HIMMEL, HÖLLE ODER HOUSTON. Thom Erb
vor, weil ich sie abgewiesen hatte. Sie waren nämlich wirklich gute Ranger und noch bessere Freunde – bessere, als ich verdiente, und ich kannte meinen zweifelhaften Ruf schließlich ganz genau: Texas Ranger James Mathew McCutcheon, einer der wackersten, die je eine Marke getragen haben, aber zugleich auch einer der Gewalttätigsten seiner Art. Die zwei Einfaltspinsel beteten bestimmt im Moment darum – vielleicht zu dem Gott, der mich gerade nicht beachtet hatte – ich möge einfach nur den Mund halten, meinen Schwanz einziehen und heim zu Inez kriechen, anstatt etwas richtig Dummes zu tun.
Meine Partner wussten allerdings genau, dass sie, anstatt diese Bitte vorzubringen, auch genauso gut in den Grand Canyon pissen konnten; es war reine Zeitverschwendung.
Die Lautsprecheranlage des Flughafens knarrte jetzt plötzlich laut; es ging um irgendeinen Notfall, doch ich musste mich jetzt erst einmal um meine eigenen Probleme kümmern. Deshalb ging ich davon, während der Regen immer mehr zunahm und zu einer kränklich gelben Wand wurde.
Decision Or Collision
Dallas/Fort Worth International Airport, Parkhaus
Freitag, 21:14 Uhr
Ich betätigte die Zündung meines 1969er Plymouth Barracuda. Als der Motor aufheulte, steckte ich mir erst einmal eine Lucky Strike an und nahm meinen Flachmann mit Jim Beam aus dem Handschuhfach. Donnergrollen und knisternde Blitze schienen meinen Zorn scheinbar bändigen zu wollen, doch es gelang ihnen nicht. Ich zitterte vor Rage und rauchte meine Zigarette innerhalb weniger Sekunden auf, bevor ich erkannte, dass ich schon eine zweite angezündet hatte. Mir schwirrte der Kopf vor wirren Emotionen und panischen Gedanken. Mehrere bodenlose, verzweifelte Momente vergingen, bis ich einen Entschluss fasste.
Ich trank langsam aus dem Flachmann. Es war das einzige greifbare Erbstück der Familie McCutcheon. Mein Urgroßvater hatte ihn als Soldat aus dem Ersten Weltkrieg mit nach Hause gebracht. Ich fuhr mit dem Daumen über die tiefe Delle, die der Legende nach auf einen angepissten Franzosen zurückging, der auf meinen Großvater geschossen hatte, weil dieser mit dessen Ehefrau in die Kiste gehüpft war – ein weiterer charmanter Wesenszug, den er von einer verdrehten Generation zur nächsten weitergereicht hatte. Während ich trank, überlegte ich, wie viele besoffene McCutcheons wohl schon an diesem mitgenommenen Stahlgefäß geklebt hatten.
»Danke, ihr Säcke«, sagte ich deshalb laut und zog zwei Fotos hinter der Sonnenblende hervor. Erneut stiegen mir Tränen in die müden Augen. Eines der Fotos war am Abend unserer Verlobung gemacht worden; wir hatten Inez’ Verwandte in deren Haus in Saltillo besucht. Es war eine großartige Zeit gewesen. Ich setzte den Flachmann noch einmal an und betrachtete dabei das zweite Bild; es stammte von Bellias Taufe. Sie und ihre Mutter waren wirklich wunderschön. Die Kleine mit ihrem weichen, dunkelhaarigen Köpfchen … Gott sei Dank schlug sie mit ihrem Aussehen ihrer mamacita nach. Ich kicherte und weinte zur gleichen Zeit.
Das vergangene Jahr war mir nur dunkel und verschwommen im Gedächtnis geblieben, und nach all dem zurückliegenden Elend hatte ich ein Riesenglück, dass Inez mir weiter die Treue hielt. Die Schießerei und der Unfall waren aber natürlich nicht unbemerkt an meiner Familie und mir vorübergegangen. Der jüngste Ausfall mit dem Gouverneur erinnerte mich nur wieder daran, dass es mit meinem Glück bald vorbei sein würde und ich, was Inez betraf, mein Schicksal mehr oder minder besiegelt hatte. Denn dies würde garantiert der Tropfen sein, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Der warme Whiskey rann meinen Rachen hinunter … wie hatte ich nur schon wieder so einen Mist bauen können? Jesus Christus, diese Frage war mir im Laufe der letzten Jahre ganz schön oft gekommen, eine Antwort darauf allerdings nie. Ich sah kommen, dass der verfluchte Flachmann leer sein würde, wenn ich irgendwann aus diesem gottverlassenen Parkhaus fahren würde.
