Das Alphabet der Kindheit. Helge-Ulrike Hyams

Das Alphabet der Kindheit - Helge-Ulrike Hyams


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in Bindung sein: mit einem Menschen, mit einem Tier, mit seiner Facebook-Freundesschar – und notfalls mit einem Außerirdischen. Das ist die Botschaft des Films, und das hat die Menschen, als sie E. T. im Kino sahen, zum Weinen gebracht.44

      Die Erklärung für diese Botschaft liegt nahe. Bindung ist, vom Anfang unseres Lebens an, eine absolute Notwendigkeit. Das Neugeborene muss vom ersten Augenblick an angenommen, gefüttert, gewärmt und versorgt werden, um zu überleben. In einem sensiblen, über Wochen und Monate währenden Einigungsdialog45 weben Mutter und Kind das erste Band, welches das Muster für alles spätere Bindungsverhalten abgibt.46 Im Normalfall sind die Mutter und auf seine Weise der Vater von sich aus auch gern bereit, diese Bindung mit dem Kind einzugehen, es zu nähren, zu schützen, und sie werden dafür reichlich belohnt.

      Was ist das Wesen der Bindung? Wie können wir sie begreifen, fernab all der wissenschaftlichen Definitionen, in denen man sich so leicht verlieren kann? Vielleicht sollten wir beginnen mit dem, was Bindung nicht ist. Bindung ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Liebe und Glück. Interessanterweise – oder sollten wir etwa sagen klugerweise? – bindet sich das Kind anfangs an jeden, der es versorgt und schützt, selbst wenn dies ohne Zeichen von Liebe geschieht und ihm dabei Leid oder Schmerz widerfährt. Es bindet sich auch an Tiere, wie die Geschichten der sogenannten Wolfskinder beweisen. Die Hauptsache ist, in Bindung zu sein, im Schutz und Teil einer Gruppe zu sein. Liebe, Glück und Wohlbehagen sind zwar die erfreulichen und auch häufigsten Beigaben, aber sie sind trotz allem nicht unerlässlich, nicht lebensnotwendig. (Dies ist übrigens der Grund, weshalb im Erwachsenenalter viele Menschen sich an Personen, Orte und Situationen klammern, selbst wenn sie ihnen schaden oder sie gar in Lebensgefahr bringen.)

      Lebensnotwendig ist die Bindung selbst. Und da ist es sinnvoll zu unterscheiden zwischen jener Urbindung, der in der Mutter-Kind-Beziehung angelegten Matrix einerseits und dem daraus resultierenden Bindungsverhalten andererseits. Die Bindung ist für das Auge unsichtbar – wie farbloser Klebstoff –, aber höchst wirksam. Sichtbar ist hingegen das wechselnde Verhalten. Bindung erscheint in den unterschiedlichsten Gewändern, sie äußert sich in Sprache, in Gesten und in Taten.

      Jede Bindung hat ihre Zeit. Und wenn diese Zeit vorbei ist, müssen alte Bindungen aufgelöst und durch neue eingetauscht werden – ein überaus empfindsamer Prozess für beide Seiten. In den seltensten Fällen geht die Auflösung eines bestehenden Arrangements reibungslos vor sich, ja, die Reibung ist geradezu ein Zeichen dafür, dass eine alte Bindung überholt ist. Wenn dieses seismografische Spüren versagt, wenn Bindungen nicht gelöst werden, kann dies lebenslange und sogar krankmachende Folgen haben.

      Zum Glück ist das Kind auch selbst aktiv. Es fordert uns dauernd heraus. Und auch ohne die unmittelbare Gegenwart von Menschen kann es sich in Bindung einüben. Wenn man es lässt, erschafft es sich im Spiel und in der Fantasie ganz ungeahnte Formen von Bindung. Denken wir nur an Christopher Robin, der seinen Bären Pu schuf – mal ungeachtet der Tatsache, dass es der eigene Vater war, der die Geschichte niederschrieb.47 Oder an Anne Frank, die sich, allein und abgeschnitten von Vergangenheit und Zukunft, ihre Brieffreundin Kitty erdichtete, zu der sie in ihrem Amsterdamer Versteck die tiefste und offenherzigste Bindung pflegte. Dass Annes Tagebuch ein so überwältigender Erfolg war, verdankt es sicher nicht nur den tragischen Verhältnissen, unter denen es entstand, sondern vor allem dieser Kraft, gegen die Hoffnungslosigkeit anzuschreiben.48 Anne Frank wollte die Bindung zur Welt niemals aufgeben.

      Vielleicht ist es uns jetzt auch leichter, Elliotts Sehnsucht nach seinem E. T. besser zu verstehen: »Bleib bei mir! Bitte, bleib mit mir zusammen!«

       Blind

       »Die Blindheit ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur durch den Unverstand.«

      Jacques Lusseyran

      Der Junge namens Elias kommt mit seinen Eltern in das Kindheitsmuseum.49 Ich hole aus einem Glasschrank die winzigen bleiernen Spielzeug-Tiere. Pferde, Kühe, Schafe, Hasen und darunter – als originelles Unikum – eine Muttersau mit neun säugenden Babys. Elias hält die Schweinegruppe in seiner rechten Hand, streift mit der linken über die Bleifigur, angespannt tastend nach Antwort, was er da in der Hand hält. Das braucht Zeit. Die Mutter, ungeduldig wie manche Mütter sind, will helfen, spricht das Wort aus. Elias schlägt nach ihr. Er will entschieden keine Hilfe. Er will selbst sehen, selbst begreifen.

