"George Grosz freigesprochen". Moritz Goldstein


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dem Plan, wie er sich selbst später mir gegenüber ausdrückte, „Berlin zu schreiben“. Er begann sofort mit kleinen Plaudereien, die er fast täglich zu liefern vermochte und in denen er das Berlin einer gewissen bürgerlichen Schicht aufzufangen wußte. Geistvolles Spiel und melancholischer Humor wurden in künstlerisch geschliffener Form vorgeführt. Für diese Veröffentlichungen erdachte er sich die Chiffre Sling. Sie fanden sofort heitere Resonanz, die Leser ergötzten sich schmunzelnd an den einfallsreichen und vielsagenden Anekdoten und genossen zugleich das literarisch anspruchsvolle Niveau. Binnen Kurzem hatte sich das schlagkräftige Pseudonym Ansehen und Popularität erworben.

      Sling besaß jene geheimnisvolle Qualität, die den Erfolg macht. In den wenigen Jahren seiner journalistischen Berühmtheit, die ihm vergönnt waren, schrieb er mehrere Theaterstücke, einen Roman, Kinderbücher und vieles andere. Keine von diesen Arbeiten fand ich bedeutend, aber jede gelangte an die Öffentlichkeit und erntete Beifall. Er verfügte zugleich über das Talent, sich selbst zu lanzieren. Man sagte von ihm, wenn er zum Verlag gerufen würde, weil ihm gekündigt werden sollte, so käme er mit einer Gehaltserhöhung wieder heraus. Eins seiner Rezepte, um sich beliebt zu machen, hat er mir eines Tages uneigennützig verraten. „Ich gehe niemals“, so lautete es, „zu einem der Verleger oder Direktoren, ohne zu wissen, welchen Witz ich binnen fünf Minuten machen werde.“ Er machte sehr gute Witze, die besten unvorbereitet.

      Aber auch ein fruchtbarer Schreiber kommt in Gefahr, sich zu erschöpfen, wenn er von sich täglich oder fast täglich Einfälle fordert. Dies erfuhr auch Sling, und so verfiel er auf den Ausweg, Kriminalprozessen beizuwohnen. Seine Absicht war dabei nur, sich Stoff zu holen, um weiter „Berlin zu schreiben“.

      Dieser Umweg erwies sich in seiner schriftstellerischen Karriere als ein neuer oder erst der eigentliche Treffer. Gerichtsberichterstattung war bis dahin ohne jeden literarischen Ehrgeiz abgemacht worden. Er zuerst gab ihr Niveau und sogleich das des höchsten Anspruches. Er zuerst zeigte den Angeklagten als einen Menschen nicht nur, sondern als deinen und meinen Mitmenschen. Er zuerst sah und enthüllte das Menschliche auch in den gerichtlichen Amtspersonen. So, während er fortfuhr, Berlin zu schreiben, wuchsen seine Anekdoten zu Enthüllungen der Kreatur, wie sie von einem unerforschlichen Schicksal bald in die Rolle des Gerichteten, bald in die des Richters gedrängt wird. Täglich breitete er seine Moabiter Fälle aus, gelegentlich auch Fälle der Provinz, die abwechselnd Fälle des Sünders oder des Richters oder des Anklägers oder des Verteidigers waren. Niemals bei aller Sachlichkeit begnügte er sich mit dem trockenen Bericht, sondern er durchleuchtete das Stückchen Leben mit Geist oder milderte seine Kraßheit, durch Humor, und hielt jeder Schwachheit und Unzulänglichkeit ein menschenfreundliches Verständnis bereit.

      Diese völlig neue Art, die Vorgänge der Kriminalgerichte zu betrachten, wurde mit Enthusiasmus aufgenommen, nicht nur von den Lesern, sondern auch in juristischen Kreisen. Allmählich, ohne daß er danach gestrebt hatte, entwickelte er sich zu einem fachmännischen Kritiker des forensischen Vorganges, dessen Rat gesucht, dessen Feder zugleich gefürchtet war. Er gewann Einfluß, und diese oder jene Begnadigung und diese oder jene Personalveränderung lassen sich auf sein gedrucktes Wort zurückführen. Sein Beispiel machte Schule: bald mußte jede Berliner Zeitung ihren kleinen Sling haben, bisweilen höchst unzulängliche Nachahmungen des Originals.

      Kurze Zeit, nachdem Paul Schlesinger von München nach Berlin übergesiedelt war, näherten wir uns einander. Ich rechne es zu den besten Errungenschaften meines Lebens, daß er es war, der meine Freundschaft suchte, und daß er es war, der das Du zwischen uns herbeiführte. Er vertraute mir manches an, was er ande­ren nicht offenbart haben dürfte, und so erfuhr ich von ihm auch nach Verlauf einiger Jahre, daß er fand, er habe nun genug Moabiter Slings geschrieben und sollte sein Gebiet wechseln. Daß dies leichter gesagt als getan sei, fügte er gleich hinzu. Indessen die Entscheidung wurde ihm abgenommen: kurz nach seinem 50. Geburts­tag, den er fast übermütig gefeiert hatte, starb er, völlig unerwartet, selber in keiner Weise auf das Ende gefaßt, mitten im Schaffen und im Erfolg. Er ist, wie mir scheint, unvergessen, nicht nur als Mensch bei denen, die ihn gekannt haben, sondern auch mit seiner Leistung. Der Sammelband der besten seiner Gerichtsberichte, die der Verlag Ullstein nach seinem Tode unter dem Slingschen Titel „Richter und Gerichtete“ herausgab, leuchtet und sprüht heute, in dieser völlig veränderten Welt, so hell wie zu der Zeit, da die Beiträge aus der Lebendigkeit des Tages hervorgesprudelt sind.

