Das Alphabet der Kindheit. Helge-Ulrike Hyams
Darüber hinaus repräsentieren Eltern jenes bereits erwähnte überindividuelle Prinzip, das sich mehr auf der symbolischen Ebene abspielt. Vater und Mutter stehen für Mann und Frau, für die Pole des Lebens schlechthin. Alles Denken der Menschen, alle Strukturierung in Raum und Zeit beginnt mit der Wahrnehmung dieser Pole. Gut lässt sich nicht denken ohne böse, Ja nicht ohne Nein und Vater nicht ohne Mutter. Wir brauchen das Spiel mit den Polen, mit den Gegensätzen. In fast allen Schöpfungsgeschichten finden wir die kosmischen Analogien zu Vater und Mutter, wobei meistens der Himmel den Vater repräsentiert, die Erde aber die Mutter. Und das Kind, das in seiner Ichwerdung noch einmal (unbewusst) alle Etappen der Menschheit durchwandert, trägt diese Analogien als Erinnerungsspuren in sich. Geben Sie ihm einen Stift in die Hand: Es malt Haus und Baum, Blume und Schmetterling, es malt Mutter und Kind. Nie bleibt eines allein. Kindliches Denken, das wir auch als Erwachsene noch in uns tragen, produziert fortlaufend assoziativ die Pole: Sonne und Mond, Sommer und Winter, ich und du – und eben Vater und Mutter.
Mann und Frau sind zueinander komplementär angelegt.69 Und gleichzeitig gehen sie über die Zwei-Einheit hinaus, indem sie das Dritte schaffen, das Kind, beziehungsweise die Kinder. Diese Drei-Einheit, Triangulierung genannt, ist für Kinder der optimale Rahmen, sich frei zu entwickeln. So können sie je nach Stimmung oder wie sie es brauchen Pakte schließen, mal mit dem einen, mal mit dem anderen, mal mit der Mutter, mal mit dem Vater. Außerdem dürfen sie auf diese Weise, was fast noch wichtiger ist, mutig Konflikte riskieren, ohne Angst, danach hoffnungslos allein zu sein. Wenn das Kind mit dem Vater zusammenprallt, sagen wir über die Frage des Taschengelds, ist da immer die Mutter, die es auffängt und weiter trägt. Reibt es sich mit ihr, sagen wir wegen einer Lüge, spricht vielleicht der Vater das erlösende Wort und fängt seinerseits das Kind auf. Ein Kind, das diese Möglichkeit nicht hat, wird eher dazu neigen, in die Reserve zu gehen, brav zu sein, eben nichts zu riskieren. »Ich wünsche mir, dass der Papa, Mama und ich immer zusammenhalten«, sagt Jonas beim Auspusten seiner sechs Geburtstagskerzen.70 Das Geschenk der Triangulierung, des freien Austauschs zwischen Vater, Mutter und Kind, kann man nicht hoch genug einschätzen. Und Elternschaft dient eben dazu, dem Kind diesen Freiraum zu gewähren.
Aber Elternschaft dient noch zu weitaus mehr. Goethe hat es wunderbar ausgesprochen: »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.« Das ist die ganz reale elterliche Aufgabe. Das ist ihr ständiger Auftrag, mit dem sie mehr als beschäftigt sind. Wurzeln sollen Eltern geben, indem sie dem Kind jenes Urvertrauen schenken, welches ihm ermöglicht, fest auf der Erde zu stehen, sich zu Hause zu fühlen – und wohlzufühlen in seinem Leib. Diese Wurzeln sieht und fühlt das Kind nicht bewusst (so wie eine Pflanze die ihren nicht fühlt), doch die geringste Schädigung lässt das Kind aufhorchen, aufschrecken und leiden. An den Wurzeln nagt man nicht, sondern hält sie sorgsam geschützt.
Und dann das andere: die Flügel. Trotz aller Bindung zum Kind (im Großen und im Kleinen) sind Eltern unentwegt dazu aufgerufen, die Kinder loszulassen, damit sie sich aufmachen oder aufschwingen können in Richtungen, über die sie selbst als Eltern keine Gewalt haben. Bis an die Grenzen, und sogar, wie Janusz Korczak betont, an die Grenzen des Todes.71 »Wie weit lasse ich mein Kind?« ist die Dauerfrage von Eltern, die sie untereinander aushandeln müssen. Und dieses Aushandeln geschieht am besten in Liebe und aus der Liebe heraus. In Liebe zwischen den Partnern und in gemeinsamer Liebe zum Kind.
Wie immer die Antworten ausfallen: Kinder spüren, wenn die Eltern über sie verhandeln. Das ist das unsichtbare Band, welches sie verbindet. Und das ist es, was Kinder, wenn sie erwachsen werden, als inneres Bild in sich bewahren. Wenn die Verhandlungen gut waren, ist das innere Bild auch gut und kann als Maßstab für eigenes Handeln dienen, wenn sie eines Tages selbst Eltern sind. Und das Bild der tanzenden Eltern – wenn sie denn tanzen – werden sie bis ans Lebensende in sich tragen.
