Das Ketzerweib. Werner Ryser
auf den Bauch. Sie barg ihren Kopf in der Ellenbeuge. Jetzt, wo sie allein war, gab sie sich ihrem Elend hin. Tränen flossen über ihre Wangen. «Lieber Gott, hilf mir», schluchzte sie. Immer wieder: «Lieber Gott, hilf mir.»
Und mit einem Mal war ihr, als sitze ihr Mann an ihrem Lager und halte ihre Hand, wie er es früher immer getan hatte, wenn sie traurig war oder verzagt. «Ueli», flüsterte sie. Ramsei, Palmsonntag, 11. April 1677. Die siebzehnjährige Anna Eggimann war früh aufgestanden. Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen. Heute sollte sie den Mann heiraten, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte: Ueli Jacob. Man hatte sie nicht gefragt, ob sie ihn wolle. Weshalb auch? Ein Mädchen konnte froh sein, wenn sie nicht ein Leben lang auf dem elterlichen Hof dem jüngsten Bruder als Magd dienen oder anderswo fremdes Brot essen musste.
Ueli Jacob gehörte der Auenhof, ein grosses Gut am Rand der Schwemmebene bei Langnau. «Du hast Glück», sagte ihre Mutter, die ihr das dunkle Haar zu einem Zopf flocht. «Du wirst Bäuerin.» Anna hatte die Festtagstracht schon am Abend zuvor bereitgelegt. Sie schlüpfte in den langen schwarzen Rock, der sich über dem Hüftpolster, dem, wie man ihn nannte, «Weiberspeck», bauschte und dann bis fast zu den Knöcheln fiel. Über das blendend weisse Hemd legte sie ein dunkelrotes Mieder. Ihre Mutter schnürte es so eng, dass Annas Taille noch schlanker erschien, als sie es ohnehin war. Dann setzte sie der Braut das weisse, mit Spitzen besetzte Häubchen vorsichtig auf den Kopf. Die Mutter zog aus ihrer Schürze eine Halskette aus schwerem, glänzendem Silber und gab sie der Tochter. «Dein Ueli soll sehen, dass seine Braut aus rechtem Haus kommt», sagte sie.
Anna hielt den Atem an. Sie hatte noch nie so etwas Wertvolles besessen. «Ist die wirklich für mich?», fragte sie schliesslich.
«Sie gehört dir nur auf Zeit, mein Kind. Schon meine Grossmutter und meine Mutter haben sie getragen. Auch du wirst sie deiner ältesten Tochter weitergeben, wenn sie sich einmal verheiratet.» Sie nahm ihr die Kette aus der Hand und legte sie Anna um den Hals.
Zwei Stunden später stieg die ganze Familie in den offenen Leiterwagen, der, wie die beiden Ackergäule, die ihn zogen, mit Blumen und Laub geschmückt war. Während sich die Braut auf den Kutschbock neben den Vater setzen durfte, nahmen die Mutter und die sechs Geschwister auf der Ladefläche Platz, wo man mit zwei Brettern eine behelfsmässige Sitzgelegenheit eingerichtet hatte.
Sie fuhren der Emme entlang flussaufwärts. Das Land mit seinen dunklen Tannenwäldern und seinen steilen Hügeln, auf deren Kuppen oft einsame Linden sich vom Horizont abheben, begrüsste den Frühling. Oben in den Bergen war der Schnee geschmolzen. Das Sonnenlicht brach sich im Wasser des Flusses, dessen Bett bis zum Rand gefüllt war. Er liebkoste die herunterhängenden Zweige der Weiden. Der Auenwald trug bereits sein hellgrünes Kleid und auf den Wiesen streckten die ersten Schlüsselblumen ihre gelben Köpfchen aus der Erde. Die Luft war erfüllt vom Gesang der Vögel. Am zartblauen Himmel, an dem zwei Bussarde ihre Kreise zogen, segelten hauchdünne Federwolken nach Osten. Schon von weitem hörte die Hochzeitsgesellschaft die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst riefen. Hinten im Wagen stand die fünfzehnjährige Lisa auf. Vorsichtig hob sie das Spitzenhäubchen vom Kopf ihrer Schwester und setzte ihr einen Brautkranz aus weissen Narzissen, die sie am frühen Morgen gepflückt hatte, auf das braune Haar. Anna lächelte.
Sie war noch so jung, damals. Noch fast ein Mädchen. Ihr Mann, der sechsunddreissigjährige Ueli Jacob war mehr als doppelt so alt wie sie. Zum ersten Mal hatte sie ihn ein halbes Jahr vor ihrer Hochzeit gesehen. Auf dem Viehmarkt in Langnau, wo ihm ihr Vater eine Kuh abgekauft hatte. Anna hatte ihn dorthin begleitet. Nach dem Handel hatten sie gemeinsam mit Ueli den Abschluss bei einem Becher Wein in einer Taverne gefeiert. Sie erinnerte sich noch, wie sie den grossen, hageren Mann verstohlen betrachtet hatte. Er war eine eindrückliche Figur. Sein dunkles Haar, das von einigen grauen Strähnen durchsetzt war, hatte er aus der zerfurchten Stirn gestrichen. Seine tief liegenden Augen und die beiden scharfen Falten, die von der Nase schräg zu den Mundwinkeln liefen, verliehen seinem Gesicht einen melancholischen Zug. Ein sorgfältig gepflegter Bart umrundete Wangen und Kinn, liess aber seine Oberlippe frei. Er sprach langsam, dachte vor jedem Satz nach, geizte mit seinen Worten. Als er die heimlichen Blicke des Mädchens bemerkte, musterte er sie lange. Dann bat er den Vater, sie hinauszuschicken. Er habe noch etwas mit ihm unter vier Augen zu besprechen. Verwirrt war sie aufgestanden und hatte die Gaststube verlassen.
