Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder
Japan nach Stockholm zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang bereitet wurde.24 In seinem lebendig geschriebenen Bericht über diese Forschungsreise schildert Hedin nicht nur anschaulich die durchmessenen Landschaften, sondern gewährt auch Einblick in die Sitten und Gebräuche der Einheimischen, wobei der Faktor Spannung nicht zu kurz kommt. Dass der prominente Autor gewandt mit Tuschfeder und Zeichenstift umgehen konnte und auch den Fotoapparat professionell handhabte, wird dem scharfsinnigen Tiroler Gymnasiasten kaum entgangen sein. Und dass Sven Hedin die Sprachen Latein, Französisch, Deutsch, Persisch, Russisch, Englisch und Tatarisch, Türkisch, Kirgisisch, Mongolisch, Tibetisch sowie einige persische Dialekte beherrschte und auch auf Chinesisch kommunizieren konnte25, dürfte den ausgesprochen sprachtalentierten Tischlersohn nicht nur beeindruckt, sondern auch angespornt haben, es seinem bewunderten Vorbild möglichst gleichzutun.
Sven Hedins schmaler Band Drei Jahre im innersten Asien, in dem der Forscher berichtet, wie er als Pilger verkleidet das „verbotene“ Land bereiste, erschien bei Westermann in der Reihe wissenschaftlicher Volksbücher und dürfte vor dem Ersten Weltkrieg zum Bestand praktisch jeder deutschen und österreichischen Schulbibliothek gehört haben. Herausgeber war der bekannte Bremer Reformpädagoge Fritz Gansberg. Sein Vorwort wird womöglich in manchem phantasiebegabten Jugendlichen den Wunsch geweckt haben, einmal Ähnliches zu leisten:
„Unerforschte Länder zu bereisen und in wegloser, einsamer Wildnis ganz auf sich gestellt zu sein, das ist von jeher kühnen, tatkräftigen Männern als verlockendes Ziel erschienen. Sie fühlen sich wundersam erhoben in dem Gedanken, über Berge und Hochländer zu wandern, die vor ihnen noch keines Menschen Fuß betrat, und Flüsse und Seen zu befahren, die weder einen Herrn noch überhaupt einen Namen haben. Der Wind flüstert ihnen ins Ohr, dass dieser Fluss hier viele tausend Jahre nur auf sie gewartet habe, um sie auf seinem Rücken in wunderbare Fernen zu tragen, flüstert ihnen zu, dass diese unendliche, leere todbringende Ebene nur dem gehöre, der sich aus Eigenem in ihr behaupten könne. Aber es ist doch noch ein anderes großes Ziel, das unsere Forschungsreisenden in die Ferne lockt; es handelt sich ja für sie vor allem darum, unser Wissen von der Erde zu vermehren und von den durchreisten Ländern genaue Karten zu entwerfen; und damit dienen sie dem allgemeinen Wohl und allen denen, die später einmal dieselben Gegenden bereisen müssen. […] Der erste Reisende ist der Pfadfinder, der Held, der Ländereroberer. Er muss alles, so weit menschliche Voraussicht denken kann, vorbereiten; er muss sich die besten Hilfskräfte, die besten Instrumente und den besten Vorrat wählen; er muss sich an die Strapazen des Naturlebens beizeiten gewöhnen und muss sich alle Erfahrungen früherer Forschungsreisender zunutze machen. Aber wenn das alles geschehen ist, so müssen auch die Zweifel schweigen; nun vorwärts mit voller Kraft! Denn dem Mutigen gehört die Welt!“26
Es ist nicht nachweisbar, aber höchstwahrscheinlich, dass auch Peter Aufschnaiter dies gelesen hat. Fest steht jedoch, dass er sich den Geist, der aus diesen Zeilen spricht, zu eigen gemacht und sich die Fähigkeiten systematisch angeeignet hat, die laut Gansberg Voraussetzung sind für die von ihm beschriebene Forschertätigkeit.
Als Gymnasiast erwarb sich Peter Aufschnaiter hervorragende Kenntnisse im Englischen und Italienischen. Nach Aussage seiner Freunde begann er bereits während der Gymnasialzeit auch mit dem Studium der indischen Sprache Hindi, des Nepali und des Tibetischen.
Durch den „großdeutschen“ Geist des Kitzbüheler Turnvereins geprägt, trat Peter Aufschnaiter der völkisch orientierten Jungburschenschaft (JB) Germania Kufstein bei, zu deren „Alten Herren“ auch der aus Würzburg stammende „Kaiserpapst“ Franz Nieberl zählte.27 Es ist anzunehmen, dass der körperlich gewandte Schüler mit diesem bewunderten Vorbild und renommierten Bergsteiger seine ersten richtigen Klettertouren im Wilden Kaiser unternommen hat.
