HIMMEL, HÖLLE ODER HOUSTON. Thom Erb
zu Berge stehen werden, und dann – ja dann – besitzt der Autor auch noch die Dreistigkeit, eine Szene brüderlicher Verzeihung und Übereinkunft einzuflechten, die so geschickt entworfen wurde, dass ich nicht umhinkam, kurz davon abzulassen, meinen Kopf nach vorne zu beugen und mich in Gedanken über mein eigenes Leben und meine eigene Familie zu verlieren.
Passt also gut auf.
Dieses Buch meint es nicht gut mit euch. Vielmehr gehört es zu jener Art von Literatur, die euch genau zwischen die Beine greift und zudrückt, woraufhin sie anschließend über eure Verblüffung und Qual schmunzelt.
Qualvoll geht es auf diesen Seiten nämlich andauernd zu.
Hat man dies jedoch erst einmal überstanden, findet man auch Tapferkeit, Güte und letzten Endes sogar auch Liebe.
Dies ist keine reine Horrorstory.
Es geht nicht nur um Vergeltung.
Es ist auch keine Verschmelzung aus Grindhouse und Family-Sitcom.
Es ist nicht einmal die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach Erlösung, der zum Schluss wenn auch schon nicht diese, so doch zumindest Frieden findet, als er frei wählen kann, Gutes zu bewirken.
Ich würde dieses Buch als Ansammlung moralischer Doppelbödigkeiten bezeichnen.
Als Knoten, der förmlich danach schreit, entwirrt zu werden.
Man lebt nicht einfach nur in Texas.
Man ist Texas!
Texas steht auch für eine Geisteshaltung, und Thom Erb versetzt euch in genau diese hinein. Falls ihr noch nichts von ihm kennt, macht euch auf einen Heidenspaß gefasst …
… und lest aufmerksam.
Dann nämlich lernt ihr meiner Meinung nach eine der ehrlichsten und einfühlsamsten Stimmen aus Texas kennen, die nicht aus einem Roman von Larry McMurty stammen.
Viel Spaß!
Joe McKinney
Helotes, Texas
6. Dezember 2014
Ihr könnt zur Hölle fahren; ich fahre nach Texas. Davy Crockett
Jailhouse Rock
Staatsgefängnis McAlester, Oklahoma
31. Mai 1985, 3:35 Uhr
Die Stimme machte sich jetzt lautstark und fast flehentlich in Isandro Dianiras verschrobenem Geist bemerkbar. Häftling 926934 lächelte und weidete sich an dem warmen Blut des Gefängniswärters, das gerade über seine zerkratzten und schwieligen Hände floss.
Diese Stimme verlangte nach Blut. Isandro tat sich keinen Zwang an, die Klinge tief in den Bauch des Wichsers zu stechen, und fühlte sich durch die Vorstellung, dass der Mann nun starb, beinahe sexuell erregt. Er lachte, als er den leblosen Körper des Wärters fallenließ wie einen Zigarettenstummel. Dianira war der Anführer der Los Malvados, einer der mächtigsten Banden Mexikos. Die Freiheit lockte ihn, und nur noch wenige Sekunden trennten ihn von ihr. Nach zweijähriger sorgfältiger Planung und beträchtlichen Geldausgaben hätte er sogar seinen eigenen Bruder kaltgemacht, um hier herauszukommen. Er schlich jetzt eine Stahltreppe hinunter, die zu einer Laderampe führte, wo ein Mülllaster den berühmtesten Polizistenmörder in der Geschichte Texas abholen würde, alles lief genauso wie vorgesehen.
Der Mond warf in kühlen Blautönen Schatten über den Parkplatz. Isandro sprang hinunter und blieb geduckt, während er auf das Zeichen wartete. Es sollte von einer kleinen Stiftlampe ausgehen … ein schnelles Aufblinken, gefolgt von einem kurzen Pfiff. Sein dünner aber muskulöser Körper erstarrte vor Anspannung. Die Freiheit war nun endlich zum Greifen nahe, und er konnte sie schon regelrecht schmecken, aber eine sogar noch intensivere Empfindung beschleunigte gerade seinen Puls: Rachedurst!
Er war einem gewissen Texas Ranger zu besonderem Dank dafür verpflichtet, dass dieser ihm einen zehnjährigen Aufenthalt im Staatsgefängnis von Oklahoma aufgehalst hatte. Ihm schwebte deshalb so einiges für dieses Stück Scheiße namens Jay McCutcheon vor. Er freute sich, als das Lämpchen endlich aufblinkte und leise gepfiffen wurde. Ihn traf ein erster Regentropfen ins Auge; er rieb mit der Hand darüber und grinste, da er jetzt den großen, grünen Mülllastwagen mit laufendem Motor sah, an dessen Heck ein untersetzter Mann stand.
