Der Stand der Dinge. Odd Klippenvåg

Der Stand der Dinge - Odd Klippenvåg


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ob Wein jetzt gut für dich ist», sagte Annar, «ob der Arzt etwas gesagt hat.» – «Nichts hat er gesagt», sagte ich und stützte mich auf das Geländer. Als Annar gegangen war, versuchte ich, mich daran zu erinnern, was der Arzt vor meiner Entlassung gesagt hatte.

      Am Tisch wollte Annar mir ein Stück Schinkenomelette zerschneiden. «Das kann ich selbst!», sagte ich, vielleicht zu schroff. Dennoch kam während des Essens freundliche Stimmung auf, bis Annar erzählte, dass er mir das Bett im Gästezimmer zurechtgemacht hatte. Ich hatte mich schon davor gefürchtet, wie ich die steile Mansardentreppe zum Schlafzimmer bewältigen sollte, jetzt konnte ich also nicht protestieren. «Würdest du mir die Haare schneiden», fragte ich deshalb, so als ob ich nicht gehört hätte, was er sagte. «Du meinst doch wohl nicht jetzt sofort?», fragte er. «Doch», sagte ich, «siehst du nicht, wie lang sie geworden sind? Können wir das nicht auf der Veranda machen?» Nach dem Essen legte der Hund sich vor mich, als ich mit einem Küchenhandtuch um die Schultern auf einem Klappstuhl saß. «Sieh dir Caro an», sagte ich, «der kriegt alles mit!» Annar gab keine Antwort, er schob meinen Kopf nach vorn, und weil er nichts sagte, erinnerte ich ihn daran, dass er die Haarschneidemaschine auf drei Millimeter einstellen müsse. «Waren das nicht fünf?», fragte er jetzt. «Nein, drei», beharrte ich, schloss die Augen und spürte die vibrierende Maschine auf der Kopfhaut. Das ist so schön, dachte ich, und was für eine schöne Szene, bewacht von einem Hund: zwei Männer in der Sonne auf einer Veranda, einer älter, der andere in mittleren Jahren. Bei einer intimen Handlung. Denn das war es doch, so kam es mir jedenfalls vor. Einem anderen die Haare zu schneiden. Annar in kurzärmligem schwarzen T-Shirt. Ich im weißen Hemd.

      «Soll ich einen Spiegel holen?», fragte Annar und löste das Handtuch von meinem Hemdenkragen, nachdem er auch die Nackenhaare gestutzt hatte. Ich hielt das nicht für nötig, und dann spürte ich für einen Moment, wie er meinen Kopf in den Händen hielt und die Lippen daraufdrückte, während er immer noch hinter mir stand. Doch im selben Moment klingelte im Haus das Telefon. «Ich geh ran», sagte Annar, «bin gleich wieder da.» Der Hund sprang auf, ohne Annar zu folgen. Stattdessen trottete er auf die richtige Seite meines Stuhls, und nun konnte ich ihn streicheln. Ich hörte Annar etwas sagen, aber dann verließ er das Wohnzimmer und verschwand im Haus, in der Diele oder in der Küche.

      Am Morgen, als wir den Wagen beluden, um für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zur Hütte zu fahren, piepte Annars Mobiltelefon. «Hallo, Rune, bist du das?», hörte ich Annar fragen, ehe ich in die Diele ging, um die letzte Tasche zu holen. Ich drehte eine Runde durch Wohnzimmer und Küche, um mich davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war, dass kein Vorhang zu dicht beim Heizkörper hing und dass die Kaffeemaschine ausgeschaltet war, dann ging ich wieder hinaus. Annar telefonierte noch immer, und damit es so aussah, als ob ich nicht zuhörte, rief ich den Hund und ließ ihn hinten ins Auto springen. «Aber das weißt du doch», sagte Annar, «über Neujahr fahren wir immer nach Telemark.» Ich überlegte, ob ich schon einsteigen sollte, ob Annar bald fertig wäre, deshalb vertrieb ich mir die Zeit damit, den Skibehälter zu überprüfen und einen Blick in den Briefkasten am Gartentor zu werfen. «Bis dann», sagte Annar, als ich zurückkam, «mach’s gut so lange.» Als ob ich nicht wüsste, mit wem Annar gesprochen hatte, sah ich ihn fragend an und sagte: «Sind wir dann so weit?» – «Das war Rune», antwortete Annar, «ich glaube, er war enttäuscht, er hatte vergessen, dass wir immer zur Hütte fahren.»

      Zu Weihnachten schenkte Rune ... wie heißt das? So eine kleine Hose schenkte er Annar ... ich war ganz schön überrascht.

      Zum Glück kamen wir vor Einbruch der Dunkelheit bei der Hütte an. Ich war so erschöpft, nachdem ich mich auf Skiern mit einem schweren Rucksack die Hänge hochgequält hatte, dass ich mich sofort hinsetzen musste. Annar, der den alten Schlitten gezogen hatte, den wir immer an der Straße stehen ließen, trug unser ganzes Gepäck allein ins Haus, ehe er zur Quelle lief, um zwei Eimer Wasser zu holen. Wie lange kann ich das noch schaffen, fragte ich mich und stand auf, als ich Annar kommen hörte. Dann nahm ich die Blenden von den Fenstern. «Nur eine dünne Haut», antwortete Annar, als ich fragte, ob die Quelle gefroren sei. Danach verschwand er wieder nach draußen. Ich lüftete kurz, und während Fenster und Türen offen standen, packte ich den Proviant aus und verteilte ihn auf Schubladen und Schränke. In einer Schublade in der Bank lag eine tote Maus, und als ich sie am Schwanz fasste und hinaus in den Schnee warf, hörte ich Annar im Schuppen Holz hacken.

