Der argentinische Krösus. Jeanette Erazo Heufelder
Behörden nachvollziehbar erklären ließ, warum er sich den Bau eines universitären Instituts in den Kopf gesetzt hatte. Zum anderen ließ sich sein Vater, der eine Schwäche für derlei Prestige-Bekundungen hatte, mit dem Ehrendoktor als Mitstreiter für das Institutsprojekt gewinnen. Horkheimer präzisierte, dass sie sich vom Bau des Instituts einen doppelten Effekt erhofft hatten. Sie wollten dort, wenn es erst einmal stand, eine Gruppe junger Menschen zusammenbringen, die durch ihre Forschungen und ihr Denken die Gesellschaft zu verändern versuchten. Letzteres sei allerdings erst mit ein paar Jahren Verzögerung geglückt, als er 1931 die Leitung des Instituts übernommen habe.73
Ulrike Migdal, die sich in den 1970er Jahren als Erste eingehend mit der Frühgeschichte des Instituts für Sozialforschung befasste, hat darauf aufmerksam gemacht, dass es 1922 für Horkheimer kein Motiv gab, die führende Rolle bei der Institutsgründung zu übernehmen, wie es nachträglich hineininterpretiert wurde.74 1922 promovierte Horkheimer mit einem philosophischen Thema – Zur Antinomie der teleologischen Urteilskraft – und wurde anschließend Assistent eines Philosophieprofessors, Hans Cornelius, der schon sein Doktorvater war. Doch das Institut war ökonomisch ausgerichtet. Als politischer Ökonom, der über Marx promovierte, war Pollock aus nachvollziehbaren Gründen interessierter an der Institutsidee. Er stand Felix Weil bei der Umsetzung des Projekts – anders als Horkheimer – tatsächlich von Anfang an zur Seite. Für die Zeitgenossen war unbestritten Felix Weil der Schöpfer des Instituts.75
Rolf Wiggershaus, Historiker der Frankfurter Schule, schrieb über Max Horkheimers Engagement für marxistische Theorie, dass es mehr oder weniger ›Privatsache‹ blieb.76 Ähnlich privat handhabte Max Horkheimer auch die Unterstützung des Institutsprojekts. Sie beschränkte sich darauf, im Oktober 1922 aus Solidarität der soeben gegründeten Gesellschaft für Sozialforschung beizutreten, die fortan Stiftungsträgerin des Instituts unter dem Vorsitz von Hermann und Felix Weil war. Damit die Gesellschaft möglichst schnell und unkompliziert die gemäß Statuten vorgesehene Mindestmitgliederzahl erhielt, traten ihr ein paar Freunde und Personen aus Weils familiärem Umfeld bei. Denn die Gründung der Gesellschaft für Sozialforschung erfolgte im Procedere der Institutsverhandlungen mit den Behörden. Das Kultusministerium hatte sich bei Weil nach den Namen der Mitglieder der Gesellschaft erkundigt, die das Institut finanzieren würde, und so nannte der neben den Namen Horkheimers und seiner eigenen Frau noch die Namen der Sekretärin seines Vaters und ihres Familienanwalts. In das Projekt involviert waren von den Mitgliedern der ersten Stunde allerdings nur Richard Sorge und Kurt Albert Gerlach.77 Dass der gerade aus Kiel an die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Frankfurt berufene Nationalökonom Kurt Albert Gerlach als Institutsleiter gewonnen werden konnte, gab dem Projekt Seriosität. Gerlach war an marxistischer Theorie interessiert und hatte in Kiel außeruniversitär einen marxistischen Studienkreis ins Leben gerufen, bei dem ihm Richard Sorge assistierte, der zu diesem Zeitpunkt bereits Parteikommunist war und ihn als wissenschaftlicher Assistent nun auch nach Frankfurt begleitete. Als Assistent des designierten Institutsdirektors gehörte auch Sorge zum Team des Institutsprojekts. Dass er seine akademische Laufbahn zwei Jahre später gegen eine russische Agentenkarriere eintauschen würde, war 1922 noch nicht abzusehen. Bevor Felix Weil im August 1922 die Verhandlungen aufnahm, erarbeiteten er und seine Mitstreiter eine Denkschrift; eine Art Exposé, in dem die wichtigsten Eckpfeiler der geplanten Einrichtung umrissen wurden. Der Fokus sollte im Bereich der Forschung liegen; das Institut war damit als Ergänzung zu den sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten gedacht, die sich auf Lehre und akademische Ausbildung konzentrierten. Das Sammeln zu wissenschaftlichen Zwecken sollte eine der zentralen Tätigkeiten bilden; Forschungsschwerpunkt sei entsprechend die Ausarbeitung dieses gesammelten Materials. Man sprach in dieser Denkschrift schon vom Institut für Sozialforschung und betonte die politische Unabhängigkeit und Ausgewogenheit des Projekts.78 Über die marxistische Ausrichtung fiel kein Wort. Ins Äsopische umwandeln – so nannte Felix Weil die begriffliche Verschleierung marxistischer Semantik. Frei nach dem Fabeldichter Äsop, der die gesellschaftliche Sprengkraft seiner Geschichten tarnte, indem er sie mit Tieren ausgestaltete. Städtischer