Das Alphabet der Kindheit. Helge-Ulrike Hyams

Das Alphabet der Kindheit - Helge-Ulrike Hyams


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mich an das Alleinsein, in dem mein Ich durchsickerte, in dem ich mein Ich entdeckte. Einsamkeit bedeutet, die Spaltung der Welt anzuerkennen: »Hier bin ich, das Kind – und dort um mich herum, auf dem Schulhof, auf der Straße, im Haus, ist die Welt um mich herum, ist das Nicht-Ich.« Wir sind alle getrennt. Wir sind alle einsam. Und dennoch bin ich ohne die anderen nicht denkbar.

      Kindliches Alleinsein ist eine Gratwanderung. Dort, wo es den Weg zum kindlichen Ich bahnt, wo es dem kindlichen Ich Raum und Zeit zu seiner Entfaltung gibt, ist es ein kostbares Gut. Aber wenn das Kind traurig und hoffnungslos wird, wenn es sich nach Gemeinschaft und Nähe sehnt, dann ist es einsam. Da haben wir als Erwachsene alles zu tun, das Kind daraus zu erlösen und mit unserer Gegenwart einzuhüllen.

       Eis

      Peter Handke schreibt am 7. Mai 1976 in seinem Journal: »Mit Kindern in der Sonne vor einem Eiswagen gestanden: heftige Erinnerung, nicht nur an das Eis der Kinderzeit, sondern auch an die Lust auf das Eis damals: strahlender Moment.«64

       Ekel

       »Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass.«

      Brüder Grimm

      Nie werde ich vergessen, wie Heino Matzner Regenwürmer aß. Damals war ich sieben und überzeugt, dass Heino der einzige Junge auf der Welt sei, der Würmer verschlang, so aufregend und geheimnisvoll und durch und durch eklig waren diese morgendlichen Szenen auf dem Schulweg. Inzwischen weiß ich, dass viele Kinder Würmer und dergleichen verspeisen. Entweder um auszuprobieren, wo die Grenzen des wortwörtlich guten Geschmacks liegen, oder um sich im Umgang mit Ekel zu erproben: »Keiner liebt mich. Jeder hasst mich. Ich gehe in den Garten und esse Würmer«, sangen kanadische Schulkinder in den Schulpausen65 – wer weiß, vielleicht singen sie es heute noch.

      Die Unterscheidung, was gut und was schlecht, was hygienisch und was gefährlich ist, lernt das Kind schon sehr früh. Ganz besonders natürlich in der frühen Sauberkeitserziehung, wenn es daran gewöhnt wird, das Töpfchen zu benutzen. Die Exkremente müssen den richtigen Weg gehen, also schleunigst nach Erscheinen weggespült werden, was das Kind anfangs nur schwer begreift. Die Exkremente, die den falschen Weg gehen (in die Hose, auf den Teppich, auf das Sofa oder das Bettlaken), sind eklig, werden wie Feinde verfolgt. Das Kind wird ihretwegen bestraft, wenn nicht mit Worten, so doch mit verärgerten Blicken. Ekel hat ein unverwechselbar typisches Gesicht – das lernen die Kinder bereits sehr früh. Und sehr bald ahmen sie die Erwachsenen nach: Sie verzerren die Züge. Sie ekeln sich über sich selbst, an sich selbst, und bald darauf kommt auch die große Schwester des Ekels hinzu, die Scham.

      Eigentlich müsste der Vorgang des Sauberwerdens, und damit des Umgangs mit Ekel, doch einfach sein. Aber wir alle kennen, häufig sogar aus der eigenen Kindheitsgeschichte, dramatische Szenen, die beweisen, dass es eben gar nicht so einfach ist. So leicht nämlich, wie es die Mütter und Väter wünschen, lassen sich ihre Kinder nicht in ihre Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung einpassen. Viele lassen sich einfach nur Zeit. Manche revoltieren aktiv und benutzen die eigenen Exkremente als Waffe gegen ihre Erzieher oder gegen das System der Sauberkeitserziehung an sich. Man könnte meinen, sie kennen keinen Ekel.

      Am Ende müssen alle Kinder, ob sie wollen oder nicht, in die für ihre Kultur geltenden Normen eingewiesen werden. In früheren Gesellschaften, als Nahrungsmittel noch nicht vorbereitet oder gar mit Verfallsdatum versehen waren, waren die Menschen in hohem Maße abhängig von der eigenen Körper- und damit auch Ekelreaktion. Sie mussten eine gute Nase dafür haben, welche Speisen für sie essbar und welche ungenießbar und deshalb bedrohlich waren. Das Gefühl von Ekel war in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine überaus gesunde und notwendige Reaktion.

