Tagebuch einer Verlorenen. Margarete Tagebuch Böhme

Tagebuch einer Verlorenen - Margarete Tagebuch Böhme


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unheimlichen Nacht nach Elisabeths Tod in Meinerts Augen bemerkte.

      »Ach Unsinn – wo werde ich Ihnen weh tun, Thymian. Schöne Mädchen sind da, um geliebt zu werden, gekost, gestreichelt. Ich bin doch kein Rüpel …« Dabei fuhr er mir mit der samtweichen Hand ganz sachte und langsam über die Wangen. Ich schloß die Augen, um sein Gesicht nicht zu sehen, dieses blödsinnig dumme Gesicht mit den hellgrauen Schellfischaugen. Aber die Hände, die Hände – sie machen mich ganz verrückt …

      Seitdem nennen wir uns du und treffen uns oft an einsamen Orten.

      Trotz seiner Geistesarmut und seinem Kretingesicht liebe ich ihn – so – ich weiß nicht wie, so wie ich als kleines Kind die Puppe im hellblauen Seidenkleid, die Vater mal von der Reise mitgebracht hatte, liebte. Ich liebe ihn wie eine Sache, an die man sich gewöhnt hat, wie einen Gebrauchsgegenstand, von dem man sich nicht trennen mag. Wir haben uns gelobt, ewig treue Freunde zu bleiben, wohin uns das Schicksal auch verschlägt. Seine Hände liebe ich immer noch wahnsinnig – o Gott.

      Wieder mal was Neues zu registrieren.

      Vater heiratet wieder. Und wen? Madame Lene Peters.

      Donnerwetter, die hat’s verstanden. Ich habe ordentlich ein bißchen Respekt vor ihrer Klugheit, oder vielleicht vor ihrer Verschlagenheit.

      Vorigen Sonntag Vormittag sagte Vater es mir.

      Mir schien, er war etwas bedrückt. Es könnte nicht so weitergehen, sagte er, die Wirtschaft mit den Haushälterinnen. Eine Frau müsse wieder ins Haus. Da er keine Lust habe, erst lange auf Brautschau zu gehen, nähme er die erste »beste«, nämlich die Peters, die ja eine sehr nette, resolute, propre und sparsame Frau sei. Ob ich etwas dagegen habe?

      »Nein«, sagte ich und wurde totenblaß, denn das Blut rann mir eiskalt zum Herzen. – Ich dachte an Elisabeth, die ihr junges Leben hingeben mußte, um dieser falschen, ordinären Person, die sicher früher mal Dienstmädchen war, den Platz zu räumen. Freilich ist Lene Peters schlauer als die arme, arglose Elisabeth es war. Sie will erst den standesamtlichen Zivilversorgungsschein.

      »Du sollst nicht darunter leiden, mein Herzenskind«, sagte Vater, der mein Erblassen wohl falsch deutete. »Dein Vermögen ist dir sichergestellt und du brauchst dir nichts von ihr befehlen zu lassen. Sie hat dir gar nichts zu sagen. Wenn mal was vorfällt, sollst du dich nur an mich wenden. – Nächsten Sommer fahren wir beide, du und ich – nach Sylt oder Zoppot. Du sollst die Welt kennen lernen und bewundert werden, mein Einziges.«

      Ich antwortete nicht und hielt still wie ein Schlachtlamm, als er mich küßte.

      Am andern Tag wurde das Aufgebot bestellt. Samstag über drei Wochen wollen sie sich trauen lassen. Meinetwegen, mir ist alles egal. Ich wünsche ihnen Glück.

      Also nun ist Lene Frau Apotheker Gotteball. Ich komme leidlich gut mit ihr aus. Mutter sage ich natürlich nicht zu ihr, anstandshalber tue ich mir Zwang an und nenne sie Tante.

      Übrigens scheint es mit der Heirat doch pressiert zu haben. Meinert meint es wenigstens. Ich verstehe nur nicht, wie sie es angestellt hat, durchzusetzen, was keiner andern vor ihr gelungen ist. Sie ist unwissend und dumm wie eine Gans, und ihre Schönheit kann sie auch tragen, trotz ihres glatten Gesichts und ihrer molligen quabbeligen Formenfülle. Meinert sagt, sie hätte einen Kapitän heiraten müssen. Warum, fragte ich. Nun, meint er, der hätte dann wenigstens einen »Meerbusen« vor Augen gehabt. Ich mußte über den dummen Witz lachen, obwohl mir jetzt gar nicht der Sinn nach Lachen und Lustigsein steht.

      Ich weiß nicht, mir ist so dumm zumute. So dumpf und benommen. Ich habe oft Herzklopfen. Meinert hat mir Digitalistropfen gegeben, aber die nützen auch nichts. Der moralische Widerwille, den ich seit Monaten vor mir selber empfinde, wächst sich manchmal zum physischen Ekel aus.

      Ich sage Meinert nichts davon. Eher noch Osdorff. Neulich Abend bekam ich solchen Ekel vor Salzgurken, die auf dem Tisch standen, wie ich sie ansah, verwandelten sie sich vor meinen Augen in lauter grüne, widerliche Schlangen. Die ganze Nacht ringelte und wurmte das grüne Zeug vor meinen Augen herum. Es ist ja gräßlich. Mir ist so bange, ich weiß nicht vor was.

