Tagebuch einer Verlorenen. Margarete Tagebuch Böhme
Vater und Elisabeth fragten ihn dies und jenes und so weiter und sahen einander an und lachten, und Osdorff redete sich immer mehr in Eifer und merkte gar nicht, daß wir ihn aufzogen.
An schönen Sommerabenden sitzen wir oft in der Laube. Wir haben eine Hängelampe drin, die aber schlecht brennt, so daß trotz ihres Lichts immer eine trauliche Halbdämmerung in dem grünen Bienenkorb herrscht. Vater und Elisabeth plaudern miteinander und ich sitze manchmal eine Stunde lang, mit um den Knien geschlungenen Händen, und vergesse alles und gehe ganz auf in der traumhaften Schönheit der tiefen, feierlichen Abendstille, die dann über dem Garten liegt. Wenn die Wolken so über den dunkelblauen Himmelsgrund und über die blitzgoldene Mondsichel gehen, nichts sich regt, die Bäume groß und dunkel und still dastehen und die Lilien wie weiße Altarkerzen durch den nebelhaften Dämmerungsschleier leuchten und ihr Duft so merkwürdig verwirrend und herzaufwühlend wie Weihrauch emporsteigt und die Luft erfüllt, steigt eine seltsame Traurigkeit über mich hin, ein zwiespältiges Empfinden von Sehnsucht und Wehmut. Ich muß dann wieder an Mutter denken, die hier auch einstmals saß und den Duft der Lilien einatmete und die Wolken ziehen sah, und die jetzt schon länger als drei Jahre tief unten in der kalten, schwarzen Kirchhoferde begraben liegt. Wie seltsam ist das, daß wir Menschen wie die Blumen leben und verwelken und zu Erde werden, wie die abgewehten Herbstblätter. Nur daß die Blumen immer wieder kommen und die Toten nie wiederkehren. In solchen Stunden ist mir das Herz schwer vor Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, nach einem Glück, von dem ich nur einen vagen, umrißlosen Begriff habe, und zugleich geht wie ein Schatten eine Ahnung durch meine Seele, daß diese traumhaft stillen, duftgesättigten Sommerabende im Garten meines Vaterhauses einst wie ein verlorenes Paradies hinter mir liegen werden. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Immer wenn ich so etwas Schönes, Stilles, Ruhiges auf mich einwirken lasse und mir im Grunde so recht wohl ums Herz ist, schwillt im selben Augenblick etwas so Trauriges, Wehmutvolles in mir an. Gestern abend auch. Da legt Elisabeth ihren Arm plötzlich um meinen Hals. »Wovon träumst du, Thymi?« fragte sie. Und als ich aufsah, bemerkte ich erst, daß wir allein waren.
»Ich träume vom Glück«, sagte ich. »Ich möchte so gern einmal, sehr, sehr glücklich werden. Sag mal, Elisabeth, was hältst du eigentlich für das größte Glück auf der Welt?«
»Ja, das kommt darauf an«, sagte sie. »Ich glaube, die Begriffe von Glück wechseln mit den Jahren. Als Kind war meine größte Sehnsucht eine Puppe, die Papa und Mama sagen konnte. Als ich verliebt war, hatte ich natürlich keinen sehnsüchtigeren Wunsch als bald zu heiraten. Und nun – nun wäre ich vollauf zufrieden, wenn der liebe Gott mir ein eigenes Heim bescherte«, setzte sie träumerisch hinzu, »einen eigenen Herdwinkel, von dem mich niemand mehr verjagen kann … am allerliebsten möchte ich ein so ganz kleines, friedliches Heim wie Tante Frieda …«
»So ’ne Altjungferkabuse?« rief ich erstaunt. »Herrgott, ich kann mir nicht denken, daß es ein Glück geben kann, wenn kein Mann dabei ist …«
»Ja, wenn man so jung ist, wie du, meint man das«, sagte sie nachdenklich. »Aber wenn man älter wird, sieht man ein, daß die Männer einen auch nicht selig machen. Wenn heute ein Mann um mich anhielte, den ich nicht liebe, aber achte und der mir ein Heim bietet, dann würde ich nicht nein sagen. Aber noch lieber wäre es mir, wenn ich zum Beispiel in der Lotterie gewönne und mir dann ein Heim ohne einen ungeliebten Mann gründen könnte. Verstehst du, Thymi?«
»Vollkommen«, sagte ich, »und es ist ganz meine Ansicht. Ich werde auch nur einen Mann heiraten, den ich liebe, und das muß ein sehr idealer Mann sein, ein durchaus fehlerfreier Mensch …«
»Un Chevalier sans peur et sans reproche«, scherzte Elisabeth. »Vielleicht bin ich noch hier, wenn du Bräutigamschau hältst und dann helfe ich dir suchen.«
»Nein, den suche ich mir allein, Elisabeth«, sagte ich.
