Tagebuch einer Verlorenen. Margarete Tagebuch Böhme
für uns alle …« Tante Frauke, die ganz rot war, seufzte und sagte »… ja, es ist ein Skandal für die Familie … Meine arme Schwester würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßte …« Weiter verstand ich nichts. Ich kann mir nur denken, daß sie wieder mein Abenteuer in T. durchhechelten, denn sonst wüßte ich nicht, weshalb Mutter sich im Grabe umdrehen sollte. Schön finde ich es nun auch nicht gerade, daß das just an meinem Konfirmationstag wieder aufs Tapet gebracht werden mußte, und daß Tante Frieda Vater deshalb verkuppeln will, ist geradezu lachhaft. Gegen sechs Uhr fuhren die Verwandten weg und auch Tante Frieda empfahl sich.
Um halb sieben, als alle fort waren, kam Meinert und rief mich in die Apotheke.
»Da ist noch jemand, der dir gratulieren will, Thymi«, rief er und lachte.
Ich ging hinüber und fand Osdorff. Der arme Kerl, er hatte mir auch einen Strauß geschickt, den hungert er sich nun von seinem bißchen Taschengeld ab … Vater lud ihn ein, drüben ein Glas Wein mit uns zu trinken, nachher kam Meinert auch noch ’rüber und dann wurde es noch recht gemütlich.
Osdorff tut mir wirklich leid. Er ist wieder durchs Einjährigen-Examen gerasselt. Nun soll er es zum Herbst machen und dann noch ein Jahr bei Doktor Bauer bleiben. Was dann aus ihm wird, weiß er selbst noch nicht.
Nun sind schon fünf Wochen seit meiner Konfirmation verstrichen, und Tante Frauke brachte mir dies Buch zum Einschreiben. Ich bin neugierig, ob ich etwas erlebe, was sich des Einschreibens lohnt. Tante Frieda will partout, ich soll in die Pension, aber ich will nicht, und Vater steht zu mir …
Vor vierzehn Tagen schrieb ich das Letzte in mein Tagebuch, nun habe ich endlich mal wieder was zu schreiben. Viel besonderes ist es zwar nicht, aber in meinem ereignisarmen Leben muß ich jede Gelegenheit zum Schreiben benutzen, sonst wird das Buch ja mein Tag nicht voll.
Also Fräulein Reinhard ist fort. – Ich wußte gar nicht, daß sie weg will. Eines Vormittags komme ich in ihre Stube und sehe, daß sie dabei ist, ihre Siebensachen zu packen und dabei heult sie, daß sie kaum sprechen kann, als ich sie frage, warum sie denn so schnurstracks abreisen will. Ich krieg auch keine rechte Antwort; sie weint wie ein kleines Kind und schluchzt zum Gotterbarmen. Ich bin ein merkwürdiger Mensch in der Art: ich kann nicht gut jemand weinen sehen. Dann steigt’s mir gleich wie ein Knäuel in den Hals und ehe ich michs versehe, heule ich mit. Da die Reinhard nun nichts mehr sagte, lief ich zu Vater, der im Wohnzimmer die Zeitung las und fragte ihn, warum die Reinhard fortgeht.
»Sie ist krank. Ich kann das ewige Stöhnen und Lamentieren nicht leiden«, sagte Vater.
»O«, sagte ich ganz verblüfft, »davon hab’ ich noch gar nichts gemerkt. – Was fehlt ihr denn?«
»Laß mich in Ruhe mit deiner ewigen Fragerei«, rief Vater so unwirsch, wie ich ihn sonst gar nicht kenne, worauf ich in die Apotheke ging, denn darin bin ich auch komisch, ich muß immer den Dingen auf den Grund gehen, und die arme Kreatur, die Reinhard, tat mir furchtbar leid. Meinert mischte gerade ein Pulver, dabei darf man ihn nicht stören, ich setzte mich auf den Ladentisch und wartete, bis er fertig war.
»Wissen Sie, daß die Reinhard fortgeht?« frage ich.
»Ja«, sagte er.
»Was fehlt ihr?« frage ich.
»Sie leidet am Magen«, sagt er, und ich sehe deutlich, daß es unter seinem dünnen roten Schnurrbart zuckt, als ob er lachen möchte.
»Ach so«, sage ich, erleichtert, daß es nichts Schlimmes ist. »Das kommt jedenfalls von ihrem vielen Essen. Sie schnuckert ja den lieben langen Tag aus der Tasche.«
»Ganz recht, Thymi, es kommt vom Naschen«, ruft Meinert und platzt aus zu lachen. Und er lacht und lacht und hält sich den Bauch und kann nicht aufhören. »Merk dir das, Thymi«, schreit er, »man muß immer zu essen aufhören, wenn’s am besten schmeckt. Sonst wird man magenkrank, wie Mamsell Reinhard.«
Ich ließ ihn lachen, denn ich ärgerte mich, und schlug die Tür hinter mir zu. Die arme Reinhard tat mir doch leid, wenn sie auch nur Magendrücken von der vielen Schokolade, die sie ißt, hat. Und lächerlich ist das auch nicht. Solche Magenschmerzen können furchtbar sein, ich hab’ auch mal welche gehabt, als ich abends zuviel Gurkensalat gegessen hatte.
