Therese Larotta. Walther von Hollander
Bauer sprach von den Fenns so, als lebten sie noch, als müssten sie gleich über die Wiesen herunterkommen und „diese fremden Gesichter, diese Eindringlinge“ von ihrem rechtmässigen Besitz vertreiben.
Es war ein etwas ungemütlicher Besuch, da der Bauer immer zwischen den Larottas zum Fenster hinausredete und hinauswinkte und es gar nicht zu bemerken schien, dass sie schliesslich weggingen, nachdem sie vergeblich versucht hatten, ihm die Hand zum Abschied zu reichen.
Dafür war es im Berghotel recht gemütlich. Die Guggis hatten sich sehr auf die Larottas gefreut. Es war gut, dass man nun noch ein Ehepaar in der Nähe hatte für die einsamen Monate zwischen Sommer und Winter und zwischen Winter und Sommer. Sie empfingen die „Neuen“ mit einem riesigen Kuchen und verlangten, dass die beiden Jungen im Verein mit ihren Eltern ihn aufassen. Beim Essen, so meinte Frau Guggis, könne man sich am ehesten kennenlernen. Sie betrachtete ihre Gäste mit unverhohlener Neugier. Das waren also die Larottas! Der finstere zähe Fünfziger und die zarte Dreissigerin mit dem runden Gesicht, der bei grauweissen Haaren dunkle Mann und die bei schwarzen Haaren helle Frau. Kein gutes Gespann!
Herr Guggis fand die beiden vor allem zu schweigsam. Ausser über Heumachen und über Viehpreise, über Melken und Buttern konnte man wenig mit ihnen reden, und die Verständigung wurde noch dadurch erschwert, dass jeder eigentlich einen anderen Heimatdialekt sprach. Die Guggis gebrauchten das Ladinische der eingeborenen Engadiner, Peter Larotta sprach am besten das Italienische aus dem Bergell, und Therese Larotta hatte als Kind das Romanische aus dem Unterengadin gesprochen. Deutsch war ihnen allen ein wenig ungewohnt, und sie gebrauchten es nur, um sich gegenseitig zu verdolmetschen, was sie sonst nicht verstanden.
Die vier versicherten einander immer wieder, wie sehr man aufeinander angewiesen sei. Aber die rechte nachbarliche Wärme wollte sich nicht einstellen. Therese Larotta wurde nur etwas lebhafter, als man die übermodernen Küchenanlagen des Berghotels besichtigte. Sie lachte ein paarmal kindlich erfreut. Was sollten wohl diese Hunderte von Tassen und Kännchen, die Dutzende von Kesseln, Töpfen und Pfannen, die stubengrossen Kochöfen, die Spültische, tief wie Badewannen, und die Tellerwaschmaschine, über die lautlos die Teller wanderten, um sauber geputzt gleich in den Küchenschrank hineinbugsiert zu werden.
Peter Larotta schüttelte ärgerlich den Kopf. Er begriff nicht, wieso man über diese unnützen Dinge lachen konnte, die zudem allein die Wirtsleute etwas angingen. Mochten die Guggis zusehen, wie sie hier, zwischen Schnee, Gras und Felsen, genug schmutzige Teller für ihre Waschmaschine zusammenbekamen! Ihre Sache!
Er sagte es ihr auf dem Nachhausewege, und Therese nickte gleichmütig, wie sie zu allem nickte, was der Mann sagte. Ausserdem hatte er ja recht. Was ging sie die prächtige Küche in dem fremden Hotel an. Trotzdem erschien ihr nach dieser Begegnung mit einer anderen Welt alles hier oben etwas leichter und lichter. Das enge Tal, in das die Maisonne nur fünf Stunden hineinschien, die Berge, gegen deren silbernen und weissen Glanz die Dunkelheit der Stuben nur noch dunkler sich abhob, das Wasser, das nun endlich zu flüstern und zu reden begann und in der Mittagsglut sogar stürmisch die Felsen beklopfte ... ja selbst das dunkle Haus schien ihr ein wenig heller zu sein, als sie es jetzt, nach dem Besuch im Berghotel, betrat, um wirklich „für immer“ darin zu wohnen.
Kurz danach begann der erste Frühling hier oben. Nach einem Sturm, der donnernd gegen die Stalltore pochte, schmolz der Schnee so schnell weg, dass man ihn schwinden sah, kamen die Gräser und Blumen zum Vorschein, die sicherlich schon lange fertig unter der Schneedecke gelegen hatten. In wenigen Tagen war die Jahreszeit soweit wie unten in Promontogno, nur dass es natürlich keine Obstbäume gab, keine Gebüsche, keine Wälder, keine Nachtigallen, keine Rosen, keine Kartoffeln und kein Getreide. Nur Wiesen gab es und Vieh und wieder Wiesen und darüber Felsen, Wasser, Schnee und Himmel.
Peter Larotta ging das Vieh holen und kam drei Tage später wieder das Tal hinauf mit dreissig Stück Rindvieh und zehn Ziegen aus eigenem Besitz und vierzig Kühen, die er für den Sommer in Pflege genommen hatte. Er kam hinter der Herde her, dürr, gross und dunkel, die Peitsche schwingend und ab und zu mit merkwürdig hellen, singenden Rufen die Hunde antreibend, dass sie die Herde auf der Strasse halten sollten.
