„Ich habe die Wolken von oben und unten gesehen". Karl Gabl

„Ich habe die Wolken von oben und unten gesehen


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einmal fünfzig Jahre alt wurde und mit dem ich sehr verbunden war. Der umtriebige Gerald Sauer aus Göppingen, der in zweiter Ehe einen Adelstitel führte, lebt auch nicht mehr; Franz Rüdisser aus Luzern, mein Partner beim Fußballspiel, und Volker Voerste aus Erlangen, unser bester Lateiner, sind ebenfalls nicht mehr unter uns. Von den noch Lebenden möchte ich Balthasar Lohmeyer, Neurologe in Zürich, erwähnen, der sich bei meiner Mutter in St. Anton wie zu Hause fühlte. Erst kürzlich stand er nach vielen Jahren wieder einmal bei mir vor der Tür. Es war eine große Freude, ihn wiederzusehen.

      Am engsten befreundet war ich mit Marcel Spielmann aus Genf, der eine Klasse nach mir in die Stella ging und mit dem ich viele gemeinsame Ferienwochen verbrachte. Marcel, nicht bergerfahren oder sportlich, musste mit mir die Nordwand der Kuchenspitze durchsteigen, eine kombinierte Fels- und Eistour im vierten Schwierigkeitsgrad. Bei der Anstrengung fingen plötzlich seine Beine regelmäßig zu zucken an. In der Bergsteigersprache nennt man dieses Phänomen „Nähmaschine“. Nach viel Gelächter und einer Pause konnte ich Marcel von diesem Spuk befreien. Am Gipfel der Kuchenspitze waren die muskulären Probleme vergessen.

      Über all diese Jahre hegte ich eine Faszination für das Wetter. So kam es, dass ich im Herbst 1967 gemeinsam mit zwei weiteren Mutigen – Wolfgang Gattermayr aus Linz, dem späteren Leiter des Hydrographischen Dienstes beim Land Tirol, und Reinhold Steinacker aus Landeck, später Professor für Meteorologie an der Universität Wien –, das Studium der Meteorologie begann. Am Institut in der Innsbrucker Schöpfstraße 41 stellte man bei unserem Erscheinen fest, dass es so einen starken Jahrgang noch nie gegeben hat: Auf einen Schlag erhöhte sich die Zahl der Hauptfach-Studierenden von vier auf sieben; ein Plus von 75 Prozent. Einer der vier, die bereits am Institut studierten, war Wolfi Nairz. Und auch Gerhard Markl, mit dem ich viel in den Bergen unterwegs war, lernte ich dort kennen.

      Leiter des Instituts war Professor Herfried Hoinkes, über den ich schon so viel gelesen hatte. Voller Stolz durfte ich im höheren Semester bei seinen Vorlesungen das Epidiaskop bedienen. Der „Chef“, wie wir ihn nannten, war nicht nur ein anerkannter Glaziologe, sondern auch ein begnadeter Redner und Pädagoge. Zu seinen Assistenten gehörten Michael Kuhn, der gerade in der Antarktis forschte, als ich mit meinem Studium begann, und der Osttiroler Ignaz Vergeiner, ein genialer Theoretiker, der damals in Boulder, Colorado, arbeitete. Eckehard Dreiseitl, ein Student im höheren Semester, nahm mich zum ersten Mal zur Forschungsstation am Hintereisferner am Fuß der Weißkugel im Ötztal mit. Neben meiner eigenen Dissertation, bei der ich die inneralpine Klimaregion Hochserfaus untersuchte, sollte ich Monate am Hintereisferner verbringen, um die Massenbilanz des Gletschers zu erheben.

      Die damalige Studienordnung sah vor, dass alle Kandidaten zur Erlangung des akademischen Grades „Dr. phil.“ ein Philosophicum ablegen mussten. Das bedeutete, dass auch ich Vorlesungen in Philosophie besuchen und ein Nebenrigorosum in diesem Fach absolvieren musste. Ich war bei der Suche nach einem Thema recht kreativ: In meiner Prüfung ging es um die Bedeutung der Meteorologie in der griechischen Antike.

       BERGLEIDENSCHAFT

      Sobald ich gehen konnte, nahm mich meine Mutter auf Ausflüge und Wanderungen in die heimatlichen Berge des Arlberg mit. Zuerst zu Spielplätzen am Bach im Schöngraben, zum Beerensammeln im Maroi mit Kreuzottererlebnis, auf den Erzherzog-Eugen-Weg oder auch den Arlenweg, auf Ausflüge über den Kristbergsattel von Dalaas nach Schruns, auf Wanderungen zum Spullersee im Lechquellengebirge, aber auch auf anspruchsvolle exponierte Wanderungen wie den oberen Höhenweg vom Kapall zur Leutkircher Hütte. Es war im Frühsommer 1954: In St. Anton gab es kein Kino und natürlich auch kein Fernsehen, aber Walter Schuler hatte in seinem Hotel Post einen Saal für Filmvorführungen eingerichtet. Dort sah ich den Film über die Erstbesteigung des Mount Everest durch den Neuseeländer Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay. Ich war fasziniert und begeistert, und bei der nächsten Wanderung bat ich meine Mutter, mir einmal einen Eispickel zu kaufen, damit ich diesen starken Männern nacheifern könne.

