Tote Vögel singen nicht. Christian Klinger

Tote Vögel singen nicht - Christian Klinger


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und stellte den Fernseher an, während ich aus den Kleidern schlüpfte. Aus der Küche holte ich mir einen Gin Tonic, ließ aber den Gin weg, da ich jede Minute mit meiner Verhaftung rechnete. Ich hatte genug Strafverfahren geführt, dabei oft wahre Verbrecher herausgeboxt, zugleich aber auch wiederholt erfahren, wie Unschuldige von den Mühlen der Justiz zermalmt wurden. Geld und Glück entschieden oft genug über das Schicksal von Menschen. Ich hatte weder das eine noch das andere. Die Fakten sprachen gegen mich und selbst das kleine Ablenkungsmanöver im Hotel würde mich nicht lange retten können. Die Leiche war gefunden und spätestens heute Abend oder morgen würde die Kriminalpolizei die letzten Stunden Schneewittchens rekonstruiert haben.

      Als ich mich vor dem Fernseher niederließ, lief der erwartete Bericht über eine heute Morgen in einem Wiener Hotel gefundene Frauenleiche. Man kenne die Identität des Opfers, sagte der junge Fernsehsprecher mit eindringlichem Blick in die Kamera, der bei mir den Eindruck erweckte, als wollte er direkt zu mir sprechen. Maria Schneider habe als Treuetesterin für eine Agentur gearbeitet, sprach der Ansager weiter und die Polizei sei auf der Spur des letzten Opfers der als Lockvogel tätigen Frau. Ich drückte mein Glas fester in der Hand und zwang mich ganz ruhig weiter zu atmen. Kontrolle war wichtig. Ich vermeinte die Glocke läuten zu hören und dazu die Worte: Cosinus Gauß, ich nehme Sie wegen des dringenden Verdachts des Mordes an Maria Schneider fest. Doch das war nur meine Fantasie, die mir den Blick in diese meine nächste Zukunft offenbarte. Dann wurde ein verschwommenes Standbild aus einer Überwachungskamera eingeblendet, das mich am Gang mit dem Löscher zeigte. Das Bild wurde gegen eine scharfe Aufnahme ausgetauscht. Ein Profilbild aus Facebook. Doch das war nicht ich. Daneben das Insert: Erste Spur führt zu Verdächtigem aus Wirtschaft.

      Ich stellte mein Glas am Couchtisch ab, bevor es Gefahr lief, endgültig in meiner Hand zerdrückt zu werden. Die Polizei habe sich auf die Spur der letzten Zielperson des Opfers gemacht: ein gut vernetzter Immobilientycoon, der aber für eine Befragung noch nicht greifbar gewesen sei. Ich kannte den Mann: Sigurd Renko. Das war jener Finanzjongleur, der taumelnde Kaufhausketten in sprudelnde Geldquellen verwandeln konnte und ein Großprojekt nach dem anderen durchzog. Einkaufszentren, Fußballstadien oder Luxushotels. Zuletzt jedoch war er finanziell selbst in Schieflage geraten, wie man in Insiderkreisen munkelte. Es war mein Glück, dass Dragana ein Society-Freak war und immer den neuesten Klatsch aus der Welt des Adels und der Hochfinanz kannte. Sie behauptete immer, ich müsste einen dieser Fische an Land ziehen, dann hätten wir ausgesorgt.

      Mir fiel ein, dass sie erzählt hatte, dass Renko auf Freiersfüßen wandelte und dass bald die Hochzeit mit Sylvie Vangurten, der Erbin einer Kaufhauskette, anstehen würde. Wenn die Gerüchte stimmten, dann war das auch die nötige Kapitalspritze für sein Imperium. Schwer zu sagen, was an den Gerüchten stimmte, doch so ergab das alles für mich ein schlüssiges Bild. Der Mann brauchte Geld, die Braut brachte das Geld und die argwöhnische Verwandtschaft wandte sich an eine Lockvogelagentur, um die Zuverlässigkeit des anstehenden Familienmitglieds zu testen oder, wenn man ihm die Freiheit eines Seitensprungs vielleicht sogar noch zugestehen wollte, um ihn im Zuge des Liebesgeflüsters über seine wirtschaftlichen Pläne auszuhorchen. Man wollte sicher nicht den Judas zum Messias machen. Ich stellte mir vor, was ich nach einer Hochzeit mit so einer schwerreichen Braut mit den dann zur Verfügung stehenden unbeschränkten Mitteln alles anstellen würde. Warum ist der Lockvogel ausgerechnet an mich geraten?

      Mein Telefon läutete und die Nummer am Display bereitete mir umgehend Unbehagen. Es gibt nicht nur zwei Arten von Anrufen, die der Anwalt fürchtet, es gibt noch eine dritte Kategorie, die man als Mann fürchtet: Anrufe der eigenen Mutter.