»Hector«, rief Isandro mit gedämpfter Stimme und lief schnell zu seinem Komplizen hinüber, um ihn zu umarmen.
»Toll, dich endlich wiederzusehen, Bruder«, erwiderte Hector, während er ihn zur Klappe lotste.
»Das Ganze wird jetzt ein bisschen … schmutzig, aber die Crew wartet bereits draußen. Hoffentlich macht es dir nichts aus, dich ein paar Minuten lang im Dreck zu wälzen.« Hector versuchte, seinen Verwandten noch einmal zu umarmen, doch Isandro hatte bereits genug von dem gefühlsduseligen Unfug. Er nickte daher distanziert und umklammerte einen Griff am Laster.
»Meine Fresse, nein, ich habe mich während der letzten zwei Jahre ständig im Dreck gewälzt und komme ohne Probleme damit klar.« Nachdem er seinen Bruder einen festen Klaps auf die Wange gegeben hatte, sprang er in den Laderaum des Fahrzeugs. »Verschwinden wir von hier.«
Hector schaute hoch. »Was möchtest du denn zuerst machen?«, fragte er strahlend.
»Puta«, antwortete Isandro mit einem Blick zurück zum Gefängnis. »Danach stelle ich McCutcheon und zeige ihm endlich, was richtiger Schmerz und die Hölle auf Erden bedeuten.« Er spuckte auf den regennassen Asphalt. »Vamanos!«
Er blickte zum schwarzen Himmel hinauf und ließ kalten Regen über sein vernarbtes Gesicht strömen. Äußerlich mochte er vielleicht besonnen wirken, doch tief in ihm prasselten das Feuer des Hasses und eine Vergeltungssucht, die er jahrelang fieberhaft geschürt hatte. Jetzt war er wieder frei, und dies bedeutete, dass die Welt bluten würde!
Good Texas
2.700 Fuß über Dallas/dem Fort Worth International Airport
Freitag, 1. April 1985, 20:30 Uhr
Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht und versuchte, mich zusammen zu reißen, denn sonst hätte ich Galle gekotzt. Sie schmeckte nach schlechten Tortillas und verbrannten Arschhaaren. Beim Gedanken daran musste ich direkt einen weiteren Schwall des brennenden Safts hinunterschlucken. Nur noch ungefähr eine Viertelstunde, dann würde ich aus diesem beschissenen Vogel steigen und nach Hause zurückkehren können. Ich befürchtete jedoch, dass dies wohl knapp vierzehn Minuten zu lange dauern würde. Mein Magen fühlte sich nämlich an, als sei ich gerade auf einer Achterbahn mitgefahren, die Satan höchstpersönlich entworfen hatte. Der Flug von Washington aus hatte sich qualvoll dahingezogen, und der Gouverneur war ungefähr so charismatisch wie ein abgestorbener Baumstumpf. In der Kabine stank es nach Whiskey, Zigarren und Fürzen vom Widerlichsten. Ich arbeitete zwar erst wenige Wochen als Aufpasser für diese Witzfigur, war sein überhebliches Getue aber schon so was von leid. Allerdings konnte ich mich nicht entscheiden, was mir gerade schwerer zusetzte: Mein Hass auf das Fliegen oder die schlechten Witze, die der alte Stinkstiefel die ganze Zeit von sich gab wie eine Platte mit einer hängen gebliebenen Nadel oder Durchfall, der durch einen Rasensprenger gejagt wurde.
»Mein Junge, kennen Sie den, über den einbeinigen Hispanier mit dem Glas Erdnussbutter?« Der Gouverneur lachte ausgelassen und boxte kumpelhaft meinen Arm.
Dieser Typ ist echt die Krönung. Ich schenkte ihm ein verkrampftes Lächeln und tat so, als sei mir das Ganze nicht scheißegal.
Dieser schleimige Politiker war mit dem berühmten goldenen Löffel im Maul geboren worden und noch dazu erheblich korrupter als die NFL, MLB sowie alle Kongressabgeordneten zusammen. Noch mehr Galle vermengte sich mit meinem Speichel; ich würgte die Flüssigkeit krampfhaft wieder hinunter, kippte einen Schluck Wasser hinterher und warf anschließend dem dicken Mann einen Blick