Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder
es Peter Aufschnaiter als Kriegsgefangener in Riva am Gardasee ergangen ist, schildert er anschaulich in einem Brief an seine Ziehschwester Maria Stranitzer, die sich in Branzoll aufhielt:
Liebste Schwester! | Riva, den 4. Juni 1919 |
Schon längere Zeit ist verstrichen, seit ich von daheim und von Dir die erste Post bekam. Seitdem langte nichts mehr ein. Nach Österreich braucht halt die Post noch immer sehr lange. Im Übrigen hoffe ich aber jetzt zuversichtlich, nach Hause zu kommen, denn der Friede wird jetzt doch bald abgeschlossen sein. Vor einigen Tagen sind übrigens schon die ersten Befehle gekommen betreffend unserer Heimkehr. Wie gefällt es Dir sonst in „Italia“? Ich denke, es wird so ziemlich gleich sein, nur mehr zu essen halt. Mir geht es jetzt ganz gut, aber trotzdem habe ich keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich einmal heimzukommen. Im Anfange allerdings hat es mir nicht so gut gefallen, denn ich hatte die Hoffnung, jemals die Heimat wiederzuschauen, ziemlich aufgegeben, da ich eine schwere Krankheit durchmachte und dadurch sehr geschwächt wurde, dass ich Monate nachher mich kaum aufrecht zu halten vermochte, da ich nie genügend Nahrung bekam, um mich zu erholen.31 Erst in der allerletzten Zeit habe ich mich einigermaßen wieder erholen können, sodass ich jetzt wieder ganz gut ausschaue. Über das Essen könnte man sich hier nicht beklagen. Darum schauen wir auch jetzt alle gut aus, während uns allen, als wir hierherkamen, der Tod bei den Augen herausschaute. So sagen die Italiener hier immer. Nur zu rauchen kann man hier beinahe nichts bekommen. Da müsste man einer „Signorina“ bekannt sein, was aber einem armen, „prigioniero“, wie ich bin, nicht möglich ist, da er immer hinter einem Drahtverhau eingesperrt ist. Wir hatten nämlich Pech. In derselben Kaserne, in der wir uns befinden, ist auch eine ungarische Zenturie, die früher ganz freien Ausgang hatte. Sie haben aber so schreckliche Dinge ausgeführt, dass sie so eingesperrt wurden und wir natürlich auch darunter leiden. Die Gegend ist hier prächtig und immer eine frische, kühle Seeluft.
Dass mir nicht früher eingefallen ist, Dir zu schreiben, kommt daher, weil ich immer glaubte, Du seiest nicht mehr in Branzoll. Denn gerade von Branzoll hat mir einer erzählt, dass dort beim Rückzuge die Ungarn so schrecklich gehaust hätten. Wenn ich Dir früher geschrieben hätte, hätte ich mir viel schrecklichen Hunger ersparen können. Ich bitte Dich daher, wenigstens für diese kurze Zeit noch diese Vermittlerrolle zu übernehmen und mir etwa 40–50 Lire zu schicken. In der sicheren Annahme, dass Du mir die Bitte nicht abschlagen werdest, habe ich die Mutter schon gebeten, Dir diesen Betrag zu senden. Besuchen kann ich Dich leider nicht, wie Du ja jetzt selbst sehen wirst. Du würdest mich vielleicht anfangs gar nicht erkennen, denn ich bin in nagelneue italienische Montur gekleidet. In der Hoffnung, bald wieder einige lb. Zeilen von Dir zu bekommen, sendet Dir die herzlichsten Grüße
Dein dankbarer Peter32
Wenige Wochen später, am 15. August 1919, wurde Peter Aufschnaiter in Innsbruck der Heimkehrer-Entlassungsschein ausgestellt.33 Er erhielt 50 Kronen Kostgeld und eine Fahrkarte nach Kitzbühel. Die Bevölkerung dort stand unter Schockstarre. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hatte aufgehört zu existieren. Am 28. Oktober 1918 hatte sich Tschechien abgelöst und einen eigenen Staat gegründet. Tags darauf folgten bereits weitere Nationen wie Kroatien und Slowenien. Am 30. Oktober wurde in den deutschsprachigen Gebieten der Staat Deutschösterreich gegründet und der Sozialdemokrat Karl Renner zum Staatskanzler ernannt. Schließlich wurde am 3. November von Österreich und Ungarn die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, die am Folgetag in Kraft trat. Italien besetzte daraufhin neben Südtirol auch Triest und das österreichische Küstenland.
Peter Aufschnaiter (links) vor der Matura-Prüfung am Realgymnasium Kufstein.