      Offenbar fühlen sich Mütter gerade bei alleinstehenden Männern bemüßigt (oder sie nehmen sich das Recht heraus), immer über jeden Schritt ihrer Sprösslinge informiert zu sein, wenn diese in ihren Augen familientechnisch gescheitert sind oder zumindest nicht ihren Ansprüchen genügen. Weil ich ihr weder Eheweib noch Nachwuchs bieten konnte, dachte sie wohl, ich wäre schwul oder aber nicht für eine längerfristige Partnerschaft geeignet. Dieses womöglich eigene Scheitern wurde also ständig hinterfragt und sie rief mich bei allen möglichen unpassenden Gelegenheiten an. Im Verhandlungssaal, wenn der Richter seine Kappe aufsetzte, um meinen Mandanten für zwanzig Jahre hinter Gitter zu bringen, oder eben jetzt, wo ich jede Minute mit meiner Verhaftung rechnete.

      „Hast du gerade die Nachrichten gesehen?“

      Jetzt wurde sie mir unheimlich und sofort reimte sich mein Hirn zusammen, dass sie hinter der Sache mit Maria Schneider stecken könnte. Ein Test, um meine sexuelle Orientierung zu erkunden.

      „Ja“, sagte ich, „warum?“

      „Hast du das mit diesem schrecklichen Mord an dem armen Mädchen gesehen?“

      Also doch!

      „Ja, warum?“

      „Ist dir dabei nichts aufgefallen?“

      Ich schüttelte den Kopf. Auf einmal war ich wieder der kleine Bub, der vergessen hatte, sein Jausenbrot zu essen, und dafür Schimpfe bekam. Nach einer Schrecksekunde sagte ich gefasst: „Was soll mir dabei aufgefallen sein?“

      Natürlich war mir was aufgefallen. Ich war in den letzten zwei Tagen wiederholt vom Mordopfer angesprochen worden, ich hatte die Nacht neben ihr verbracht und ich war neben ihrer Leiche aufgewacht. Man müsste ein Meister der Verdrängung sein, um das alles nicht bemerkt zu haben, aber das sagte ich nicht.

      „Dieser Sigurd Renko sieht fast so aus wie du!“

      „Aber der ist doch fett“, antwortete ich jetzt empört, ohne nachzudenken.

      „Aber mein Bärchen, ihr seht eben beide stattlich aus.“

      Sinnlos, über den verklärten Blick einer Mutter zu diskutieren. Ich konnte nicht anders, als mich zu erheben und zum Spiegel im Vorraum zu gehen. Der gehörte wieder einmal geputzt, war mein erster Gedanke, als ich mein Ebenbild in den Schlieren betrachtete.

      „Vielleicht hast du recht“, sagte ich, bevor ich mich verabschiedete und auflegte. Ich stand noch einige Minuten vor dem Spiegel und knetete an meinen Rundungen. Ich fragte mich, ob die Gefängniskost entsprechend kalorienarm sein würde, wusste aber um das Bild einiger ehemaliger Klienten, die an diesem Ort noch dicker geworden waren.

      Leider hatte meine Mutter nicht ganz unrecht, wenn sie mir eine optische Ähnlichkeit zu Renko zumaß. Wir hatten beide diese Backen, die das Gesicht kreisrund erscheinen lassen, wie man das von Kinderzeichnungen kennt. Mein Kinn war vielleicht etwas ausgeprägter und länger, doch auch die eher kleine und knubbelige Nase hatten wir gemein. Renko hatte zwar eine andere Frisur und Haarfarbe, aber auch das eher dünne Haar, das sich um den Kopf legte, teilten wir. Bei schlechtem Licht hätten wir als Brüder durchgehen können.

      Mein Telefon läutete abermals. Wieder meine Mutter. Bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte ich das Wort ergriffen: „Du musst dich vorhin völlig getäuscht haben. Ich und Renko, wir haben optisch nicht viel gemein.“ Und auch sonst nichts, sagte ich zu mir, als ich an seine Millionen dachte.

      „Deswegen hab ich jetzt gar nicht angerufen“, sagte meine Mutter. „Ich habe vorhin vergessen, dir zu sagen, dass ich morgen bis zum Wochenende wegfahre. Es wäre toll, wenn sich in der Zeit jemand um Papa kümmern könnte. Red’ dich mit deinem Bruder zusammen.“

      Das hatte gerade noch gefehlt. Weder hatte ich Lust, den alten Trottel, der nur mehr vor sich hin sabberte, zu besuchen, noch wollte ich mit meinem Arschloch von Bruder deswegen reden müssen. Ich hatte jetzt etwas anderes zu tun. Ich musste mich auf die Spur von Maria Schneider machen. Und diese Spur führte mich zuerst zu Sigurd Renko.

      Ich rief Dragana an. Die war es gewohnt, dass ich sie öfter des Abends anrief. Meist war ich dann betrunken und versuchte sie zu überreden, mit mir zu schlafen. Es klappte nie. Vermutlich sehnte ich mich auch gar nicht nach Sex, sondern wollte nur mit jemandem reden und dabei eine vertraute Stimme hören.

      „Bist du um diese Zeit schon dicht?“, fragte sie anstelle einer Begrüßung.

      „Warum?“ entgegnete ich. „Wie kommst du darauf?“

      „Wenn du am Abend bei mir anrufst, dann nur, weil du mit mir bumsen willst.“


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