Soziale Arbeit studieren. Rudolf Bieker
Befähigung auch durch die aktive Beteiligung an der Durcharbeitung eines Stoffes. Die aktive Mitarbeit bei der Beantwortung von Fragen in der Lehrveranstaltung (»Was ist das Besondere an diesem Ansatz?«; »Was könnte Maria Montessori sich hierbei gedacht haben?«; »Wie könnte man die drei Hauptannahmen der Theorie zusammenfassen?«) führt nicht nur zur Aufstockung des (Halb-)Wissens und zur Ausscheidung von Missverständnissen, sondern auch zu einer deutlich besseren Haftung des Besprochenen. Nehmen Sie das Angebot zur aktiven Beteiligung an Seminargesprächen an. Bleiben Sie nicht passiver Beobachter eines scheinbaren Privatissimums, an dem sich neben der Lehrperson nur wenige Seminarteilnehmer*innen beteiligen. Passivität bedeutet, eine Chance zum vertieften Lernen zu vertun. Lassen Sie Lehrveranstaltungen daher nicht wie einen Film an sich ablaufen. Studienerfolg ist eine Co-Produktion, nicht anders als die Soziale Arbeit auch. Akzeptieren Sie, dass Ihre Antwort auf eine gestellte Frage nicht nur falsch sein kann, sondern auch falsch sein darf. Lernen heißt auch Irrtümer zu erkennen und diese durch besseres Wissen zu ersetzen.
Weitergehende Gelegenheiten der aktiven Partizipation geben → Übungen. Gerade in der Sozialen Arbeit ergibt es Sinn, sich für reale Situationen des späteren Berufsalltags zu sensibilisieren, indem man spielerisch die Rollen der beteiligten Akteure übernimmt. Diesen Zweck erfüllen Simulationen und Trainings, in denen man nicht nur aktives Zuhören, sondern auch den Umgang mit erregten Klient*innen, das Führen einer Verhandlung, die Schlichtung eines Streits etc. lernt. Auch hier entsteht Lernen durch Sich-Einlassen, Mitmachen und gemeinsames Reflektieren von Beobachtungen.
3.2 Lesend Lernen
Eine der wichtigsten Lernstrategien im Studium stellt die eigenständige Lektüre von Fachliteratur dar. Intensives Lesen stößt bei Studierenden allerdings nicht immer auf Gegenliebe. Das dürfte mit dem Schwierigkeitsgrad vieler wissenschaftlicher Materien, mit mangelnder Übung, mit dem hohen Zeitaufwand des Lesens, aber auch der mitunter geringen Lesefreundlichkeit wissenschaftlicher Texte zu tun haben. Abschreckend können auch lange und wenig spezifizierte Literaturlisten der Professor*innen wirken. Die Verschulung und Verkürzung des Studiums begünstigen außerdem die Selbstbeschränkung auf das in Lehrveranstaltungen persönlich vermittelte Wissen.
Für den persönlichen Lerngewinn geht es nicht darum, ein Buch, ein Buchkapitel oder einen Fachaufsatz »durchzulesen« (wie Studierende es oft bezeichnen), sondern einen Text nach Aufbau und Inhalt zu verstehen und bezogen auf das eigene oder das vorgegebene Leseziel auszuwerten. Dieser Vorgang ist anstrengend und mit dem üblichen Entspannungslesen in der Freizeit nicht zu vergleichen. Wissenschaftliches Lesen findet allenfalls phasenweise auf der Couch, ansonsten aber durchweg am Schreibtisch statt, bei laufendem Computer, ausgerichtet auf das Auffinden und Festhalten von Wissen, das für den Erwerb berufsbezogener Kompetenzen relevant ist und daher nachhaltig im Gedächtnis gespeichert werden soll. Die intensive Auseinandersetzung mit Fachliteratur führt nicht nur zu neuen Antworten, sondern auch zu neuen Fragen. Dieser Effekt, einen Lernvorgang nicht ein für allemal abschließen zu können, erzeugt bisweilen Frustration, ist zugleich aber Motor für den persönlichen Erkenntnisfortschritt.
Lesen im Studium sollte allerdings nie ein »Drauflos-lesen« sein, sondern stets mit einer vorher geklärten Zielstellung erfolgen: Warum will/soll ich diesen Text lesen? Was erwarte ich als Ergebnis oder konkreten Nutzen meiner Lesearbeit?
Leseziele
• Will ich eine erste Orientierung über ein Thema gewinnen?
• Will ich die Grundpfeiler einer wissenschaftlichen Theorie kennen lernen?
• Will ich vertiefende Kenntnisse über ein mir bereits bekanntes Handlungskonzept erwerben?
• Suche ich nach einem bestimmten Begriff oder einer begrifflichen Systematik?
• Geht es um die wichtigsten Ergebnisse einer Studie?
• Interessiert mich hauptsächlich das methodische Konzept einer Untersuchung?
• Suche ich nach kritischen Einwänden gegen eine These, eine Theorie, ein Praxismodell?
• Suche ich Zahlen, Fakten oder Beispiele?
Ihre Leseziele können Sie auch als Fragen formulieren.
Beispiele
• Welche Grundpfeiler kennzeichnen die in dem Lehrbuch dargestellte Theorie?
• Wie begründen die Autor*innen ihr Konzept?
Ziele (oder Fragen) verhindern, dass Sie sich in einem Text verlieren, dass Sie am Ende zwar alles gelesen haben, aber nur wenig »hängen« geblieben ist. Betreiben Sie Ihre Informationssuche deshalb interessegeleitet und möglichst angebunden an einen aktuellen Lernkontext (z. B. an ein Seminarthema, ein persönliches »Forschungsthema«, das Sie gezielt über einen längeren Zeitraum verfolgen). Gezieltes, und das bedeutet auch bewusst auswählendes Lesen, macht Sie aufmerksamer; es führt erfahrungsgemäß zu einem nachhaltigeren Lernerfolg als fleißiges, aber ungesteuertes Lesen. Gleichzeitig lesen Sie mit klarer Ziel- oder Fragestellung effizienter; Sie reduzieren die Aufnahme von Informationen, die ohne Ankerpunkte nicht haften bleiben, aber einen hohen Zeiteinsatz verursachen.
Um den längerfristigen Erfolg des Lernens durch Lesen zu fördern, sollte das Gelesene jedoch in einem → Exzerpt (
Abb. 1: Exzerpt-Formular
Empfehlung
Legen Sie das → Exzerpt als Formular (
3.3 Schreibend Lernen
Eng mit dem Lesen ist das Schreiben im Studium verbunden, denn oft ist das Gelesene im Nachgang als schriftliche Prüfungsleistung zu Papier zu bringen. Schreiben zwingt zur Klarheit des Denkens und der Gedankenführung. Wer einen Text schreibt, schult nicht nur sein Denken und seinen sprachlichen Ausdruck, sondern auch die Fähigkeit zur systematischen Darstellung seines Gegenstandes.
Im Studium wird dieser multiple Lerngewinn des Schreibens über verschiedenartige Studienleistungen gefördert:
• Hausarbeit (auch: Seminar- oder Semesterarbeit genannt): Sie behandelt eine fachwissenschaftliche Fragestellung, die in begrenzter Zeit auf ca. 15–20 Seiten systematisch abzuhandeln ist. Der erarbeitete Text kann die Grundlage für einen → Seminarvortrag darstellen; der Seminarvortrag ist aber nicht mit dem Vorlesen einer Hausarbeit zu verwechseln (