Tagebuch einer Verlorenen. Margarete Tagebuch Böhme
es sei eine Existenzbedingung ihrer Schule, daß sie sich alle schlimmen Elemente fernhalten müsse. Anni und Lina heulten wie die Schloßhunde, und Anni war so gemein, alle Schuld auf mich schieben zu wollen, womit sie aber nicht durchkam.
Was die Jungen anbelangte, so teilte Osdorff unser Schicksal, er wurde mit Schimpf und Schande relegiert – trotz seiner zwei f’n. Boy Detlefs und Butenschön kamen mit einem Verweis davon, was ich nun sehr ungerecht fand, denn es lag doch kein anderer Milderungsgrund für ihr Verhalten vor, als daß sie ihren Affen besser zu tragen verstanden, wie der arme Osdorff. Einige böse Zungen behaupteten, der Direktor hätte gegen Boy nicht so hart sein dürfen, weil Frau Detlefs der Frau Direktor jeden Sonnabend drei Kopp Butter und ein Stieg Eier umsonst brachte. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht.
Die anderen Mädchen weinten Tag und Nacht, weil sie Furcht vor ihren Eltern hatten. Ich gar nicht. Ich wußte, daß Vater mir nichts tun würde. Nur vor Tante Friedas bösen Augen hatte ich ein bißchen Angst.
Vater holte mich am anderen Abend ab. Er war gar nicht böse und schimpfte nur auf Fräulein Lundberg, es sei von der ollen Schachtel eine Kleinlichkeit und Engherzigkeit über alle Maßen, einen solchen Kinderstreich gleich so schwarz anzustreichen, sagte er, und er freute sich, daß ich nun wieder nach Hause komme. Er hätte mich doch sehr entbehrt. Ich freute mich auch.
Zu Hause hatten sie die Türe bekränzt und ein Transparent »Willkommen« angebracht. Ich war so gerührt, daß ich vor Freude weinte.
Im Hause hatte sich wenig verändert, nur daß statt der ollen Köchin eine Wirtschafterin im Hause war, eine ganz hübsche, aber sehr dicke Person. Fräulein Reinhard hieß sie. Als wir zu Abend gegessen und die Reinhard hinaus und Meinert wieder in der Apotheke war, setzte Vater sich zu mir aufs Sofa und unterhielt sich mit mir ganz vernünftig, wie mit einer erwachsenen Dame. Es sei ein Elend mit den Wirtschafterinnen, erzählte er mir, die Reinhard wäre nun die vierte in zwei Jahren. Er sei sehr froh, wenn ich mal erst so weit wäre und den Haushalt führen könnte, daß man das fremde Pack nicht mehr brauche. Dann nahm er meinen Kopf in seine linke Hand und sah mich lange an und strich mit der rechten Hand über meine schwarzen Zöpfe und sagte, ich sei hübsch geworden, bildhübsch, und wenn ich mal erwachsen wäre, täte er mit mir in Bäder reisen, damit ich Bekanntschaften mache; es wäre ein Jammer, wenn ich hier in dem Drecknest versauere und einen der dämlichen Philister heiraten müsse.
»Weißt du, wem du ähnlich siehst, Thymi?« sagte Vater. Ich schüttelte den Kopf.
»Der Mutter schlägst du nicht nach. Die hatte ein kleines, pusseliges Gesichtchen, aber eine Schönheit war sie nie. Von mir hast du die Schönheit auch nicht geerbt. Aber frage mal Tante Frieda nach dem Bild deiner Urgroßmutter Madame Claire Gotteball – es muß irgendwo in der Rumpelkammer bei ihr stehen – du wirst da verwandte Züge finden. Sie war eine Französin und muß eine pikante Schönheit gewesen sein.«
»Was ist das, eine ›pikante‹ Schönheit«, fragte ich. Vater lachte.
»Das kann ich dir nicht so bedeuten, Thymi. Eine ›pikante‹ Schönheit ist eine Schönheit, die den Männern gefällt. Nun weißt du es.«
Ja, nun wußte ich es, aber ich war nicht viel klüger dadurch geworden.
Von nun an ging alles seinen gewohnten Gang. Ich ging das letzte halbe Jahr bis zu meiner Konfirmation wieder bei Fräulein Vieterich in die Schule. Eines Tages hatte ich eine große Überraschung. Ich hatte eine Besorgung bei Tante Wiebke Henning zu machen und an der Ecke der Bismarckstraße begegnet mir – Casimir Osdorff. Ich traute meinen Augen nicht, aber er war es, in Lebensgröße. Und es ging alles mit rechten Dingen zu. Er ist bei Doktor Bauer in Pension und soll dort zum Einjährigen gepreßt werden. Doktor Bauer war zurzeit Hauslehrer beim Grafen von und zu Ypsilon, der in Berlin ein großes Tier und Casimirs Vormund ist. Osdorff jammerte, daß er hier in G. mit noch »gemischteren Elementen« in Berührung käme als in T. Ich tröstete ihn, und wir verabredeten uns, öfter zusammen zu kommen. Ich habe hier seit meiner Rückkehr keine richtigen Freundinnen. Anni Meier ist nach Wandsbek und Lina Schütt nach Kiel in Pension gekommen. Da ist es doch ganz nett, daß ich wenigstens noch einen Freund habe, mit dem ich mal plaudern kann.