      *

      Es entstand nun die Frage, ob diese Art von Gerichtskritik fortgesetzt werden sollte und wer sie fortsetzen könnte. Der „Vossischen Zeitung“ hatte die Chiffre Sling eine starke Anziehung verliehen, und es war gewiß, daß die Leser sie vermissen würden. Aber ließ sich der Stil des Verstorbenen nachahmen? Oder würde etwas anderes, das man etwa an die Stelle setzte, den gleichen Beifall finden?

      Von den Erwägungen, die darüber an der maßgebenden Stelle stattfanden, kenne ich nur das Ergebnis: ich wurde aufgefordert, mit einer Respektspause von wenigen Wochen Slings Platz einzunehmen. Das hatte für mich zunächst die sehr erwünschte Folge, daß ich den Posten eines stellvertretenden Leiters der Lokalredaktion aufgeben durfte und von redaktionellem Bureaudienst überhaupt befreit wurde. Fortan brauchte ich nur zu hören, zu sehen und zu schreiben. Über die Schwierigkeit der Aufgabe täuschte ich mich nicht: Meine Bemühungen würden mit einem sehr anspruchs­vollen Maße und von manchen Beurteilern mit viel Mißgunst und hähmischer Besserwisserei gemessen werden. Julius Elbau setzte voraus, wie er mir ohne Schonung eröffnete, es würden erst drei oder vier Bewerber ausprobiert werden, ehe man sich mit einem endgültig zufrieden gäbe. Dr. Franz Ullstein hingegen, die oberste Instanz der Tageszeitungen und der eigentliche Chef des Hauses, ermutigte mich mit dem Zuspruch: „Lassen Sie sich ruhig Zeit, sich einzuarbeiten.“ Es waren die menschlichsten Worte, die ich je von ihm vernommen habe, eigentlich die einzig menschlichen.

      Obwohl ich den Auftrag nicht erwartet hatte, so war ich doch, seltsamer Weise, kein unbeschriebenes Blatt auf diesem Gebiet. Zunächst hatte ich Sling gelegentlich vertreten. Außerdem aber durfte ich auf so etwas wie eine spezielle Vorbereitung hinweisen: In den Anfängen meines Dienstes in der Lokalredaktion, als noch von keinem Sling die Rede war, hatte ich vorgeschlagen, ich würde eine Zeit lang als einfacher Zuschauer Gerichtsverhandlungen beiwohnen und dann über meine Beobachtungen und Erfahrungen schreiben. Das war der Redaktion recht, und ich tat so. Die Ergebnisse faßte ich für die „Vossische Zeitung“ zusammen in einem Zyklus von drei großen Aufsätzen unter dem gemeinsamen Titel: „Vom Tagewerk der Justiz“. Ich finde, daß alle wesentlichen Erkenntnisse meiner jahrelangen Tätigkeit auf den Gerichten darin schon enthalten sind. Georg Bernhard suchte mich in meinem Redaktionszimmer auf und fragte mich, ob ich nicht fortfahren möchte, über Gerichte zu schreiben. Damals also hätte ich Sling werden können lange vor Sling. Aber ich hatte nicht die Vision, ich sah die Möglichkeiten nicht voraus, wie ja auch Sling selber ahnungslos diese Bahn betrat, und so lehnte ich ab.

      Der Auftrag des Verlages enthielt die Bedingung, daß ich unter der Chiffre Inquit schreiben sollte. Dieses Pseudonym war nicht ihm eingefallen, sondern mir. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf verfiel, wohl aber, wann und wo es geschah. Während des ersten Weltkrieges stand ich Posten vor einem französischen Dorfe, an einer Stelle, an der es nichts zu bewachen gab, durch Wochen täglich und nächtlich viele Stunden. Dabei konnte man sich allerlei durch den Kopf gehen lassen, namentlich ungestört Pläne für die Zukunft schmieden. Und in Verbindung mit ihnen begegnete mir dieses geläufige Wort aus der Lateinstunde als ein passender, nämlich origineller und doch leicht zu merkender Deckname. Bei der „Vossischen Zeitung“ hatte ich das Pseudonym dann verwendet, nicht sehr häufig, für Beiträge, mit denen ich unwichtige Ereignisse glossierte. Darauf also griff der Verlag jetzt zurück, und vielleicht verfuhr er damit nicht ungeschickt. Am 25. Juni 1928 schrieb ich meinen ersten Gerichts-Inquit „Banderolen“.

      Damit begannen die fünf besten Jahre meines Lebens. Ich schlug nicht gleich ein, wie das Sling seinerzeit gelungen war; ich mußte mich erst zurechttasten und für diese Art von Schreibe­rei meinen Stil finden. Die Aufsichtsinstanzen des Verlages überwachten mich scharfen Auges und zu Tadel gern bereit. Indessen ich setzte mich durch. Nach einer gewissen Zeit war nicht mehr die Rede davon, daß ich durch einen anderen abgelöst werden könnte. Daß ich mit Sling verglichen wurde, ließ sich nicht vermeiden.


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