      Als ich fast zehn Jahre alt war, nahm mich mein Onkel Franz Rofner mit auf den Patteriol (3056 m), das matterhornähnliche Wahrzeichen des Verwalls und des gesamten Arlbergs. Mit dabei waren auch seine Kinder Harald und Doris, unser Cousin Gerhard Pedrini aus Innsbruck und Brigitte Walter, eine Freundin von Doris. Mit insgesamt fünf Kindern, die ältesten waren gerade einmal zwölf Jahre alt, brach Onkel Franz von der Konstanzer Hütte auf. Extra für diese Tour hatte mir meine Mutter eine schicke Knickerbockerhose aus Schnürlsamt geschneidert. Als Kopfbedeckung trug ich einen normalen Hut, Steinschlaghelme gab es ja noch nicht. Alle zusammen erreichten wir den Gipfel des Patteriol nach einigen Stunden, die letzten zwei Stunden mussten wir im zweiten Schwierigkeitsgrad klettern. Noch heute wundern Harald und ich uns, dass sich Onkel Franz traute, diese Klettertour auf diesen markanten Gipfel mit fünf Kindern ohne Seil zu unternehmen. Uns bescherte Onkel Franz’ Mut aber ein prägendes Erlebnis. Unsere Freude und unser Stolz waren riesengroß.

      Mit meinem Vater und seinem Freund Richard Murr durfte ich als Zehnjähriger zur Gämsenjagd zur Erlachalpe ins „Erli“, nördlich der Valluga. Zweimal sollten wir auch übernachten. Einmal in einem Heustadel auf den Fallerstaißwiesen und das zweite Mal auf der Erlachalpe selbst. Es waren zwei wunderschöne Sommertage am Fuße von Fallerstaiß- und Roggspitze. Wir pirschten uns in diesen zwei Tagen mehrmals an Gämsen an. Richard schoss viermal und verfehlte viermal. Lapidar und nicht unglücklich sagte er nach jedem Fehlschuss: „Dann lassa mir sie halt leba“. Er hätte mir gar keine größere Freude machen können als mit den nicht getroffenen Gämsen, die nach dem Schuss davonspringen konnten.

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       Blick vom Kuchenjoch auf den winterlichen Patteriol (3056 m) im Verwall. Meine Winter-Erstbegehungen des Nordostgrats im Februar 1972 (rechts) und des mittleren Südostpfeilers im März 1973 wurden bis heute nicht wiederholt.

      Als Elfjähriger bestieg ich mit Onkel Franz und meinem Cousin Harald den Hohen Riffler (3160 m), den höchsten Berg der Verwallgruppe und weithin sichtbaren Eckpfeiler. Kurz vor meinem 15. Geburtstag kaufte ich mir das Buch „Klettern im Fels“ von Franz Nieberl. Ich begann nun theoretisch bergzusteigen. Mit meinen Schnürsenkeln übte ich Bulinknoten, Sackstich, Prusikknoten, Weberknoten und Spierenstich. Diese genügten für die damalige Seiltechnik. Und im Sommer 1962 wurde ich von einigen Jesuitenpatres auf die Zimba im Rätikon mitgenommen. Meine Bergleidenschaft war geweckt und spontan fingen mein Cousin Harald Rofner, mein Nachbar Walter Strolz und ich an, die heimatlichen Gipfel, darunter auch leichte Felsgipfel wie die Weißschrofenspitze, zu besteigen. Immer wieder schweifte unser Blick hinüber zur steil aufragenden, felsigen Roggspitze nördlich der Valluga. Ein echter Kletterberg.

      Damals gab es keinen Brust- oder Sitzgurt, sondern man band sich direkt mit einem Bulinknoten ins Hauptseil ein, das um die Brust geschlungen war. Auch Perlonseile waren noch nicht üblich. Und die Karabiner waren aus Stahl statt aus Alu, ebenso wie die Felshaken. Der Stiel des Hammers war aus Holz. Gesichert wurde über die Schulter und nicht mit Sicherungsgeräten wie einem Achter. Und beim Abseilen mit der Dülfermethode fraß sich das über einen Schenkel und die entgegengesetzte Schulter verlaufende Seil wegen der Reibungswärme durch die Kleidung und hinterließ auch Brandwunden auf der Haut.

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       Am Südpfeiler der Roggspitze in den Lechtaler Alpen: Sich ohne Sitzgurt direkt ins Hauptseil einzubinden war damals die übliche Anseilmethode. Dazu gehörten steigeisenfeste Lederschuhe und Schnürlsamt-Knickerbocker.

      Mit Harald wollte ich den Südpfeiler der Roggspitze erklettern, der als Genusskletterei galt. Wir hatten aber keine Ahnung, wie schwer diese Route war. In meinem ersten Kletterjahr war ich idiotisch mutig. Das betraf nicht nur mein Können, sondern auch die Ausrüstung. Walter lieh uns ein altes, etwa 20 Meter langes Hanfseil, das beim Heuen verwendet wurde und einen Durchmesser von etwa acht Millimeter aufwies. Im Sporthaus Hannes Schneider besorgte ich mir einige Eisenkarabiner, mehrere geschmiedete Felshaken und einen Felshammer. Mutig stiegen Harald und ich am Pazüeljoch in den Südpfeiler ein, der 250 Meter in den Himmel ragt. Oft den Schwierigkeiten


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