Die Chroniken Aranadias I - Die Tochter des Drachen. Daniela Vogel

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      In dieser Lage war er kaum fähig, seinen Kopf zu drehen, geschweige denn, seinen ganzen Körper. Er riss mit den Händen leicht an den Fesseln, doch bei jedem Versuch schnitten sie ihm nur noch tiefer ins Fleisch. Sinnlos dachte er.

      Erst jetzt bemerkte er etwas Warmes, Feuchtes, das ihm, von der Stirn, über seine Nase und Mund, das Kinn hinunterlief. Behutsam fuhr er mit der Zunge über seine Lippen. Sie waren kalt, obwohl die Flüssigkeit, auf ihnen, warm war. Blut!, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Blut! Er stöhnte leise.

      Leichter Schneefall setzte ein und er zitterte. Nun vollkommen wach öffnete er abermals seine Augen. Er wollte auf keinen Fall noch einmal einschlafen, deshalb zwang er sich, gegen die Schmerzen anzukämpfen und seine Augen offen zuhalten.

      Zunächst sah er verschwommen, dann allmählich konnte er seine Umgebung klarer erkennen. Ein Feuerschimmer erhellte, von irgendwoher, einen Teil seiner Umgebung und ließ dunkle Schatten, die wie gefräßige Dämonen wirkten, auf den nackten Felsen tanzen. Es mussten also Menschen in seiner Nähe sein. Er zog seine Beine vorsichtig an und schob sie unter seinen Körper. Ein stechender Schmerz in seiner rechten Seite durchzuckte ihn. Benommen schloss er die Augen, holte tief Luft und blieb in dieser Stellung liegen. Nachdem er wieder halbwegs klar denken konnte, fuhr er mit der Bewegung fort und rollte sich nun vollends auf die Seite.

      Endlich konnte er nicht nur den nackten Felsen sehen. Seine Kleidung hing in Fetzen an seinem Körper und auf der rechten Seite, in der Höhe seines Nabels, verfärbte ein dunkler Fleck sein vormals weißes Hemd. Wahrscheinlich kam der Schmerz von einer Verletzung an dieser Stelle.

      Aber, was war geschehen? Er versuchte, sich zu erinnern. Wer war er? Nichts! Sein Name wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. Auch, der Zustand, in dem er sich befand, war ihm völlig unerklärlich. Was wusste er überhaupt noch?

      Da war etwas! Etwas Seltsames! Ein Gesicht, das von kupferfarbenen Locken umrahmt wurde. Die Haut schimmerte wie Elfenbein in der Sonne. Ein dunkelgrünes Gewand, das den Ton der Haut nur noch mehr hervorhob. Wangen gerötet, wie die eines Pfirsichs. Aber, das Faszinierendste waren diese smaragdgrünen Augen, die er, wie hypnotisiert anstarrte. Sie versanken förmlich in seinem Blick, so als wollten sie in ihn hinein sehen. Nichts schien ihnen zu entgehen, weder seine Gedanken noch seine Seele. Das Merkwürdige daran war jedoch, dass er es geschehen ließ, scheinbar sogar genoss.

      Wer war diese Frau? Und eine Frau war es mit Sicherheit. Selbst, wenn er es gewollt hätte, was allem Anschein nach nicht der Fall war, er hätte ihrem Blick nicht ausweichen können. Sie lächelte und öffnete den Mund, als wollte sie etwas zu ihm sagen. Doch stattdessen küsste sie ihn. Oder war er es, der sie küsste? Er meinte, ihre weichen Lippen und die Wärme ihrer Nähe noch immer auf seiner Haut zu spüren, als ein dumpfes Lachen aus der Ferne ertönte. Das Bild verschwamm vor seinen Augen und holte ihn zurück in die raue Wirklichkeit. Er sah nur noch die Dunkelheit und die tanzenden Schatten des Feuers.

      Kam dieses Lachen aus seiner Erinnerung, oder war es Realität? Wenn er es wirklich gehört hatte, dann musste es, von den Leuten, die dort in seiner Nähe das Feuer entzündet hatten, zu ihm herüber geweht sein. Vielleicht waren sie ja diejenigen, denen er seine jetzige Lage verdankte. Aber, wieso saßen sie dann so weit abseits, und ließen ihn auf den nackten Felsen liegen? Wenn er ihr Gefangener war, warum wurde er dann nicht bewacht? Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Wie lange lag er eigentlich schon hier? Wieder versuchte er, sich zu erinnern.

      Das Letzte, was ihm noch in seinem Gedächtnis geblieben war, war, seiner Meinung nach, die untergehende Sonne, die hinter den Gipfeln der Berge verschwand. Jetzt war es tiefste Nacht. Es waren demnach Stunden vergangen. Kein Wunder, dass man ihn so achtlos liegen ließ. Oder war es vielleicht Absicht? War es ihnen egal, was aus ihm wurde? Wollten sie ihn einfach seinem Schicksal überlassen? Wenn die Männer, oder, wer auch immer dort am Feuer saß, diejenigen waren, die ihn hierher gebracht hatten, dann wussten sie auch von seinen Verletzungen. Vielleicht sollte er ja hier in dieser unwirtlichen Umgebung erfrieren oder verbluten. Aber, warum? Was, in des Allmächtigen Namen, hatte er getan, um solch eine Strafe zu verdienen? In seinem Kopf hämmerte und pochte es.

