HIMMEL, HÖLLE ODER HOUSTON. Thom Erb

HIMMEL, HÖLLE ODER HOUSTON - Thom Erb


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mit seiner Pistole winkte, wusste Hector sofort, was es bedeutete. Es goss wie aus Eimern, als seine Handlanger die junge Blondine aus dem Wagen zerrten, dessen Motor noch immer lief. Sie schrie um Hilfe und bettelte verzweifelt, doch das tosende Unwetter – die Sturzbäche, die zu Frühlingsanfang immer gern vom Himmel fielen, spülten alles fort, zumal es den mexikanischen Gangstern sowieso vollkommen egal war. Zwei der Crewmitglieder warfen das hysterische Mädchen auf das gelb schimmernde Pflaster vor ihren Anführer, der sich mit dem Revolver über seinen feucht gewordenen Reißverschluss fuhr.

      »Bitte … tue es nicht«, jammerte das Mädchen zitternd.

      »Was soll ich nicht tun?« Isandro kniete sich vor ihr hin.

      »Ich … ich habe doch alles getan, was ihr wolltet. Bitte …«

      »Fotze, du sagst ständig nur ‘nicht’. Was genau soll ich nicht tun?« Isandro schlug die Flasche auf ihren Kopf, woraufhin sich ihr Blut mit dem prasselnden Regen vermischte. Er stand nun wieder auf und hielt ihr das Großkaliber an den Schädel, während sie weiter schluchzte. Die Mariachi-Klänge und der tobende Sturm übertönten den Schuss beinahe, bei dem die Hirnmasse des Mädchens über den leeren McDonald’-Parkplatz spritzte.

      »Hector, hauen wir schnell von hier ab«, drängte Isandro. Die Leiche auf dem kalten Belag zuckte noch immer, als er zum Wagen zurückkehrte, einstieg und die Tür zuknallte.

      »Was kommt denn jetzt als Nächstes?«, fragte er.

      Goin’ So Good

       Dallas/Fort Worth International Airport, Parkhaus

       Freitag, 21:01 Uhr

      Während der Landung und des ungemütlichen Ausstiegs waren die längsten dreißig Minuten meines betrüblichen Lebens vergangen. Der Gouverneur hatte die Flasche Whiskey mittlerweile leer getrunken, als die Maschine am Boden angekommen war, und ich wusste ganz genau, dass ich mich dieses Mal nicht wieder herausreden könnte. Ich behielt es im Hinterkopf, dass die kranke Sau es darauf angelegt hatte, und stand weiterhin dazu, ihm in die Fresse gehauen zu haben; streng genommen wünschte ich mir sogar, meine Partner hätten es mich ganz zu Ende bringen lassen. Dies spiegelte wohl ganz gut wider, was meine Therapeutin »selbstzerstörerische Wut« nannte. Scheiß auf die zu teure Geldrafferin und ihre nichtigen Fachausdrücke. Ich grübelte über diesen Gedanken nach, während wir zu der langen, schwarzen Limousine gingen, die auf Ebene A des Flughafenparkhauses auf den Gouverneur wartete.

      Dorthin gelangten wir durch einen langen Betonkorridor. Ich hatte das Gefühl, meine Brust würde in einem Schraubstock stecken und mein Magen gleich durch meinen Bauchnabel hervorbrechen. Ein letztes Mal musste ich noch versuchen, meine Karriere zu retten … ach was … wem machte ich denn hier etwas vor? Mein ganzes, gottverdammtes Leben! Der Gouverneur wollte gerade einsteigen, als ich hastig an Novak vorbeilief. Er versuchte noch, mich aufzuhalten, doch ich riss meinen Arm mit aller Gewalt von ihm los. Anschließend griff ich schnell nach der Autotür, bevor einer der Gehilfen des Politikers sie ganz schließen konnte, und stellte mich hinter den Flügel.

      »Gouverneur, Sir, nur ganz kurz: Ich kann gar nicht ausdrücken, wie leid es mir tut, derart überreagiert zu haben. Das war absolut unzulänglich und unmöglich von mir. Darf ich mich Ihnen bitte erklären, nur ganz schnell?« Ich rasselte all diese Worte in einem einzigen Atemzug herunter, während ich innerlich zu einem Gott betete, der mir seit jeher fremd war, was mich allerdings bis zu diesem Moment kein bisschen gekratzt hatte. Jetzt begann ich allerdings allmählich, an ihn zu glauben; zumindest glaubte ich, es zu tun. Ich schluckte schwer und schaute dann in die unerschrockenen Augen des betrunkenen Alten. Er hielt seinen Fahrer mit einer Handbewegung dazu an, kurz zu warten, wandte sich mir dann wieder zu und starrte mich einfach nur an. Er wartete ungeduldig und schweigend darauf, dass ich anfing, vor ihm zu Kreuze zu kriechen.