Inzwischen war drüben in Kitzbühel Aufschnaiters väterlicher Freund und Sponsor Franz Reisch in schlimme kommunalpolitische Turbulenzen geraten. Sein einst untrüglicher Instinkt scheint Reisch nach fast zehnjähriger erfolgreicher Amtszeit im Stich gelassen zu haben. Er sah jetzt nicht mehr den Wintersport als Zugpferd der touristischen Entwicklung an, sondern wollte Kitzbühel nach dem Vorbild von Davos zu einem Kurort für die Oberschicht machen. Als der erfolgsgewohnte Bürgermeister seine Pläne nicht gegen den Widerstand im Gemeinderat durchboxen konnte, legte er sein Amt im Sommer 1913 verbittert nieder.
Am Horizont der Geschichte braute sich inzwischen Unheil zusammen. Das mit der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn verbündete Deutsche Reich hatte sich durch sein politisch ungeschicktes Verhalten isoliert. Während Frankreich und Großbritannien mit Abschluss der Entente im Jahr 1904 ihre kolonialen Streitigkeiten beigelegt und sich drei Jahre später mit Russland im Mittleren Osten geeinigt hatten, wurde die aufstrebende Großmacht Deutschland von den Entente-Mächten zunehmend als Störenfried empfunden. Beide Seiten trafen ihre Vorbereitungen für einen militärischen Konflikt. Am 28. Juni 1914 erschoss ein serbischer Fanatiker in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Obwohl die Regierung Serbiens einem österreichischen Ultimatum – das fast unannehmbare Forderungen enthielt – weitestgehend nachkam, scheiterten die britischen und deutschen Vermittlungsbemühungen. Österreichs Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli setzte einen fatalen Automatismus in Gang: Russland reagierte mit der Mobilmachung gegen Österreich, darauf erklärten die Deutschen den Russen den Krieg; die ausweichende Antwort der mit ihnen verbündeten Franzosen wurde von Berlin prompt mit einer Kriegserklärung quittiert. Während die Deutschen ihren von dem verstorbenen Generalstabschef Schlieffen in seinen Grundprinzipien entwickelten Präventivschlag ausführten, zogen die österreichischen Truppen gegen Serbien und Russland ins Feld.
Der junge Peter Aufschnaiter (2. v. r.) als Kaiserjäger an der Presanella-Front.
Weder im Westen noch im Osten verlief der Kriegsauftakt plangemäß für die Mittelmächte. Der deutsche Vormarsch kam Anfang September 1914 an der Marne zum Stillstand. Auf dem Balkan fiel es den Österreichern unvorhergesehen schwer, mit der relativ kleinen serbischen Armee fertig zu werden, und in Galizien war Russland in der Offensive. Als Italien am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, hatte der bereits mobilisierte Teil der österreichischen Armee alle Hände voll zu tun, die Russen in den Karpaten abzuwehren. Deshalb wurden am 18. Mai die Tiroler Standschützen alarmiert, die gemeinsam mit dem Deutschen Alpenkorps eilig die strategisch wichtigsten Positionen der Gebirgsfront zwischen den Karawanken und dem Ortler besetzten.
Am 3. März 1917 erhielt Peter Aufschnaiter „wegen Einrückens zum Militärdienst ein vorzeitiges Versetzungszeugnis“ mit einem Notendurchschnitt von 1,0 und der Anmerkung „Zum Aufsteigen in die nächste Klasse vorzüglich geeignet“28. Am 10. März wurde der Gymnasiast zum k. u. k. 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger einberufen und an der Dolomitenfront im Abschnitt Brenta-Adamello stationiert.29
Um den Tonale-Pass nördlich des Adamello-Massivs wurde zwischen den österreichischen und italienischen Hochgebirgstruppen jahrelang erbittert gekämpft. Denn wer den Tonale beherrschte, konnte auch problemlos durch das Val di Sole das Etschtal erreichen und nach Bozen vordringen. Noch im August 1918 erfolgte ein erbitterter italienischer Großangriff gegen den Tonale-Pass und die benachbarten Gipfelgebiete. Die Alpini besetzten die Punta San Matteo (3684 m), den Monte Mantello (3537 m) und den Gletschergipfel (3502 m). Dies bedeutete höchste Gefahr für die österreichischen Frontabschnitte. In einem gewagten Stoßtruppunternehmen gelang es den Österreichern, die dominierende Punta San Matteo zurückzuerobern. Es war der höchstgelegene Kampfplatz des Ersten Weltkriegs und die letzte siegreiche Kampfhandlung der kaiserlichen Armee. Am Ausgang des Krieges änderte die Eroberung der Punta San Matteo aber nichts.
Bis ans bittere Ende harrten die österreichischen Truppen in ihren Stellungen am Tonale-Pass aus. Mit dem Eintreten eines zwischen Österreich und Italien vereinbarten Waffenstillstands legten sie am 3. November die Waffen nieder. Die Tiroler Kaiserschützen zogen – von ihren italienischen Gegnern begleitet – noch unter Waffen hinunter durchs Val di Sole. Erst im Tal gaben die österreichischen Soldaten ihre Gewehre ab und ließen sich gefangen nehmen.30 Unter ihnen auch der