      Der Schnee tanzte nun in dicken Flocken zur Erde. Eine dünne Schneeschicht überzog bereits seinen Körper. Etwas schien unaufhörlich tiefer in sein Fleisch zu dringen, sodass ihm das Atmen immer schwererfiel. Auch das Brennen und Stechen in seiner Seite wurde heftiger. Erneut stöhnte er leise. Es hatte keinen Sinn, sich weiterhin das Gehirn zu zermartern. Er konnte sich sowieso an nichts Wichtiges erinnern. Alles um ihn herum drehte sich. Sein Magen verkrampfte sich, was seinen Zustand nur noch unerträglicher machte. Seine Lider wurden schwer wie Blei. Immer wieder fielen sie ihm zu. Zunächst versuchte er noch dagegen anzukämpfen, denn er wusste, dass er, wenn er in diesem Moment das Bewusstsein verlor, vermutlich erfrieren würde. Er wollte nicht sterben. Noch nicht! Nicht jetzt! Bitte, allmächtiger Gott, lass mich jetzt noch nicht sterben! Ich habe noch so viele Dinge zu klären!

      Er hielt sich noch eine Zeit lang gewaltsam wach, doch die Kälte breitete sich unbarmherzig in seinem Körper aus. Seine Arme und Beine waren mittlerweile taub. Auch ließ der Schmerz langsam nach und machte einer unendlichen Müdigkeit Platz. Hatte es überhaupt Sinn, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen? Wenn dies das Ende war, dann musste er es akzeptieren, ob er wollte oder nicht.

      »Oh Mein Gott«, murmelte er leise vor sich hin. »Wenn es Dich gibt, dann mach, das es schnell vorüber ist. Hab Erbarmen mit mir. Ich begebe mich in deine Hände, denn, was auch immer ich getan habe, du wirst mir vergeben. Dein Wille geschehe.«

      Dann schloss er erschöpft seine Augen, hieß die Dunkelheit willkommen und ließ sich erneut in die tiefe Bewusstlosigkeit zurückgleiten, aus der er nur kurz erwacht war, mit der Gewissheit, wohl möglich nie wieder aufzuwachen.

       Kapitel 2

      Rilana saß, in dicke, warme Decken gehüllt, am Feuer und starrte in die züngelnden Flammen. Sie hatten in einer Felsnische vor dem drohenden Unwetter Unterschlupf gesucht.

      Hier in den Bergen war das Wetter zu dieser Jahreszeit noch höchst unberechenbar. In den Ebenen, über die sie geritten waren, hatte die Frühlingssonne schon die ersten Blütenknospen sprießen lassen und die Wiesen zeigten bereits ein zartes Grün. Doch hier, auf den schroffen Felsen des Gebirges, war der Frühling noch nicht eingezogen. Die Berggipfel wurden weiterhin von den Schneekronen des Winters bedeckt, und selbst die Tiere schienen in ihrem Winterschlaf zu verharren.

      Gegen Abend hatten sie dieses Plateau erreicht. Hier gab es einen Unterschlupf für die Nacht und ein kleiner Gebirgsbach schlängelte sich durch die schroffen Felsen. Beinahe ein idyllisches Plätzchen. Doch war es wirklich so idyllisch? Es roch nach Schnee. Deshalb hatten ihre Begleiter beschlossen, die Nacht hier zu verbringen. Die vier Männer saßen etwas abseits und betranken sich nun schon seit Stunden. Sie feierten ausgelassen ihren Erfolg.

      Rilanas Blick wanderte von einem zum anderen. Einen kannte sie persönlich, die anderen nur vom Sehen. Dieser eine, Archibald von Arosa, war der Waffenmeister ihrer Mutter. Sein Aussehen verriet die Anzahl der Schlachten, in denen er in seinem Leben gekämpft hatte. Er besaß nur ein Auge, das bei jeder Gelegenheit kampfes- und mordlustig aufblitzte. Das Andere, Fehlende wurde von einer schwarzen Augenklappe verdeckt. Sein Gesicht wurde von einem wild wuchernden Bart, in dem sich bereits erste graue Strähnen zeigten, bedeckt, was seine ursprünglichen Züge kaum noch erkennbar machte und seine Haare standen, wie die Borsten eines Stachelschweins in alle Richtungen ab. Alles in allem wirkte er ziemlich wild. Dennoch besaß er jedoch das volle Vertrauen ihrer Mutter, der er, wie ein dunkler Schatten folgte. Rilana aber fand ihn eher unheimlich.

      Die drei anderen Männer waren ihr, vom Namen her, unbekannt. Wahrscheinlich gehörten sie zu Arosas Garde. Einer ihrer Begleiter füllte die Becher der anderen erneut mit Wein.

      »Wollt Ihr auch etwas von unserem Wein? Er wird Euch, nach all der Aufregung gut tun!«, die tiefe Stimme Archibalds riss sie aus ihren Gedanken.

      »Nein, danke!«, mit einem kräftigen Seufzer wickelte sie sich fester in ihre Decken. Sie war einfach noch immer zu durcheinander.


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