      Lieber Gott im Himmel!! Als ich das Tagebuch zu schreiben anfing, hätte ich nicht daran gedacht, daß ich so viel erleben würde. Eigentlich viel Gutes und Erfreuliches habe ich bisher nicht zu berichten gehabt. Es lohnte sich deshalb eigentlich nicht, es aufzuschreiben. Aber es ist mir ordentlich eine Erleichterung, wenn ich einmal mein Herz so recht von inwendig heraus ausschütten kann; es ist mir dann gerade so, als ob ich zu einer vertrauten Freundin spräche.

      Also mir ist schon lange nicht wohl, und eine heimliche Angst war in mir vor unbekannter Gefahr, die mir drohte. Manchmal schloß ich mich ein und weinte, ich weiß nicht weshalb, vor lauter innerer Traurigkeit und Bedrücktheit, und dann wurde mir etwas leichter.

      Die Lene sah mich zuweilen argwöhnisch an und stellte einmal allerhand verfängliche Fragen, ob ich wüßte, so und so … nein, das mag ich nicht alles niederschreiben. Ich wurde dunkelrot und dann wieder kreideweiß, und die Lene wurde auch grünweiß vor Wut und plötzlich, ehe ich mich versah, wirft sie mir rechts und links ein paar Ohrfeigen an den Kopf, daß mir Hören und Sehen vergeht und ich laut aufschreie. Da kommt Vater hereingestürzt, und als er sieht, daß die Lene mich haut, packt er sie am Arm, reißt sie zurück und schmeißt sie gegen die Wand und stößt mit dem Fuß nach ihr, und will sie schlagen, aber ich warf mich dazwischen und die Lene heult laut und schreit alles heraus … Sie hätte es schon lange an meiner Wäsche gemerkt und ich täte Schande übers Haus bringen. Es sei kein gutes Haar an mir, ich taugte in meiner Haut nichts, und sie bereute es, in solche Familie hineingeheiratet zu haben. Vater solle sich nur seine hoffnungsvolle Tochter einpökeln. – Da ist er wieder auf sie zugestürzt – ich lief hinaus und schlug die Tür hinter mir ins Schloß und rannte die Treppe hinauf in meine Kammer und schloß auch da die Tür zu und warf mich aufs Bett und starrte mit heißen Backen und trockenen Augen geradeaus zur Decke.

      Und es war mir so weh, so – ich weiß nicht wie, und mein Kopf glühte und hämmerte, als ob Feuer darin wäre. Ich konnte auch nicht richtig denken und überlegen, die Gedanken rasten wie Räder immer um die eine Frage herum: was soll nun werden? Soll ich es Elisabeth nachmachen und ins Wasser gehen, oder soll ich Meinert bitten, daß er mir Gift gibt? Oder soll ich mich unter den Zug werfen und mich totfahren lassen? Denn daß ich mich vor der Welt aus dem Staube machen muß, steht so fest bei mir, wie Amen in der Bibel.

      Ich blieb den ganzen Abend oben und wollte nicht herunter, aber nachher kam Vater und bat, ich möchte aufmachen, und seine Stimme klang so merkwürdig zitternd und weinerlich, daß ich mich nach einer Weile hinschlich und öffnete. Mit meinen brennendheißen Augen sah ich, wie elend und verfallen Vater aussah, und plötzlich liege ich in seinen Armen und weine, und er weint auch und küßt mich und wir konnten beide vor Schluchzen kein Wort sprechen.

      »Kind, Kind! mein armes, kleines Mädchen! Sag mir nur das eine: hat das Weib recht? War es Meinert?« stieß Vater heraus. Ich nickte. Vater stöhnte. »O Gott, o Gott«, sagte er einmal über das andere. Und dann wieder: »Versprich mir nur, daß du keine Dummheit machst, mein armer Engel. Ich werde mit Meinert sprechen, es wird schon alles ins Lot kommen.« Ich mußte ihm in die Hand versprechen, daß ich mir kein Leid antue. Dafür bat ich mir aus, daß sie mich den andern Tag in Ruhe ließen und mir das Essen auf mein Zimmer gebracht würde. Vater versprach alles.

      Nachher kam Meinert. Er sah bitterböse aus und war wütend. »Hättest du mir gleich gesagt, was los ist, wäre es gar nicht so weit gekommen«, schrie er, »ich hätte dir ein paar Tropfen eingegeben, und dann wäre alles in Ordnung. Nun haben wir die Bescherung. Dein Vater heult wie ein altes Weib, und deine Stiefmutter blökt das Haus zusammen, morgen weiß es die ganze Stadt. Die Frieda Gotteball, das buckelige Aas, sitzt unten in der Wohnstube und kriegt alles haarklein von dem Mensch vorgebetet.«

      Tante Frieda! Meine letzte Kraft brach zusammen. Ich sah die strengen durchbohrenden Augen des alten Weibleins auf mich gerichtet und mein Herz fing an vor Furcht, Scham und Schreck zu erstarren. »Gib mir Gift«, sagte ich. Er lachte kurz auf. »Papperlapapp – Gift. Das soll was sein. Mir bleibt nichts übrig, als dich zu heiraten. Wenn dein Vater mich zum Teilhaber


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