      Wir hatten in Kongsberg haltgemacht und getankt und dann in einem Café im nahe gelegenen Einkaufszentrum gesessen. Weil mir plötzlich aufging, dass ich diese Stadt eigentlich nicht sonderlich gut kannte, fragte ich Annar, ob es ihm hier gefiele. Und Annar, der abwechselnd in die in der Tankstelle gekaufte Zeitung geschaut und drei Teenager an einem Nachbartisch beobachtet hatte, starrte mich verwirrt an. «Ob es mir gefällt?», fragte er. «Ja», sagte ich. «Ist Kongsberg eine angenehme Stadt?» Annar zuckte mit den Schultern und schaute wieder zu den Teenagern hinüber, es waren zwei Mädchen und ein Junge. Ich war ziemlich sicher, dass es Annar um den Jungen ging, einen gut aussehenden dunkelhaarigen Knaben, der ein wenig ausgeschlossen wirkte, während die Mädchen wild durcheinanderredeten und ununterbrochen kicherten. «Bist du scharf auf den?», fragte ich und nickte zu den jungen Leuten hinüber. «Ein wenig», antwortete Annar, griff nach seinem Kaffeebecher und lächelte, «würdest du nicht gern mit ihm schlafen?» Die Frage war so verführerisch, so weitab von allem, was ich in meinem Alter für möglich hielt, deshalb antwortete ich: «Natürlich, er erinnert mich an dich, daran, wie du damals warst.» Annar sagte nichts dazu, er blätterte nur weiter in der Zeitung. Ich versuchte mich zu erinnern, was es für ein Gefühl gewesen war, Unschuld zu erobern, und dann merkte ich zu meiner Verwunderung, wie ich reagierte, wie mein Glied wuchs. Ich musste den Jungen ansehen, wie der Bengel da saß und an seinem Mobiltelefon herumspielte, mit einem vielsagenden Lächeln um den Mund. «Wie oft warst du hier in Kongsberg auf dem Jazzfestival?», fragte ich. «Keine Ahnung», antwortete Annar, «vielleicht vier-, fünfmal.» – «In diesem Jahr warst du mit Rune hier, nicht wahr?», fragte ich. «Klar, hast du das schon vergessen?», fragte Annar und stand auf, ohne auf Antwort zu warten. Dann sagte er: «Ich gehe zur Toilette, ehe wir fahren, das solltest du auch tun.»

      Solche Ratschläge ... anfangs fast unmerklich.

      Tanga heißt das. Einen schwarzen Ledertanga von Rune für Annar zu Weihnachten. Ich konnte meine Überraschung kaum verbergen.

      Es schneite, als wir aus dem Café kamen. «Ich fahre», sagte Annar. Aber zuerst wollte er den Hund auslüften. Ich saß im Auto und wartete, während er auf dem Parkplatz hin und her lief, bis Caro endlich das Hinterbein hob und gegen einen Mülleimer pisste. Noch war es nicht richtig hell. Als Annar sich dann hinters Lenkrad setzte, fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare, um die Feuchtigkeit zu vertreiben. Ich nahm seinen frischen, säuerlichen Geruch wahr, und plötzlich traten mir die Tränen in die Augen.

      Was war nur mit mir los? Ich war in den letzten Monaten, ehe es passierte, so leicht gerührt.

      Als ich stürzte, wusste ich, dass jetzt etwas Entsetzliches geschah. Ich ging mit der Teekanne in der Hand durch das Zimmer, und plötzlich spürte ich, wie die Kanne mir aus der Hand glitt, wie der Deckel abbrach und in einem Bogen durch die Luft flog. «Annar», konnte ich noch flüstern, «hilf mir!» Aber Annar war nicht da, Annar war schon vor Stunden gefahren. Ich sah das starke Vormittagslicht, die Märzsonne fiel schräg durch die Fenster ...

      Er wird vom Rascheln geweckt, mit dem die Vorhänge geöffnet werden.

      «Guten Morgen, Simon!», sagt die junge Neue. «Bist du wach?»

      Ehe er antworten kann, ist sie verschwunden. Er kann über der Schirmwand ihre struppigen Haare sehen und hört, wie sie mit Hermansens Waschschüssel klirrt. Dann dreht er den Kopf und betrachtet die Hochhäuser auf der Anhöhe in der Ferne. Obwohl das Tageslicht trübe ist, sieht er, wie es über die schmale Fensterbank fällt und auf dem Boden ein viereckiges Lichtfeld bildet.

      «Du kommst allein zurecht, Simon, ja?»

      Jetzt steht sie beim Waschbecken und sieht ihn im Spiegel an.

      «Mit etwas Hilfe wohl», antwortet er und hört das Wasser aus dem Hahn laufen.

      Für einen Moment ahnt er einen Schatten an der


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