Magistrat, Universitätskuratorium, Rektorat, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät, preußisches Wissenschaftsministerium: Sehr viele Behörden mussten hinzugezogen werden. Jede hätte ein Veto einlegen können. Also mussten erst Tatsachen geschaffen werden, bevor man offenlegen konnte, dass Methode und Gegenstand ihres Forschungsinstituts im Marxismus wurzelten. Ein besonderer Umstand begünstigte das Vorhaben. Als Folge von Inflation und allgemeiner Nachkriegsmisere war die bis dahin unabhängige Frankfurter Stiftungsuniversität in ihrem Weiterbestehen inzwischen vom preußischen Wissenschaftsministerium abhängig. Denn politisch gehörte Frankfurt immer noch zu Preußen. Und diesen Umstand wusste Felix Weil zu nutzen. »Mit dem Originalexemplar der Gerlach-Denkschrift versehen, fuhr ich nach Wiesbaden zu meinem alten Freund, Regierungspräsident Konrad Haenisch.« – Hänisch war von November 1918 bis 1921 Kultusminister der ersten SPD-geführten preußischen Landesregierung. Seitdem bekleidete er in Wiesbaden den Posten des Regierungspräsidenten. – »Ich wusste, dass wir auf seine Hilfe rechnen konnten, wenn es darum ging, den ›Marxismus‹ an der Universität hoffähig zu machen. Bei ihm brauchte ich nicht in äsopischen Floskeln zu reden. Er war es, der auf die Idee kam, dass das Direktorat (des Instituts) mit einem Ordinariat in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät verbunden werden sollte; das sei geeignet, möglichen Widerstand seitens der Fakultät zu verhindern. Und er empfahl mir, künftige Verhandlungen nicht mit seinem Nachfolger, dem Kultusminister, selbst zu führen, der für Neuerungen nicht immer leicht zu haben sein werde, sondern stattdessen mit dem Leiter der Universitätsabteilung, Ministerialdirektor Geheimer Regierungsrat Wende, der ihm seine Stellung verdankte. Zu diesem Zweck gab er mir einen Zettel mit ein paar Zeilen an Herrn Wende mit. Er war es auch, der mir den Rat gab, mit Wende ganz offen über meine Absichten zu sprechen, aber im schriftlichen Verkehr die äsopische Sprache zu benutzen.«79
Äsop geleitete sie als guter Geist sicher durch die Institutsverhandlungen. Nur der Name ihres Instituts für Sozialforschung war nicht allein durch ihn inspiriert. Hier stand kurioserweise eine Institutsgründung im fernen Japan Pate, wo zu diesem Zeitpunkt bereits ein Institut gleichen Namens existierte, dessen erster Direktor in München Volkswirtschaft bei dem als Sozialreformer bekannten Lujo Brentano studiert hatte. Da sich die Öffnung, die Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchlief, am europäischen Wissensstand orientierte, waren japanische Wissenschaftler an deutschen Universitäten häufiger anzutreffen. Durch die Reisunruhen des Jahres 1918, aus denen die größten Massenerhebungen in der jüngeren japanischen Geschichte erwuchsen, war auch in Japan das Interesse an sozialistischen Theorien gestiegen. Denn die Aufstände, die als Folge anhaltend niedriger Produzentenpreise bei gleichzeitig immer höheren Konsumentenpreisen ausbrachen, führten zu einem Linksruck der Arbeiterbewegung und zu zahlreichen Arbeitskonflikten. 1919 gründete der Industrielle und Kunstmäzen Ohara Magosaburo in Osaka ein Marxismus-Institut, das zum Namensgeber für das Frankfurter Institut für Sozialforschung wurde. Allerdings leiteten Weil und Pollock den Namen aus dem Englischen ab, wo aus dem Osaka-Institut für die Erforschung sozialer Probleme ein Institute for social research geworden war.80 Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist es gar nicht so außergewöhnlich, dass auch auf der EMA ein japanischer Wissenschaftler anzutreffen war. Fukumoto Kazuo, einer der wichtigsten marxistischen Theoretiker Japans, befand sich 1923 in Europa auf einer Studienreise und machte gerade bei Karl Korsch in Jena Zwischenstation. Korsch lud ihn gleich zur Thüringer Arbeitswoche ein.
Mitten in den Gründungsverhandlungen erkrankte Kurt Albert Gerlach an Diabetes, einer Krankheit, für die es noch kein Heilmittel gab, und starb im Oktober 1922. Der Tod des designierten Institutsdirektors warf das Institutsprojekt konzeptionell zurück. Felix Weil hatte mit Gerlach kein bloßes Interessenbündnis, sondern Freundschaft verbunden. Doch die Verhandlungen mit den Behörden liefen weiter. Im Januar 1923 genehmigte das Ministerium die Errichtung des Instituts als selbstständige wissenschaftliche Forschungseinrichtung. Die Anbindung an die Fakultät wurde durch die von Hänisch ins Spiel gebrachte Personalunion von Institutsdirektor und Lehrstuhlinhaber gesichert, wodurch dem Institutsdirektor eine Art Scharnierfunktion zwischen Institut und Universität zukam. Das