Tagebuch einer Verlorenen. Margarete Tagebuch Böhme
da, da gab es Specksuppe, das heißt eine wässerige, salzige Brühe und geilfetter Speck dazu, weil das am besten »vorsteht«. Abends hatten sie zur Feier des Tages ein Stück trockenen Hofkäse auf dem Tisch, und als ein Nachbar hereinkam, versteckte Tante den Käse unter ihrer Schürze, damit der Mann nicht sehen sollte, wie üppig sie lebten. Es ist zum Schießen. Als Onkel vor einigen Jahren im Flensburger Krankenhaus operiert wurde und Tante ihn besuchte, ist sie spät abends im strömenden Regen den weiten unbekannten Weg vom Bahnhof dahin zu Fuß getappst, weil ihr der Groschen für die Pferdebahn zu schade war. Darüber ließen sich lustige Bücher schreiben.
Einmal kamen wir um die Schlachtzeit unverhofft dort an, als Mutter noch lebte; sie hockten bis an den Hals in frischem Fleisch, denn sie hatten zwei Ochsen und ein Schwein geschlachtet: aber wer meint, daß wir einen frischen Braten aufgetischt gekriegt hätten, der schneidet sich, Gott behüte! Ein Stück brandsalziges überjähriges Pökelfleisch wurde gekocht und uns serviert, dazu knüppelhartes Schwarzbrot und bittere Butter. Tante sagte mal: »Andere Leute fressen alles auf und hängen alles am Staat, aber wir sind für das Bare. Immer sünig (sparsam) an der Tuhn lang, aber einen ordentlichen Schapp voll Geld, das ist das Wahre.«
Mein Vetter Jakob Thomsen fuhr mich und unseren Vetter Lude Levsen hinaus, Pohns wußten nicht, daß wir kamen, und Tante war zur Stadt mit ihrem Gebiß, an dem etwas kaput war. Onkel Lehnsmann rieb sich die Hände und sagte: »Aber Kinner, Kinner! Ihr hättet uns doch eine kleine Hand schreiben können. Nun weiß ich nicht, womit ich euch bewirten soll, denn Tante hat den Speisekammerschlüssel mitgenommen.« Ich platzte beinahe vor Lachen, aber Jakob hielt sich ernst und sagte: »Vielleicht paßt ein anderer Schlüssel in die Speisekammer, ich hab’ meinen Schlüsselbund von zu Hause zufällig in der Tasche.«
»Ach nein! Ach nein!« sagte Onkel beklommen. Nachher gingen Onkel und Lude und ich in den Appelgarten. Da es kein reichliches Obstjahr ist, hing nicht viel auf den Bäumen, nur ein mittelgroßer Birnbaum hatte ziemlich viel auf, handgroße Kerle, aber Onkel suchte unsere Aufmerksamkeit davon abzulenken und sagte, es wären Maulzieher, aber ich glaubte ihm nicht und pflückte eine ab und biß hinein. – Onkel zuckte ordentlich zusammen vor Schreck! – Ach, und es war eine so kostbare Frucht, zuckersüß und saftig und wie Lude Levsen das hörte, riß er eine ganze Masse ab und steckte mir und sich die Taschen voll.
»Ach Gott, ach Gott«, jammerte Onkel, »was soll Tante sagen, die Birnen sollten ja Dienstag zu Markt und verkauft werden!«
»Erst wir und dann andere«, sagte Lude und wir putzten was das Zeug hielt drauf los, und ein paar Gravensteiner Äpfel erwischten wir auch noch.
Unterdessen war Jakob an der Speisekammertür gewesen, und – der Kuckuck mag wissen wie – aber es war ihm geglückt, sie aufzuschließen. Nachher kam jemand und wollte den Lehnsmann sprechen, und da liefen wir alle drei in die Speisekammer, die Töpfe und Kruken zu untersuchen. Zuerst fielen uns zwei Gläser mit eingemachten Quitten und Hagebutten in die Hände. Sie waren nach meinem Geschmack zu sauer, Jakob ist sonst kein Freund von solchen Sachen und Lude ißt eigentlich niemals Kompott, aber aus Ulk aßen wir, was wir konnten, so daß nur noch in jedem Glas ein paar drin blieben. Sonst war nicht viel Leckeres zu holen, erst ganz zu allerletzt entdeckten wir einen Topf mit saurem Aal, der wurde im Triumph ausgesponnen und in eine Assiette geleert und hineingetragen. Als Onkel das sah, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und fing laut an zu lamentieren:
»Kinner, Kinner! Was soll Tante sagen! Die ganzen Aale, die der alte Inger Peters mir als Präsent gebracht hat. Tante hat sie eingekocht und sie so sünig aufgehoben für besondere Fälle, wenn mal Krankheit kommt oder so was …«
»Ach was«, sagten wir und futterten drauf los, und als Onkel sah, daß wir nicht geneigt waren, etwas übrig zu lassen, holte er sich rasch auch Messer und Gabel und haute mit hinein.
»Der Aal will schwimmen, Onkel«, sagte Jakob, »hast du nicht ein Glas Wein im Keller?«
»Tante hat die Schlüssel«, sagte Onkel.