Ende der Kindheit
»Als ich aufwuchs und mit zehn Jahren allein U-Bahn fahren konnte – da nahte das Ende eines wirklichen goldenen Zeitalters.«
Woody Allen
Juristisch und rein zeitlich ist das Ende der Kindheit in unserer Kultur klar bestimmt.72 Aber wir ahnen sogleich, dass das Juristische nur die eine Seite der Geschichte ist. Die andere, viel spannendere, vieldeutige und oft konfliktbeladene Seite offenbart sich im subjektiven Bereich. Sich als Kind fühlen, beziehungsweise sich nicht mehr als solches zu empfinden, lässt sich nicht an äußere Termine knüpfen, da ist stattdessen viel Biografisch-Schicksalhaftes am Werk.
Früher, und in manchen Gesellschaften auch heute noch, wurde und wird der Übergang vom Kindsein zum sozial und religiös verantwortlichen Adoleszenten und Fast-Erwachsenen in feierlichen Zeremonien kollektiv begangen. Damit wurden äußerlich sichtbare Zeichen gesetzt, die von allen verstanden und akzeptiert wurden. Wo diese nun fehlen, wo das Ende der Kindheit nur ein abstrakter juristisch gesetzter Zeitpunkt ist, sind die Heranwachsenden weitgehend ihren inneren Wahrnehmungen ausgeliefert. Sie selbst definieren, wann und wie sich der Übergang vollzieht. Spricht man mit jungen Menschen, die diese Phase gerade hinter sich haben, dann fallen die individuell höchst unterschiedlichen Empfindungen über das Ende der Kindheit auf. Manche haben im Zorn persönlich bedeutsame Dinge verbrannt und kamen damit erstaunlich nahe an das rituelle Spielzeugverbrennen mancher Pubertätsriten. Andere verweigerten das Essen, unbewusst auch wohl das Weiterwachsen; auch dies erinnert an das erzwungene Fasten der Riten. Manche waren von Stolz erfüllt und taten alles, um die Jüngeren hinter sich zu lassen. Und nicht wenige verfielen in eine tiefe, ihnen selbst unerklärliche Traurigkeit.
Ich weiß bis heute glasklar Zeit und Ort. Es war Anfang November 1956, auf einem Bahnsteig in Northeim, wo ich auf den Zug wartete, der mich zur Beerdigung meiner Großmutter führte (die übrige Familie war schon vorausgefahren). Beim Warten auf den verspäteten Zug in der trüben Dunkelheit des frühen Abends sprachen Menschen plötzlich aufgeregt vom Einmarsch der Sowjetarmee in Ungarn. Ich hörte Worte wie Invasion und Revolution und verstand sie nicht: in meinen Ohren klang es wie Krieg. Mutters Mama war tot – und es war Krieg – diese unheilvolle Vermengung machte mir klar: die Welt hat ihre Unschuld verloren. Meine Kindheit war zu Ende.
Jedes Kind hat seine Zeit und seinen Ort vom Ende der Kindheit, und es lohnt sich, diesem bewusst nachzuspüren.
Engel
»Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß.«
Rainer Maria Rilke
Kinder nehmen oft Dinge wahr, die die meisten Erwachsenen nicht wahrnehmen. Sie sehen Engel – in der Regel ihren Schutzengel –, sie hören und spüren ihn leibhaftig. Aber sie halten diese Begegnungen oder ihr Schauen meist geheim, weil niemand in den intimen Dialog einbrechen darf. Die in Frankreich so populäre Kinderanalytikerin Françoise Dolto hat erst als ältere Frau freimütig erzählen können, dass sie als Kind intensiv an Engel, vor allem an ihren eigenen Schutzengel, geglaubt hat. Dieser war ihr damals so real, dass sie schrieb: »Wenn ich schlafen ging, legte ich mich nur auf die eine Hälfte des Bettes, um meinem Schutzengel Platz zu lassen, damit er neben mir schlief (…) Er trug ein weißes Kleid, er hatte Flügel, die er zusammenklappte, deshalb sagte ich ihm ab und zu: ›Nein, tue deinen Flügel bitte nicht dahin, er stört mich.‹«73 Dieselbe Frau wurde später eine überaus vernünftige und tatkräftige Kinderärztin und Schriftstellerin. Besonders verstand sie sich darauf, die verborgenen Sehnsüchte der Kinder zu erspüren. Vielleicht hatte sie all dies als kleines Mädchen schon jahrelang mit ihrem Schutzengel eingeübt.
Engel sind für alle diejenigen wirklich existent, die sie in sich einlassen, die an sie glauben. Und viele Kinder glauben. Manchmal sind Engel auch nur vorübergehende Gefährten: Sie erscheinen, sie begleiten das Kind eine Zeitlang – und sie verschwinden ganz leise wieder, so dass sie bisweilen in späteren Jahren kaum