Wirtschaftlich ging es dem einstmals aufblühenden Fremdenverkehrsort Kitzbühel inzwischen alles andere als gut. Die von Reisch initiierten Investitionen hatten zu einer starken Verschuldung der Gemeinde geführt. Aufgrund des kriegsbedingten Ausbleibens in- und ausländischer Gäste konnten die Zinsbelastungen nicht durch Einnahmen ausgeglichen werden. Besonders der Bau einer Badeanstalt am Rande des Ortes und der dadurch notwendige Ausbau des Elektrizitätswerks hatte die Gemeinde viel Geld gekostet, den Bürgermeister lokalpolitisch stark unter Druck gebracht und letztlich zum Rücktritt veranlasst. Der Krieg führte dann zum Konkurs seiner Brauerei, und das Sporthotel wurde als Lazarett genutzt. Diese Misserfolge nagten an dem ehemals unverwüstlich scheinenden Mann.
Der kollektiven Depression in seinem Umfeld zum Trotz verfolgte Peter Aufschnaiter weiter zielbewusst den von ihm eingeschlagenen Weg. Vom 29. bis 31. Oktober 1919 legte er am Reform-Realgymnasium Kufstein die Reifeprüfung ab – wie zu erwarten „mit Auszeichnung“34 – und immatrikulierte sich am 5. Dezember 1919 in der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck.35
Die Weihnachtstage verbrachte Aufschnaiter in Kitzbühel im Kreise der Familie und Freunde und stieg am 6. Januar 1920 zusammen mit seinem Freund Ernst Reisch und dessen Vater mit Skiern auf den Hahnenkamm. Was dann geschah, lassen wir uns am besten von einem Zeitzeugen berichten, dem Kitzbüheler Lokalhistoriker, Bauerngelehrten und sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Hans Filzer:
„Am Dreikönigstage gegen Abend eilte die Kunde durch unser Städtchen, der Realitätenbesitzer Altbürgermeister Herr Reisch sei bei einer Skiabfahrt tödlich verunglückt. Die genauere Feststellung ergab jedoch, dass kein tödlicher Sturz oder Anprall vorlag, sondern ihn während der Fahrt ein Schlagfluss ereilte. Mit Herrn Reisch tritt ein Mann aus dem Leben, der in Kitzbühel gewaltig umgestaltend wirkte. Die Anerkennung für diese Umgestaltung steht aber seit einer Reihe von Jahren oftmals in einer sehr bösen Kritik.
Noch nie hat bisher ein Mann in Kitzbühel eine solche bauliche Umgestaltung in so kurzer Zeit ins Leben gerufen oder gefördert, das ganze Geschäftsleben in eine völlig geänderte Situation hinübergeführt, sich mit all seinem Können für ein Vorhaben derart eingesetzt. Sicher würde vieles anders dastehen, hätte Herr Reisch nie in unserer Mitte gelebt, aber ebenso sicher wären wir trotzdem in dies Fahrwasser gelangt, denn in Kitzbühel drängten die Verhältnisse noch viel mehr als in anderen Ortschaften darauf hin, eine neue Erwerbsquelle ausfindig zu machen. Die Frage ist nur die, ob dieser Übergang ohne die zielbewusste Führung dieses Mannes besser gelungen wäre. […]
Meinen [sozialdemokratischen] Parteigenossen, die ihm mitunter auch wegen seiner alldeutschen Allüren gram waren, möchte ich sagen: Wer nichts unternimmt, mag leicht der gute Mann sein, im Zahnrad unseres wirtschaftlichen Lebens verbleibt er aber eine Null ohne jede Bedeutung, und nur im Kopfe des Toren ist der ein Mann, dessen Schaffen stets mit Erfolg gekrönt ist.“36
Dass diese Würdigung des visionären Unternehmers und Lokalpolitikers aus der Feder eines erklärten politischen Gegners stammt, unterstreicht umso mehr die Bedeutung von Franz Reisch für den Aufstieg des verarmten Bergbaustädtchens Kitzbühel zu einer der ersten Adressen im alpenländischen Tourismus. Sein geistiger Ziehsohn Peter Aufschnaiter hatte als Schüler und Soldat alles getan, um die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wir können davon ausgehen, dass der grundanständige Franz Reisch mit seiner begeisterten Tatkraft, mit seiner Weltoffenheit und dem klaren Blick für das Notwendige und Mögliche dem „Peterl“ sein ganzes Leben lang Vorbild geblieben ist.
ANMERKUNGEN
1Vgl. Hans Wirtenberger: Viel zu elegant für Kitzbühel, Kitzbüheler Heimatblätter, 1993 Nr. 2, S. 101–102. Wido Sieberer (Hg.): Kitzbühels Weg ins 20. Jahrhundert. Von Landwirtschaft und Bergbau zu Sommerfrische und Wintersport, Kitzbühel 1999, S. 12–17.
2Vgl. ebd.
3Vgl. E-Mail von Hans Wirtenberger an den Verfasser vom 20. 02. 2018.