Peter und Paul, die beiden Jungen, rannten ihm entgegen, sausten in die Herde hinein, um die bekannten Kühe zu begrüssen und die unbekannten zu betätscheln, und Therese kam auch langsam vom Hause her über den Fusssteg, stand, die Arme leicht ins Tuch geschlagen, und zählte die Tiere, bis der Mann heran war.
„Sie lassen grüssen“, sagte der Bauer, „und sie warten, dass wir wiederkommen.“
Therese antwortete zuerst nicht. Sie grübelte. Man konnte also ins Tal zurück? Sie brauchte nur zu wollen? Der Mann schien auch wieder zweifelhaft geworden zu sein. Wollte sie wirklich zurück? Wollte sie unten im Ackerland, zwischen Wein und Weizen leben wie die anderen? Sicherlich! sicherlich! Aber dann fiel es ihr wieder ein, wie schlimm sie es unten im Tal gehabt hatte, unter den Verwandten, für die sie ihr Leben lang die fremde Viehmagd blieb, als welche sie auf den Hof gekommen war, und so wurde jetzt ihr Gesicht so dunkel wie das ihres Mannes. Ein heftiger Zorn schüttelte sie, ein Zorn, von dem sie auch den Bauern, ihren Mann, nicht ausnahm. Hatte er sie nicht da unten schützen und zu Ehren bringen können? Nein, er hatte es nicht gekonnt.
Sie nahm, nachdem die Herde vorbeigezogen war, ihre beiden Jungen an die Hand und rief heftig: „Ich gehe nicht zurück! Nein, ich will nicht zurück.“
Peter Larotta war schon weitergegangen. Wahrscheinlich hatte er ihren Ausruf nicht mehr gehört. Denn sonst hätte er es wohl nicht so ohne weiteres hingenommen, dass seine Frau Entschlüsse fasste, die doch nur er fassen durfte.
2
Der erste Sommer ging schnell hin. Man hatte hier oben mehr Arbeit als unten in Promontogno, wo man zur Not immer eine Hilfe bekam. Hier musste man — ausser bei der Heumahd, zu der man Schnitter bekam —, alles allein machen, einerlei wieviel Arbeit es war. Haus und Stall waren gross und verwahrlost. Die Wiesen waren vermoost und verunkrautet. Über einige war der Steinschlag niedergegangen, als hätte es Kiesel gehagelt, oder als wäre ein Steinfluss hinübergeströmt. Andere Wiesen fingen an morastig zu werden weil die Abzugsgräben verstopft und verschlammt waren.
Therese wusste manchmal nicht, was sie zuerst arbeiten sollte, denn neben der Feld- und Wiesenarbeit musste sie kochen, putzen, melken, buttern, Käse machen und Schweine füttern. Nur gut, dass Hühner, Enten und Gänse, dass Ziegen und Kühe unter Peters und Pauls Leitung ihr Futter selber suchten und dass Peter Larotta gern rechnete und es ihm darum leicht war, auseinanderzurechnen, wieviel Milch die eigenen Tiere gaben und wieviel die Kostgänger, wieviel man für Wartung und Futter einbehalten durfte und wieviel man gutschreiben musste.
In der Abenddämmerung sass er meist vor der Tür an dem Eichentisch und rechnete. Er rechnete in einem merkwürdigen Singsang, halb deutsch, halb italienisch, eine, zwei Stunden lang, und meist war dieser Gesang der Zahlen, war das monotone Absingen der Liter und Pfennige das einzige, was Therese von ihrem Mann zu hören bekam. Die Einsamkeit hatte den Bauern noch schweigsamer gemacht. Früher hatte er wenigstens manchmal noch geschimpft. Aber jetzt sprach er tagelang nichts ... nichts Gutes und nichts Böses. Therese versuchte herauszubekommen, was in den Mann gefahren war, was ihn wohl quälte und wie sie es vielleicht ändern könnte. Schliesslich brauchte sie doch auch mal hier und da ein paar Worte. Wenn man niemanden zum Sprechen hatte, so war es schon beinahe ein Unglück, wenn der Mann gar nichts sprach und sie darauf angewiesen war, allein mit den beiden Jungen zu reden, die aber den ganzen Tag draussen waren. Wenn sie den Mann etwas fragte, nickte er oder schüttelte den Kopf. Wenn sie sich endlich eine Frage ausgedacht hatte, auf die man nicht mit Gebärden antworten konnte, so konnte es vorkommen, dass er einfach die Achseln zuckte und wegging, und wenn sie ihn abends im Bett etwas fragte, weil er da nicht weglaufen konnte, so drehte er sich langsam zur Wand und schien einzuschlafen.
Tatsächlich — das hatte Therese bald heraus — schlief er nicht. Er lag vielmehr mit offenen Augen und starrte ins Dunkle. Er bemühte sich, den Husten zu unterdrücken, der ihn quälte. Manchmal räusperte er sich, manchmal bellte er leise wie ein Schosshündchen in die Kissen hinein, besonders wenn er glaubte, dass die Frau fest schliefe. Aber sie merkte das alles ganz gut. Nur sie begriff nicht, warum