      Die Sturmwolken, die dem Flugzeug von D.C. aus gefolgt waren, brauten sich jetzt in der Kälte über dem Flughafen zusammen und blendeten jegliches Licht aus, das der Mond hätte abstrahlen können. Ich holte erneut tief Luft, wobei ich meine Kollegen ein wenig abseits links von mir stehen sah, dann wandte ich mich wieder dem erzürnten Gouverneur zu, der sich in der Limousine gerade den nächsten Drink einschenkte.

      »Sir, hören Sie … ich heirate übermorgen. Inez, meine Verlobte, hat mich während der Planung total gestresst. Wir sind seit über zweiundsiebzig Stunden im Dienst und konnten dabei so gut wie gar nicht schlafen. Ich weiß, das ist keine Entschuldigung dafür, Sie geschlagen zu haben, Sir, aber ich … ich bin irgendwie einfach ausgerastet.« Ein frischer Windzug fuhr jetzt durch den Betontunnel des Parkhauses.

      Ich schien den Dicken offenbar nicht beeindruckt zu haben, denn er starrte mich weiterhin verdrießlich an, trank noch einen Schluck von seinem Whiskey und lehnte sich dann auf der Ledersitzbank zurück.

      »Sir, Ranger McCutcheon ist ein hochdekorierter Offizier und wirklich …«, eilte mir Novak nun zur Seite, doch der Gouverneur schnitt ihm energisch das Wort ab.

      »Mir sind Ranger McCutcheons sogenannte Verdienste hinlänglich bekannt. So wie es aussieht, war ich ja nicht das erste Opfer Ihres Jähzorns, Junge, oder?« Sein Blick ruhte weiter auf mir, und ein hämisches Lächeln umspielte die groben Züge des alten Mannes. Dies machte mich erneut wütend, weshalb ich schon wieder drauf und dran war, ihn in die teuren Lederpolster zu prügeln. Stattdessen betete ich aber erneut zu welchem Gott auch immer, dass dieser mich erhören mochte. Die Vorfälle, auf die sich der besoffene Kerl bezog, hatte es tatsächlich wiederholt gegeben, doch alle waren gerechtfertigt gewesen, zumindest in meinen Augen. Außerdem lagen sie schon lange zurück, und mittlerweile hatte ich mich wirklich von Grund auf gebessert. Ach, mein Leben war in Wirklichkeit eine Dauerbaustelle. Das Zeichen, das der selbstgefällige Schnösel seinem Fahrer nun gab, zerstreute meine schlechten Erinnerungen allerdings schnell wieder.

      »Aber Sir, bitte.« Ich streckte eine Hand aus und hielt ihn am Ärmel seines Wollmantels fest, womit ich mir allerdings nur einen weiteren verächtlichen Blick einhandelte.

      »Sir, ich … ich b… ich bitte Sie; ich werde meinen Job verlieren. Es liegt ganz an Ihnen, meine Karriere zu beenden oder nicht. Bitte gehen Sie noch einmal in sich.« Ich spürte, wie aufrichtige Tränen aus meinen üblicherweise trockenen, und Rührung leugnenden Kanälen quollen, und wusste instinktiv, dass sie alles waren, was ich noch zu bieten hatte.

      Das fette Gesicht des Gouverneurs verwandelte sich daraufhin in einen Brocken Granit, während er stur geradeaus starrte. Er hielt mir eine fette Hand vor das Gesicht und ich schluckte meine Tränen hastig hinunter.

      »Es gibt nichts, was ich noch für Sie tun könnte, Junge. Morgen früh werde ich mit Ihren Vorgesetzten sprechen und Ihre Dienstmarke verlangen.« In genau diesem Moment öffnete sich der Himmel, der aussah wie eine schwarze Piñata, und kalter Regen fiel hinab.

      »Aber Sir«, rief ich, während der plötzliche Guss uns alle durchnässte, was nur weniger Sekunden bedurfte. Dampf stieg vom Bodenbelag auf und stand wie gespenstischer Nebel im Parkhaus.

      Der Gouverneur winkte mich dicht an sich heran, bevor er antwortete: »Ich würde überhaupt nichts für einen Haufen Kuhscheiße wie Sie tun, selbst wenn ich es müsste. Allerdings – und nur damit Sie es wissen – ist Ihre baldige Frau ein echt scharfes Flittchen, und wenn ich mir heute Abend einen runterhole, werde ich dabei ihr Gesicht beim Abspritzen sehen.« Daraufhin zwinkerte er mir zu, lächelte überschwänglich und drückte mir seine feuchte Handfläche mitten ins Gesicht. Dabei lachte er, bis sein Gehilfe die Tür schloss.

      Eine Vielzahl zuckender Blitze verwischte die Skyline von Lubbock, und ich blieb klitschnass und mit kummervoller Wut im Regen stehen, während die Limousine langsam in der Nacht verschwand. Meine Zukunft – dessen war ich mir sehr sicher – fuhr da gerade mit ihr davon. Ich musste jetzt unbedingt zurück nach Hause, zurück nach Houston.

      »Tut mir schrecklich leid, Jay. Ich …«, begann Novak, aber ich wollte im Moment nichts hören.

      Als ich in der Dunkelheit des Parkhauses zum Ausgang trottete, begleiteten mich mehrere markerschütternde Donnerschläge.


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