Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder

Er ging voraus nach Lhasa - Nicholas Mailänder


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Zeitzeuge berichtete, wurde sie bis ins Jahr 1933 bei besonderen Anlässen gehisst.5

      Die Kirche beobachtete die Verbreitung des bürgerlich-liberalen Gedankenguts mit erheblichem Unbehagen und versuchte nicht nur von der Kanzel aus gegenzusteuern. Auch in Kitzbühel wurde ein konsequent monarchistisch orientierter Meisterverein gegründet, um einem Abdriften der Handwerker ins „freiheitliche“ oder gar ins sozialdemokratische Lager entgegenzuwirken. Bei den von jeher eher links eingestellten Bergleuten war da so oder so Hopfen und Malz verloren. Denn die dachten und wählten aus tiefster Überzeugung sozialdemokratisch.

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      Franz Reisch war Peter Aufschnaiters Förderer und väterlicher Freund.

      Obwohl auch Franz Reisch – wie die meisten studierten Herren beim Tscholl – aus seiner Sympathie für die „freiheitlich“-großdeutsche Sache keinen Hehl machte, war er kein Freund des Lagerdenkens, sondern suchte den Ausgleich zwischen den Parteien. Reisch war als Handelsvertreter und Reisender schon weit in der Welt herumgekommen und ein hervorragender Unterhalter. Wenn er von seinen Erlebnissen erzählte, hingen die Zuhörer an seinen Lippen. Bald engagierte sich Franz Reisch auch im örtlichen Männergesangsverein und bei den Turnern. Sein Frohsinn war ansteckend und die Kameraden hatten viel Spaß an seinen ungewöhnlichen Einfällen, mit denen er die Vereinsveranstaltungen würzte. Um es kurz zu machen: Ursprünglich hatte Franz Reisch nur so lange in Kitzbühel bleiben wollen, bis er einen qualifizierten Geschäftsführer für den örtlichen Filialbetrieb seiner Familie gefunden hatte. Aber es gefiel ihm so gut in Kitzbühel, dass der junge Kaufmann beschloss, das Städtchen zum dauerhaften Lebensmittelpunkt zu machen.

      Reisch fiel es nicht schwer, andere für sein neues Hobby zu begeistern. Zusammen mit einigen Kitzbüheler Bürgersöhnen gründete er die Skiriege des örtlichen Turnvereins. Ihnen war vor allem daran gelegen, ihre Fahrtechnik unter der Anleitung von Reisch zu perfektionieren. Damit war Franz Reisch auch der erste Kitzbüheler Skilehrer. Bald zeigten einige englische Gäste, die bisher nur Schlittschuh gelaufen waren und Schlittenpartien unternommen hatten, ebenfalls lebhaftes Interesse für den weißen Sport. So begann die von Reisch ausgebildete Truppe gut geschulter Skiläufer gegen Mitte der 1890er Jahre ihr Können an die englischen Gäste auf Schloss Lebenberg weiterzugeben, der ersten Winterpension in Kitzbühel.

      Trotz seiner Wehmut wegen des beginnenden Massenandrangs, erkannte Reisch schnell das ungeheure Potenzial des Skisports für die Entwicklung des Tourismus in seiner neuen Heimat. War bislang das klimatisch begünstigte Südtirol in der kalten Jahreszeit von den Touristen bevorzugt worden, so bot der Wintersport die Möglichkeit, deren Interesse auf den schneereichen Norden des Landes zu lenken! Reisch machte sich daran, das sterbende Bergbaustädtchen in einen blühenden Fremdenverkehrsort zu verwandeln.

      Der Jungunternehmer wusste nur zu gut, dass die Naturschönheiten, die Kitzbühel zweifellos zu bieten hatte, den Ansprüchen der gehobenen Gesellschaft nicht genügten. Um zum Treffpunkt der Reichen und Schönen zu werden, musste die Stadt auch Komfort bieten und über ein hochklassiges Image verfügen. Also exzellentes Catering, stilvolle Hotels mit ansprechenden Zimmern und Suiten und geräumigen Speisesälen. Dazu geschmackvolle Unterhaltungsmöglichkeiten, Kulturangebote und gepflegte Parkanlagen.

      Ins Jahr 1902 fiel auch die Gründung der – ebenfalls von Reisch initiierten – „Wintersportvereinigung Kitzbühel“. Bereits seit 1895 hatten in Kitzbühel regelmäßig Skirennen stattgefunden, bald auch mit ausländischer Beteiligung. Der Verein sollte nicht nur den Skisport fördern, sondern sich auch um das Rodeln, die Durchführung von Trabschlittenrennen und die Anlage eines Eislaufplatzes kümmern. Um den Wintersport zu einem tragfähigen Faktor des Tourismus zu machen, startete der umtriebige Fremdenverkehrsmanager um diese Zeit eine aufwändige PR-Kampagne.

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      In Aufschnaiters Jugend war Kitzbühel eine verarmte Bergarbeiterstadt.


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