Da stand Jakob auf, ging hinaus und schickte den Knecht ins Dorf und ließ zwei Flaschen Wein holen, auf Onkel Lehnsmanns Rechnung und als wir die aushatten, machten wir rasch, daß wir wegkamen, denn wären wir von Tante Frauke überrumpelt worden, hätte es Spektakel gegeben. Es war ein ulkiger Nachmittag. Ich habe Tränen gelacht.
Ich bin lange nicht mehr zum Einschreiben gekommen. Hier passiert ja auch so wenig. Ich fürchte, mit der Heiraterei von Vater und Elisabeth wird es nichts; ich will mich auch nicht mehr darum bekümmern, wenn sie ihn nicht will, soll sie’s bleiben lassen. Ich glaube, er will sie auch nicht, manchmal kommt es mir vor, als ob er sie nicht einmal recht leiden kann.
Elisabeth ist manchmal sehr still und gedrückt. Ich glaube, sie trauert doch noch immer ein bißchen ihrem ungetreuen Pastor nach. Sie ist auch so sehr blaß, will es aber nicht wissen. Wenn ich sie frage, ob ihr etwas fehlt, wird sie rot und sagt: »Nein, nein.« Gelungen ist das mit ihr. Zu Weihnachten hat sie mir einen entzückenden Schlafrock aus rosa Flanell mit einer kleinen Schleppe gemacht, und mein braunes Samtkleid, das nach ihrer Angabe gearbeitet ist, erregt auf der Eisbahn allgemeines Aufsehen. Sie hat riesig viel Schick und Geschmack. Sie läuft auch sehr gut Schlittschuh, und der neue junge Doktor, der jetzt hier wohnt, macht sich gern an sie heran, vielleicht kriegt sie den. Es wäre schade, wenn wir sie verlören, aber ich gönne ihr doch, daß sie glücklich wird.
Osdorff ist auch immer auf der Eisbahn und läuft viel mit ihr. Mich dünkt, er wird immer dümmer, trotzdem er sein Einjährigenzeugnis jetzt mit knapper Not erlangt hat. Es wird auch Zeit; im April wird er einundzwanzig.
Osdorff mag so schrecklich gern frisieren und hat auch riesig viel Geschick dazu. Ich kann ihm keine größere Freude machen, als wenn ich ihm erlaube, mich zu frisieren. Dann kämmt und bürstet, brennt und toupiert er mein langes schwarzes Haar und macht die kunstvollsten Frisuren. Bald scheitelt er es und kämmt es tief über die Ohren und macht eine Nackenhaarschlinge, bald stellt er es hoch, er macht wirklich großartige Frisuren. Elisabeth hat er auch lange gequält, sie frisieren zu dürfen, und weil ich mitbettelte, hat sie einmal nachgegeben. Da hat er ihr das helle Haar wie eine Krone aufgesteckt, aber direkt wie eine Krone, sie sah ordentlich königlich damit aus.
Osdorff verkehrt jetzt auch in hiesigen Familien, sie sind arg hinter ihm her, weil er ein Graf ist. Sie kennen alle seine Liebhaberei und zum Harmonieball sind eine ganze Masse Damen zu Konrad Lütte gegangen, wo Osdorff eingeladen war, und haben sich von ihm frisieren lassen. Er soll seine Sache so gut gemacht haben, wie ein Pariser Friseur. Die Damen waren voll Lob für ihn und nannten ihn ein Genie. Darüber muß ich lachen – der arme Osdorff und ein Genie – daß sich Gott erbarme!
Vorige Woche ist Osdorff zur Stellung gewesen und zum Militärdienst untauglich befunden. Er war einfach selig und sagte, es täte ihm nur leid, daß er so zu dem verfluchten Examen gebüffelt hätte. Er soll nur noch ein Jahr hierbleiben und dann als Volontär auf ein Gut und Landwirtschaft studieren. Das ist auch was für das Faultier. Lieber sollten sie ihn einem Friseur in die Lehre geben, das ist das einzige, wozu er Lust und Talent hat. Aber natürlich, ein Osdorff mit zwei f’n! …
Hier im Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Es scheint mir wirklich so, als ob Vater Elisabeth nicht recht ausstehen kann, und sie grämt sich darüber, wahrscheinlich, weil sie denkt, daß er ihr kündigt, was sie aber nicht zu befürchten braucht, solange ich noch da bin. Vater tut ja doch alles, was ich will. Ich weiß nicht, was er an Elisabeth auszusetzen findet. Zuerst machte er ihr doch immer so verliebte Augen.
Vor einigen Tagen kam ich mittags in ihr Zimmerchen, da lag sie langenwegs in ihrem Bett und weinte … schluchzte … Ich weiß nicht, wie das war, aber mir war die Brust plötzlich wie zugeschnürt, eine entsetzliche Angst kam über mich.
»Elisabeth«, sagte ich leise und strich über ihr Haar. Da sah sie mich mit ihren nassen Augen so seltsam an, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Mein Herz zitterte, und die Tränen schossen mir in die Augen. »Was ist dir, Elisabeth?« sagte ich.
»Ich habe solche Angst«, sagte sie.
»Wovor?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie und drückte beide Hände