Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder

Er ging voraus nach Lhasa - Nicholas Mailänder


Скачать книгу
rel="nofollow" href="#fb3_img_img_8336c8ee-40d9-5c14-a45d-363acd11af04.jpg" alt="image"/>

      Paul Bauer war einer von Aufschnaiters besten Bergfreunden.

      Ein weiteres ehemaliges Freikorpsmitglied in den Reihen des AAVM war der Medizinstudent Eugen Allwein. Im Jahr 1917 hatte er sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet. Nach Kriegsende wechselte der junge Soldat ins Freikorps Oberland. Ende April 1919 nahm er an einer Feldschlacht gegen die „Rote Armee“ bei Dachau teil und mischte anschließend mit bei der „Befreiung“ Münchens. Wegen seiner Mitwirkung an dem militärisch zwar erfolgreichen, politisch jedoch wirkungslosen Sturm auf den Annaberg in Schlesien am 21. Mai 1921 verpasste Allwein das Notabitur für Kriegsteilnehmer daheim in München. Aufgrund „seiner Verdienste um Reich und Vaterland“ ermöglichte der Rektor des Wilhelms-Gymnasiums dem Freikorpskämpfer jedoch den Zugang zum Studium durch eine handschriftlich ausgestellte „ordre du mufti“.

      Zu dem Freundeskreis um Paul Bauer im AAVM zählte damals auch der am 10. November 1900 in München geborene Wilhelm „Willo“ Welzenbach. Er hatte sich im Wintersemester 1920 an der Technischen Hochschule München eingeschrieben und war im Februar 1921 dem AAVM beigetreten. Es dauerte nicht lange, bis der zielstrebige Maschinenbau-Student die meisten seiner Vereinskameraden alpinistisch überflügelt und die damals schwierigsten Felstouren in den Nördlichen Kalkalpen gemeistert hatte. Im März 1923, mitten in der ärgsten Inflation, zog er fast ohne Barschaft, dafür aber mit zwei von Lebensmitteln schier platzenden Rucksäcken in die Schweiz. Per Ski bestieg er zwei Mal den Monte Rosa und eilte weiter in die Berner Alpen, um den Gipfeln von Mönch, Jungfrau, Finsteraarhorn und der Grindelwalder Fiescherhörner einen Besuch abzustatten. Im Sommer des Jahres wurde Welzenbach von dem versierten Westalpenmann Hanns Pfann im Wallis in die Kunst des Eisgehens eingeführt. Nach einer zweitägigen kombinierten Überschreitung von Matterhorn und Dent d’Hérens trafen die beiden in Zermatt zufällig den österreichischen Spitzenalpinisten Fritz Rigele, welcher dem Leser bereits bekannt ist als Freund von Peter Aufschnaiters Seilpartner Otto Zimmeter.

      Rigele berichtete dem jungen Münchner von einem brandheißen alpinsportlichen Problem in der Glocknergruppe, an dem bislang alle Versuche gescheitert waren: die 600 Meter hohe Wiesbachhorn-Nordwestwand.

      Fritz Rigele war dann über den Winter 1923/24 mit dringlicheren Angelegenheiten beschäftigt als dem Bergsteigen. Der beruflich stark eingespannte Notar war an den Machenschaften beteiligt, die darauf abzielten, die vorwiegend aus jüdischen Mitgliedern bestehende AV-Sektion Donauland aus dem Dachverband des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins hinauszudrängen. Als einer der Hauptdrahtzieher des Deutschvölkischen Bundes im DÖAV bereitete Rigele den für die Hauptversammlung 1924 in Rosenheim angestrebten Ausschluss der Sektion Donauland mit vor.

      Bergsteigen war für Fritz Rigele nach dem „Schandfrieden von Versailles“ längst keine reine Privatsache mehr, sondern vor allem ein Mittel zur „Wiederaufrichtung des deutschen Volkstums“:

      Mit solchen politischen Zielsetzungen hatte Fritz Rigeles Zermatter Bekanntschaft nichts im Sinn. Umso mehr Interesse zeigte Welzenbach aber für die Erstbegehung einer Eiswand, an der bisher alle abgeblitzt waren!

      Am Morgen des 15. Juli 1924 stehen Rigele und Welzenbach gemeinsam 350 Meter über dem Einstieg unter jenem fast senkrecht aufragenden Eiswulst der Wiesbachhorn-Nordwestwand, an dem bisher alle Versuche gescheitert waren. Hier übernimmt der Ältere die Führung. Rigele hatte 1922 mit der Verwendung von ins Eis getriebenen Haken experimentiert und ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Durch den Druck beim Eintreiben schmolz das Eis, um dann sofort wieder zu gefrieren und den Haken fest in der Wand zu verankern. Rund eine Stunde hielt der Eiswulst das ungleiche Paar in Atem. Als die beiden um elf Uhr auf den sonnenbeschienenen Gipfel ausstiegen, war eine neue Ära des Eisgehens angebrochen, in der senkrechte und gar überhängende Passagen die Aura des Unmöglichen verloren hatten.

      Wie bereits erwähnt, wurde Aufschnaiter und seinen Kommilitonen in den Wintersemestern auferlegt, sich die theoretischen Grundlagen der Landwirtschaft anzueignen. Durch die Berufung international renommierter Fachleute hatte die Technische Hochschule für ein erstklassiges Niveau gesorgt.


Скачать книгу