Nun ist Fräulein Reinhard fort und wir haben noch keine neue. Vater sucht eine im »Daheim«. Hoffentlich kriegen wir eine nette.
Wir haben eine sehr nette bekommen. Eine ganz reizende, liebe, nette, junge Person. Sie ist vierundzwanzig Jahre alt und eine Waise. In Naumburg an der Saale geboren. Sie heißt Elisabeth Woyens und ist sehr hübsch. Besonders ihr blondes Haar finde ich reizend. Es ist so lang, daß sie darauf sitzen kann, wenn es aufgelöst ist, gewöhnlich trägt sie es in zwei Zöpfen um den Kopf gesteckt. Und eine Taille hat sie – zum Umspannen dünn. Ich habe mich gleich mit ihr angefreundet. Nun ist es erst hübsch im Hause. Abends gehen wir beide, wenn schönes Wetter ist, immer spazieren, zuweilen auch nach dem Kirchhof, oder die Allee an der Stadt entlang. Wir haben mit Himbeerlimonade du und du getrunken und sie hat mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Ihre Eltern hat sie verloren, als sie noch nicht sieben Jahre alt war; sie sind beide nacheinander am Typhus gestorben und Geschwister hat sie nicht. Dann ist sie bei einem Pastor erzogen, aber der hatte selber acht Kinder und konnte sie nicht länger behalten als wie Kostgeld für sie bezahlt wurde, und ihr kleines Kapital reichte nur aus bis zu ihrer Konfirmation und nachher noch ein Jahr fürs Kochenlernen in einer Haushaltungsschule; dann mußte sie gleich eine Stellung annehmen. Seitdem ist sie immer bei fremden Leuten in Stellung gewesen, und in den meisten Familien war sie nicht auf Rosen gebettet. Auch eine unglückliche Liebe hat sie gehabt, ganz romantisch ist das. Es war der Sohn einer alten Dame, bei der sie als Stütze engagiert war, und der damals, als sie sich kennen lernten, Theologie studierte und nur in den Ferien nach Hause kam. Als die alte Dame merkte, wie die beiden miteinander standen, mußte Elisabeth schleunigst aus dem Hause und dann kam sie zu einem Kolonialwarenhändler, wo kein Dienstmädchen war und sie alle Arbeit allein tun mußte. Aber sie und Johannes, so hieß der junge Mann, korrespondierten doch noch, und wenn er in den Ferien kam, trafen sie einander und wollten sich ganz sicher heiraten. Darüber verging Jahr um Jahr, Johannes machte sein Examen und bekam eine Vikarstelle, und Elisabeth dachte nun ganz gewiß, daß sie bald heiraten würden. Aber es kam anders. Seine Mutter starb, und es stellte sich heraus, daß sie gar kein Vermögen besaß, sondern nur ihre Pension und Verwandtenunterstützung gehabt hatte. An einem Tage, nachdem Johannes als Pastor einer kleinen Stadt in Westfalen gewählt war, schrieb er Elisabeth, daß sie einander nicht heiraten könnten, weil sie beide arm wären und man mit achthundert Talern keinen standesgemäßen Haushalt führen könnte. Die arme Elisabeth weinte sehr, wie sie mir das erzählte. Ich finde es merkwürdig, daß ein Pastor soviel aufs Geld gibt, ich dachte früher immer, solche Leute wären mit ihren Gedanken und Idealen stets im Himmel, aber es scheint doch, daß solch ein Geistlicher ein Mensch wie alle anderen ist, und manchmal, wie das Beispiel lehrt, nicht einmal einer von der besten Nummer. Denn das ist meiner Ansicht nach doch kein edler Charakterzug, ein junges Mädchen beinahe vier Jahre lang hinzuhalten und ihr dann die Karre vor die Tür zu schieben, weil sie kein Geld hat. Gott sei Dank hat Elisabeth es ziemlich überwunden, sie ist sehr munter und lustig.
Wenn wir abends spazieren gehen, gesellt Osdorff sich öfters zu uns. Elisabeth muß immer über ihn lachen, sie sagt, er kommt ihr zu ulkig vor mit seinem übergeschnappten Standesdünkel. Es ist wahr, es ist auch wirklich lächerlich, wie er sich immer hat, und ich glaube, Boy Detlefs hatte so unrecht nicht, als er ihn als halben Kretin hinstellte. Aber trotzdem seh ich ihn gern kommen. Vater hat nichts dagegen, daß er uns besucht. Manchmal ist er abends auch bei uns im Garten. Das habe ich noch nicht aufgeschrieben, daß wir einen sehr schönen, großen Garten haben, mit prachtvollen alten, dickstämmigen Birnbäumen, und sehr vielen Blumen, großem Rasen und einer reizenden, heimlichen Pfeifenkrautlaube. Casimir Osdorff hat Blumen auch gern, und wenn wir abends beim Gießen sind, vergißt er zuweilen seine gräfliche Würde und die zwei f’n soweit, daß er höchst eigenhändig Wasser pumpt und mit begießen hilft, so’n Spaß macht ihm das. Neulich war er ganz selig, da hatte er einen halb ausgegangenen Rosenbusch entdeckt, den er begoß und um den herum er die Erde auflockerte und nachher hat sich der Rosenstock wieder erholt. Osdorff