Im Kassettendeck lief »Ain’t Wastin’ Time No More« von den Allman Brothers, und mein verhangener Horizont klarte langsam auf. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass meine Gebete endlich erhört worden waren, an welches höhere Wesen ich sie auch immer gerichtet haben mochte – dies war ein Zeichen. Ich warf den zweiten Zigarettenstummel aus dem Fenster und trank noch einmal aus dem Flachmann, bevor ich ihn zurück ins Handschuhfach steckte, dann stellte ich die Hurst-Automatik auf Dauerbetrieb.
Der Regen trommelte auf meinen mitternachtsblauen Plymouth, während ich den Weg zum Ausgang des Flughafenparkhauses zurücklegte und schließlich auf den Freeway in Richtung Südosten einbog.
Ich hatte meine Entscheidung gefällt! Sturm und Regen folgten mir nach Houston.
Just Got Paid
Route 45 South
Die Nässe spritzte unter den Reifen des Cadillac hervor, und ein Schild mit der Aufschrift »Willkommen in Texas« flog in der kühlen Nacht vorüber. Niemand im Wagen bemerkte es allerdings oder interessierte sich überhaupt dafür. Grauer Dunst strömte aus den getönten Scheiben und vermischte sich mit dem Dampf, der von Highway 45 aufstieg. Vereinzelte Straßenlaternen leuchteten im Vorbeifahren auf, doch Isandro sah sich in keiner Weise dazu bemüßigt, Notiz davon zu nehmen.
»Hey, esé, keiner hat mehr cerveza oder Tequila. Wir müssen unbedingt einen Laden finden, und zwar pronto, yo«, ordnete er an. Seit sie ihr »Partyhäschen« abgestoßen hatten, war es unangenehm still im Wagen gewesen, also war er der Meinung, dass seine Chaostruppe mal wieder einen Tritt bräuchte, und keinen Alkohol mehr an Bord zu haben, lief dem Ganzen zuwider. Er stürzte gerade den letzten Rest Tequila hinunter, und auch das Gras war schon fast vollständig aufgebraucht. So wird das alles nichts, dachte er.
Er betrachtete ununterbrochen das Foto seiner Zwillinge und kämpfte dabei mit aller Macht dagegen an, in Tränen auszubrechen. Denn er durfte vor seiner Crew auch nicht nur einen Hauch von Schwäche zeigen – das durfte er einfach nicht. Denn genau aus diesem Grund war sein Arsch zuletzt überhaupt wieder im Knast gelandet. Doch seit er dem Wärter die Kehle durchgeschnitten hatte und in den Mülllaster geklettert war, stand sein Schwur fest: Er würde sich niemals mehr angreifbar zeigen – selbst, wenn er dabei draufging. Der Tod war immer noch besser, als ein rückgratloser pequeño puto zu sein.
»Wenn mich nicht alles täuscht, steht auf dem Schild dort drüben was von Spirituosen«, rief Hector und blinkte rechts, um die nächste Ausfahrt nehmen zu können, die sie zu der Leuchtreklame führen würde, einer Oase in der klammen texanischen Nacht.
Eine einzelne kleine Laterne hing über dem aufgerissenen Pflaster vor dem alten Schnapsladen wie eine welkende Blüte an einer Ranke. Feiner Regen ergoss sich senfgelb auf den porösen Asphalt, als der Cadillac mit quietschenden Reifen am Gebäude vorfuhr. Die alten Scheibenwischer taten sich extrem schwer mit der schleimigen Nässe auf dem Glas, und von Norden her wehte ein kalter Wind. Isandro erschauderte, als er hinten ausstieg und geduckt los eilte. Die anderen Crewmitglieder folgten ihm, nur Hector nicht, der hinter dem Steuer des laufenden Wagens sitzen blieb.
Während der Boss seinen Blick durch den Regen schweifen ließ, entdeckte er einen rostroten Chevy Pick-up und einen blauen Ford Torino Kombi auf dem Grundstück. In Letzterem saß eine aufgeregte Frau, die gerade zwei kleine Kinder ausschimpfte. Dies alles nahm er zur Kenntnis, als er das Geschäft betrat. Ein Glöckchen kündigte die Kundschaft an, als die Gruppe in den gut sortierten Laden kam. Für Isandro war das Meer aus Flaschen Seelenheil in abgefüllter Form, er suchte die vollen Regale an den Wänden deshalb langsam und sorgfältig ab.
»Immer cool bleiben«, wisperte er seinen Schergen zu, als sie sich im Raum aufteilten. Jeder kannte seine Aufgabe ganz genau und wusste, was geschehen würde, wenn er patzte. Die um einen Kopf kürzer gemachte Blondine bei Mickey Dee’s diente als eindrückliches Beispiel dafür, was geschah, wenn jemand Big Papi ärgerte. Auf all das konnten sie im Moment getrost verzichten, denn es war viel zu laut.
***
Paul Reynolds war hundemüde. Die Spätschicht im Betrieb brachte ihn immer fast um, und er brauchte dringend einen Wodka. Etwas – irgendetwas – das ihn abstumpfte gegen den Scherbenhaufen,