Therese Larotta. Walther von Hollander

Therese Larotta - Walther von Hollander


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Ende des Sommers hielt sie die Einsamkeit nicht mehr aus. Sie hielt es nicht mehr aus, dass der Mann dalag und den Husten zu unterdrücken suchte. Zuerst sagte sie noch, dass sie der Frau Guggis bei irgendeiner besonderen Arbeit zur Hand gehen wolle oder dass sie noch Sahne oder Butter schnell hinaufbringen müsse. Langsam aber — auch weil der Mann sie eher ermunterte, hinzugehen — gewöhnte sie sich daran, auch ohne Grund zum Hotel hinaufzuwandern. Sie wurde angezogen von dem merkwürdigen und ihr völlig unverständlichen Leben, das da oben geführt wurde. Es war ein höchst lächerliches Leben, fand sie. Aber doch ein Leben mit sehr viel Licht, mit weissen Tischen und Blumen, die aus dem Unterland kamen, mit fein angezogenen Menschen, mit einer seltsamen Musik, die sie nicht schön fand, mit Tänzen, bei denen sie als Zuschauer erröten musste, und mit lautem Lachen und vielem Geschwätz, das gleichzeitig lustig und langweilig sein musste. Denn bei allem Lärm und allem Lachen waren die Gesichter der Sommergäste merkwürdig starr und wirklich so, wie Therese sie manchmal in den Zeitschriften gesehen hatte, die durch Zufall sich nach Promontogno verirrt hatten. Die Welt der Zeitschriften lebte! Die Menschen, die dort feine Fräcke und wehende Sommerkleider trugen, die dort puppenhaft und starr herumstanden ... hier lebten sie, liefen herum, lachten und sprachen in vielen verschiedenen Sprachen. Merkwürdig!

      Meist stand Therese Larotta in der Anrichte und sah durch die kleine, gardinenbedeckte Scheibe in den Speisesaal, in dem die Gäste sechs oder acht Speisen hintereinander assen. Nach dem Essen aber ging sie nach draussen und stellte sich auf den kleinen Felsen, die sogenannte Kanzel, fünf Meter vom Tanzsaal entfernt. Sie stand immer ganz bewegungslos und ernst, die Augenbrauen so zusammengezogen, dass sie als schmale dunkle Grenze das braunrote Gesicht und die weisse Stirn trennten, die Arme fest in das Tuch gewickelt und so um sich selbst geschlungen, dass sie sich wärmen konnte. Denn in dem ersten Sommer fror sie noch bitterlich in den Nächten, die keine echten Sommernächte waren, sondern fast Winternächte mit Tau, Reif und Eiskälte.

      Schon im Verlaufe dieses Sommers lernte sie die einzelnen Gäste unterscheiden, erwärmte sich für die einen und fand die anderen langweilig. Sie begriff sogar, dass hinter den Spielen und hinter dem Lachen auch Kämpfe sich abspielten, zum Beispiel der Kampf um die rote Holländerin Frau Wilhelmine Roodeweld, die, wie Frau Guggis erzählte, von ihrem Mann geschieden war und nicht wusste, ob sie den Kommerzienrat, den Schriftsteller oder den Oberingenieur nehmen sollte, und schliesslich mit einem Missionar abreiste.

      Manchmal kamen die Fremden auch an der Felsenkanzel vorbei, wenn sie zum Beispiel mit viel Lärm einen Mondscheinspaziergang machen wollten oder ein kleines Feuerwerk anzünden. Sie bemerkten natürlich die stumme Beobachterin und wurden bei ihrem Anblick still, linkisch, übertrieben sorglos, oder sie versuchten sogar mit Witz und Zuruf eine Anknüpfung. Aber Therese Larotta bemerkte das alles nicht. Die Menschen, die an ihr vorübergingen, so nah manchmal, dass sie sie hätte greifen können, waren für sie nicht Menschen von dieser Welt. Genau so gut hätte man ihr raten können, mit den Engeln zu reden, Gabriel und Michael, die von Kindheit an durch ihre Träume gingen, geformt wie die Gestalten des Kirchengemäldes in der Heimatkirche und natürlich auch in einer Sprache sprechend, die sie nicht verstand, und taub für die leisen und seltenen Worte ihrer Sprache.

      So blieben ihre Augen starr auf den beleuchteten Tanzsaal gerichtet, wo hinter Scheiben, die im Verlaufe des Abends immer mehr durch Hitze und Zigarrenrauch beschlugen, die fremde bunte Welt sich blütenhaft entfaltete und schliesslich hinter wassertropfenden Scheiben versank und verschwamm.