      Und auch heute ist es eine gesunde Reaktion, wenn das Kind sich davor ekelt, mit seinen Sandalen in einen Hundehaufen zu treten. Aber das ist nur die eine Seite des Ekels. Die andere, weniger gesunde Seite ist die, dass Ekel überaus generalisierbar und manipulierbar ist und deshalb für die verschiedensten Zwecke missbraucht werden kann. Stellt man etwa kleine Tiere wie Würmer, Frösche und Mäuse unter das Verdikt des Ekels, leitet sich daraus meist das Recht ab, diese kleinen Tiere zu töten. Und was für kleine Tiere gilt, lässt sich leicht auf große Tiere übertragen und – wie wir in der Vergangenheit nur allzu oft erlebt haben – sogar auf Menschen. Der Hass gegen einzelne Menschen ebenso wie der kollektiv empfundene Rassenhass ist immer auch gespeist aus körperlichen Ekelgefühlen. Im Grimmschen Märchen vom Großvater und seinem Enkel wird der Ekel vor dem sabbernden Großvater dem Kind von den eigenen Eltern regelrecht vorgelebt.

      Wenn Ekel sich einmal eingenistet hat in der menschlichen Seele, dann sitzt er in der Regel tief. Das erfahren wir immer wieder bei Menschen mit den unterschiedlichsten, bis hin zu krankhaften Phobien reichenden Ekelreaktionen. Tief in ihren Fantasien gefangen, sind sie meist gar nicht erreichbar für rationale Argumente, dass beispielsweise kleine Nager und Kriechtiere eher harmlos sind und ihnen gar nicht ans Leben wollen.

      Dennoch gibt es auch Heilung von der Ekelkrankheit.66 Das Märchen vom Froschkönig ist ein eindrucksvolles Zeugnis hierfür. Anfangs ist die junge Königstochter so sehr in ihrer Wut gegen den Frosch verstrickt, dass sie sich nicht allein daraus befreien kann. Man glaubt, dass sie lieber sterben möchte, als ihren Ekel loszulassen. Hier ist der oder die andere gefordert: Vater, Mutter, die Großmutter oder ein Freund müssen eingreifen. Manche Reifungsschritte kann das Kind offensichtlich nicht allein machen. Und ließe man es allein, es würde womöglich zugrunde gehen.

       Eltern

       »Über weite Strecken der Menschheitsgeschichte war das Wichtigste, was Eltern für ihre Kinder taten, sie am Leben zu halten.«

      Steven Pinker

      In diesem Spätherbst draußen am See sah ich ein tanzendes Ehepaar. Die Frau war schwanger. Ihre beiden Söhne, wohl zwischen drei und fünf Jahren, saßen am Rande der Tanzfläche auf dem Boden gekauert. Mitten im Tanz, nach jeder Drehung, sprang der Vater weg – und er machte wirklich jedes Mal einen Sprung –, tanzte auf die Kinder zu und küsste sie eines nach dem anderen auf den Kopf –, um sich danach, streng im Rhythmus bleibend, wieder der Frau zuzuwenden. Und dies wiederholte er immer wieder, solange der Tanz dauerte. Selten sah ich ein so inniges Bild von Väterlichkeit, Mütterlichkeit – nein, von Elternschaft. Das nämlich war es, was mir diesen Anblick so kostbar machte. Vater und Mutter waren im Tanz vereint und gleichzeitig als Eltern präsent. Die Kinder nehmen sie wahr als das Elternpaar, das sie sind.

      Die amerikanische Soziologin Judith S. Wallerstein schreibt, dass »Kinder sich nicht nur mit Vater und Mutter als zwei separaten Individuen identifizieren, sondern auch mit der Beziehung der Eltern zueinander.«67 Das bedeutet konkret, dass das Kind von früh an – gleichsam schon im Mutterleib – erfährt und verinnerlicht, dass Vater und Mutter eine Beziehung als Paar haben, die individuell, aber darüber hinaus auch über-individuell geprägt ist.

      Auf der individuellen Ebene erlebt das Kind, wie sich diese beiden Menschen einander zuwenden, wie sie einander zuhören, oder auch nicht, wie sie miteinander sprechen (oder auch schweigen), wie sie Konflikte lösen, wie sie miteinander zärtlich sind. Das ist die Matrix der Elternschaft. Astrid Lindgren beschreibt in ihrer Autobiografie die besondere Art, wie sich ihre Eltern zeitlebens begegneten und wie dies zur Grundlage ihrer Weltwahrnehmung wurde.68 Sie trägt damit ihre ganz individuelle Geschichte in sich, die sich in ihrem Schaffen, in ihren Kinderbüchern niederschlägt. Andere Menschen haben andere Geschichten zu erzählen


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