Der Ultralauf-Kompass. Norbert Madry
ja schon 6-stellige Antrittsgelder und Siegprämien in der Höhe von mehrfachen Jahresgehältern (mitteleuropäischer Standard) gezahlt werden, ist das Ultralaufen eine Sportart, in der sich eher waschechte Amateure messen. Offiziell gehört das Ultralaufen aktuell zu den nicht-olympischen Sportarten, wobei bis weit in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts akribisch darauf geachtet wurde, dass Teilnehmer an olympischen Spielen wirklich echte Amateure waren und aber auch gar keine materielle Entlohnung für ihre sportlichen Leistungen erhalten durften. Echt paradox …
Ultralaufen ist in den USA seit mehreren Jahren sehr trendig geworden und insbesondere die Ultratrails bzw. als solche bezeichnete Klassiker wie der Western States oder Badwater genießen schon seit den achtziger Jahren mit 1–2-stündigen TV-Zusammenfassungen in den US-Network-Stationen wie ABC oder CBS eine für Ultraläufe ungewöhnlich hohe mediale Aufmerksamkeit. Im Ultratrail gibt es viel Geld zu verdienen: für Ausrüster, zumindest manche Veranstalter und darum rankende Dienstleistungen, und hier gibt es bei den großen Läufen tatsächlich auch Preisgelder, die mehrere tausend Dollar betragen können. Auch die Internationale Ultramarathon-Assoziation IAU, der weltweite Fachverband für das Ultralaufen und Ausrichter der Weltmeisterschaften in den Disziplinen 50 und 100 km, Ultratrail sowie 24 h hat damit begonnen, Preisgelder für die WMs auszuloben.
Dennoch, trotz großer Zuwachsraten bei der Anzahl an aktiven Ultraläufern von oft 10% von Jahr zu Jahr, wird unsere geliebte Sportart kein Massensport werden – weder in der Zahl der aktiven Ultras noch in der Zahl der passiven Zuschauer. Schon Marathon ist übrigens kein Massensport, das vergessen wir Läufer sehr leicht…Wer also mit seiner Lauferei wirklich Geld verdienen will, kann das nicht über Preis- oder gar Antrittsgelder in Ultraläufen realisieren.
Auch Sponsoren halten sich bei Ultraathleten vornehm zurück – hier geht der Geldhahn eher für Geschichten-Erzähler, Selbst-Promoter und Wichtigtuer mit oder ohne Promi-Bonus auf, weniger für die Leistungsspitze. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass die steigende Zahl an Ultraläufern und eine verstärkte Berichterstattung doch bald zu dem Punkt führt, an dem wirklich objektiv erfolgreiche Ultraathleten wie Welt- und Europameister oder mehrfache Deutsche Meister etwas mehr warmen Sponsoren-Geldregen auf sich ziehen. Denn für viele Firmen sind erfolgreiche Sportler gute allgemeine Vorbilder, um ihre Mitarbeiter zu (nicht-sportlichen) Höchstleistungen zu motivieren – denn Ultralaufen hat den Charme, dass man kein begnadetes Talent sein muss, sondern mit einem motivierenden Ziel, ehrlicher Trainingsarbeit und Geduld sich Erfolge erlaufen kann.
Wird im Ultramarathon gedopt?
Fast sicher ja.
Der finanzielle Anreiz, sich mit betrügerischen Machenschaften Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, ist zwar deutlich geringer als z. B. im Marathonlauf. Auch das generelle öffentliche Interesse an Ultralaufergebnissen ist gering bis gar nicht vorhanden. Aber das spezielle Interesse »in der Szene« dürfte einigen ausreichen, beim oder vor dem Wettkampf nachzuhelfen. Obwohl es nur wenige echt ertappte Doper unter den Ultraläufern gibt, habe ich doch ein paar andere Betrugsversuche erlebt (wie das Mitfahren auf den Begleitfahrrädern in der Nacht der 100 km in Biel, oder betrügerisches Abkürzen), die mir gezeigt haben, dass es auch unter uns Ultraläufern schwarze Schafe gibt, denen es nicht ausreicht, eine ehrliche Leistung aus eigenem Vermögen zu liefern.
Dieses Abliefern einer ehrlichen Leistung aus eigenem Vermögen ist ja für die große Mehrheit der Ultraläufer eine wichtige Triebfeder, überhaupt weiterhin Ultraläufe zu machen. Welche Trainingsmaßnahme, welche taktischen Feinheiten wieviel bringen, ist immer wieder spannend zu fragen und wird mit dem ehrlich erlaufenen Wettkampfergebnis beantwortet – manchmal ungefähr, manchmal eindeutig. Deswegen sind alle Betrügereien wie Doping, Abkürzen oder Fremdhilfe in Anspruch nehmen nicht nur im Höchstmaß unfair, sondern auch ein riesiger Selbstbetrug.
So sehen es aus meiner Einschätzung die allermeisten Ultraläufer – aber es wäre naiv zu glauben, dass es wirklich alle auch so handhaben.
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