Auf dem Rückweg nach Ramsei hatte der Vater geschwiegen. Manchmal hatte er geseufzt. Es war Anna, welche die Kuh am Halfter führte, nicht gelungen herauszufinden, was ihn beschäftigte. Er hatte ihre Fragen abgewehrt.
Am Abend, nach dem Essen, hatte er die Mutter aufgefordert, ihn zu einem Gang über die Felder zu begleiten. Anna sah den beiden aus dem Stubenfenster nach. Sie ahnte, dass man über sie sprach. Als sie zurückkehrten, sagten ihr die Eltern, dass sie beschlossen hatten, sie mit Ueli Jacob zu verheiraten.
Sie begann zu weinen, ohne zu wissen, weshalb. «Er ist ein guter Mann», tröstete sie die Mutter, «ein angesehener Mann. Er besitzt einen grossen Hof und ist Gerichtsäss.»
Am zweiten Weihnachtstag kam Ueli Jacob nach Ramsei. Er brachte einen goldenen Ring mit. Zur Verlobung. Man legte den Hochzeitstermin auf den Palmsonntag im kommenden Frühjahr fest.
Die Kirche von Langnau, in der sie getraut wurden, war vor vier Jahren eingeweiht worden. Die Gnädigen Herren von Bern hatten einen Neubau nach den Plänen ihres Münsterbaumeisters, Abraham Dünz, angeordnet. Auf der Kanzel prangte das Wappen von Samuel Frisching, der früher einmal Landvogt in Trachselwald gewesen war und inzwischen die Schultheissenwürde von Bern erlangt hatte. Die Obrigkeit war allgegenwärtig im Emmental. Auch der Pfarrer war von ihr eingesetzt.
Als der Prädikant, Johann Jakob Feer, nach der Predigt die Trauung vollzog und den Bräutigam fragte, ob er Anna Eggimann als seine Ehefrau lieben und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheissung führen wolle, in guten und in bösen Tagen, bis der Tod sie beide scheide, betrachtete die junge Frau den Mann, mit dem sie künftig zusammenleben würde, aus den Augenwinkeln. Sie empfand anders als damals im Gasthaus, wo sie ihn nach dem Viehhandel zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte. Auch anders als bei der Verlobung, ihrer zweiten Begegnung. Jetzt wurde ihr bewusst, dass Ueli Jacob nicht nur als ihr Gatte, sondern auch als ihr Vormund jene Gewalt über sie haben würde, die bisher ihrem Vater zugestanden war.
Ueli schaute den Prädikanten konzentriert an. Seine Lippen bewegten sich, als spreche er die Worte nach, um sie sich besser einzuprägen. Auch er war festlich gekleidet. Über einem gefältelten weissen Hemd trug er eine schwarze Weste mit silbernen Knöpfen. Darunter eine weite Rheingrafenhose aus blau gefärbtem Leinen, die bis zu den Knien reichte. Die weissen, wollenen Strümpfe waren über den Waden mit roten Bändeln befestigt.
«Ja, mit Gottes Hilfe», sagte er jetzt.
«Und du, Anna Eggimann …», wandte sich Pfarrer Feer der jungen Frau zu und wiederholte die Trauformel.
Sie zögerte eine Sekunde. «Ja, mit Gottes Hilfe», sagte dann auch sie.
Als das frisch vermählte Paar an der Spitze der Hochzeitsgäste von der Kirche die Dorfstrasse hinunter zur Ilfisbrücke schritt, machte Ueli seine junge Frau auf ein grosses Bauernhaus aufmerksam, das inmitten eines Baumgartens am südlichen Rand der Schwemmebene lag. «Der Auenhof», sagte er, «dein neues Zuhause.»
Ein mächtiges, strohgedecktes Walmdach wölbte sich über Wohnteil, Stall, Speicher und Tenn. Anna staunte. Hier also sollte sie Bäuerin werden. «Wie viel Stück Vieh hast du?», wollte sie wissen.
«Dreissig Kühe, vier Pferde, ein Dutzend Schweine», zählte er auf, «natürlich Hühner und ein paar Gänse. Dazu genügend Weideland, um das Vieh durch den Winter zu füttern, und Äcker, auf denen wir Weizen, Roggen, Dinkel und Hafer pflanzen. Ausserdem einen Pflanzplätz, einen Obstgarten und ein Stück Wald.» Er schwieg. «Wir haben alle Hände voll zu tun», fügte er dann hinzu.
Es war mehr, viel mehr als ihre Eltern besassen. «Wer sind wir?», fragte sie vorsichtig.
«Hansjakob Tanner, der Grossknecht, er ist mein Vetter, ein Melker und ein Karrer, Tagelöhner, je nach Arbeitsanfall. Im Haus helfen Christine Bärtschi und Therese Müller, die beiden Mägde.»
Anna