      Wenn Therese heimkam, wachte der Bauer fast immer, oder man hörte ihn leise in die Kissen husten oder aus schweren Träumen vor sich hinreden. Er sprach über Lawine und Steinschlag, er wehrte Kühe und Ziegen ab, die im Schlaf an seinem Lager standen und ihn anzuknabbern suchten. Wachte er dann auf, so sah er sie an, als ob er und nicht sie von ferne nach Hause kam. Er presste die Hand auf sein Herz und schüttelte abwehrend den Kopf, wenn sie sich über ihn beugte. Einmal, als sie wiederkam, merkte sie, dass er vor Kälte zitterte. Da legte sie sich der ganzen Länge und Breite nach auf den Kranken, deckte ihn ganz und gar mit sich zu und lag still, den runden Kopf unter das Kinn des Mannes geschoben, horchte auf das Rauschen und Brausen der Wasser, das Brüllen einer Kuh, das Klirren der Stallketten, das Rasseln des langsam ruhiger werdenden Atems, und sie schlief — dieses Mal und immer — erst ein, lange nachdem der Mann eingeschlafen war. Hätte sie ihn gefragt, ob er sie bei sich haben wollte, er hätte sie sicher weggeschoben. So aber, da sie ohne zu fragen gekommen war, liess er es sich gefallen und — so schien es — war ihr dankbar. Denn ein paarmal strich er ihr über die Stirn, und einmal, als sie ein wenig später als sonst vom Hotel zurückkam, murrte er: „Endlich.“

      3

      Während der zweiten Heuernte, die in diesem ersten Jahr etwas verspätet gegen Ende August begann, schien es mit Larotta etwas besser zu werden. Er schwang die Sense kräftig wie immer. Er schnitt das Gras an den Steilhängen und auf den abschüssigen Halden so schnell wie andere auf ebenen Wiesen. Mit seinem Rechen wirbelte er das Heu so gleichmässig wie eine Wendemaschine, und die riesige Zeltplane mit Heu trug er in den Stall, wie andere ein Brot tragen.

      Nein ... er brauchte keinen Knecht zur Hilfe. Als Guggis, der Wirt, einmal das Gespräch darauf brachte — er hatte einen italienischen Hausknecht, der untüchtig war und den er gern losgeworden wäre — lehnte Larotta heftig ab. Platz genug war natürlich im Haus. Zwei von den vier Stuben standen leer, aber sie sollten auch leer bleiben, wenn nicht noch kleine Larottas hineinzögen. Denn es sei noch nicht aller Tage Abend.

      Guggis schüttelte lachend den Kopf. Das war ja eine famose Nachricht. Larottas erwarteten Nachwuchs! Er sah Therese den Hang herunterkommen. Von der Erntesonne war sie verbrannt. Der Heustaub hatte die Augenbrauen gelbgrau gefärbt. Ihre Hüften waren breiter geworden. Guggis konnte es gut verstehen, dass Larotta noch Kinder wollte, wenn auch ...

      „Larotta hält das Klima nicht aus“, erzählte Guggis nachher seiner Frau, „die kalten Nächte sind nichts für ihn ... und die heissen erst recht nicht.“

      Frau Guggis lachte über diesen Witz den halben Tag. Immer wieder kicherte sie: „... und die heissen auch nicht.“

      So blitzschnell, wie der Frühling gekommen war, kam auch der Herbst. Oder nicht eigentlich der Herbst, sondern gleich der Frühwinter. Der Schnee rutschte die Berge hinunter, wich noch ein paarmal unter Föhnstürmen zurück und blieb dann. Die letzten Sommergäste reisten ab. Die Veranden im Berghotel wurden zugenagelt, die Fenster mit Säcken verhängt. Larotta aber brachte das fremde Vieh wieder ins Tal.

      Therese hätte ihn gern begleitet. Wie wohl eine Birke im Herbst aussah, ein buntes Buchengebüsch, hätte sie gern wieder gesehen. Hagebutten gab es wohl auch in Sils und Vogelbeeren, knallrot, mitten im ersten Schnee. Aber Äpfel gab es nicht, und die gelben süssen Pflaumen waren jetzt in Promontogno reif, und es musste doch merkwürdig sein, wieder durch ein Dorf zu gehen, zwischen hundert neugierigen Fenstern, und die Bekannten herauszuwinken und mit ihnen zu reden.

      Sie wäre gern mitgegangen, aber der Mann merkte nichts von ihren Wünschen, obwohl Therese ihn weit über Maloja hinaus begleitete, obwohl sie ihren Lodenmantel anhatte und das rote Tuch um den Kopf, mit dem sie gekommen war. Weil er dann immer noch nichts sagte, musste sie am oberen Ende der Seen stehenbleiben. Sie trug noch allerlei Grüsse auf, klopfte noch dieses oder jenes Tier zum Abschied. Dann ging sie schnell wieder ins Tal zurück. Denn ein Unwetter zog sich vom Berg herunter, streifte mit tiefhängenden Wolkenfetzen den Arvenwald und schlug auf Therese ein mit einem Wind, der von allen vier Seiten gleichzeitig zu blasen schien, mit körnigem graupelhaftem Schnee und dann wieder mit riesigen nassen Flocken, die im Gesicht schmolzen und es eiskalt machten.

      „So ist der Winter“, sagte sie sich und bekam eine furchtbare Angst. Sie ging so schnell sie konnte. Sie lief das letzte Stück. Sie war froh, dass sie einen Stecken hatte, auf den sie sich stützen konnte, denn sonst wäre sie immer wieder ausgeglitscht.

      Über den Flusssteg musste sie sich wie eine Blinde tasten, so wild wirbelte hier der Schnee, und der Fluss begrüsste sie mit lautem, lockendem Gurgeln, als wäre er bereit, sie schnell und billig ins Tal hinunterzuschaffen mitsamt den Hölzern und Steinen, die es auch nicht mehr hier oben aushielten und die er brodelnd mit sich zog.

      Als


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