Tante Frieda kalfaktort nach wie vor in unserem Haushalt herum. Elisabeth war ihr von Anfang an zu jung für uns, und sie sagte ihr das schon am ersten Tage gerade vor den Kopf. »Ein junges, hübsches, alleinstehendes Mädchen sollte sich immer in den Schutz einer Familie begeben«, sagte sie in ihrer bissigen Weise. »Wissen Sie, Fräulein, daß das Haus eines unverheirateten Mannes ein heißer Boden für ein schutzloses Mädchen ist? Sehen Sie sich man vor, daß Sie nicht in Anfechtung kommen …«
Elisabeth war ganz erschrocken, aber ich beruhigte sie und sagte, sie sollte sich nichts dabei denken. Tante Frieda wäre ein bißchen verrückt. Nun scheint Tante Frieda sich allmählich an Elisabeth gewöhnt zu haben, denn sie ist sehr nett zu ihr und ladet sie oft zu sich ein, wie Elisabeth überhaupt bei allen Leuten, die sie kennen, sehr beliebt ist, auch bei unseren Verwandten. Wir beide werden auch hin und wieder zum Kaffee eingeladen. Vorgestern waren wir bei Tante Wiebke, der Frau Senator Henning, da war großer Kaffeeklatsch, zweiundzwanzig Damen; Elisabeth ging Tante beim Servieren zur Hand, und ich hörte, wie die älteren Damen sie sehr wohlwollend kritisierten.
»Eine reizende Person, so bescheiden …« sagte Frau Senator Jens.
»Und so tüchtig und gebildet«, sagte Frau Doktor Henning, Tante Wiebkes Schwägerin, »sie spricht fließend französisch und spielt allerliebst Klavier und alle Handarbeit kann sie.«
»Sogar schneidern«, setzte Tante Frieda hinzu, »Thymians Bluse aus lauter Einsätzen und Spitzen hat sie ganz allein genäht …«
»Ach, nicht möglich.«
»Ich habe sie auch schon im stillen bewundert und dachte, sie wäre aus Hamburg.«
»Nein, solche Perle.«
»Ja, da hat mein Bruder in den Glückstopf gegriffen, als er die kriegte«, raunte und murmelte es von allen Seiten, und dann wurde die Bluse besehen und bewundert, und Elisabeth bekam auch noch ein paar laute Lobpreisungen ab.
Die Damen hatten alle eine Handarbeit mitgebracht, und wenn eine Pause im Gespräch eintrat, häkelten und strickten und stichelten sie drauf los, als ob der Deibel dahinter wäre. Kuchen gab es en masse, ich zählte vierundzwanzig Körbe mit verschiedenem Backwerk und nach dem Kaffee gab es Schokolade mit Windbeuteln und Schlagsahne, und ich habe bei einer Dame vier Tassen Kaffee und fünf Tassen Schokolade und sechs Windbeutel gezählt, die sie vertilgte, dazu unzählbares anderes Gebäck, wenn die kein Magendrücken gekriegt hat, weiß ich es nicht. Geklatscht wird gar nicht, denn es hat vor Jahren hier mal eine eklige Geschichte gegeben. Da hatten sie eine Frau, die angeblich ihren Mann hinterging, heruntergehobelt und nichts davon gewußt, daß eine, die dabei war, mit der betreffenden bekannt war. Die hat es der Beklatschten nachher wiedererzählt und diese hat alle Damen, die über sie gesprochen haben, beim Schiedsmann verklagt. Da hat es Heulen und Zähneklappern gegeben, und seitdem wird über niemand mehr geschimpft beim Kaffeeklatsch. Allerlei Tagesneuigkeiten wurden durchgehechelt. Vor allem die Geschichte vom alten Hinze. Das war ein alter Schuster von siebzig Jahren, der unten am Tiefschiff wohnt, und niemals einer Fliege etwas zuleide getan hat. Von seiner Stallmauer war ein kleines Stück abgebröckelt, und da sie eben dabei sind, ein neues Posthaus hinter seinem Garten zu bauen, und dort Tausende von Ziegelsteinen liegen, dachte er sich nichts dabei und holte sich ein paar zur Reparatur und dachte nicht daran, daß die Steine dem Fiskus gehören. Irgend ein Lumpenhund von Aufseher zeigte es an, und vorige Woche wurde der arme alte Mann wegen Diebstahl zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Er wäre gewiß nicht zu sitzen gekommen, der Kaiser hätte ihn sicher begnadigt. Aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen, und hing sich abends in seiner Werkstatt auf; als sie ihn andern Morgens fanden, war er schon tot. Es ist furchtbar traurig, daß so etwas passieren kann. Mich dünkt, es müsse noch ein besonderer Gesetzesparagraph gemacht werden, der doch einen Unterschied zwischen Nehmen und Stehlen setzt, denn das war doch nur genommen und nicht gestohlen. Sehr feinfühlig scheinen die Leute, die die Gesetze schreiben, nicht zu sein, sonst würden sie solchen Fall wie diesen in Betracht gezogen haben, und dann lebte der alte brave Schuster Hinze heute noch.
Wenn man hinter der Portiere in der besten Stube sitzt, kann man alles hören, was im Wohnzimmer, und wenn man in diesem am Guckfenster steht, kann man alles hören, was in der besten Stube gesprochen wird. Seit ein paar Tagen hab’ ich das heraus. Ich wollte mir aus der besten Stube ein Buch holen und hörte nebenan Tante Frieda mit Vater plaudern. Für gewöhnlich hypnotisiert, mich Tante Friedas