächlichen und nicht objektiven Recherchen des Verfassers aufzeigen. Dieses kritische Hinterfragen der Medien habe ich bis heute beibehalten. Manchmal auch zum Leidwesen meiner Mitmenschen. Lautstark ärgere ich mich oft über Meldungen im Radio oder Fernsehen und über Zeitungsartikel, wenn tendenziös berichtet wird oder nur eine Meinung zur Geltung kommt. Als eine Journalistin vor einigen Jahren in einem Porträt über mich schrieb, wir seien an der Stella geschlagen worden, protestierte ich heftig dagegen. Diese falsche Behauptung wollte ich nicht in einem Porträt über mich lesen. Misshandlung oder Missbrauch habe ich an der Stella weder selbst erlebt noch von anderen mitbekommen.
Pater Alois Baiker und Pater Max Zürni, die beide schon gestorben sind, waren neben vielen anderen in frühen Jahren meine Ersatzeltern. Die abendlichen Gespräche mit Zürni, bei denen er und ich Zigarren rauchten und manchmal auch Messwein tranken, haben mir in der späten Pubertät sehr geholfen. Die lebensbejahende Einstellung sowie das sportliche und kulturelle Umfeld der Stella begleiten mich bis heute. Die klassische Musik, die wir am Samstagabend in den Schlafsälen hörten, die preisgekrönten Filme, die uns gezeigt wurden, und die Diskussionen darüber erweiterten meinen Horizont. Persönlich begegnen konnten wir vor allem Theologen und Vertretern aus der Wirtschaft, aber auch einzelnen Künstlern. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Vortrag des Zeichners und Karikaturisten Paul Flora, dessen Sohn Thomas damals ebenfalls die Stella besuchte. Flora war ein humorvoller und trotz seines Erfolges bescheidener Mann mit besonderem analytischem Spürsinn. Mich inspirierte diese Begegnung mit Flora sehr.
Hier bin ich (2. v. l.) mit drei Mitschülern in angeregter Unterhaltung mit Jesuitenpater Alois Baiker, der in der ersten Klasse mein Präfekt war.
Weil die Mitschüler aus der Schweiz nach der sechsten Klasse meist an die Schule nach Einsiedeln wechselten, waren wir in der