      Wie oft habe ich solche und ähnliche Szenen mit blinden Kindern erlebt. Ach, wenn man sie doch nicht so gnadenlos in die Welt der Sehenden zerren wollte! Wenn man ihnen doch ihre Sichtweise, ihr eigenes Sehen ließe! Die Blindheit, sagt der französische Schriftsteller Jacques Lusseyran, der mit acht Jahren das Augenlicht verlor, »ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur durch den Unverstand«50, und sicher meint er den Unverstand der Erwachsenen.

      Zugegeben: In einer Welt wie der unsrigen, die so stark auf Visuelles ausgerichtet ist, auf Sehen und Gesehenwerden, auf Räume und Raumdurchwandern, fehlt dem blinden Kind etwas Wichtiges. Aber das gesunde blinde Kind besitzt ein ungeheures Potential, diesen visuellen Mangel auszugleichen. Es schafft sich seine eigene kleine Welt, indem es seine übrigen Sinne, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken, auf wunderbare Weise einsetzt und damit alles verzaubert: »In wenigen Monaten«, schreibt Lusseyran, »war mein persönliches Universum zu einem Farbatelier geworden … Ich war nicht Herr über jene Erscheinungen. Die Zahl Fünf war stets schwarz, der Buchstabe L hellgrün, das Gefühl des Wohlwollens zartblau.«51

      Im Grunde ist das blinde Kind andauernd damit beschäftigt, sich die äußere, sichtbare Welt nach innen hin zu übersetzen. Das beginnt mit Geräuschen: Ein kleines Mädchen hört das Knarren eines Sessels und fragt die im Zimmer anwesende Frau: »Bist du müde?«52 Es hat gelernt, über winzig kleine, für die anderen Menschen kaum wahrnehmbare Laute Auskunft und Orientierung zu erlangen, und meistens folgt es dabei seiner eigenen Logik.

      Wir Sehenden nehmen nur das Äußere einer Stimme wahr, die Höhe, die Tiefe, vielleicht die Modulation. Das blinde Kind jedoch hört und erspürt in der Stimme des anderen dessen tiefe innere Schichten, die wahre Gestimmtheit. Es erlebt Sympathie und Antipathie, Anteilnahme oder Desinteresse, und normalerweise täuscht es sich in der Stimme nicht.

      Hinzu kommt noch der Geruch. Weil dem blinden Kind die Vergleiche aus der Bilderwelt der Sehenden fehlen, kann es nur auf seine innere Erfahrung zurückgreifen. Der Geruch steckt in allem. Nichts, gar nichts in der Welt existiert ohne Geruch, und sei er auch noch so fade. Für die Sehenden ungewohnt, klammert sich das blinde Kind an Gerüche, fühlt sich von ihnen angezogen, getröstet, beheimatet, abgeschreckt oder abgestoßen. Der Geruch eines Menschen ist wie sein Fingerabdruck, unverwechselbar. Er enthält alles Wesentliche über ihn. Deshalb beriecht das blinde Kind so gern die Menschen um sich, und es teilt sie ein nach dem Muster »du riechst gut – ich mag dich« und seinem Gegenteil.

      Gegenstände erschnuppert das blinde Kind: die Wand, das Kissen, die Tür, die Tasse und den Waschlappen – alles hat seinen eigenen, unverwechselbaren Duft. Kaum ein Sehender kann sich in die Feinheit der Welt der Gerüche hineinversetzen. Wir sind verwöhnt von Rosen-, Vanille- und Bratenduft, vielleicht auch angezogen von frisch gegossenem Teer oder Leder, aber unsere Nase ist viel zu grob, Porzellanelefanten, Blechdosen und Leinenhosen zu erriechen.

      Das Schmecken ist noch als Steigerung des Riechens zu begreifen. Wie selbstverständlich führen blinde Kinder bekannte und unbekannte Gegenstände immer zuerst in den Mund: Hier geht es um die Substanz. Das Kind lernt unterscheiden: Süßes, Wärmendes, Nährendes – und auf der anderen Seite Bitterkeit, Säure und sogar Giftiges. Viele Erzieher fühlen sich genervt durch das dauernde Schmecken und Riechen der blinden Kinder. Sie mögen es nicht, sich an Haaren, Gesicht oder Bauch beriechen oder ablecken zu lassen, und sie versuchen, den Kindern diese vermeintliche Unart auszutreiben beziehungsweise abzuerziehen. Sie ahnen nicht, wie feindlich sie damit dem Kind begegnen. Das blinde Kind braucht das Hören, das Riechen und Schmecken als zentrales Erkenntnismittel, es braucht sie gleichsam als Schlüssel zur Welt. Nicht zufällig sind dies die Wahrnehmungskategorien, die sowohl das Kind im Mutterleib als auch die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte


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