In dem letzten Jahre bis zu meiner Konfirmation passierte nichts Besonderes. Mit unserer Wirtschafterin stehe ich mich ganz gut, sie ist gefällig und freundlich. Wenn sie nur nicht so schrecklich gefräßig wäre! Ich kann die Menschen nicht leiden, die immer essen. Es ist unglaublich, was sie bei Tisch für Portionen verschlingt. In der Zwischenzeit schnuckert sie immer noch aus den Taschen. Unausstehlich!
Jeden Mittwoch und Sonnabend ging ich zur Konfirmationsstunde. Zuerst waren mir diese Stunden beim alten Pfarrer greulich, später ging ich gern hin.
Ich war bisher nicht fromm gewesen. Aber der alte Pfarrer hat eine merkwürdig innige Art, einem zu Herzen zu sprechen. Wenn die Stunden aus waren, um sechs, dämmerte es schon, und ich machte dann oft einen Umweg, um über das Gehörte nachzudenken. Es machte einen so tiefen Eindruck auf mich, von der Liebe zu hören, die alle Schuld auslischt und die gnädig alle Gebrechen und Sünden der Menschheit mit ihren sanften Fittichen zudeckt. Ich mußte dann immer an unser schimpfliches Abenteuer vom Grünen Baum und die schreckliche Heimfahrt mit den Viehmenschen denken. Wenn Vater in seiner großen Herzensgüte es auch als Kinderstreich hinstellt, – ich fühle doch, daß es etwas Häßliches war, und ich kann nicht den Gedanken los werden, daß Mutter mich damals gesehen hat und traurig über mich war. Ich besuchte in dieser Zeit auch wieder öfters Mutters Grab, und mir war jedesmal sehr fromm und traurig zumute. Ich nahm mir vor, auch nach meiner Einsegnung jeden Sonntag zur Kirche zu gehen und ein braver, guter Mensch zu werden. Der Pfarrer ist ein reizender alter Herr. Er hat so etwas Liebreiches, Sanftes, Natürlich-Menschliches, gar nichts Gesalbtes, und mir war es manchmal so, als ob er sich an mich immer mit besonderer Innigkeit wandte.
An meinem Konfirmationstag war die ganze Nordmarscher Verwandtschaft da. Sie kamen schon morgens, um mit zur Kirche zu gehen. Ich wurde beim Ankleiden ohnmächtig, ich glaube vor lauter Aufregung, aber ich kam bald wieder zu mir. Vater wollte mir ein Glas Kognak geben, aber ich konnte es nicht trinken. Seit jenem Abend im Grünen Baum habe ich einen entsetzlichen Widerwillen vor Spirituosen.
Es war eine herrliche Feier, der Herr Pfarrer sprach so wunderschöne Worte. Ich saß da wie im Traum, es war mir, als ob die Klänge der Orgel meine Seele aufhöben und sie zu einer anderen Welt emportrügen, und als ob ich da oben Mutter begegnete. Wie wir dann niederknieten und unter dem Geläut der Glocken unser Glaubensbekenntnis ablegten, schluchzte ich laut auf, so überwältigt war ich. Nachher bekamen wir jede unseren Bibelspruch. Der meine lautete: Unser Wandel aber sei im Himmel, von dannen wir warten unseres Heilandes Jesu Christi. – Die Orgel spielte weich und leise, während wir eingesegnet wurden. Nach Schluß der Feier gingen wir zum ersten heiligen Abendmahl. Ich war so tief bewegt wie nie zuvor in meinem Leben, und Vater standen auch Tränen in den Augen, als er mich nach der Feier umarmte und küßte. Dann drängte sich die ganze Sippe um mich herum und beglückwünschte mich, die Onkel und Tanten, die Vettern und Cousinen, ich kam mir wirklich sehr erhaben vor, als Mittelpunkt des ganzen Um und Dran.
Wir aßen im Saal, der nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wird, zu Mittag, und hatten für den Tag eine Kochfrau und einen Aufwärter. Bei Tisch hielt Onkel Lehnsmann eine Rede, in der er meinen Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt feierte. Sonst ging es sehr still während des Essens zu, fast wollte mir scheinen, ein wenig bedrückt, wie bei einer Leichenfeier. Die Reinhard ließ sich nur wenig blicken. Als wir aus der Kirche nach Hause kamen, sah sie ganz verweint aus, was ich darauf schob, daß sie auch gerührt war und ihr hoch anrechnete. Nach Tisch gingen die Herren ins Wohnzimmer, um zu rauchen, und die Frauen tranken in der besten Stube, wo mein Geschenktisch stand, Kaffee.
Ich hatte viele und hübsche Geschenke bekommen. Von Vater eine lange goldene Kette mit einer kleinen Uhr und einen Diamantring, von Tante Frieda einen Schmuck in altertümlicher Goldschmiedekunst, der ein Familienerbstück ist, dann noch zwei Armbänder, drei goldene Ringe, drei Broschen, einen Schmuck in Silberfiligranarbeit, viele Bücher, Blumen und Kleinigkeiten.
Wie ich anscheinend ganz vertieft an meinem Tisch stehe und in Geroks Palmblätter lese, höre ich, wie Tante Frieda und Tante Frauke miteinander